Berlin, 1. Juni. Bei den von Spanien seit dem Februar d. I. ange- regten Besprechungen wegen der socialen Frage hat namentlich Oesterreich eine Verständigung zunächst mit Preußen gewünscht. Es haben deswegen bis in die jüngste Zeit Besprechungen zwischen Berlin und Wien stattgefunden, deren Resultat noch nicht im Einzelnen bekannt ist. England hatte übrigen« die spanische Depesche vom 9. Februar nicht nur in der publicirten Aniwort Granville'S ablehnend beantwortet, sondern auch in einigen anderen vertraulichen. Spanien wurde dadurch gegen England, wie e« scheint, etwas verstimmt. Bei den vertraulichen Besprechungen zwischen Oesterreich und Preußen soll es sich nicht um Repressivmaßregeln handeln, sondern um organisatorische Dinge. Wie weit das alles in naher oder ferner Zeit Gestalt gewinnen mag, steht dahin.
Berlin, 2. Juni. Bon einflußreicher Seite wird neuerdings ein Gesetz gegen die Jesuiten während der gegenwärtigen Session befürwortet in dem Sinne, daß die unbedingte Abhängigkeit von auswärtigen Oberen den Verlust des deutschen Jndigenats nach sich ziehen würbe.
Berlin, 2. Juni. Die Nachricht, Fürst Bismarck werde in Kurzem seinen Urlaub unterbrechen, um sich an wichtigen parlamentarischen Debatten zu be- theiligen, wird jetzt von dem gewöhnlich gut unterrichteten „Hann. Cour." de- mentirt. Diesem Journale zufolge befindet sich Fürst Bismarck wohl und munter in Varzin, bereitet seine Saatfelder und Wälder und denkt nicht entfernt daran, in den nächsten Monaten nach Berlin zu kommen, wird vielmehr, falls nicht ganz und gar unvorhergesehene und ungewöhnliche Ereignisse eintreten, vor dem November Berlin nicht Wiedersehen."
Die Gesammt - Ausprägung an Reichsgoldmünzen betrug am 18. Mai 138,394.620 Mark.
Königsberg i. Pr., 1. Juni. Der Propst Dinder hat die Eintragung eines von dem Pfarrer Grunert getauften Kindes in bas Kirchenregister verweigert.
Dresden, 1. Juni. Das „Dresdener Journal" publicirt eine Verordnung des Finanzministeriums, durch welche die königlichen Cassenstcllcn zur Annahme von Rcichsgolbmünzen verpflichtet, zugleich aber auch ermächtigt werben, Zahlungen in Rcicbsgoldmünzen nach beren festem Werthe zu leisten.
München, 31. Mai. Dem Ministerpräsidenten Grafen v. Hcgnenberg sind gestern Abenb auf fein Verlangen die Sterbesacramente gereicht worden.
München, 1. Juni. Graf Hegnenberg verbrachte eine wenig gute Nacht. Ein eigentlich leichter Anfall dauerte ohne Unterbrechung die ganze Zeit fort bis heute Morgen.
München, 2. Juni. Der Ministerpräsident Graf Hegnenberg-Dux ist gegen 7 Uhr Abends gestorben.
München, 3. Juni. Die Universität München hat laut Senatsbeschluß vom 31. Mai erklärt, daß sie aus die für bas Gründungsfest in das Budget eingestellte Summe von 26,000 fl. verzichten müsse, falls die Verwendung derselben an die Ausführung des vom Landtag beschlossenen Wunsches bezüglich der Be- rufung infallibilistischer Professoren für Kirchengeschichte und Philosophie geknüpft werde. Der Cultueminister soll bereits erklärt haben, daß er genannte Summe nicht ausfolgen lassen werde, wodurch die ganze 400jährige Jubelfeier in Frage gestellt wird.
Straßburg, 31. Mai. Was die Anfänge unserer Universität betrifft, so sind sämmliiche 227 Studenten, deren Zahl sich durch eine nahe Immatrikulation auf 250 mehren dürfte, untcrgebracht; alle angekündigten Vorlesungen sind zu Stande gekommen, einige sogar gut besucht. Man freut sich, daß bis jetzt zwischen den Stubirenben Alles ruhig geblieben ist, daß überhaupt der akademische Bürger keine Veranlassung zu Reibereien sucht. Noch bleibt die künftige Stellung de« Thomasstlftes zur Universität durch ein Gesetz zu regeln. Darüber gehen eie Meinungen stark auseinander, werden sich aber wohl zu einer Ausgleichung bringen lassen. Härter wird der Kampf in der Sitzung des Montag in acht Tagen zu- sammentretenben Oberconsistoriums werden.
Oesterreich.
Wien. Professor Jhering hat noch vor feinem Abgang, den betreffenden Ordensstatuten gemäß, sich als Ritter des Leopolkorbens in den österreichischen Ritterstanv erbeben lassen.
Wien, 31. Mai. Der Trauerfall am hiesigen Hofe hat auch einen Stillstand in dem Gange der Politik zur Folge; die Mehrzahl der Abgeordneten benutzte die eingetretene Pause zur Heimreise, und insbesondere sind es Vertreter aus Böhmen, welche in ihre schwer heimgesuchte Heimath zurückgekehrt sind. Die Sammlung, welche von dem hiesigen Hülfs-Comite für die Überschwemmten in Böhmen eingeleitet wurde, ergab gleich in der ersten Stunde den Ertrag von 49,000 Gulden. Das Ministerium soll in den letzten Tagen die Schlußredaction eine« neuen Gesetzes über die Gründung von Aktien - Gesellschaften vorgenommen haben, welches angeblich wesentliche Erleichterungen im Gefolge haben wird. So soll die einfache Anm-ldung des Actienunternehmens beim Handelsgerichte zum Zwecke der Protocollirung hinreichen als Vorbedingung für die sofortige Eröffnung der GeschäftSthätigkeit jenes Unternehmens. Hoffentlich wird man auch daran gedacht haben, Vorkehrungen gegen den Schwindel zu trcffn.
Wien, 31. Mai. Das Wiener Tageblatt berichtet: „Zu den interessantesten und vielleicht für eine ganze Zukunft bedeutungsvollsten Momenten aus der letzten Epoche der Krankheitetragövie der Erzherzogin Sophie gehört die Unterredung, welche die dem Tode verfallene Großmutter mit dem künftigen Erben de« Thrones, mit dem Kronprinzen Rudolf, hatte. In einem lichten Augenblicke verlangte sie nach dem geliebten Knaben, und dieser blieb allein wohl über eine halbe Stunde lang bei der Großmutter, den Aussprüchen und Lehren der Vielerfahrencn lauschend, die ein politische« System in Trümmer sinken und ein anderes emporsteigen sah, die selbst einen hervorragendsten Theil an dem Geschicke unsere« Landes und maßgebendsten Einfluß auf die Entscheidungen innerhalb der kaiserlichen Familie genommen ; der Vielgeprüften, deren Mutterherz den herbsten Schlag, einen Sohn, der mit hochfliegenden Planen einen Kaiserihron bestiegen hatte, durch das Unheil eine« Kriegsgerichte« hingerichtet zu sehen, erdulden mußte."
Wien, 1. Juni. Da« Leichenbegängniß der Erzherzogin Sophie fand heute unter Theilnahme der kaiserlichen Familie, der anwesenden fremden Prinzen, der Minister, der Mitglieder de« diplomatischen Corps, aller Notabilitäten und eines zahllosen Publikum- auf die feierlichste Weise statt.
Aus Prag, 31. Mai, wird der „Presse" telegraphirt: Der Statthalter ist gestern nach Prag zurückgrkehrt, nachdem er in allen Ortschaften die dringendste Roth de« Augenblickes gestillt; dieselben Ortschaften besucht bereits jetzt der Graf
Pejacsevich. An einzelne Personen wurden vorläufig 20 bis 50 Gulden aus» getheilt; für weitere Bedürfnisse werden in den Händen de« Bürgermeisters je einige hundert Gulden zurückgelaffen. Den „Narodny Listy" berichtet man au« Liboritz und Holletitz, daß daselbst der Pfarrer sich weigere, die Leichen der Er- trunkenen einzusegnen, ehe die Gebühren bezahlt find. Trotzdem der Bürgermeister sich für die Bezahlung verbürgte, blieben dennoch die Leichen uneingesegnet auf dem Kirchhofe liegen.
Frankreich.
Paris, 1. Juni. Die Proteste des Gemernberaths von Straßburg und des Generals Uhrich veranlassen die heutigen Blätter zu bitteren Betrachtungen über den Verlust des Elsaß. Das „Sücle" ergeht sich in heftigen Ausfällen gegen das Kaiserthum, da« Straßburg seit den ersten Tagen der Invasion bereits auf- gegeben gehabt habe. Da« Siecle fordert die Eröffnung einer Gegenuntersuchung, und wenn es sich ergebe, baß der Kriegsrath sich habe täuschen lassen, die Be- richtiguug des peinlichen Jrrthums. Die Protestbemerkungen Uhrich'« scheinen dem Siede jedoch nicht durchweg befriedigend. Der General ist zu menschlich verfahren. Da« „Avenernent" bringt den Protest des Generals Uhrich gegen den Bericht des Untersuchungsrathes über die Kapitulation von Straßburg. Üblich erklärt, daß er, weil schwer und öffentlich in seiner Ehre angegr:ff>n, e« sich schuldig sei, auch seine Vertheibigung öffentlich zu führen und zu Jedermann'S Kenntniß zu bringen.
Paris, 1. Junt. Das Princip der allgemeinen Wehrpflicht und dir Abschaffung des ErsatzmannwefenS konnte vorgestern ohne jede Schwierigkeit votirt werden. Ein Anfang wäre mithin gemacht und die „Verpreußung" Frankreich«, wie die Gegner des obligatorischen Militärdienstes dieses neue RekrutirungS-Gesetz zu nennen lieben, darf beginnen. Aber freilich in einem Lande, wie dieses von allen Parteileibenschasten so tief durchwühlte, mußte bei dieser so durchaus organisatorischen Angelegenheit doch auch da« rein politische Element in den Vordergrund treten. Und so geschah es denn auch beim Artikel V., welcher alle Truppen unter der Fahne vom aktiven Wahlrecht ausschließt. Der äußerste Flügel des Raki- caliSmu« trat gegen diese Bestimmung mit der wenig gewählten Phraseologie seiner Beredsamkeit ein und ging in seinem Feuereifer so weit, daß selbst Gambeita sich veranlaßt sah, den überkühnen Redner, Herrn Millaud von Lyon, im Stich zu lassen und sich öffentlich gegen das Abstimmungsrecht der Soldaten zu erklären. Dieser Abfall, so unerwartet er der äußersten Linken kam, war doch gerade beim Exvictator vorauSzusehen, der seit dem PlebiScit von 1870 von der Abstimmung der unter den Fahnen befindlichen Truppen einfach deshalb nichts mehr wissen will, weil er in diesem Wahlrecht und seiner Ausübung eine Gefahr dem Auslande gegenüber erblickt, weil diese« letztere au« der Zahl der Abstimmenden jederzeit die genauesten Informationen über Die Effektivstärke der stehenden Armee zu ziehen vermöge.
Italien.
Rom, 31. Mai. Der republikanische Patriot und Freund Garibaldi'«, Cairoli, vertheidigte heute in der Kammer einen Gesetzesvorschlag, dem zufolge da« allgemeine Stimmrecht eingesührt werden soll. Ministcr-Präsident Lanza erhärte sich für die bestehenden Gesetze, welche dem Wahlrechte eine weite Ausdehnung geben. Man müsse vor Allem die Bildung des Volkes befördern und dafür sorgen, daß dasselbe richtige Begriffe von den Rechten und Pflichten eines Wählers bekomme. Lanza erklärte zum Schluß, er sei nicht gegen eine Diskussion des Vorschlages, werde denselben aber energisch bekämpfen. Die Kammer beschloß sodann, baß der Entwurf in nähere Erwägung gezogen werden soll.
Spanien.
Madrid, 1. Juni, Abends. Man versichert, die Erklärungen Serrano's würden al« befriedigend angesehen, indem Artikel 4 der Convention von Amorevicta gar keine praktische Wichtigkeit habe. Es sei kein Offizier der aktiven Armee zu den Carlisten übergegangen und man habe unter letzteren nur drei frühere Offiziere vorgefunden, welche in ihren nichtactiven Dienst zurückgestellt wurden. (Das so viel getadelte Princip der Convention bleibt durch diese Erklärung unberührt.) E« haben sich wieder drei Banden unterworfen und 633 Gewehre abgeliefert.
England.
London, 31. Mai. Die hiesigen Schiffbauer, welche 30,000 Arbeiter beschäftigen, haben beschlossen, ihre Werste zu schließen, wenn die Arbeiter auf der Forderung der neunstündigen Arbeitszeit bestehen.
Handelsberichte.
Frankfurt a. M. Noch immer dreht sich in finanziellen Kreisen das Hauptgespräch um die in ebenso einfacher als geschickter Weise inS Werk gesetzte Operation der Umwandlung der L. A. Hahn'schen Bankfirma in Frankfurt a. M. in eine Aktiengesellschaft. Seiten hat eine Finanzoperation so großes Aufsehen erregt. Vielseitig hat man angenommen, die Deutsche Vereinsbank habe das Hahn'sche Geschäft käuflich an sich gebracht, und ihr Budget dadurch mit einer bedeutenden Panschsumme belastet, die nach und nach auS Ertragnissen des erworbenen Objectes zu tilgen wäre. Zuverlässigen Nachrichten zufolge soll jedoch die Vereinsbank einfach 5 Millionen Actien der neu zu gründenden Bank zu 110 übernommen haben, welche sie mit Leichtigkeit zu bedeutend höherem (§ours unterbrjngen wird, nachdem die Firma Hahn seit Zähren bei überaus solidem Gebühren weit höhere Dividende erzielt haben soll, als viele andere mit größerem Rifico arbeitende Banken, die dermalen 80 ä 100 Procent Agio stehen ; wäre die (Kombination in der jüngsten Gründerepoche erfolgt, so würden die Hahn'schen Actien bereits heute mit denjenigen anderer anerkannten ersten Institute, wie Darmstädter Bank, Meininger, DiSconto- commandite rc. mindestens gleichstehen.
Dec Vereinsbank soll bereits durch ein Consontium 120 für die ganzen fünf Millionen Thaler geboten, und das Offert von ihr refüsirt worden sein. Bekanntlich verbleibt die Hälfte deS ActicncapitaleS den Theilhabern der Firma Hahn, welche sämmtlich ihre bisherige Thätigkeit auch der Bank widmen werden, was die beste Garantie dafür bietet, daß das neue Institut unter denselben Principien, und in denselben Geschäftsbranchen wie das HauS L. A. Hahn geführt werden wird. Es soll noch kein Beschluß darüber gefaßt worden sein, welchen Titel die neue Bank führen wird, jedenfalls wird der Name Hahn darin figuriren. Die Beziehungen zur deutschen Vereinsbank sollen selbstredend zwar die allerfreundlichsten und engstverbundensten sein, die neue Bank selbst jedoch, sowie deren Geschäftsführung eine nach allen Seiten hin gänstich ge, trennte bleiben.
Börsenberichte.
Frankfurt a. M., 3. Zuni. Die vorigen Donnerstag entrirte Hausse befestigt sich. Dle i heutige Börse verkehrte bei ausgezeichneter Stimmung, nur die Baissiers schnitten lauge Gesichter. Auf speculattvem Gebiet herrschte eine Lebendigkeit, wie mau sie stit längerer Zeit nicht mehr zu sehe» gewöhnt war. Lombarden waren heute der Liebling der Speculation und wurde» selbe
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