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Gießener 3iyrtyrr

Montag den 3. Juni

1872

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Der Carneval zu Versailles

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in der Leidenschaftlichkeit schließt man dabei weit über das Ziel hinaus.

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Preis vierteljährtg 1 (L 12 ft. mit Brtngerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährig 1 fL 27 ft.

(heu Aoyd von Ham­en, Havre ns, 2an i, China

Natürlich spielt ER auch nur Comödie denn Chislehurst liegt weit vom - aber sein Schreiben an die Eoipscommandanten beweist doch wieder, lie scharfsinnig er die Verhältnisse zu beurtheilen weiß, um seine Gegner unter je logische Cvnsequenz derselben zu bringen, sei es nun, daß er dieselbe den ifalsachcn folgen läßt, oder Vie Thatsachen durch sie vorzubercitcn sucht.

Man braucht nur genauer hinzuschen, um sofort zu begreifen, was Louis hpelfcn durch sein unerwartetes Hervortreten bezwecken will, und einzugeftehen,

laß er wiederum höchst geschickt, am richtigen Punkte einzusetzen verstanden hat.

Was geschieht denn jetzt in Frankreich?

Die Wuth der Parteien gegen daS Kaiserreich befriedigt sich in Anklagen W» die Organe desselben, oder bedient sich dieser Anklagen, um das Kaiscrthum tch Möglichkeit in Verruf zu bringen. Und da die französische Eitelkeit durch Krtigsurifälle am empfindlichsten verletzt worden ist, richten sich die osficiellen Ingwiffe am meisten gegen die kaiserliche Militärverwaltung und Kriegsleitung,

In der That aber hatER" um uns der früheren Schreibweise des Flatderadotsch" zu bedienen neuerdings die Rolle eines solchen Friedens- irrere gespielt und man mußIhm" nachrühwen, daß ihm auch diesmal, wie 'ilmer, wenn er in seinem Humor bleibt, die Sache ganz vortrefflich gelun- M ist.

Erscheint täglich, mit Aus« nähme Sonntags.

Expedition: Canzletberg, Lit. B. Nr. 1.

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Deutschland.

Sflrniftttbt, 31. Mai. Das Großherzogliche Regierungsblatt Rr. 26 enthalt:

t.bch ich im W ompte unb Geisler,

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Bestellungen auf den Gießener Anzeiger »» «« °--n e*.

J^onncnto,, welche den Aiizelger bei der Erpeditim, abholen lass«,, erhalten denstlbrn für den Monat Juni zu 20 fr.

die Armee zu einer zugleich sittlichen Bildungsschule für die Nation machen will welcher das Pflichtgefühl fast gänzlich abhanden gekommen ist, in Berathuna richt' w»d die schmutzige Wäsche der Armee vor Aller Augen gewaschen und dein französischen Soldaten, welcher es so sehr liebt, die Folgen eigener Pflichtwidrig, reit hinter dem Geschrei: daß er verrat hen sei! ein neuer Antrieb und Entschulbigungsgrund der Insubordination gegeben. Indem Louis Napoleon letzt hervortritt, um die Männer, die seinen Befehlen gehorchten, durch seine Verantwortlichkeit zu decken, handelt er nicht bloS correct, nicht bloS großmüthia. er versetzt die Ankläger in's Unrecht. B 9 8

Allerdings wendet man ein und sucht dadurch die Bedeutung der Napoleonischen Erklärung abzuschwächen daß es dem kaiserlichen Flüchtling leicht sei, eine Derant- Wörtlichkeit zu übernehmen, welche für ihn weiter keine Consequenzenhaben könne, be­sonders da er nur ein Urtheil, welches in der Form eines Plebiseits abgegeben würde, occeptiren will. Aber, wenn Louis Bonaparte mit der Berufung auf seine Ver- antwoitlichkeit eine Comödie spielt: so ist es ihm gewiß mit der Berufung auf ein Plebiscit vollkommen Ernst. Mit dieser Berufung bezeichnet er die Fehler­haftigkeit der Entstehung aller seit seinem Sturz entstandenen Regierungen, welche, ohne aus dem Volkswillen hervorgegangen zu fein, nutzlose Kriege geführt haben und eine Gewalt behaupten, welche demPrincip der Bolkssouveränetät" dessen Gesetz der Kaiser für sich selber unbedingt anerkennt zuwider ist.

Unb deshalb ist der Briif veS Ex »Kaisers an die Corps-Commanbanten nicht bloS ein Gelegenheitsstück, durch welches er den Schein der Großherzigkeit ohne alle Selbstkosten auf sich lenken will; dieser Bries ist ein Manifest, mittels dessen er sein Bksitzrecht constatirt.

Durch Plebiscit auf den Thron berufen, durch wiederholte PlcbiScite in der Gewalt befestigt, erklärt er, daß er nur durch ein Plebiscit abgefetzt werden könne; bis dahin fei er der rechtmäßige Regent Frankreichs.

Louis Napoleon tritt also auf dem Carneval zu Versailles in der Rolle eines Kronprätendenten aufaber der Maskenscherz scheint dadurch nicht gefördert zu werden.

Die übrigen Charaktermasken wollen nicht Spaß verstehen und der Effect, welchen die neue Maske hervorbrachte, war der, baß alle Parteien, welche sich' unter einander ebenso bitterlich hassen, wie sie alle zusammen Herrn ThierS das Leben sauer machen, jeden Zwiespalt vergessen, um gemeinsam gegen diesen Prä­tendenten Front zu machen.

,Zhr Haß steht auf gleicher Linie mit ihrer Furcht und durch diese beiden Gemüthsregungen gaben sie der bonapartistischen Agitation ein gewisses Relief, wie auch die nächste Wirkung dahin geht, die Parteien in größerer Botmäßigkeit gegen Thiers zu bringen. Frankreich wird dabei gewiß nicht übel fahren.

Vom Standpunkt deutscher Interessen aus hat man aber gewiß Ursache, mit dieser Wirkung zufrieden zu sein und ihr Bestand zu wünschen.

LouiS Napoleon ist in der Maske des ehrlichen und zugleich großherzigen Utz ki^ Mannes auf der öffentlichen Schaubühne, welche er lange Zeit vermieden hat, " cme Kk »fgetreten, um die Verantwortlichkeit für die Copitulation von Sedan, wegen welcher man seinen Marschällen und Generalen an den Kragen gehen will, auf sch zu nehmen.

Anzeige- und Amtsötatt für den Kreis Kieken Nr. 127

nn< Nr. 14 des Reichs-Gesetzblattes, ausaeaeben am 24. Mai 1872 enthalt

Q-Jox Postvertrag zwischen Deutschland und Frankreich. Vom 14. Februar 1872 '

OPr" Konsularvertrag zwischen dem Deutschen Reiche und Italien. Vom 7. Februar 1872

(Nr. 824') Ercheilung St^equa^ur an^d'en^Königl"Bel^schen^Wctton^u^^n h$unle8 >u solchen des Deutschen Reichs.

Vicekonsul in Elbing. 0 " 0 fd)en Vicekonsul tn Villau, den Komgl. Portugiesischen Vicekonsul daselbst und den Niederländiscben

Die besondere Beilage enthält:

- **ÄÄte4* t M°< 1872.

-------- __ v. Röder.

, Inserate wolle man gefälligst nur in der Expedition (Brand Lit B Nr n um inun^n Aufträge den Hernmträgern des Anzeigers oder sonstigen Personen ertheilen da sonst sehr leicbt Unru- iragltchkeiten entstehen. Uns nicht bekannte Personen wollen den Betrag derselben gleich hinterlegen. *

Die Erped. des Gießener Anzeigers.

. _ 1) Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Großherzoglichen Hause« und

In dem Augenblicke, in welchem man über ein neues Wehrgesctz, welches des Aeußern, betieffcnd die Gebühr für Postkarten und die Gewicht-stufe für

Da wir glücklicherweise nur Zuschauer dessen sind, was in Frankreich und -n dem Regierungssitze Frankreichs vergeht, so können wir wohl sagen, daß das MaSkinspiel, welches dort ausgesührt wird, fast eine so anziehende Unterhaltung Mährt, als die besten Ccmödien Scribe'S. Dieser Präsident der Republik in Ur Characteimaske eines Republikaners und mit den Gewohnheitin eines Selbst- Herrschers, der sich ein Adoptivkind gibt, um einen Nebenbuhler zu entfernen; lieser orleonifiische Prinz, welcher seinen Großvater, den BürgerEgalite", eopirt lind die ganze Begehrlichkeit seines Vaters geerbt Hot; diese Generale, welche, ireil sie beim Friedensschluß noch nicht gefangen waren, mit denen in'S Gericht gehen, welche dem Kriegslcose unterlagen alle diese sich durchkreuzenden In- ilriguen, welche unter der FirmaVaterland, Freiheit und Ehre" sich begegnen und turchkrevzen, um lediglich persönl cher Interessen willen; dieser ganze politische harncval <st wirklich nicht blos ein Schauspiel- für Götter, sondern auch für »NS arme Sterbliche, die wir nicht darunter zu leiden haben.

...... , , Noch interesscntcr aber wird dieses Schauspiel/ wenn plötzlich Jemand

Mitten oller dieser Akteurs, welche doch ernsthaft genommen werben wollen, sich tihebt und ihnen zürnst: Ihr seid alle Tartüffes!

Wie sie dann Alle oufschrcien; wie Jeder an seine Larve greift, ob sie auch liech das Gesicht bedeckt; wie sich Alle, jede individuelle Feindschaft vergessend, g-gen den Eindringling wenden, der die Gcmüthlichkeit stört, und einen Spektakel irheben, aus welchem ein Berliner ganz deutlich sein vaterstädtisches Losungswort: i^Haut ihm" heraushören würbe.