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Gießmer Anzeiger.
Erscheint täglich, mit Ausnahme Sonntags.
Expedition: Lanz leib er«, Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kießen
Nr. ISO.
Samstag den 3. August
1872
Brodpreife vom 3 bis 9. August 1872, o &n K4.L. cn K aza . . nach eigener Erklärung der Bäcker:
20 tr' 1 Ktlo gemischtes Brod 10 kr. 2 Kilo Roggenbrod: erste Sorte 17 fr., zweite Sorte 15 fr.
Deutschland.
w«Darmstadt, 30. Juli. Die „Main-Zeitung" schreibt: In Frankfurter Blattern, in Den Mainzer, Offenbacher rc. Zeitungen liest man die regelmäßigen, oft sehr eingehende» Veröffentlichungen über die betreffenden Gemeinderathssitzun- gen. Nur in Darmstadt herrscht über die Gemeinderathssitzungen Grabesstille. Soll dies ein Vorzug oder ein Nachtheil der Residenz sein? Was anderswo möglich und dienlich erachtet wird, muß auch in Darmstadt, welches den Residenz- character zu überflügeln strebt, endlich eingeführt werden. Darmstadt gehörte sonst wahrhaft ein ArmuthSzeugniß. (Die „Main-Zeitung" kann sich mit uns in Vietze»i trösten; bet uns ist die Veröffentlichung der Gemeinderathsprotokolle auch eingefchlafen. Red.)
Berlin, 2. Aug. Da« Handel-Ministerium hat nmfassende Maßregeln a-a-n die Verbreitung der Cholera.Epidemie durch den Eisenbahnverkehr und deren schleunige Ausführung angeordnet.
Wie j.tzt verlautet, beabsichtigt der Kaiser von Rußland, wie auch gleich d^e erste Nachricht von dessen Besuche in Berlin meldete, mit großem Gefolge die Reise hierher anzutretcu. In seiner Begleitung werten sich der Großfürst Thronfolger und noch zwei andere Großfürsten befinden; ob auch Fürst Gortschakoff, ist noch ungewiß. Dagegen gilt jetzt als ausgemacht, daß der Kaiser von Oesterreich von dem Grafen Andrassy begleitet sei» wird. Aus diesem Grunde scheint eS nahe- liegend, daß auch Fürst Gortschakoff, wenn dessen schwankender Gesundheitszustand es erlaubt, sich dem Kaiser von Rußland anschließen wird. Ebenfalls unterliegt eS keinem Zweifel mehr, daß zur Zeit dieses Kaisercongreffes der deutsche Reichskanzler von seinem pommerschen Landsitze hier eintreffen wird. Daß diese Be- gegnung der drei europäischen Kaiser, der Machtinhaber de- ganzen Ostens unseres ErdtheilS, direkte, politische Htperf* f-'o-, -p - •*
wahrschtifllich, daß uOci vic politische Bedeutung derselben eine eminente ist, wird man nicht leugnen können. Denn man wird mit Recht in dieser Zusammenkunft eine Sicherstellung gegen jede Friedensstörung erkennen dürfen, welche namentlich von dem durch den Erfolg der Anleihe wieder hell angefachten Chauvinismus Frankreichs versucht werden könnte.
Der kirchliche Conflict nimmt immer mehr einen internationalen Charakter an. Der Papst verfeindet sich ollwälig mit allen Staaten, fast keiner mehr ist ausgenommen. Der neueste Fall päpstlicher Provokation ist die Creirung eines neuen DisthumS in der Schweiz, ohne daß die Eidgenossenschaft auch nur gefragt worden wäre. Die „Lausanner Zeitung" weint, Genf, welcher Stadt die Ehre zugedacht ist, der Hauptort der neuen Diöcese zu werden, werde das ihm von Rom bescheerte Geschenk energisch zurückweisen. Das „Journal de Genöve" macht auf die staatsrechtlichen Folgen der päpstlichen Neuerung aufmerksam. Es ist, schreibt das Genfer Blatt, ein vollständiger Umsturz der seit dem Eintritte Genl's in den Schweizerbund in diesen Dingen stets beobachteten Praxis. Unter der Bevölkerung hat die Nachricht vou dem päpstlichen Breve große Aufregung hervorgtrufen, und es werden also jedenfalls auch in der Stadt Calvin's heiße Kämpfe mit der Hierarchie nicht ausbleiben.
Berlin, 3t. Juli. Don den 22 Schutzmännern, die bei den jüngsten Straßenaufläufen mehr oder weniger schwer verwundet wurden, ist gestern einer gestorven und wird leider wohl nicht der einzige bleiben. Und dabei fehlt es nicht an den bet solchen Gelegenheiten herkömmlichen Klagen über „Brutalität" der Schutzmänner! Als wenn sie beim Einhauen eine Untelsuchung über Schuldig und Unschuldig führen könnten ! Wer auf eine Straße gebt, während die Fenster und Laternen klirren, erinnere sich an das Sprüchwort: „Mitgefangen, mitgehangen!"
Berlin, 31. Juli. Nach der „Germania" ist auch die holländische Regie- rung nicht sonderlich erbaut von der Aussicht, daß die aus Deutschland abziehen- den Ztsuiten die Jesuitenniederlassungen von Mastricht und Siltard aufsuchen möchten. Sie hat wenigstens Weisung ertheilt, daß sofort davon Meldung ge- macht werde, wenn sich dort Jesuiten auS den Rheingegenden in die Bevölkerungsliste eintragen lassen. Die Herren scheinen übrigens selbst Wiiterung davon zu haben, daß sie nicht gern gesehen sind und werden, wie die „Germania" versichert, ondeiSwo eine Zuflucht suchen.
Berlin, 1 August. Die heutige „Provinzial-Correspondenz" ve'offentlicht „zur Eoalact.ristik der ultramontanen Blätter" ein Schreiben der fürstbischöflichen Geheimen Kanzlei, unterzeichnet „Dowdechant" (mit fehlender Namensunterschrift), in welchem dieselbe wiederholt ausdrücklich versichert, daß die „Schlesische Volks- jeitung- in keinem Schutz- noch Abhängigkeitsverhältnissc zum Fürstbischof von Breslau steht. Das noch weitere Erklärungen enthaltende Schreiben beantwortet das ministerielle Blatt in einem mehr denn zwei Spalten umfassenden Artikel, welcher an Klarheit, Gründlichkeit und Schärfe nichts zu wünschen übrig laßt. Das offic öse Organ unterwirft eine lange Reihe von Äußerungen der „achtes. BoikSzsg." seiner kritischen Betrachtung und erwidert die Erklärung der fürst- bischöflichen Kanzlei zunächst mit folgenden Worten: Indem der Aufforderung der fürstdischöflichen Behörde hiermit entsprochen ist, darf hinzugefugt werden, daß e
ber „Provinztalcorrespondenz" fern gelegen hat, dem Fürstbischof von Breslau irgend eine Verantwortung für diejenigen Artikel der „Schlesischen Volkszeitung" zuzuschreiben, welche als eine warnende Stimme aus der katholischen Kirche mit- geteilt worden sind. Wenn nach der vorstehenden bischöflichen Erklärung überhaupt ein bestimmtes Abhängigkeitsverhältniß des Breslauer Blattes zu dem Fürstbischof nicht geordnet und demgemäß die Bezeichnung des Blattes als eines bischöflichen nicht berechtigt ist, so hat sich doch durch die weitere Haltung der „Schlesischen Volkszeitung" die Erwartung in betreff der unvermeidlichen Unterwerfung derselben über Erwarten rasch bestätigt. Da die fürstbischöfliche Behörde es für angemessen erachtet hat, die Aufmerksamkeit nochmals auf das Verhalten des Breslauer katholischen Blattes zu richten, so erscheint eS nothwendig, zur Vervollständigung der früheren Mittheilungen noch zu erwähnen, auf welche Weise sich die Unterwerfung desselben vollzogen hat. So sehr man ein baldiges „Ein- lenken in das richtige Fahrwasser" erwarten mußte, so wenig konnte man doch auf em so völlig unwürdiges und frivoles Verhalten gefaßt fein, wie es in der That eingetreten ist. Die „Provinzialcorrespondenz" beweist im weiteren Verlaufe des erwähnten Artikels durch fernere Auszüge aus der „Schlesischen Volkszeitung" und die diesen entgegengestellten Aeußeiungen, -wie wenig sittlicher Ernst, Ehrlich- kett und Wahrheitsliebe bei den maßgebenden Blättern der ultramontanen Partei zu finden ist: Wenn es sich für dieselben in Wahrheit nur um die heiligen Jnter- sssen des Glaubens handelte, so würden sie unmöglich zu dem unwürdigen Ton und Wesen herabstnken können, wie es in jenen Erörterungen der Fall ist. Die geistlichen Oberen aber sollten sich nicht daran genüge» lassen, die Verantwortung für solch' frivoles Treiben vor der O.ffentlichfeit abzulehnen; ihrem unleugbaren unt> sicher wirkenden Einflüsse würde es wohl gelingen, eine ernstere und würdigere Vertretung der kirchlichen ^nte^ssest^^,g^ tfntr ber^lEckie^wM--^ Fürsten Bismarck entnehmen wir der „N. A. Z." Folgendes:
Es war nur ein kleiner Kreis nächster Verwandter und ältester Freunde bei dieser Feier zugegen, aber jede Minute brachte ein Zeugniß von der Theilnshme, Dankbarkeit und Verehrung, womit in allen Gegenden Deutschlands und über dessen Grenzen hinaus des Tages gedacht wurde. Einhundertzweiundneunzig Telegramme und eine noch größere Zahl schriftlicher Glückwünsche waren bis zum folgenden Tage eingegangen, von Sr. Maj. dem Kaiser, I. Maj. der Kaiserin, dem kronprinzlichen Paare und anderen Mitgliedern der königlichen Familie, von dem König von Bayern, von Staatsmännern und Heerführern, Gelehrten und Künstlern, von Corporationen und Vereinen, von Hoch und Niedrig, Alt und Jung, Bekannten und Unbekannten. Neben Handschriften, welche der Sammler eifrig sucht, sah man erste Versuche im Schönschreiben, neben dem einfachen Glückwunsch auf stlbergeränderter Karte, neben dem Reim, den die Stimmung des Augenblicks eingegeben, Dichtungen von geübter Hand, Compositionen und sinnig zusammengetragene Erinnerungen aus dem Leben des fürstlichen Paares von den stillen HeimathSdörfern in Pommern bis zu den Schauplätzen weltgeschichtlicher Vorgänge. Zahlreiche Geschenke sammelten sich um die Vase, die Se. Majestät auszuwählen befohlen hatte, jedes mit seinem eigenthümlichen Werthe, das eine als Kunstwerk, das andere als Reliquie, von welcher der G.ber sich schwer getrennt haben mußte, das andere als Erzeugniß jahrelangen Fleißes, jedes als ein Beweis herzlicher Teilnahme. Am Vormittag ging die fürstliche Familie, von den Gästen begleitet, zur Kirche und nahm nach beendetem Gottesdienst unter den alten Linden die Glückwünsche ter Pächter und Beamten entgegen. Während der Tafel erschien die vollständige Capelle des 54. Infanterieregiment-, welche der Commandeur, Oberst v. Ostrowski, von Kolberg zu schicken die Aufmerksamkeit gehabt batte.
München. Professor Friedrich hat soeben einen offenen Brief ausgehen lassen, zur Bertheitigung seines in Rom geführten Tagebuches. Der Jesuit Coruely hat nämlich in dem Jesuitenorgan „Stimmen aus Maria Laach", 1872, I. Heft, die wissenschaftliche Ehrenhaftigkeit Friedrich'- in Zweifel gezogen. Da- ganze Tagebuch, behauptet er dort, sei gar nicht echt, denn eS mache dem aufmerksamen Leser den Eindruck eine- schlechten, in München zusammengestoppelten Sammelwerk-. Professor Friedrich weist überzeugend nach, daß die Anklage durchaus unbegründet ist. Von besonderem Interesse ist der Nachweis einiger Thatsachen aus der jesuitischen Geschichte, über welche die Gesellschaft Jesu den Mantel ihrer schönen Erfindungen theils gedeckt hatte, theils audbreiten möchte. Friedrich hatte au- schwer zugänglichen Quellen Einzelnheiten aus der Geschichte der Mission der Jesuiten in China mitgetheilt, wilche den tugendhaften Orken-leulen, die vorgeben, kein Wässerchen zu trüben, natürlich sehr unbequem sind. Da- nimmt nicht Wunder; denn so lange diese arge Welt noch nicht nach dem Syllabu- regiert wird, bringt es wenig Ehre, wenn jesuitische Heilige als ehrgeizige Derräther an der christlichen Religion entlarvt werden, wenn unter ihren durch den Zweck geheiligten „Mitteln" vergiftete Sp'isen eine Rolle spielen und, um eine hohe Miethe zu erraffen, Häuser, die Eigenthum der Gesellschaft Jesu, an öffentliche Dirnen vermictyet werden. Pater Cornely hat dagegen behauptet, das Alles fei erlogen, Friedrich nenne noch nicht einmal seine Quellen. Auch diese Behauptung


