Ausgabe 
2.2.1872
 
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druck, daß das Deutsche Reich keineswegs eine Einheit nach Außen sei, sondern daß es aus widerstrebenden Elementen bestehe, welche man versuchen muffe, zu glücklicher Stunde wieder auseinander zu reißen. Ein württemdergischer, em bayerischer Gesandter erinnert die Franzosen an jene für sie so glückliche Zeit, wo sie die Kraft des deutschen Volkes niederwarfen, indem sie den Süden gegen den Norden hetzten. Darauf beruhte ja die Speculation der napoleonischen Po­litik im Jahre 1870, und es gibt in Frankreich keine Partei, welche diese Spe­culation deshalb aufgegeben hätte, weil sie in jenem Jahre mißglückte. Wie kann ein süddeutscher Fürst, seitdem es bekannt geworden ist, daß man noch vor wenigen Jahren zwischen Parts nv Wien wegen eines gemeinsamen OberhoheitörechteS Frankreichs und Oesterreichs über Süddeutschland verhandelte, einen Gesandten nach Paris schicken wollen? Wird dies nicht von dem unzurechnungsfähigen fran­zösischen Volke wie eine Aufforderung betrachtet werden, demnächst es noch einmal mit einem Kriege zur Erwerbung jener Oberhoheit zu versuchen? Den deutschen Einzelstaaten ist der Weg eröffnet, sich für eine lange Zeit innerhalb des deut­schen Bundesstaates eine segensreiche Existenz zu bewahren. Wenn sie ihren Be- ruf darin erblicken, die Wohlfahrt und die Freiheit '.hrer Bürger zu befördern, so wird keine Centralgewalt mächtig genug sein, um sie umzustürzen. Wenn sie aber mit dem geschworenen Feinde des Deutschen Reiches, mit dem Ultramon- tanismus, sich verbinden, wenn sie Werth darauf legen, gesonderte Beziehungen mit dem Erbfeinde der deutschen Nation zu unterhalten, so wagen sie ein Spie!, welches in seinen Folgen höchst gefährlich sein kann."

Berlin, 31. Januar. (Abgeordnetenhaus.) Abgeordneter Richter erklärt Namens der Commiffarien, die zum Cultusetar im Allgemeinen gestellten Anträge zurückzuziehen. Es folgt die Specialdlscussion des Etats. Abgeordneter Mallinckrodt tadelt die Beseitigung der katholischen Abtheilung des Cultusmini- steriums, wodurch die Parität verletzt sei. Der Minister Dr. Falk erklärt, er werde, gestärkt durch den sachgemäßen Rath des im Cultusministerium verbliebe- nen katholischen RatheS, der katholischen Kirche alle Freiheiten lassen, aber die Rechte des Staates schützen. Er könne aus seiner Thätigkeit im Justizministerium bezeugen, daß die katholische Abtheilung früher wie die Kirchenbehörde auf eigene Hand agitirt habe. Auf einige Äußerungen Winvthorst's entgegnet der Reichs- kanzler Fürst Bismarck:Die Bildung des Centrums war ein schwerer Fehler. Dieselbe bedeutet die Mobilmachung der Partei gegen den Staat und die Auf­lösung des letzteren in confessionelle Kreise. Der wahre Geist und Zweck der Partei habe sich in den Wahlen und der Presse gezeigt." Der Reichskanzler schil­dert die schwere Enttäuschung, welche er in dieser Beziehung erfahren habe, und geht sodann zu den Gründen der Auflösung der katholischen Abtheilung über. Er habe dem König schon vor vier Jahren die Auflösung gerathen. Besser ein Nun­tius, der offen seinen Auftrag erfüllt, als jene Abtheilung. Die katholische Presse trete solidarisch auf, man könnte sie eine franzosenfreundliche Rheinbundspresse nennen. Diese Solidarität reicht bis Genf und weiter ins Ausland.Lassen wir theologische Streitigkeiten, welche ihre Nahrung aus der Hierarchie ziehen." Discussionsschluß. Nächste Sitzung morgen.

Berlin, 31. Jan. DieCorresp. Stern" meldet: Dem Bundesrath ging Seitens des Reichskanzlers der Gesetzentwurf zu, wonach zur Errichtung und Er- Haltung der Universität Straßburg pro 1872 200,000 Thaler aus der Landes­hauptkasse von Elsaß-Lothringen verwendet werden sollen.

München, 29. Januar. Die Sitzung und Abstimmung vom 27. d. zittert noch in allen Gemüthern nach. Wenn Graf Hegnenberg sagte:Es ist in der letzten Zeit viel herübcrgeflucht worden von jenseits der Berge, ich antworte darauf mit einem deutschen Fluch, und dieser gilt der Lüge!" so ist das deutsch und bayerisch gesprochen, und für einen Wälschtyroler nicht einmal schwer cns Italienische zu übersetzen. »Fluch der Lüge!" Aus dem Munde eines Ministers und von der Tribüne seines Landtags herab gibt das kein geflügeltes Wort mehr, sondern eine Detonation, welche überall, wo es Katholiken und Uitramontane gibt, die Herzen erbeben machen wird.Die vat'.canischen Decrete enthalten nichts neues" Lüge!Die Vereinigung der denkbarst absoluten Gesetzgebung^, Richter- und Executivgewalt in der Person des Papstes, ohne daß für seine Eni- scheivungen die Zustimmung der Kirche erforderlich wäre, das sei kirchliches Lehr­amt" Lüge!Und die Ausdehnung dieses Absolutismus vom Gebiet des Glaubens auf das Gebiet der Sitten berühre keine bürgerlichen und politischen Verhältnisse" Lüge! Warum haben die Bischöfe, wenn sie nach dem Concil der Wahrheit kein Zeugniß mehr geben wollten, nicht wenigstens die Lüge auf sich beruhen lassen? Wer hat sie gezwungen, ihre Unterhirten in einen Landsturm zu verwandeln? Die schöne Zeit der Ruhe wird schwer vermißt und Herr^v.Lutz versicherte, selbst in den ministeriellen Schooß werde so mancher klerikale Schmerz ausgeschüttet. Als sich einige erkühnten, em abweisendesOho!" auszustoßen, da wurde die Stimme des Ministers um einen bedeutungsvollen Halbton höher und mit dem Finger auf den Boden deutend, rief er:Das ist wahr, bis in diesen Saal herein!" Augenblickliches eiskaltes Schweigen conftatirte den Vollzug einer moralischen Douche. Wir werden noch lange zu zehren haben an den Vorkommnissen, Eindrücken und Folgenjener" Sitzung! Außer dem Staatsanwalt Müller, der seinen eingegypsten Fuß auf einem ^>tuhl liegen hatte, saß auch der schwerkranke Domherr Neumayer von Regensburg, mit bleichem Antlitz und verbundenen Gliedern unweit der Thüre des Lesezimmers. Die beiden Patienten hätten sich wohl schonen können, denn ihr Ja und Nein hob sich gegen­seitig auf. Aber wer wird bei so unsicherem Auögang Zurückbleiben wollen? Es ist etwas schönes um den patriotischen Eifer, aber es ist nichts schönes um Verhältnisse, die eine derartige Anspannung desselben nothwendig machen.

Würzburg, 29. Jan. In der Nacht vom 25. zum 26. Jan. fanden hier Excesse der traurigsten Art von Seiten der Polizei gegen Studirenve hiesiger Hoch- schule statt, so beklagenöwerth, wie sie in deutschen Universitätsstädten wohl selten vorgekommen sein dürften. Eine Truppe von harmlos nach Hause gehender Stu­denten wurde plötzlich ohne jede begründete Veranlassung von einer Abtheilung Polizei angegriffen und die nicht einmal mit Stöcken Bewaffneten nach kurzem Wortwechsel sofort mit blanker, scharfer Waffe tractirt. So weit ging die Bar- barei der Sicherheitsdiener, daß sie selbst auf einen in Folge seiner schweren Ver­wundung am Boden Liegenden erbarmungslos einhieben. Doch war dies nicht der einzige Fall polizeilicher Rohheit. Wie auf Verabredung kamen ähnliche Ex­cesse mit gleichem Ausgang in fast allen Stadttheilen vor, ja, man kann sagen, daß in jener Nacht von Seite der Polizei Razzia auf sämmtliche Studenten ge- macht wurde. Jeder Beurtheilung aber entzieht sich die Behandlung der ver­haftet auf die Polizei geschleppten, zum größten Theil nicht unbedeutend verwun­deten Studenten. Von einer Behandlung, die an Rohheit ihres Gleichen sucht,

will ich nur erwähnen, daß zwei schwer Verwundeten, von denen der eine einen tiefen Säbelhieb über den Kopf, der andere fünf Wunden am Arm und Rücken, darunter drei schwere, hatte, volle zwei Stunden vergeblich um ärztliche Hülfe baten. Das Resultat der Excesse war: 12 verwundete Studirenve, von denen zwei lebensgefährlich, fast hoffnungslos im Spital darniederliegen, auf Seiten der Polizei nicht ein Verwundeter. Wir sind weit entfernt, nächtliche Excesse be* trunkener Studenten zu billigen, wollen selbst gern glauben, daß die Polizei durch mannigfache Vorfälle derart seit langer Zeit gereizt gewesen fei; aber wir über* taffen es dem Publikum, die Thatsache zu beurteilen , daß die zwei Tage vor dem Vorfälle noch nicht geschliffenen Waffen der Polizeimannschaft für jene Nacht scharf gemacht wurden. Es wird lebhaft bedauert, daß die Bildung eines Stu­dentenausschusses, des einzigen gesetzmäßigen Vertretungsorgans oer ganzen Stu­dentenschaft, von Seite des Senats in diesem Semester ohne jeden Grund bisher verweigert worden und somit der Studentenschaft von vorneherein die Möglichkeit benommen ist, in Fällen der erzählten Art auf gesetzmäßigem Wege selbsthandelnd vorzugehen. (gr. Ztg.)

England.

London, 1. Febr. Die Morgenzeitungen besprechen den Stand der Ala­bamafrage und erklären sämmtlich, daß ein vollständiges Einverstandniß über die Tragweite des Washingtoner Vertrages nothwendig fei, bevor das Genfer Schieds­gericht seine Arbeiten beginnen könne. DieT!weS" sagt, daß England von dem Vertrage zurücktreten müsse, wenn Amerika auf dem Versuche beharre, die Ten- venzen des Vertrages zu verdrehen.Daily Telegraph" erklärt, daß die gefunden Elemente des Vertrages nicht unbesonnen abzuwei,cn seien, aber es müsse energisch protestirt werden gegen Forderungen, welche die englischen Unterhändler bei dem Abschluß des Vertrages nicht gelang hätten.

Rußland.

Petersburg, l.Febr. Ein kaiserl. Dekret ernennt den bisherigen General* consul in Bukarest, Baron Offenbach, zum außerordentlichen Gesandten in Wa­shington. Der von dort abberufene Katakazy wird dem Minister des Auswärtigen attachirt.

Asien.

Aus Teheran begibt sich eine glänzende Gesandtschaft, mit dem Obercom- Mandanten der Armee an der Spitze, nach Berlin, um im Auftrage des Schah Kaiser Wilhelm zur kaiserlichen Würde zu beglückwünschen und demselben Ge­schenke des Schah zu überbringen.

Local-Notizen.

Gießen, 2. Febr. Heute Nacht mit dem Eourierzuz kam ein unheimlicher Paffagier hier an. (Sin nobel aussehender Reisender erschoß sich zwischen Vilbel und Friedberg in einem Eoupe 1. Klasse. Der Selbstmörder ist ungefähr 2830 Jahr alt und hat rothbraune Haare. Der Schuß traf unmittelbar das Herz und ist mit einer neuen Doppelpistole ausgeführt. Es ist dies jedenfalls wieder ein unglückliches Opfer der Spielwuth. An baarem Gelde hatte der Mann 1 st. und etliche Kreuzer, dagegen von Legitimationspapieren keine Spur außer einer leeren Brieftasche.

(Eingesandt.)

Schon öfters sind Briefe unter der Adresse: .An die Direction dec Spar- und Leihkaffe in L......s bei der Post-Trpedition dorten ctngelaufen, sind aber jedeSmal von dem Post-Er-

pedienten D... mit dem Vermerk:Adresseunbekannt" zurückgesandt worden. (Ss fragt sich nun, ist es Bestimmung, daß solche adressirte Briefe nicht abgegeben werden dürfen, oder hat die Laune deS Herrn Psst-Grpedienten hierin freien Spielraum. Daß derselbe die Adresse für nnr bekannt bezeichnet, während doch die Kaffe schon bereits zehn Jahre besteht, er auch außerdem wöchentlich mehrere Briefe mit der speciellen Bezeichnung deS Direktors der Kaffe abgibt , gibt hinlänglich den Beweis, daß es entweder dem Herrn Post-Grpedienten an dem Einen oder dem Anderen fehlt. waS nach Einsenders Dafürhalten einem Postbeamten nicht fehlen dürfte und könnte es durchaus nichts schaben, wenn dem Herrn D. seiner Willkür höheren OrtS em Ziel gesetzt würde, damit daS Publikum nicht durch solche Plakereten in feinen Interessen geschädigt weroe. ___

Literarisches.

Der sicherste Wegweiser auf der sorgen- und dornenvollen Bahn durch den buntscheckigen Flor des deutschen Papiergeldes ist : Hohmann s Wegweiser ans dem Gebiete des Geldwesens, Notizblatt für Papiergeld, Münzen rc. Verlag von A. Hohmann in Plauen. Bestellungen darauf nehmen alle Buchhandlungen und Postanstalten und der Verleger an. Preis pro Jahr­gang von 5 Ngr. Bei Zusendung durch die Post etwas mehr.

Börsenberichte.

Frankfurt a. M., 1. Februar. Das Fahrwasser der Hausse, in welchem sich die Specu­lation seit gestern mit erneutem Behagen bewegt, floß heute zwar weniger rasch, aber e5 floß eben doch und einige kleine Versuche, dasselbe etwas eiuzudämmen. blieben total erfolglos. Denn daß Staatsbahnen heute etwas flauer waren, ist nur dem Umstand ; izuschreiben, daß die Ein­nahmen der Vorwoche ein Minus von 28,000 fl. aufweiscn. Bei Creditactien fehlte der Antrieb von Außen, weßwegen das Geschäft hierin weniger lebhaft, aber doch fest war, so daß der EourS sich auf 359 behauptete. Lombarden, die gestern Abend eine weichende Tendenz einzuschlazen schienen, sind heute wieder fest bei 229 3/<- Bei Bankactien dagegen wußte die haussirende Rich­tung entschieden durchzudringen und den EourS auf 900 zu treiben. Silberrente lebhaft im Ver­kehr und mit 643,16 notirt. Am gesuchtesten und theilweise bedeutend höher bezahlt waren Bahn­papiere, besonders alte und junge österreichische, von denen wie gestern Buschterader die grüßte CourSsteigerung aufweisen, da sie heute mit 238 sgesteru 234] bezahlt wurden. Ihnen zunächst waren ungarisch-galizische am stärksten im Verkehr, diese sind seit der Nachricht, daß die Zwistig­keit zwischen den Gründern und dec Bauleitung geschlichtet sind, sehr beliebt und erhöhten ihren EourS in kurzer Zeit uni mehrere ©alben. Ferner wurden in Posten umgesetzt Elisabeth bei 2591,2, Donau-Drau, Nordwest, Böhmen, Siebenbürger, Franz-Joseph. Von deutschen Bahnen Oberheffen mit 89 bezahlt, da die Anschlüsse nach Bayern wie nach Meiningen hin gesichert sind und die Concurrenz wegen Gchauung derselben eine lebhafte ist; bayerische Ostbahn und pfälzische Gattungen preishaltend. Bei der dominirenden Position des Bankgeschäfts spielten Banken beute nur eine untergeordnete Rolle. Am gesuchtesten davon war Frankfurter Wechslerbank, die ihren Cours auf 111 Vz erhöhte. Deutsche Vereinsbank und Oesterreichisch-dentsche gleichfalls in Frage. Prioritäten in lebhaftem Umsatz, besonders wieder Elbthal, sodann Saalbahn [911/1] und junge Staatsbahn, wie auch neue Lombarden. Von Anlagepapieren ging heute in norddeutscher Bundesanleihe etwas um, ebenso in hessischen Papieren. Pfandbriefe kür Privatbedarf fortwährend in Frage, namentlich russische und preußische B den- und Eentral-Boden-Credit. Das Looö- geschäft war heute mit Ausnahme von Raab-Grazer, die bis 90 bezahlt wurden, etwas weniger lebhaft, obwohl fest. Kleinere Loose haben in den letzten Tagen alle ihren Cours erhöht. Näch­ster Tage kommt ein neues Quantum abgestempelter venetianischer Loose an den Markt und zwar durch die bayerische Handelsbank. Wiener W-chsel besser bezahlt, auch Paris gut. Von ameri­kanischen Papieren alte Missouri beliebt bei 83%, ebenso Buffalo 77%78. Am Schluß der Börse Lombarden inalter, 22-1V2, ebenso Staatsbahn 422>/8.