Deutschland.
Darmstadt, 30. Novbr. Das gestern ausgkgebene Großh. Regierungsblatt Nr. 51 enthält:
1. Gesetz, die Gemeinde-Ausgaben betreffend.
2. Gesetz, die Mitwirkung der Forcnsen bet der Festsetzung des Gemeinde- Voranschlags betreffend.
3. Bekanntmachung Großh. KreiSamtS Friedberg, die Erhebung einer nachträgliche« Umlage in der israelitischen ReligionSgemeinde Wölfersheim für 1872 betreffend.
4. Ordensverleihung. Seine König!. Hoheit der Grostberzog haben aller- gnädigst geruht: am 4. November dem Bürgermeister der Bürgermeisterei Frei- Weinheim, im Kreise Bingen, Nicolaus Schaurer, das Ritterkreuz 2. Eiaffe des Philippsordens zu verleihe».
5. Dienstuachrichten
6. Concurrenzeroffnungen. Erledigt sind: die evang. Pfarrstelle zu Fretrn- Seen, im Dekanate Laubach, mit einem jährlichen Gehalt von 781 fl. 40 fr.; dem Herrn Grafen zu Solms-Laubach steht das PräfentationSrecht zu dieser Stelle zu; die 1. evang. Schulstelle za Psiffligheim, im Kreise Worms, mit einem jährlichen Gehalt von 300 fl.
7. Sterbfälle.
Darmstadt, 2. Decbr. Die Prinzessin Ludwig von Heffen ist heute nach Mainz gereist, um die deutsche Kaiserin auf ihrer Durchreise hierher zu begleiten.
Berlin, 29. Novbr. Auf Gebot des Erzbischofs von Posen Haven die Religionslehrer an den katholischen Gymnasien und Seminarien der Provinz am vorigen Sonntage von der Kanzel herab den Lehrern und Schülern dieser könig- lichen Anstalten den mehrfach erwähnten Hirtenbrief verlesen, worin ler Herr Erzbischof die Absicht kundgiebt, seinem Sprengel Gnesen - Posen dem „süßesten Herzen Jesu" zu weihen, damit die Kirche von den Verfolgungen der gegenwärtigen Staatsanwaltschaft erlöst werde. „Wir sehen die Kirche Christi überall verfolgt und ihr Ansehen mißachtet", heißt es in dem Hirtenschreiben. Und nachdem das ganze Culturleben der heutigen Gesellschaft als Sünde, Verirrung und Bosheit gevrandmarkt ist, sagt der geistliche Oberhirt: „Mit Schmerzen sehen wir die sich mit jedem Tage mehrenden Schwierigkeiten, unseren katholischen Kindern eine katholische Erziehung zu geben; mit Schmerzen scheu wir die Vertreibung der frommen und erleuchteten Klostcrgeistltchkeiten, deren gewiffenhafte und hingehende Thätigkett so viele wohlthätige Früchte gebracht hat."
Karlsruhe, 2. Decbr. Die Besserung in dem Zustande des deutschen Kronprinzen schreltet in erfreulicher Wctse fort.
Oesterreich.
Wien, 2. Decbr. Die „Montags-Revue" meldet aus angeblich bester Quelle aus Pesth, daß der Kaiser die Demission des Grafen Lonyay angenommen und den bisherigen Handelsmiuister v. Szlävy zum Ministerprästoentcn ernannt habe; alle übrigen Minister blieben im Amte.
Pesth, 2. Decbr. Unterhaus. Der Präsident theilt mit, daß der Kaiser die von dem Eabinet eiugereichte Demission angenommen, den Handelsminister Szlüvy mit der Neubildung des Cabinets und die bisherigen Minister mit der Fortführung der Geschäfte bis zur erfolgten Neubildung beauftragt habe.
Frankreich.
Paris, 29. Novbr. Die Aufregung in Paris ist äußerst groß, man reißt fich um die Zeitungen, obgleich dieselben noch nichts über die Kammersitzung enthalten können. Es geht da« Gerücht, Thiers habe der Rechten Eoncessionen ge- macht, was, im Ganzen genommen, unwillig ausgenommen wird. In Versailles hat die Aufregung den Gipfelpunkt erreicht. Die Zahl der Pariser, die sich dort eingesunden, beträgt an 30,000. Vor der Sitzung heißt es, daß eine neue Art von Verständntß mit der Rechten erzielt worden sei. Der Iustizminister Dufaure ist beauftragt, an TtzierS den Antrag zu stellen, daß die Versammlung eine Commission von 30 Mitgliedern ernenne, um die amtlichen Befugnisse der Staats, gewalten und die Bedingungen einer ministeriellen Verantwortlichkeit zu reguliren. Man sagt, die Rechte habe dieser Tagesordnung zugestimmt, falls Thiers zugebe, daß die ministerielle Derantwortiichkeit vor den übrigen Fragen den Vorzug erhalte, und fügt hinzu, daß Thiers sich dazu verstehen werde. Der Sitzungssaal ist überfüllt; bas ganze diplomatische Corps anwesend. Alles in höchster Span nung; um 33/4 Uhr wird die Sitzung eröffnet. Dufaure erhält das Wort. Er drückt sich äußerst versöhnlich aus, auf den Bericht der Commission will er nichl eingehen; es könnte Aufregung entstehen, und er bringe nur Worte des Friedens. Er erklärt, daß die Regierung nicht gegen den Antrag des Commission sei. Die ministerielle Verantwortlichkeit bestehe; was das Wegbleiben des Präsidenten aus der Kammer anbrlange, so sei die Regierung auch nicht dagegen, nur verlangt sie, daß man diese Maßregeln nicht isolirt nehme. Dufaure schließt damit, daß man unmöglich auf die Botschaft, die vom In- und Auslände mit Achtung auf genommen worden, darauf antworten könne, daß man dem Präsidenten die Kam- wer verbiete. (Große Erregung, Beifall auf der Linken ) Batbie ergreift das Wort, um zu verlangen, daß die Sitzung fuspendirt werde, damit die Commission über den Antrag berathe.
Paris, 29. Novbr. Alle Berichte aus der Provinz melden von der dort herrschenden furchtbaren Aufregung. Falls ThierS gestürzt wird, besürchlet man den sofortigen Ausbruch von Unruhen. Der erste Act von Thiers wird, wenn er siegt, die Absetzung des Generals Ducrot sein, der in die royalistische Verschwörung verwickelt ist. Gerüchtsweise he ßt es, baß die Rechte heute Nacht einen Handstreich auSsühren will. Dieses Gerücht beruht aber wohl darauf, daß sie alle Maßregeln ergriffen hat, um, falls sie siegt, sofort Besitz von der Gewalt zu nehmen und den Aufständen entgegen zu treten, die nicht ausbleiben können. Paris sieht mit unbeschreiblicher Spannung den Nachrichten aus Versailles entgegen. An allen öffentlichen Orten bilden die Versailler Vorgänge allein bas Tagesgespräch, wobei eS zu den heftigst,» Discussionen kommt, da die clericale royalistisch - bonapartische Partei noch thie Vertheikiger findet. Auf dem Pariser Eisenbahnhof St. Lazare wartet wtedcr e ne ungeheure Menschenmenge. In Br- saille hat man noch strengere Maßregeln ergriff n wie gestern. Die Menge, die sich vor dem Palais angesammelt, ist trotz M starken RegenS enorm und die Aufregung unter derselben groß. DaS Innere dcS Saales bietet den nämlichen Anblick wie gestern. Um 2*/, Uhr eröffnete der Präsident die Sitzung, um 2 Uhr 40 Min. ergriff Herr Thiers das Wort und sprach bis 4yt Uhr. |
Versailles, 29. Novbr., Abends 11 Uhr. Nationalversammlung. Diskussion üver den Antrag der Commission Kerbrel und den von Dufaure eingebrachten RegierungS-Antrag. Thiers ergreift das Wort, um jeden Zweifel zu beseitigen, als wenn er in die Rechte der Nationalversammlung eintnLn wolle. Sein Vorschlag habe nicht der Proclamirung einer definitiven RegierungSform gegolten, er beanspruche nur für die gegenwärtige Regierungsform die nothwenbigen Regierungsattribute; eS bestehe nicht blos in Frankreich, sondern überall in Europa eine Partei der Unordnung, welche den Leidenschaften und Begierden deS unwissenden Volkes schmrihle und überwacht werben müsse. Thiers spricht sich aul'S Formellste gegen den SocialiSmuS, das Strikewesen und den Atheismus aus, setzt die Regierungspolitik bezüglich des päpstlichen Stuhles auseinander und tadelt die Politik des Kaiserreiches, welche unklug dem Papst seine dyaastischen Interessen geopfert habe. ThürS beklagt die Verdächtigung seiner politischen Haltung, von welcher er der OrdnungSpartki fortwährend Proben und Pfänder gegeben habe, und brückt die Ueberzeugung au-, daß die Monarchie jetzt unmög» lich sei. „Wenn Sie die Monarchie für möglich halten, so lassen Sie mich von meinem Platze heruntersteigen, noch an diesem Abend werde ich nicht mehr an der Spitze sein, aber meinem Gewissen Genüge geleistet haben. (Die Linke applaudtrt, die Rechte schweigt.) ThierS schildert die Vorzüge der konservativen Republik vor der von Batbie angekündigten Regierung de- Kampfes und schließt mit der Erklärung: Es handelt sich nicht um Ministerverantwortlichkelt, sondern um eine Vertrauensfrage. Wenn ich dieses Vertrauen nicht vollständig und unbedingt besitze, werde ich gern in ein ruhiges Leben zurücktreten. Die Legitimisten Ernoul, Lucien und Brun vertheidigen die Commisstons Anträge. Bet der Abstimmung wird indeß der (Regierungs-) Antrag Dufaure's mit 370 gegen 334 Stimmen angenommen.
Versailles, 29. Novbr. In der Nationalversammlung betheucrt ThierS seine konservativen Gesinnungen. ThierS sagt nun, er wolle die Zweideutigkeit der Lage entfernen. Er habe niemals die Rechte der Versammlung bestritten; erfordere nicht, daß man sofort eine definttive Republik verkünde, sondern nur, daß man der gegenwärtigen Form die Regierangsbefugniffe gebe, deren sie bedürfe. ThierS gibt zu, daß eine Partei der Friedensstörer besteht und man sie überwachen muß. Sie existirt nicht nur in Frankreich, sondern überall in Europa. Das Uebcl ist der Unwissenheit des Volkes zuzuschreiben, dessen Leidenschaften man schmeichelt unv dient. Er verwirft in förmlichster Weise den SocialiemuS und mißbilligt die StrtkeS. Er proiestirt gegen de« Atheismus, setzt die Politik der Regierung in den Beziehungen mit dem heiligen Stuhle auseinander, tadelt die Politik des Kaiserreiches gegen den Papst, welcher dadurch zum Opfer von dynastischen Interessen gemacht worden sei. Thiers ist entrüstet, daß sein politisches Verhalten angegriffen wird, nach den Bürgschaften, die er stets der Partei der Ordnung gegeben. Thiers glaubt nicht, baß die Monarchie möglich fei. Wenn Sie sie für möglich halten, so lassen Sie wich heute Abend von dieser Tribüne herabsteigen; ich werde dann nicht mehr an Ihrer Spitze stehen, aber ich werde meinem Gewissen genug gethan haben. (Beifall auf der Linken, Schweigen auf der Rechten.) Thiers hält die conscroative Republik für die oeste, welche als die „Regierung des Kampfes" in dem Berichte Batbie's aufgestcllt worden sei. Er schließt mit den Worten: Es handelt sich nicht mehr um die ministerielle Verantwortlichkeit, sondern um eine Vertrauensfrage. Wenn er da- Vertrauen nicht voll und aufrichtig besitze, so werbe er gern fich zurückziehen aus ein Leben der Ruhe. Ernaul und Lucian Brun, Legitimisten, vertheidigen die Anträge der Commission. Der Antrag der Regierung wird angenammen mit 370 gegen 334 Stimmen von 704 Abstimmenden. Die Linke begrüßt daö Resultat mit de« Rufe: „Es lebe die Republik!"
Paris, 1. Decbr. Der Minister des Innern, Lefranc, hat in Folge des gestrigen gegen ihn gerichteten Votums der Nationalversammlung seine Entlassung genommen. Sein Nachfolger ist noch unbekannt.
Paris, 2. Decbr. Das „Journal ofstciel" meldet, daß das Demifstons- gefuch des Ministers des Innern, Lefranc, angenommen worden ist. v. R^musat ist interimistisch mit der Führung der Geschäfte betraut worden. — Bei der im Quartier Charonne vollzogenen GemcinderathStoahl ist der Republikaner Herold gewählt worden.
England.
London, 27. Novbr. Es hat die ganze Nacht wieder fürchterlich gestürmt und die heute Morgen fällige Post über Ostende wurde verspätet au-gegeben. Seit Vormittag hat das böse Wetter sich geklärt und zum ersten Male nach langer Zeit gelang es der Sonne, durchzudrcchen. Leiter aber treffen von allen Punkten des Canals, zumal vom Süden, Trauerpostm über verunglückte Schiffe in großer Zahl ein. Viele Menschenleben gingen verloren, eine nicht unbeträchtliche Anzahl größerer Handelssch.ffe und kleinerer Küstenfahrer gingen zu Gründe und wie viel Schaden sonst noch die Stürme der letzten Tage auf hoher See an- gerichtet haben mögen, entzieht sich vorerst jcder Berechnung.
Amerika.
Newyork, 2. Decbr. Schatzsecretär Boutwell ordnete für den Monat De- cembtr den Verkauf von 4 Millionen Gold und den Ankauf von 4 Millionen Bonds an. — Zu St. Johns auf Nen-Braunschweig wurden durch einen Sturm 12 Gebäude und 6 Schiffe zerstört.
Local-Notiz.
Gitßen, 3. December. Als GemeinderathSmitglied wurde in der III. Elaste He« August Noll mit 59 Stimmen; in der II. (§Iasse die Herren Maier Hornberger, Ph. Lüdekrng und (5 «rl Peppler mit 49 bezw. 39, u. 38 Stimmen gewählt. Man hätte bet der großen Agitation, namentlich der II. Elaste, auf größere Stlmmenzahl rechnen können.
Börsenberichte.
Frankfurt n. M., 2. December. Die politischen Nachrichten, welche gestern und heute aus Berlu» und Parts hier eintrafen, waren nicht geeignet, den Dörfenhimmel aufzuheitenr. 3* Berlin war man matt auf die Nachricht von einer Berfchlimmerung der Krankheit des Aronprtuje« und das Gerücht von einer Ministerkrists in Folge des beadstchligten PairSfchubs. Außerdem circulirte hier das unverbürgte Gerücht von einer bevorstehenden Abdankung Thlers'. Die heutigen Nachrichten aus PaiiS geben zwar die Gewißheit, daß der lionflict vorläufig beseitigt, allein auch die Ueberzeuauug, daß derf.lbe nicht ausgeglichen ist und allem Anschein nach, jeder Augenblick neue Zwistigkeiten zwischen den Parteien Hervorrufen kann. Die Börse zeigte fich daher von der polrtrschen Konstellation ziemlich beunruhigt und eröffnete, vielleicht auch verstimmt durch die neuerdrngS sehr problematlsche Lage des Londoner Geldmarkts, matter als gestern, um jedoch, nach einigen Schwankungen, wieder etwas bester als bei Eröffnung zu schließen. Etaatsbahv


