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Gießener Anzeiger
Erscheint täglich, mit Ausnahme Sonntags.
Expedition: Canzleiberg, Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. 102. Mittwoch dm 1. Mai 1872.
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Deutschland.
Berlin, 27. April. Neber die Ernennung des Cardinals Fürsten Hohenlohe zum deutschen Botschafter beim Papste wird der „Köln. Ztg." aus Berlin geschrieben: Wir sind es gewohnt, durch den Reichskanzler überrascht zu werden. Originelle Entschlüsse, die Niemand erwartet hat, geben ren schwebenden Fragen plötzlich eine neue Wendung und deroutirem seine Gegner. Zu diesen unerwarteten Entschlüssen rechnen wir die Ernennung eines Cardinals zum deutschen Botschafter bet der römischen Curie. Die Ueberraschung ist um so größer, als man in letzter Zeit darauf gefaßt war, das deutsche Reich der katholischen Kirche gegenüber in eine feindliche Stillung gerathen zu sehen. Statt dessen sehen wir plötzlich das Reich beim heiligen Stuhl diplomatisch vertreten nicht nur durch einen Katholiken, sondern durch einen princeps Romanae ecclesiae. Gewiß eine große Concession, welche der katholischen Krrche gemacht w'rd! Und dennoch, wenn wir die Persönlichkeit des zum Botschafter ernannten Cardinals näher ins A^ge fassen, können wir uns nicht enthalten, den Entschluß des Reichskanzlers als einen sehr glücklichen zu bezeichnen. Es kann im Interesse des Friedens zwischen den Consessionen nicht ost genug hervorgehoben werden, daß die katholische Kirche und der Jesuitenorden nicht ein und dieselbe Sache sind. Die Bemühungen der Jesuiten gehen gerade jetzt mit besonderem Eifer dahin, diesen Unterschied möglichst verschwinden zu lassen. Bischöfliche Erlasse, die unter dem Einflüsse des Jesuitenordens erlassen werden, Petitionen von Laien, inspirirt von Iesuitenfreundcn, geben sich alle Mühe, vergessen zu machen, daß die katholische Kirche bis zum Jahre 1540 ohne die Hilfe der genannten Gesellschaft bestanden hat. So wird eine Begriffsverwirrung geschaffen, die jeden Deutschen, der seine Heimath nicht zum Schauplätze confessioneller Kämpfe werden lassen will, mit tiefer Beun^hi^ gung erfüllt. Die Ernennung des Cardinals Prinzen Hohenlohe ist eht erfreulicher Beweis, daß die kaiserliche Regierung sich des oben erwähnten Unterschiedes bewußt und daß sie entschlossen ist, ihn frstzuhalten. Der zum Botschafter ernannte Cardinal ist ein katholischer Priester, gegen dessen corrccte Stellung in der Kirche kein Zweifel besteht. Er hat weder gegen die Proclamirung des UnfehlbarkeitS- dogma'S glstimmt, noch ist er den Schritten feines Lehrers Döllinger gefolgt. Er ist ein in den dogmatischen Anschauungen der römischen Curie gebildeter Geist- licher. Er ist überdies ein anerkannt-gläubiger und frommer katholischer Christ. Allein was ihn von vielen seiner StandeSgenoffen unterscheidet, ist seine Stellung gegenüber dem Jesuitenorden. Der Cardinal Hohenlohe ist unter den Freunden der Jesuiten einer der bestgehaßten Männer, denn er hat seit seinem Eintritt in den geistlichen Stand, also seit etwa 25 Jahren, die er sowohl am Hofe des Papstes, als in seiner Eigenschuft als Cardinal in Rom zugebracht hat, sich stets von dem Alles beherrschenden Einfluß des Jesuitenordens frfi zu halten gewußt. Er ist deutsch geblieben in seinem Denken und Thun, trotz jahrelanger Anfeindungen von Seiten derjenigen, welchen deutsches Denken und Fühlen ein Gräuel ist. Daß er dies blieb inmitten einer Umgebung, die in der Wahl ihrer Mittel gegenüber ihren Feinden nicht zu wählerisch zu sein pflegt, das zeugt von einer Nachhaltigkeit des Characters, die wir als eine Bürgschaft annehmen, daß er auch jetzt die Interessen des Reichs unabhängig von dem verderblichen Einflüsse des mächtigen Ordens zu wahren wissen wird. Die Katholiken werden in dieser Er- Nennung den Beweis erblicken, daß cs der leitenden Macht in Deutschland ernst ist, wenn sie erklärt, gerechten Forderungen der Katholiken entsprechen und den Frieden aufrecht erhalten zu wollen.
Prinz Gustav zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst, geboren den 26. Februar 1823, Cardinal-Priester, der künftige Vertreter Deutschlands behi römischen Stuhl, ist ein jüngerer Bruder des Herzogs Victor von Ratibor und des Fürsten Cloowig zu Hohenlohe (früheren königl. bayerischen Ministerpräsidenten). Der jüngste Bruder, Prinz Konstantin, ist Obersthofmelster des Kaisers von Oesterreich.
Berlin, 27. April. Bei der Nachricht der Blätter, die Regierung werde demnächst gegen den Jesuitenorden vorgehen, fragt es sich, ob damit jene Maßregeln der Ueberwachung bezüglich des Jugenvunterrichtes, der Lehrbücher u. s. w. angedeutet find, von welchen schon seit einiger Zeit gesprochen wurde. Umfassende AuSweisungS- und Unterdrückungsabflchten, so weit es sich um einheimische Jesuiten handelt, wollte man nicht voraussetzen, namentlich deswegen, weil sie praktisch schwer durchführbar wären. Man wird daher Näheres über jene angekündigte Action abwarten müssen.
Berlin, 29. April. Der Reichskanzler hat, der „Spen. Ztg." zufolge, bet dem BundeSrath jetzt beantragt, zu erwägen, ob nicht die Gebühr für die Corre- fpondenzkarten vom 1. Juli d. I. ab auf y2 Silbergroschen bezw. 2 Kreuzer testzusetzen und demgemäß auch bei den jetzt schwebenden Verhandlungen auf Abschluß eines deutsch-österreichischen Postvertrages die Zustimmung zu einem auf aselben Zweck gerichteten österreichischen Antrag auszusprechen sein möchte.
Durch einen Erlaß der HandclSministerS an die Direktionen der Staats- Eisenbahnen vom 11. März 1870 war die aushilfsweise Verwendung von Frauens
personen bei dem Billetverkaufe unter gewissen Voraussetzungen gestattet worden. Da diese Maßregel nach den bisherigen Erfahrungen im Allgemeinen günstige Resultate ergeben hat, so ist jetzt in Erwägung genommen worden, ob nicht derselben im Interesse der weiblichen Hinterbliebenen verstorbener Beamten eine erweiterte Anwendung zu geben sei. Unter Hinweis auf die bei verschiedenen fremdländischen und deutschen Eisenbahnverwalkungen, namentlich auf den württembergi- schen Staatsbahnen bestehende Einrichtungen, nach welcher Frauen ledigen Standes uno kinderlose Witiwen unter bestimmten Voraussetzungen auch selbstständig in einzelnen Zweigen des Eisenbahndienstes verwendet werden, hat jetzt der Handelsminister die königlichen Direktionen zu gutachtlichen Äußerungen darüber aufgefordert, ob nach den bisherigen Erfahrungen die Zulassung von Frauen zur Be- schäftigung im Eisenbahndienst in erweitertem Umfange und eventuell in selbstständiger Stellung, als dem Verwaltungsintereffe entsprechend, anzusehen sein möckte. Es wird in dem Erlaß noch auf das in Frankreich übliche und in Elsaß-Lo- thringen beibehaltene Bahnverwaltungssystcm aufmerksam gemacht, wonach die Bahn durch patropillirende Wärter und nur die Barrieren an den frequenteren Chausseen und Vicinalstraßen durch besondere Wärter bewacht, alle übrigen Barrieren an Niveau-Uebergängen aber von den Frauen der patrouillirenden Wärter bedient werden, welche dafür eine an die Frauen zur Auszahlung gelangende Monatsvergütung von fünf Thalern erhalten.
Berlin, 30. April. Die Stiftungsurkunde der Universität Straßburg nebst den dazu gehörigen Gesetzen sind vom Kaiser am 28. April vollzogen worden. In Ersterer heißt es: „Wir begründen diese Hochschule, die aus Elsaß und Lothringen so viele hochgelehrte Lehrer empfing und diesen Landern, wie der Welt, Männer, lücbtig in allen Zweigen der Wissenschaft, zurückgegeben hat, von Neuem, uus ^aß an ihr im Dienste der Wahrheit die Wissenschaft gepflegt, die Jugend gelehrt und so der Boden bereitet werde, worauf mit geistiger Erkenntniß wahrhafte Gottesfurcht und Hingebung für Gemeinwesen gedeihen." Die in Straß- bürg bisher bestehenden Fakultäten werden aufgehoben und alle Rechte derselben aus die neue Hochschule übertragen, deren obere Leitung und Aufsicht dem Reichs- kanzler zusteht.
Kiel, 28. April. Die „Kiel. Ztg." widerruft ihre Meldung, daß der See- cadett Reinhardt bereits vom Kriegsgericht freigesprochen worden. Sie führt diesen Jrrthum auf eine am 22. d. M. gefällte kriegsgerichtliche Entscheidung zurück, wonach dem Mörder der beiden jungen Kaufleute gestattet ist, frei umher zu gehen. Dagegen erklärt das „Kiel. Corr.-Blatt", daß Reinhartt selbst an seinen Verwundungen so schwer darniederliege, daß von einer Fortführung v-.r Untersuchung bis auf Weiteres habe Abstand genommen werden müssen.
Tauberbischossheim, 27. April. Bei der hiesigen Reichstagswahl ist der Advocat Schulz (clerikol) mit 8493 Stimmen gegen Dr. Herth, der 8249 Stimmen erhielt, zum Nachfolger des Bischofs v. Ketteler gewählt worden.
München, 27. April. In der „A. Z." wird die Meldung, daß Prinz Leopold von Bayern nach Wien übersiedeln und in österreichische Dienste treten werde, auf das Bestimmteste als irrig bezeichnet. Es fei bisher noch niemals ein bayerischer Prinz in außerbayerische Dienste getreten und auch Prinz Leopold habe niemals auch nur die Absicht gehabt, es zu thun. Derselbe werde gegen Ende der nächsten Woche aus Wien hier eintreffen.
Straßburg, 30. April. Die Feftgenossen treffen äußerst zahlreich ein. Von Wien allein sind 30 Studirende angekommen. Heute Abend findet Empfang der Deputirten der Universitäten statt. Die Vorlesungen beginnen am 6. Mai.
Oesterreich.
Wien, 26. April. Auch die Studentenschaft in Wien wird der Einladung zur Eröffnungsfeier der Universität Straßourg Folge leisten. Der Leseverein der deutschen Studenten wird eine Deputation von 20 Mitgliedern dorthin absenden und hat sich mit den Universitäten Prag und Graz in Verbindung gesetzt, um ein gemeinsames Auftreten zu vereinbaren.
Innsbruck, 27. April. Das fürst-erzbischöfliche Ordinariat Salzburg verfügte die Enthebung des als liberal (anti-infallibilistisch) geltenden Decans Hör- fahrter in Kufstein von der Führung des Dekanats. — Die hiesige Hochschule entsendet den Philologen Jülg und den Juristen Jnama zur Eröffnungsfeier der Straßburger Universität.
Aus Krakau, 27. April, wird der „D. Z." gemeldet: In Folge der Ausweisung der Jünger Loyola'S (Jesuiten) aus dem deutschen Reiche wird das bis nun in Schrimm (Posen) bestandene Jesuiten-Gymnasium nach dem schon ohnehin in dieser Beziehung überaus reichlich gesegneten Krakau übersiedeln.
Schweiz.
Bern, 27. April. Aus Chicago ist ein Schreiben des dortigen schweizerischen Consuts im Bundespalais eingetroffen, laut welchem dort seit dem großen ! Brande fortwährend ein Zufluß von Arbeitern und Handwerkern aller Art so


