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Gießener Alyetzer
Anzeige- und Lmtsölatt für den Kreis Kießen.
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Preis vierteljährig 1 si. 12 h. mit Brtnqrrlshn. Durch die Post biogen vierteljährig 1 fl. 29 fr.
Mr. 284t»
Erscheint täglich, mit Aufnahme Sonntags. {
Expedition: Canzletberg, «it. B. Nr. 1.
Bekanntmachung.
a a 9* December 2872, jedesmal von Vormittags 8 bis 12 Uhr und Nachmittaas von
$.*‘8 qsss^br, wird d-e Wahl von 2U Wahlmännern für die Gemeinde Gießen mit Schiffenberg zum Behufe de/Wahl e.nes Abgeordneten m der Gemeinde Gießen in dem Lokal des Rathhauses vorgenommen werden Alle stimmbeEaten O ^ ^urg-r werden daher e,»geladen, an dem gedachten Termin sich persönlich einzufinden und ihr- Stimmen abzugebeisi 3
«a- fa Ä^'ch wird daraiff aufmerksam gemacht, daß diejenigen, welche mit der Entrichtung des letzten fälligen ifn^h»”r[ta“Cr ""^"E?ande sind, zur Abstimmung nicht zugelassen werden, und daß daher oOe welche brs zum «♦ December d. I. mit der Entrichtung von Einkommensteuer für hm
55$rbe 3SZ2 bkiickstande waren, nur dann zur Abstimmung zugelaffen werden können wenn
»ÄÄ« *’”* fo'*eä a-lch'd... »er durch
Gieße-', am 3. December 1872. Die Wahlcommission:
Der Bürgermeister: Die Urkundspersonen:
o g t. L. Buckln g. Pietsch.
«v « , , Bekanntmachung.
ssrrssmti sä iÄmtia?«« (Sieben, den 30. November 1872. Der Vorstand der Mathildenstiftung für die Provinz Oberhessen.
v. Rode r.
Dienstag dm 3. Tcccmbcr
Die französische Krise
— obwohl nicht die erste dieser Art — hat diesmal nicht Mo» eine der Zeit nach außergewöhnliche Ausdehnung, sondern auch eine Jtensität gewonnen, welche ihr ganz von selbst die allgeme ne Aufmerksamkeit Europas zuwendet.
Die Franzosen haben es diesmal erreicht, was sie sonst immer im Drange schauspielerischer Eitelkeit begehren — „die Blicke Europas auf sich zu ziehen"- aber sie führen ein Schauspiel auf, dessen Kosten nicht von dem Publikum ^tragen werden, welches zur Vorstellung eingeladen wird.
Gleichwohl ist die Einlavung nicht uninteressirt; die ActeurS bewerben sich mit Beflissenheit um den Applaus eines hochverehrten Publikums und berufen sich auf denselben, nicht bloS im Interesse ihrer Person, sondern auch ,m Interesse der Rolle, welche sie spielen.
Und vielleicht liegt grade darin, daß man sich in der gegenwärtigen Krise von beiden Seiten durch die angebliche Parteinahme des Auslandes zu stütz n sucht, das nicht am wenigsten Charakteristische der Situation; wenn es auch unseren Begrifft« von nationaler Würde nicht entspricht, bei Angelegenheiten der inneren Politik nach dem Beifall oder dem Mißfallen des Auslandes zu fragen.
Das Zeichen hat diesmal Herr Thiers gegeben, indem er durch seine Organe erst den Biifall der Diplomatenloge, welche angeblich der Verlesung seiner Botschaft gefolgt sein scll, dann diplomatische Sympathie-Demonstrationen signalisiren ließ- Wenn er aber jene Insinuationen geschehen ließ, um für eine geschwächte Position einen Stützpunkt zu gewinnen, so hat rr diese Position verschlechtert, indem er sich Dementis zuzog, die der Gegner zu seinen Gunsten eitiren kann.
Denn es ist ja nicht zu leugnen, daß sich Herr Thiers bis jetzt der auf- richtigen Sympathien der auswärtigen Regierungen, auch der deutschen, wirklich ^u erfreuen hatte und daß man es gern sah, wenn seine Autorität sich unter der Voraussetzung dieser Sympathien befestigte; man war immer bereit, ihm.in solcher Weise einen moralischen Beistand zu gewähnn.
Wenn jetzt in osficioser Weise die fernere Gewährung dieser moralischen Unterstützung abgclehnt wird, so ist damit der Beweis gegeben, daß sich die Voraussetzungen der Regierungen geändert haben, und wenn von der deutschen Regierung gesagt wird, daß sie „von der sranzösische Regierung nur verlange, Ordnung im Innern und Friede nach Außen zu halten" — so möchte es fast scheinen, als ob man diesseits Herrn Thiers nicht mehr als einen zuverlässigen Träger dieser Er- Haltunge-Politck betrachtet.
Und gewiß kann man angesichts der gegenwärtigen Krise in Frankreich nicht sogen, daß Thiers der National - Versammlung gegenüber diese Aufgabe vertritt. Denn die Rechte tritt Herrn ThicrS diesmal nicht ais Vertreterin dynastischer oder Monarchischer Interessen gegenüber, wie bet früherer Gelegenheit, sondern lediglich mit der Berufung auf den faktischen Zustand und mit dem berech- Hßten und zugleich pflichtgemäßen Anspruch, den Status quo gegen den Radi-
"lismus sicher zu stellen, welchem Herr Thiers in Folge des Schaukelsystems, Cfffen Consequenzen ihn nöthigen, nach allen Seiten hin zu liebäugeln, Vorschub leistet.
Di- Rechte hat sich daher durch ihre jetzige Taktik ein faktisches und moralisches Uebergewicht über Herrn Thiers gegeben, welches er von Anfang an dadurch anerkannte, daß er nicht mit seinem großen Trumpf der Demisstons- ^ohung hervortrat, sondern, sobald er die gegenwärtige Stärke der gegnerischen ha"?/ seinerseits sich zu entgegenkommenden Anerbietungen
©o lange die Rechte lediglich als Vertreterin der monarchischen Interessen auftrat, war sie in sich uneins und errrgte Mißtrauen im Inlande wie im Auslande, totil man hier wie dort die Gefahren voraussah, welche mit Durchführung ihrer Politik verbunden sein würden; jetzt ist sie einig in dem Bestreben, das Besehende zu erhalten und sie hat in der Nationalversammlung die entschiedene Majorität, weil sie auch des rechten Centrums sicher ist, dessen Unterstützung ihr entging, so lange sie eine Politik der Abenteuer trieb.
Un6 je mehr sich alle Factoren der Rechten an einander drängen und eben dadurch Herrn Thiers nur die Möglichkeit lassen, sich auf die Linke und die com- Sympathie der äußersten Linken zu stützen, uw so klarer stellt sich Oie Nothwendigkeit heraus, die Nationalversammlung, als Vertreterin der bestehenden Ordnung, einen Schutz und eine Garantie gegen die persönliche Politik des Präsidenten zu geben, da demselben ersichtlich die Sympathien Derjenigen sich zu- wenten, welche das Bestehende Umstürzen wollen, welche Herrn Thiers applaudiren, wenn er die Republik als die legale Staatsform erklärt, weil er ihnen in die Hande arbeitet.
Die Standpunkte sind also ausgewechselt. Es ist nicht mehr Herr Tylers, welcher Frankreich und dem Auslande die Ordnung im Innern unb den Frieden nach Außen garantirt, sondern die Nationalversammlung, resp- die konservative Majorität derselben, und das Ausland hat daher alle Ursache, sich dagegen zu verwahren, daß es „einen Druck" auf die letztere aus- üben wolle, indem es Herrn Thiers (eine moralische Unieestutzung leiht.
Mag daher Immerhin noch eine Formel der Verständigung zwischen dem Präsidenten der Republik unb der Nationalversammlung gesunden werden: die Position des Herrn Thiers ist jedenfalls eine andere und schlechtere geworden.
Es ist vielleicht noch zu früh, wenn man sagen wollte, er habe sie abgenutzt; benn die Rechte, auch wenn sie triumphirt, würde ihren eigenen Sieg schädigen, wenn sie sich der großen Fähigkeiten des Herrn ThicrS zur Erreichung ihrer Ziele nicht bedienen könnte; aber Herr ThicrS ist nicht mehr unbedingt der Mann iDcr Situation, weil tr nicht wehr der zuverlässige Garant der Ordnung und de- FriedenS ist.


