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Erscheint täglich, mit Aus­nahme Sonntags.

Expedition- Canzleiberg, Vit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.

Mr. 206. Dienstag den 3. September 1872.

Amts i eh e r t heil

Bekanntmachung.

me Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 14. Juni d. I. bringen wir hiermit weiter zur Kenntniß der Betheiliaten, daß die nächsten

Prüfungen in folgender Weise vorgenommen werden: 71

Freitag den 6. September d. I. und folgende Tage,

für diejenigen Angehörigen des Großherzogthums, welche in den Jahren 1852 und 1853 geboren sind;

Dienstag den 10. September und folgende Tage,

^e^3-en Angehörigen des Großherzogthums, welche im Jahre 1854 geboren sind, sowie die Angehörigen eines anderen Staates, welche nach $ 20 der Militar-Ersatz-Jnstruction im Großherzogthum gestellungspflichtig und in den Jahren 1853 und 1854 geboren sind;

Freitag den 13. September d. I. und folgende Tage,

für sämmtliche Militärpflichtige, welche im Jahre 1855 geboren sind.

Die Prüfungen beginnen an jedem Tage Morgens 8 Uhr im Locale der Polytechnischen Schule dahier.

Darmstadt, den 22. August 1872.

Großherzogliche Prüfungs-Commission für Einjahrig-Freiwillige.

Der Militär-Vorsitzende: Der Civil-Vorsitzende:

Pabst. Strecker.

Politischer T h e r L.

Das republikanische Frankreich

darf den Tag seiner Geburt, den 4. September, nicht feiern, und den Soldaten der Republik ist es verboten, republikanische Journale zu lesen, selbst dasjenige nicht, in welchem der Dauphin der Republik, Herr Gambetta, die Grundsätze seiner Republik entwickelt.

Motivirt werden diese Verbote mit der notwendigen Rücksicht aus die Befestigung der conservativen Republik und des öffentlichen Vertrauens, dessen man zur glatten Ausführung der großen Finanzoperationen nicht entbehren könne.

Herr Thiers, welcher sich schon vor Moncten dafür verbürgte, daß die materielle Ordnung in Frankreich keine Gefahr mehr laufe, scheint es jetzt vor Allem darauf abgesehen zu haben, Beruhigung in die Gewüther zu verpflanzen oder ihnen doch jedenfalls die Direktion zu geben, welche ihm paßt; denn die konservative Rcpub'ik ist ja doch eben nichts Weiteres als Herr ThierS.

Unter diesen Umstanden gewinnt eine an sich schon auffällige Erscheinung, deren erstaunter Zuschauer das französische Volk ist, soweit eS nicht von derselben mit ergriffen wird, eine ganz besondere Bedeutung.

Frankreich ist das Land derWunder" geworden und namentlich im Süden ist das Wallfahrten nach alten und neuen Wallfahrtsorten epidemisch geworden; nicht bloS in den niederen Kreisen der Bevölkerung, nicht bloS in legitimistischen Sphären, in welchen religiöse Exaltation allezeit gepflegt wurde in Paris selbst bereitet sich eineNationalwallfahrt" unter Anführung der Frau Marschallin Mac Mahon vor.

Auffällig nennen wir die Erscheinung, wenn wir sie in Vergleichung bringen mit Allem, waS in Frankreich geschehen ist und noch geschieht, um All-S, was Religion heißt, zu vernichten; doppelt auffällig wegen der Richtung, in welcher sich die anscheinende Reaktion der religiösen Stimmung gegen die fortgesetzten Attentate der GlaubenSlostgkeit und des fanatischen Atheismus vollzieht.

Der Wunderglaube ist in Frankreich so mächtig geworden, daß die Bischöfe ohne Weiteres auf ihn recurriren können.

Scheint es euch nicht in der That" ruft der Bischof von Angres, indem er die Gläubigen zu einer Pilgerfahrt nachLa Puy Notre-Dame'^ein- ladetdaß die Wunder der himmlischen Gnade sich in denselben Verhältnissen vermehren, wie diese frommen Wanderungen, deren Schild wung uns täglicherbaut? Eine ungläubige und frivole Welt verlangt Wunder; und siehe da, die über­irdische Gewalt tritt mit unwiderstehlicher Klarheit in diesen wunderbaren Heilungen hervor, welche allen Berechnungen und Prophezeiungen d-r Wissenschaft spotten, in jenen Bekehrungen von Seelen, welche der Strahl der Gnade an gesiern noch unbekannten Wallfahrtsorten erreicht, und zumal in diesen beständigen Wundern einer jeden menschlichen Beistandes beraubten, von den Mächtigen der Erde ver­folgten o^er verrathenen Kirche, die sich trotz aller Angriffe und Verleumdungen auf der ganzen Oberfläche des Erdballs stärker und blühender als jemals erhebt!"

Herr Thiers muß in diesem Umsichgreifen des Mirakelglaubens keine Gefahr für ^le innere Ordnung Frankreichs erblicken, er, der Voltairianer, muß in dieser Richtung, ticr Geister wohl gar eine Unterstützung seinerconservativen Republik" erkennen, wrlche sich jedenfalls auch von den Debauchen des Unglaubens zu erholen hat. Gleichwohl müßte er scharfsichtig genug sein, um zu bedenken, daß bei dem Umsichgreifen dieser Richtung des .eligiösen Empfindens vor allen Dingen dem Clerus neue und starke Hebel des Einflusses auf die Volkssiimmung in die Hand gegeben werden und so sehr auch He>r Thiers b'Sher das Bestreben an den Tag gelegt hat, mit dem Clerus in möglichst gutem Einvernehmen zu bleiben, 1° ist er doch jedenfalls Autokrat genug, um nicht zu wollen, daß ihm ein Ver- hältniß, dessen er sich aus Zweckmäßigkeitsgründen nicht cntjchlagen wollte, als eine Nothwenvigkeit auferlegt werde.

Vielleicht aber erklärt sich die Passivität der. französischen Regierung gegen­über den ProcessionS - Agitationen und giebt der letzteren auch eine noch wenig beachtete Bedeutung, wenn man hört, daß unter den Motiven der Wallfahrts- Unternehmen regelmäßig die Bitteum die Befreiung des Vaterlandes" figurirt.

Der Mirakelglaube nimmt also zugleich eine nationale Färbung an, und Herr Thiers kennt ja die Geschichte Frankreichs gut genug, als daß man ihm nicht eine politische Speculation auf die Gewalt des Wunderglaubens zutrai in könnte.

Herr Thiers ist freilich kein Materialist; wie man hört, arbeitet er an 'iner Geschichte der Philosophie, welche hauptsächlich die Tendenz verfolgt, die Absurdität des Materialismus bloszustellen; es wäre aber doch ein pikanter Zug des Schicksals, wenn grabe er an eine miraculeufe Befreiung Frankreichs dächte, während er in Trouville Schießversuche anstellt und scheinbar sein Sinnen und Trachten auf Organisation einer Armee richtet, wie sie Frankreich noch nie gehabt hat und niemals nöthig haben wird, um sich den Frieden zn bewahren.

Die Widersprüche sind auf dem Gebiet derconservativen Republik" sehr dicht gesäet, und es mag immerhin sein, daß der philosophische Präsident der Republik auch an ein Wunder zur Retablirung Frankreichs in seinem Sinne glaubt; aber sicher schwebt er schon jetzt in Gefahr, sich durch sein Cokettiren mit rem französischen Clerus in eine Politik hineindrängen zu lassen, welche mit den wahren Interessen Frankreichs schwer zu vereinbaren sein wird.

Wenn der Bischof die Erstarkung der Kirche, trotz aller Drangsale, für das Hauptwunder der Gegenwart erklärt, so werden doch sicherlich alle Gläubigen sich berufen fühlen, für dieses Wunder Zeugniß abzulegen gegen diejenigen, welche der Eistarkung der Kirche entgegen sind oder an dieser Erstarkung nicht mitwirken wollen.

Deutschland.

Darmstadt, 31. August. Zu Ehren Seiner Kaiserlichen Hoheit des Kron­prinzen fand gesiern Abend in den Räumen der Vereinigten Gesellschaft ein Fest- ball statt Seine Königliche Hoheit der G.oßherzog, I. I. Gr. Gr. H.H. die Prinzen Karl, Alexander, Ludwig und Wilhelm, I. I. K. K. H.H. die Prinzessin­nen Karl und Ludwig wohnten demselben cn. Der Ball war ein sehr glänzender und außerordentlich besucht. Unter den Theilnehmern befanden sich die Spitzen der Civilbchörden, die hier anwesenden Commandeure der verschiedenen Truppen- theile der Großh. Division, der Bürgermeister der Residenz Darmstadt, der Königi. Preußische Gesandte, sowie eine große Zahl von Civilbeamten und von Offizieren der hiesigen Garnison und der dermalen hier und in der Umgebung liegenden Regimenter. Seine Kaiserliche Hoheit unterhielten sich mit einz Inen der An- wejenden und verließen den Ball ebenso wie Seine Königliche Hoheit der Groß- herzog und die Mehrzahl der anderen Mitglieder des Großherzoglichen Hauses nach etwa einstündiger Anwesenheit.

Darmstadt, 31. Aug. DerAllg. Ztg." wird unter vorstehendem Datum geschrieben:Die Ministerkrisis ist in ihr zweites Stadium getreten, und an ent­scheidender Stelle steht Der Entschluß fest, mit dem seitherigen Ministerium cm Ende zu machen. Bereits gestern Abends, auf dem Balle, welchen die hiesige Vereinigte Gesellschaft" dem Kronprinzen des deutschen Reiches gab, wurde die Nachricht vertraulich mitgetheilt. Heute erblickt man eine Bestätigung desfl.ben in dem Umstande, daß Geh. Rath Hofmann seine für gestern bestimmte Abreise nach Berlin nicht angetreten hat. Alles hofft auf eine durchgreifende Veränderung. Ministerlisten mit all-'N möglichen Namen schwirren bereits durch die Luft."

Darmstadt, 31. Aug. Es verlautet mehrfach, baß die langerwartete Dor- läge der Regierung, die Wahlen der Abge ordneten betreffend, vor mehreren Tagen