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Gießen nach! t*°. Sonn- MNaM. 2<7- Nachts.
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Oießemr Anztiger.
tSrfcheml täglich, mit Ausnahme Sonntags.
Expedition: Canzleiberg, Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kießen.
Donnerstag oen 5. September
1872.
Rr. 208.
Amtlicker
T h e i l.
Girren, am 3. September 1872.
Betreffend: Aufsicht über das Fasfeloieh.
Das Grsßherzsgliche Kreisam 1 Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien der nachbenannten Brte.
Die Besichtigung der Fasselochsen durch die Commission des landwirthschafttichen Bezirksvereins Gießen soll
Montag den 9. l. M.
in Lich, Eberstadt, Ober-Hörgern, Holzheim, Dorf-Gill, Grüningen, Watzenborn, Hausen und Garbenteich, sodann
Dienstag den 10» l M.
in Steinbach, Albach, Annerod, Oppenrod, Burkhardsfelden, Hattenrod, Ettingshausen, Münster, Ober- und Nieder-Bessingen, stattfinden.
Sie wollen die Fasselhalter anweisen, zu Hause zu bleiben und der Commission auf Verlangen die Ochsen vorzuführen. Von Ihnen selbst wünschen wir, daß Sie bei der Besichtigung in Ihren respectiven Gemeinden anwesend seien.
v. Röder.
P o l i t i s ch
Die Siegesfeier.
Die Erfahrung lehrt, daß in vas Gevächtniß der Völker am tiefsten die Erinnerung an die großen entscheivungSvollen Schlachtage sich eingräbt. Die Erinnerung an eine Periode der Noth, des Unglücks, der Schmach lebt unauslöschlich im Volksbewußtsein fort, wenn sie sich an einen bestimmten Unglückstag knüpft. Den Römern waren die Tage von der Allia und von Cannä bis in die spätesten Zeiten Trauertage, In dem Gedächtniß der Franzosen concentrirte sich der mächtige Dölkerkompf, in welchem das erste Kaiserreich zusammenbrach, in dem einen Worte „Waterloo." Und wir, wenn wir die Zeit unserer Erniedrigung in ein Wort zusawwenfaffen wollen, sagen nicht „Tilsit", wir sagen „Jena."
Und ebenso ist es mit den ruhmvollen Momenten der Geschichte. Dem Geschichtsforscher freilich, ja überhaupt dem wissenschaftlich Gebildeten erscheint die Geschichte als eine Kette von eng verschlungenen Begebenheiten, in der vielleicht nicht immer grade diejenigen Ereignisse, welche die Phantasie am mächtigsten erregen, in dem ununterbrochenen Causalncxus auch nothwendiger Weise die größte Bedeutung beanspruchen können. Der Geschichtsschreiber, der das Verstäntniß des inneren Zusammenhanges der Dinge zu durchdringen sucht, verweilt mit Vorliebe bet der stillen Arbeit, welche die großen Thaten auf dem Schlachtfelde vorbereitet hat, er beurtheilt die Kraft eines Staates, die Tüchtigkeit seiner Lenker nicht blos nach diesen Thaten selbst, sondern auch nach der Geschicklichkeit, mit der die Thaten in Friedensschlüssen, in den Evolutionen der Diplomatie, in der dem Kriege folgenden Friedenearbeit verwcrthet sind; ihm ist die einzelne Großthat ein Moment, dem Volke ist sie ein Symbol, der ererbte Inhalt seines Gedächtnisses, seines Nationalbewußtseins.
Die Namen Fehrbellin, Hohenfriedberg, Roßbach, Leuthen, Katzbach, Leipzig, Belleallianze und zahlloser andere Schlachtennamen leben unvertilgbar im Ge- dächtnisse des Volkes. Das Volk fragt wenig nach dem Zusammenhang, es knüpft die Namen der Schlachten nur an die Namen einzelner Helden, des großen Kurfürsten, des alten Fritz, des alten Blücher. Mit Recht sucht ihm die Schule auch den geschichtlichen Zusammenhang zu vermitteln; aber das würde ihr schwerlich gelingen, wenn nicht bereits für ihre erläuternde und ergänzende Belehrung die stolzen Namen auf dem Wege der zuweilen fast sagenhaften Ueber- lieferung sich dem Gedächtniß des Volkes emgeprägt hätten, zum volksthüwlichen Besitz geworden wären.
Und diese Erscheinung kann durchaus uicht befremden. Denn — um von dem mächtigen Eindruck einer Siegesbotschaft auf die Phantasie der Zeitgenossen und der Uebcrlieferung dieses eingreifenden Eindrucks auf die Nachwelt ganz abzufehen — auf die Wahlstatt greift die organisine Kraft des Volkes selbst unmittelbar bestimmend und entscheidend in die Geschicke des Vaterlandes, in den Verlauf der Weltgeschichte ein. Mag der Kamps in stiller, energischer, pflichttreuer Arbeit der Herischenden noch so gründlich vorbereitet sein, mag die genialste Staattkunst noch so geschickt im Voraus Alles gethan haben, um die Früchte des Sieges zu sichern: der Sieg selbst ist zunächst von der Kraft uud Tüchtigkeit des Volkes bedingt; allerdings nicht von der rohen, sondern auch von der politisch und militärisch organisuten Kraft. Aber ein schlaffes und entartetes Volk laßt sich (bin nicht so «reiflich orgonisircn, wie ein tapferes, treues und ruchliges Volk: ein Organismus wie des preußischen und gegenwärtig des deutschen Heeres hat die KampfeStüchtigkeit der Nation zur Voraussetzung.
Die Energie und Leistungsfähigkeit des gesammten StaatSorganiSmuS, das Genie der Führer, die unmittelbare Kraft des Volkes — aus dem Zusammen- wirken dieser Faktoren entspringt, soweit es überhaupt von uicnschlicher Kraft abhängig ist, der kriegerische Erfolg. Im Siege wird sich das Volk seiner Kra bewußt, der Sieg lebt fort in feinem Gedächtniß, tn seinen Siegen feiert es die geschichtlichen Thaten, an denen es selbst unmittelbar und entscheidend mitgewirkt hat. Ja dem Andenken an den einzelnen Sieg pflegt sich ihm daher auch die Erinnerung an den ganzen Krieg zu concentriren.
er T h e i l.
Wenn das deutsche Volk den Krieg von 1870—1871 nach dem Namen einer Schlacht bezeichnen wollte — was, wir gestehen das gern zu, allerdings sehr einseitig wäre, und wogegen die Geschichte entschieden Protest einlegen müßte — so würde es ihn nicht anders bezeichnen, als den Krieg von Sedan. Sedan ist ein Siegestag wie die Tage von Marathon, Salamis, Bellealliance: nicht weil an diesem Tage die Macht Napoleon's zusammengebrochen ist, sondern weil an diesem Tage Deutschland die Vernichtung der militärisch organistrten Kraft Frankreichs vollendet hat. Gewiß stehen militärisch die Thaten von Metz mit dem Siege von Sedan auf gleicher, vielleicht noch auf höherer Stufe. Aber der RvhmeSglanz von Metz breitet sich über eine Kampfesarbeit von Monaten, der db'n Sedan bestrahlt die Arbeit eines oder zweier Tage. Der Tag von Sedan gab uns die volle Gewißheit des Sieges, auf dem Schlachtfelde von Sedan wurde die Einheit Deutschlands erkämpft, wurde das deutsche Reich wiedergeboren. Nicht den Sturz des französischen, die Wiederherstellung des deutschen Kaiserreichs feiern wir, wenn wir Sedan feiern. Wohl soll und wird auch die feierliche Proklamation des deutschen Kaisers im Gedächtniß des deutschen Volkes fortleben; tiefer aber noch wird sich ihm die Großthat einprägen, aus der der Bau des Reiches erwachsen ist. Auf den Schlachtfeldern setzten wir Alles für Alles ein und grade die Größe der Gefahr erhöht den Werth des mühevoll errungenen Gutes; der Erfolg pflanzt sich dem Volksgedächtniß am unvergänglichsten ein, bei dem die Größe des Einsatzes der Größe des Gewinnes entspricht.
Deutschland.
Darmstadt, 4. Sept. Der Minister v. Lindelof und der Geh. Staatsrath Frank sinh um ihre Pensionirung eingekommen.
Berlin. Während Vie Ministerkrisis in Darmstadt nach den neuesten Nachrichten eine günstige Wendung zu nehmen verspricht, indem man den durch seine reichsfreunbliche Gesinnung bekannten Geh. Rath Hoffmann mit der Bildung eines neuen Ministeriums betraut sein läßt, gehen aus München neuerdings wieder Nachrichten ein, denen zufolge in den dortigen maßgebenden Regionen eine sehr deutschfeindliche Stimmung herrscht. Der Verlauf, welchen die dortige Minister- krisis nimmt, bestätigt wieder einmal Vie alte Erfahrung, daß Ministerkrisen in Bayern einen chronischen Charakter haben. Selbstverständlich verfolgt man den Verlauf der Angelegenheit hier mit der allergrößten Ruhe. Bei Beurtheilung der Stellung der Reichsregierung zu den Vorgängen wird man wohl vor Allem an dem Gesichtspunkte festzuhallen haben, daß die Stellung Bayerns zum deutschen Reich Vertrags- und verfassungsmäßig geordnet ist, und daß von Seiten der Reichsregierung niemals Forderungen an Bayern gestellt worden sind, welche nicht mit der Reichsverfassung und den wohlverstandenen Interessen des süddeutschen Königreichs im Einklang gestanden hätten. Die Reichspolitik hat bisher zeve Einmischung in die inneren Angelegenheiten Bayerns auf bas strengste vermieden unv wird dies Verfahren nach wie vor festhalten. Sie kann um so wehr mit ganzer Ruhe den Verlauf der bayerischen Ministerkrifis zusehen, als wohl nicht zu bezweifeln ist, baß ein particularistisch - klerikales Ministerium, wenn ein solches wirklich berufen werden sollte, in sehr kurzer Zeit sich überzeugen wird, wie sein Regiment weder mit der öffentlichen Meinung, noch mit den Interessen Bayerns verträglich ist. In hiesigen diplomatischen Kreisen glaubt man zuversichtlich, daß ein Ministerium Gaffer nur von sehr kurzer Dauer setn könne, und man hält eS für möglich und wahrscheinlich, daß es alsdann einem zweiten Ministerium Hohenlohe Platz machen werde. Uebrigens hat sich unsere Voraussetzung, daß es Herrn v. Gaffer schwer fallen wird, ein neues Ministerium zu Stande zu bringen, als richtig erwiesen. Ein Privattelegramm aus München meldet, daß sich den Bemühungen des Herrn v. Gasser die größten Schwierigkeiten entgegenstellen, vornehmlich, weil sich kein General findet, ver als Kriegsminister in ein particularistisches Ministerium eintreten will.


