an die Stände gelangt sei; der Entwurf soll von dem Census bei der Wählbarkeit absehen. An die hiesigen Abgeordneten ist indessen der Entwurf noch nicht 1 gelangt. (Main-Ztg.)
Berlin, 30. Aug. Kaiser Wilhelm traf heute Abends 9*/2 Uhr iw neuen Potsdamer Bahnhof hier ein und wurde durch den Großfürsten Nicolaus, den Prinzen Karl, sämmtliche anwesende Minister, hohe Generale und Hofbeamte, sowie durch Bürgermeister und Stadtverordnetenvorsteher daselbst begrüßt. Das Aussehen des Kaisers ist gesund und kräftig. Die Ankunft der Kaiserin steht morgen früh bevor. — Der „Corr. Stern" zufolge wird am Namenstage des Kaisers Alexander (11. Sept.) in der Kapelle des russischen Botschafters eine Gottes- dienstfeier stattfiuden. Die Abreise des Kaisers von Oesterreich erfolgt, nach dem- selben Blatte, am 10. September.
Berlin, 31. Aug. Nach der bisherigen Stellung der katholischen Geistlichkeit zu den Jesuiten durfte man allerdings voraussetzen, daß selbe mit großem Eifer dahin streben werde, von der Wirksamkeit, wenn nicht von den Nieder- laff'Mgen des Ordens so viel als möglich zu retten. Man konnte aber nicht ahnen, daß die katholische Geistlichkeit sich zu der Behauptung versteigen werde, daß die katholische Kirche gar nicht ohne Jesuiten bestehen könne. Diese Auf- saffung wacht sich aber jetzt in der That sowohl in der klerikalen Presse, als auch in den Gesuchen breit, in welchen katholische Bischöfe beantragen, daß die in ihrer Diöcefe lebenden Jesuiten zur ferneren Verwendung in Kirche und Schule gelassen werden möchten. Die Bischöfe können also nach ihrem Geständniß nicht ohne die Jesuiten das kirchliche Bedürfniß ihrer Diöcese befriedigen! Das ist eine ebenso unwürdige, wie das Ansehen der katholischen Kirche in Deutschland gefährdende Erklärung, um so unwürdiger, als sie gar nicht ernst gemeint ist. Als die Reichs- regterung das Gesetz gegen die Jesuiten vorlegte, wurde dasselbe u. A. auch mit der Behauptung bekämpft, daß die Zahl der Jesuiten in Deutschland so klein sei, und daß kein Gesetz erforderlich wäre, um diese Handvoll Menschen lahm zu legen. Nun plötzlich behauptet man, daß diese Handvoll Leute die Hauptstütze der Kirche bilde und für die Bedürfnisse derselben unentbehrlich sei. Die Bischöfe konnten sich und der katholischen Kirche wohl kaum in mehr erniedrigender Weise ein ArmuthSzeugniß ausstellen; man wird es aber auch billig finden, daß von Seiten der Regierung auf solche unmotivirte Gesuche nicht die geringste Rücksicht genommen wird.
Während die jetzige klerikale Agitation darauf ausgeht, durch Gründung von Katholikenvereinen und dergleichen wiederum eine Fluth von Petitionen und Resolutionen über Vergewaltigung der katholischen Kirche an den Landtag zu bringen, ist, wie die „Köln. Ztg." erfährt, auch die Regierung damit beschäftigt, Material zu sammeln, um die agitatorische Thätigkeit der katholischen Bischöfe in Preußen, namentlich bezüglich der Förderung ultramontaner und erweislich reichsfeindlicher Blätter festzustellen. Es stehen in dieser Beziehung sehr interessante Ausschlüsse über das Vorhandensein und die Förderung älterer, sowie über die Plane zur Begründung neuer katholischer Blätter zu erwarten.
München, 1. Sept. Gutem Vernehmen nach hat Minister v. Lutz bis heute Morgen die schriftliche Genehmigung seines Entlaffungsgesuches noch nicht erhalten, dagegen hat Frhr. v. Gaffer den ausdrücklichen Auftrag zur Bildung eines neuen CabinetS erhalten, da die übrigen Minister, mit Ausnahme des KriegSministerS, auf die Nachricht von seiner Berufung ebenfalls demifstonirten. Bomhardt, den v. Gaffer zum Justizminister ausersehen, hat aus Gffundheits- rücksichten abgelshnt; statt deffelben beabsichtigt Gaffer, den Appellationsgerichts- director Kurz in Aschaffenburg zum Eintritt in das Cabinet zu bestimmen.
München, 2. Sept. Wie versichert wird, ist es Freiherrn v. Gaffer noch nicht gelungen, dem Könige eine Ministerliste vorzulegen.
Frankreich.
Paris, 29. Aug. Nachdem der „GauloiS" einen Brief veröffentlicht hat, worin der Chef des Generalstabs des Gouverneurs von Paris dem Oberst Stoffel mittheilte, baß derselbe eingeladen sei, seine Anrechte auf die Pensionirung geltend zu machen, und nachdem eine nicht selten inspirirte Correspondenz der „Jndepen- dance belge" diese Angabe in Abrede gestellt hat, heißt es jetzt, der Oberst sei mit der Abfassung einer Broschüre beschäftigt, in welcher er die Motive seiner Entlassung aus dem aktiven Dienste darlegt. Die Genauigkeit dieser Nachricht müssen wir dahingestellt sein lassen. Wir glauben jedoch zu wissen, baß der Oberst vorzugsweise deßhalb eine persona ingrata höchsten Ortes geworden ist, weil er in der Vorrede zu der Sammlung seiner militärischen Berichte aus Berlin sich in allerdings sehr ungebührlichen Ausdrücken über Herrn Thiers vernehmen ließ. Er nannte dort eine Lüge die Behauptung beS Herrn Thiers in der Affemblse, baß der Fürst v. BiSwarck ihm Concessionen gemacht habe, und eine Lüge die Worte des Herrn Thiers: „Niemals ist eine Assemblee mit größerer Freiheit gewählt worden." Man kann überzeugt davon sein, fügt Herr Stoffel hinzu, daß Herr Thiers gesagt haben würde: „Niemals sei eine Affemblö: mit weniger Freiheit gewählt worden," wenn man ihn statt in 15 Departements in keinem Departement gewählt hätte. Man begreift die Empfindlichkeit des Präsidenten der Republik, aber es müssen doch noch andere Motive vorliegen, welche das Verfahren gegen den Obersten rechtfertigen ober erklären. Er hat sich übrigens auch den Haß der radikalen Partei zugezogen, indem er an einer anderen Stelle seiner Vorrede die Mitglieder des Gouvernements der nationalen Verthei- digung eine Bande unfähiger Abvocaten von gemeiner Natur nannte.
Italien.
Nom. Die zum so und so vielsten Male aufgetauchte Nachricht, daß der heilige Vater Rom verlassen werde, scheint bet ihrem letzten Auftreten denn doch nicht jeden Grundes entbehrt zu haben. In Kreisen, welche mit der fraglichen Botschaft in Wien verkehren, wird eine bemerkenSwerthe und vielfach überraschende Aeußerung des Präsidenten der Republik colportirt. Vor drei oder vier Wochen soll wirklich und in nahezu formeller Weise in Versailles angefragt worden sein, ob der heilige Vater auf ein Asyl in Frankreich rechnen dürfe. „Der Papst — soll Herr Thiers geantwortet haben — wird mit geziemender Ehrerbietung empfan- gen werden, aber das Papstthum hört auf, wo die französischen Grenzpfähle stehen."
England.
London, 31. Aug. Der Strikt der Maurer ist beendigt.
London, 2. Sept. Der „Telegraph" erfährt, daß ein Telegramm eingetroffen sei, wonach in Honduras eine Insurrektion ausgebrochen wäre; die In-! surgenten wären siegreich und hätten die Eisenbahn zerstört. I
Dublin, 2. Sept. Anläßlich de- Jahrestage- der Einnahme Rom- wer» den zu Gunsten des Papstes große Demonstrationen vorbereitet. Abends soll ei« Meeting unter den Auspicien des Cardinals Cullen wegen der Besetzung Roms protestiren.
Amerika.
Newyork, 30. Aug. Der Dampfer „Metis", welcher zwischen Newyork und Providence fährt, ist mit einem Schooner gestern Nacht während eine- Sturmes zusamwengestoßen. Der Dampfer „Metts" sank, 60 Personen sind ertrunken.
Newyork, 2. Sept. Schatzsecretär Boutwell hat den Verkauf von 4 Millionen Bonos ongeordnet.
Vermischtes.
* Bekanntlich wird „unserem Fritz" bei seiner gegenwärtigen Jnspectionsreise nach den Garnisonen der süddeutschen Truppen überall der herzlichste Empfang zu Theil. Am 21. o. Mts. befand sich der Kronprinz in Ulm und nahm an einem in der „Friedensau" zu seinen Ehren Abends veranstalteten Gartenfeste Theil. Bei dieser Gelegenheit, wo dem Sieger von Wörth vielfache Huldigungen entgegengebracht wurden, begrüßten ihn auch sechs Jungfrauen in Altulmer Tracht mit rothen Zöpfen bepudertem Haar, mit Silber verbrämten Miedern und Röcken. Eine dieser Jungfrauen kredenzte ihm mit einer altdeutsch gehaltenen Ansprache ein Glas Ulmer Bier die zweite überreichte zum Mitbringen nach Berlin ein Ulmer Zuckerbrod, und die dritte beschenkte den hohen Gast mit einem Ulmer Maser-Pfeifenkopf mit Silber beschlagen unter den scherzhaften Worten:
Ein Ulmerkopf, wie Jeder weiß, Der bricht nicht und wird nie zu heiß. — Ich hab's gehört und gern geglaubt, Daß Sie das Rauchen Euch erlaubt. Ja, sagt der hohen, holden Frau: „Der kommt von Ulm, aus der Friedrichsau."
Local-Notizen.
Gießen, 2. September. Die Sitzungen des Schwurgerichts vom 4. Quartal 1872 werden
Montag, d en 7. October d. I., Vormittags 9 Uhr, unter dem Vorsitze des zum Präsidenten des Schwurgerichtshofs ernannten Großherzoglichen Hof, qerichtSrathS Herrn Buff, beüehungSweise des zu dessen Stellvertreter ernannten Großherzoglichen HofgericktSrathS Herrn Völcker ihren Anfang nehmen, weshalb in der heutestattgehabten öffentlichen Sitzung Großherzoglichrn Hofgerichts der Provinz Oberhessen die Haupt- und Er. gänzungSgeschworenen in folgender Ordnung auSgeloost wurden.
I. Ergänzungs-Geschworene:
1) Wilhelm Briel, HofgerichtSadvocat,
2) Dr. Johann Baptist Wetter, Professor,
3) Adolf Zinßer, Weinhändler,
4) Theodor Wortmann, OrtSgerichtSvorsteher,
5) August Wieffell, Bauaccessist,
6) Wilhelm Wolf, HofgerichtSadvocat,
7) August Noll, Bäcker,
8) Otto Schmidt, Weinhändler,
9) Georg Christian Sprnck, Specereihändler,
10) Julius Wallach, Leinwandhändler,
11) Siegmund Bock. Cigarrenfabrikant,
12) Dr. Karl Zöppritz, Professor, sämmtlich in Gießen.
II. Haupt-Geschworene.
1) Jacob Himmelreich, Bürgermeister in Ober-Eschbach,
2) Friedrich Diehm II., Fabrikant in Lauterbach,
3) Karl Muhl, HofgerichtSadvocat in Gießen,
4) Ferdinand Reatz. HofgerichtSadvocat daselbst,
5) Johann Christian Retter, Ellenwaarenhandler daselbst,
6) Wilhelm Faber, Oeconom daselbst,
7) Adam Appel, Papierfabrikant in Keffelbach,
8) Heinrich Dietz II., Müller in Griedel,
9) Johannes MöbS III., Bürgermeister in Nieder-Mörlea,
10) Ludwig Lauer, HofgerichtSadvocat in Gießen,
11) Andreas Weidig IIL, Bierbrauer daselbst,
12) Karl Friedrich Wicke, Müller in Harheim,
13) Friedrich Barth, HofgerichtSadvocat in Gießen,
14) Ludwig Hofmann, Pachter in Hof-Gill (Muschenheim),
15) Heinrich Lanz, Oeconom in Groß Karben,
16) Fritz Karl Bücking, Lederhändler in Alsfeld,
17) Georg Münch I., Bürgermeister in Harbach,
18) Heinrich Diehl, Landwirth in Münch-Leusel,
19) Friedrich Philippi, Müller in Büdesheim,
20) Arnold Kleinen, Packtuchhändler in Altenschlirf,
21) Philipp Reimer, Müller in Gambach,
22) Franz Otto, HofgerichtSadvocat in Gießen,
23) Leopold von Deines, Pachter in Büdingen,
24) Valentin May, Müller in Maffenheim,
25) Johann Tröller, Müller in Angerod,
26) Karl v. St. George, Landwirth in Altenburg,
27) Reinhard Prinz, Posthalter in Grünberg,
28) Georg Brückmann. Pachter in Ilbenstadt,
29) Heinrich Kalbfleisch, Müller in Billertshausen,
30) Heinrich Korell II., Landwirth in Leusel.
Gießen, 3. September. Das gestrige Jugendfest ist allem Vernehmen äußerst gut und vom herrlichsten Wetter begünstigt abgelaufen. Eine zahllose Menschenmaffe bewegte sich nachdem Philvsophenwalde, um sich mit der Jugend zu erfreuen. Da« fröhliche Treiben wurde durch Nichts gestört und um 7 Uhr Abends zog die Menge zufrieden und heiter nach Hause. ES muß anerkannt werden, daß, waS Arrangement der Spiele anbelangt, von den betr. Herren alle- Mögliche geleistet worden ist und denselben der Dank gebührt. — Leider wurde bei dem Hingange zum Philosophenwalde ein kleines Mädchen von einer Chaise überfahren. Ob die stattgehabte Verletzung bedeutend ist, konnten wir nicht erfahren. Jedenfalls war eS unverantwortlich von dem Kutscher auf einer vollgedrängten Straße im raschen Schritt zu fahren.
Jur Abwehr.
Vorläufig auf das „Eingesandt" vom 1. c. einige Worte; später mehr von Seiten aller Betheiligten.
Das „Eingesandt" bez. des Brandes a. d. Liebigshöhe denunctrt zunächst eine Uneinigkeit beider hiesigen Feuerwehren, welche bei bem frag!. Brande durch widersprechende Befehle des Hauptmanns der einen und des Obmanns der anderen Feuerwehr, und weiter gar durch Verspottung des einen Theiles durch den anderen rc. an den Tag getreten sein soll.
Da ich des heftigen Windes wegen das Feuersignal nicht hörte, so kam ich, durch einen Mann unseres Corps abgeholt, erst um 3/<12 Uhr auf den Brandplatz. Bis dahin hatte in Abwesenheit auch meines 1. Vertreters der 1. Obmann unseres Corps über letzteres das Commando geführt, während der Hauptmann der Gail'- schen Feuerwehr schon vor mir auf dem Platze war. Hiernach scheint es, daß die Rüge sich auf angebliche Vorfälle vor meinem Eintreffen bezieht. Dies muß ich um so mehr
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