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Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.

Rr. I«A» Dienstag dm 29. August 1871«

BefteAurrgerL tmf den GieHenee Anzeiger

Abonnenten, welche den Anzeiger bet der Erpedition abyolen lassen, erhalten denselben für den Monat September zu 20 kr.

Amtlicher* T h e L l.

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Einladung

zur Wahl des Vorstandes der israelitischen Religions-Gemeinde Gießen.

Es wird hiermit bekannt gemacht, daß in Gemäßheit des §. t der Wahlordnung von, 4. August d. I. die Wahl dreier Mitglieder des Vorstandes der israelitischen Religions-Gemeinde Gießen an Stelle der austretenden Herren S. Katzenstein, S. Flörsheim und A. Schlessinner

Freitag den 1. September d. I.

in dem Rathhause dahier vorgenommen werden soll.

Sämmtliche nach §. 2 jener Wahlordnung stimmberechtigte Mitglieder der israelitischen Religions-Gemeinde dahier werden zur Theilnahme au dieser Wahl mit dem Bemerken eingeladen, daß die Abstimmung Vormittags von 9 bis 12 Uhr und Nachmittaas von 2 bis U Uhr ftattfinhon wird und daß die austretenden Vorstandsmitglieder wieder wählbar sind.

Gießen, den 26. August 1871, Der Regierungs-Kommissär:

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(f. Schneider.

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f Der freie Volksstaat und die focialdemokratische Partei.

Das Programm, welches die soctaloemokrasche Partei auf dem letzten Dres­dener Congreffe ausgestellt hat, zeigt, wie vollständig unfähig diese Partei ist, der * heutigen Gesellschaft gerecht zu werden, wiewohl sie eben dieser Gesellschaft den Krieg erklärt. Diese Socialdemokraten stellen sich mit ihren Forderungen außer­halb aller thatsächlichen Verhältnisse; sie stehen nicht auf dem Boden der Ver fassung, welche Deutschland sich gegeben, sie kämpfen nicht von der festen geschicht­lichen Grundlage aus, und erstreben endlich etwas ganz Unerreichbares und Un- ausführliches. Alle Grundlagen der gegenwärtigen communal-provinzialständischen Verfassung sowohl, wie der Staats- und Retchsverfassung sollen umgestoßen werden, indem diedirekte Gesetzgebung" eingeführt wird, d. h. das gesammte Volk das Recht haben soll, Gesetze vorzuschlagen und Gesetze in seiner Gesammt- heit, durch Massenversammlungen, zu verwerfen. ES sollen die rohen, unwissenden und ungebildeten Massen überall in allen Vertretungtkörpern die unbedingteste Herrschaft üben, es soll die uneingeschränkteste Preßfreiheit und VereinSfrerheit gelten, ohne jedes Correctiv gegen die Ausschreitungen solcher Freiheiten.

Aber nicht nur, daß die politischen Zustände der Gegenwart als durchaus unhaltbar erklärt werden, auch für die socialen Verhältnisse bezeichnet man ganz andere Grundlagen; unter Abschaffung der jetzigen Produktionsweise, des Lohn- systemes, soll jeder Arbeiter den vollen Ertrag seiner Arbeit haben. Daö heißt nit anderen Worten: jeder Arbeiter muß Kapitalist werden, denn nur mit Hilft les Kapitals kann der Arbeiter dahin gelangen, daß er die Maaren, die er ver» fertigt, auch verkauft, daß er die Früchte des Bodens, den er bewirthfchaftet, auch sein nennen und darüber frei verfügen kann. Und wer soll ihm dies Kapital geben? Der Staat in der Form des Staatscredits für freie Proouctivgenossen- schäften unter demokratischen Garantien! Wohlverstanden: der Staat soll aber nur dem Arbeiter diese Begünstigung gewähren, nicht den übrigen Klassen.

Wie gering das Verständniß dieser Socialdemokraten für die Verbesserung ter Lage der ärmeren Klassen ist, geht auch daraus hervor, daß alle indirekten Steuern abgeschafft werden sollen, anstatt daß vernünftigerweise gefordert wird, : daß alle Steuern auf Lebensmittel abgeschafft und die ärmeren Klaffen überall den allen Abgaben und Steuern befreit werden, denn die direkten Steuern sind . nicht nur höchst drückend für die Nichtbesitzenden, sondern das wirkliche Einkommen tu# in den meisten Fällen sehr schwer zu ermitteln. Aber es soll eben überall tabula rasa gemacht werden, aus allen Gebieten der Staatsverwaltung und Gesetzgebung.

Und wie wird diese neue Gesellschaft Schutz nach Außen erhalten? Die flehenden Heere sollen ganz abgeschafft und durch eine Volkswehr ersetzt werden, I'domit die Feinde des Deutschen Reichs ganz einverstanden sein möchten. Aber handelt es sich denn für die Programmmacher, überhaupt um die Sicherheit des Deutschen Reichs? Bewahre! Die socialdemokratische Arbeiterpartei betrachtet sich ola Zweig der Internationalen Arbeiteraffociation und will sich deren Bestrebungen anschließen. Worauf diese Bestrebungen hinauSlausen, daß sie die weitgehendsten Forderungen des Dresdener Programms weit hinter sich zurücklaffen, darüber herrscht eben so wenig ein Zweifel, als daß zur Zeit die moralischen und ma­teriellen Mittel, über welche die gegenwärtigen Machthaber gebieten, mehr als ausreichend sind, um das Treiben der heutigen Arbeiterdemagogen als verhältniß- väßig bedeutungslos erscheinen zu lassen.

Rach neueren Berichten scheitern die Pläne der Versailler Regiert, i, welche bekanntlich dahin gehen, die dritte halbe Milliarde der Kriegsentschävig, n^chon In der nächsten Zett zu zahlen, an ver Weigerung der deutschen Regier^^en-^x

g cottnen Zrhlungsmit'el zu acceptiren. Die Gesammtsumme der geleisteten Zah­lungen geht allerdings bereits über eine Milliarde hinaus, sie betragen zur Zeit unaefähr 1250 Millionen Francs, in welcher Summe aber die von der zweiten hÄven Milliarde in Abzug gebrachte Entschädigung ver Ostbahngesellschaft von 325 Millionen Francs enthalten ist. Der Termin zur Wiederaufnahme der Frank- furtec Friedensverhandlungcn ist noch nicht festgesetzt, doch meldet ein soeben ein- tr.ftmres Telegramm, daß dieselben überhaupt nicht mehr in der ehemaligen freien Reichsstadt fortgesetzt, sondern nach Versailles verlegt werden würden/ da man glaubt, dort schneller zum Ziele zu gelangen.

Die in Frankfurt a. M. gepflogenen Verhandlungen wegen Abschluß eines neuen Postoertrages zwischen Deutschland und Frankreich, an Stelle des durch den Krieg hinfällig geworbenen, sind ebenfalls an den übertriebenen Forderungen des französischen Bevollmächtigten gescheitert und gänzlich abgebrochen worden. Die Postverbinvung mit Frankreich geschieht einstweilen nach den Bestimmungen des früheren Postvertrages; ob aber dieses Verfahren noch lange beibehalten werden kann, ist sehr fraglich.

Der Norddeutsche Lloyd vermittelt bekanntlich zur Zeit die Auszahlung von Postanweisungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten. Der dieser, halb zwischen der deutschen Postverwaltung und dem Lloyd geschlossene Vertrag ist neuerdings mit der bedungenen einjährigen Frist gekündigt worden, und zwar seitens der Postverwaltung. Am 1. October 1872 wird ein neu abgeschlossener Vertrag zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten ins Leben treten, der durch Dr. Max Donald, Vertreter des Postdepartements der Vereinigten Staaten in Berlin, abgeschlossen wurde. Nach diesem Vertrag leiten die beiderseitigen Post­verwaltungen das Postanweifungsverfahren künftighin direkt, ohne Betheiliauna des Lloyd.

Gerüchtsweise verlautet, daß das Haus Rothschild in Verbindung mit ver- schiedenen Wiener Bankinstituten ver bayerischen Regierung das Anerbieten gemacht habe, die bayerischen Staatsbahnen käuflich zu übernehmen. Herr v. Schlör, der frühere Handelsminister, soll sich dem Projekt nicht abgeneigt gezeigt haben.

Der Fürstentitel des Reichskanzlers vererbt sich, wie erst jetzt bekannt ge­worden »st, nicht auf seine Kinder, auf welche nur der Grafentitel übergeht. Wie gesagt wird, hat Graf Bismarck, als ihm vom Kaiser das Anerbieten gemacht wurde, ihn in den Fürstenstand zu erheben, viese StandeSerhöhung ausdrücklich nur für seine Person und seine Gemahlin gewünscht.

t Die neue französische Heeresorganisation, welche von der Versailler Na­tionalversammlung unstreitig angenommen werden wird, setzt die Herstellung einer großen Anzahl neuer KadreS voraus. Früher gab es in Frankreich nur 100 Linienregimenter und 8 Garderegimenter, in Zukunft soll aber die französische Armee 140 Linienregimenter a 3 Bataillone und 1 Depotbataillon zählen, unge­rechnet die zahlreichen Truppen der Mobilgarde, welche bestimmt sind, den Dienst in den Festungen und im Innern des Landes zu versehen, um im Kriegsfälle den Vormarsch der gesammten Linicnarmee möglich zu machen. Was die numerische Stärke der Feldarmee anlangt, so kommt dieselbe der deutschen ReichSarmee also ziemlich nahe, während die Reservearmee, die aus zwölf Jahrgängen gebildet wird, die veutschcn Landwehren an Zahl bedeutend übertrifft. Immerhin aber werden sich die Eonsequenzen ver französischen Heeresorganisation frühestens erst in der letzten Hälfte dieses Jahrzehnts geltend machen, so daß wir vor Ablauf desselben kerne wirklich ernste Besorgniß zu hegen brauchen. Allerdings wird an die deutsche Politik inzwischen die Nothwendigkeit herantreten, mit Oesterreich sich über ein Zusammengehen in den europäischen Fragen zu verständigen, oder, falls dies nicht zu erreichen sein sollte, den Anschluß Deutsch-Oesterreich» an das deutsche Reich stcherzustellen.