Herstellung des allgemeinen Stimmrechts verlangte, und sie wird jetzt bei ihrer Wiedereröffnung die von dem Prinzen Napoleon eingelegte Appellation und die Volksabstimmung vorfinden.
Die Nationalversammlung von 1851 wies die Zumuthung des Prinzen Louis Napoleon ebenso zurück, wie die jetzige jeden Gedanken an ein Plebiseit zurückivktsen wird; denn jene wie diese denkt nicht daran, durch Maffenagitation an das Ziel zu gelangen und es ist daher selbstocrstänclich, daß die jetzige Na- tionalversammlung ebenso wie die von 1851 wegen ihres Widerspruchs gegen eine der Volksgewalt schmeichelnde Forderung dem schlimmen Ras dec Reaktion verfallen werde.
Um so mehr, als die Majorität der jetzigen Nationalversammlung gerade so wie jene unter dem gespannten Derhältniß zu der radikalen Minorität leidet. Damals widersetzte sich die Bergpartei dem Anträge, welcher für Vie Volksvertretung das Recht verlangte, im Nothfall die Hilfe der bewaffneten Macht für sich in An- spruch nehmen zu können und jetzt machen dle Radikalen mit den Bonapartisten gemeinschaftliche Sache, indem sie, ebenso wie diese, die Entscheidung über die künftige VerfaffungSform einem Plebisc.t anheim geben wollen.
Wie gesagt: Wir verkennen nicht den großen Unterschied zwischen 1851 und 1871, und darum wollen wir auch aus der analogen Stellung der jetzigen und damaligen Nationalversammlung, gegenüber der öffentlichen Meinung, keine weiteren Schlüffe ziehen; aber überraschen würde es uns nicht, wenn der Bonapartismus die von ihm geschaffene Situation auch diesmal auszubeuten versuchte.
Zum Gelingen eines solchen Versuchs würden ihm heut freilich ebenso sehr die Werkzeuge fehlen, wie ihm der feste Entschluß zu gebrechen scheint.
Der Musikdirektor Gustav Reichardt, der bekannte Componist des Liedes: „Was ist des deutschen Vaterland", hat die deutschen Musikalienverleger aufge- socvert, zur Gründung einer musikalischen Abtheilung auf der Straßburger Universitätsbibliothek beizutragen.
f Nach den nunmehr zum Abschluß gelangten B.'rathungen über die künftige russische HeereSorganisation wird die gesammte Armee Rußlands nach der Durch- sührunz der lltzteren 50,000 Offiziere und 1,653,009 Mann stark sein. Von dieser Gesammtsumme kommen auf die Truppen des europäischen Rußlands 32,000 Offiziere und 1,352,000 Mann. Die Gesammtzahl der Bataillone beträgt 1293, die der Eskadronen 280 und die der Geschütze 2574; davon kommen auf die Armee des europäischen Rußlands 1129 Bataillone, 260 Eskadronen und 2287 Geschütze. Da das jährlich der Armee zufließende Contingent in Zukunft 150,000 Mann betragen wirb, so wird bei gesetzlicher Dienstzeit von 15 Jahren die für das Heer disponible Mannschaft sich auf 2,250,000 Mann belaufen. — Diese Zahlen können uns jedoch nicht erschrecken, denn für jetzt, und menschlichem Ermessen nach auf Jahrzehnte hinaus, ist der eine Factor, welcher in den Kriegen der Neuzeit eine so große Rolle sp'elt, die Intelligenz der Massen, den abendländischen Heeren gegenüber, noch immer ein so geringer, daß selbst eine fortgesetzte numerische Steigerung der Wehrkraft keinen Anlaß gibt, sich „sorgenvoller Russenfurcht" hinzugeden. Ein Wort des größten russischen Feldherrn, welches General Annenkoff ln seiner Broschüre über den deutsch-französischen Krieg citirt, um den Unterschied der kämpfenden Heere zu bezeichnen, wird für Rußland und seine ost- lichen Nachbarn noch auf lange Zeit hinaus Geltung haben, das Wort Sawsroff'S: für einen Gebildeten gibt man uns drei Ungebildete: drei zu wenig, gib uns fünf, gib uns zehn! Gegenwärtig stehen übrigens blvs dreißig Divisiv,,*n an der W.sthätste dcs russischen N^lcys, von denen mindestens zehn Divisionen zur Besetzung Polens, Finnlands u. f. w. nothwenvig zurückbleiben müssen, so daß also nur höchsten- zwanzig Divisionen im Felde zur Verwendung kommen könnten.
Marburg, 8. November. Die „Mark. Ztg " schreibt: „Das f. Unter» richtS-Mlnisterium hat zum Bau eines botanisch - pbarmakognostlschen Instituts im hiesigen botanischen Garten eine Summe von 11,000 Thalern bewilligt."
Kassel, 9. November. Nachdem schon längere Zrit die Zufuhr von Kohlen sehr gering war und selbst die außerordentlichen Mittel zur Abhülfe vergeblich angewendet wurden, war die hiesige Gasanstalt heute nicht mehr in der Lage, für den ganzen Consum das Gas liefern zu können, und mußte, um wenigstens den Bedarf der Prioatconsumenten befriedigen zu können, die Stadtbeleuchtung zu einem großen Theil durch Petroleum Herstellen. Die Ursache dieser Calam tät liegt, nach der „H. M.-Z.", in der Unzulänglichkeit des vorhandenen Eisenbahn-Trans- portmaterials, in Betriebsstörungen der Eisenbahnen, endlich in der Einwirkung der im Anfang dieses Monats stattgefundenen Militär-Transportzüge.
Berlin, 13. November. Lebhaft wird eine, beim Reichstag jetzt eingebrachte Petition Berliner Studirender, betreffend die rechtliche Sonderstellung der Studi- renden besprochen. Die Petenten wünschen die Initiative des Reichstages zu Gesetzen, welche einerseits die akademische Gerichtsbarkeit vollständig ausheben, andererseits das VereinigungSrecht der Studirenden gegen Uebergriffe der akademischen Behörden sichern, durch Stellung der studentischen Vereine unter das allgemeine Vereinsrecht; 2) daß der Reichstag dem Reichsgesetze über die Freizügigkeit auch bei den Universitäten Geltung verschaffe. Die Petition ist in sehr umfassender Weise motivirt und namentlich die Verletzung des Dereinsrechtes und des Frei- zügigkeitSrechtkS für Studirende nachgewiesen durch die im verflossenen Semester Seitens des akademischen Senats zu Berlin geschehene Consiliirung resp. Exklusion von 16 Studirenden in Folge der Auflösung des studentischen Ausschusses. S.hr scharfe Streiflichter werfen die Motive auf die Rechtsungleichheit der Studirenden, in der Gesetzgebung über Injurien und Duelle. Die principiellen Gegner dcS Duells werden als völlig schutzlos hingkstellt. „Die Stellung der letzteren", heißt es u. A., „ist eine um so schwierigere, als das Duell von der vorgesetzten Behörde gewisser Maßen protegirt wird. Hat doch das lönigl. preußische Unterrichts- Minist rium in dem Reskript vom 1. Februar 1870 ein vollständiges Reglement darüber ausgestellt, wie in den Verbindungen das Duell zu vollziehen sei; eine Staatsbehörde erläßt ein Reglement für eine durch den Staat mit Strafe bedrohte Handlung."
t Berlin, 14. November. Der Oberpräsident v. Möller, der augenblicklich hier anwesend ist, hat eine längere Unterredung mit dem Fürsten B smarck gehabt, welche den Letzteren von der unfehlbaren Richtigkeit seines vor einem Jahre in Bezug auf die Verwaltung des neuen Reichslandes vorgeschlagenen Verwaltungssystems überzeugt haben soll.
t Berlin, 14. November. Wie zu Anfang des Krieges sich unter den hie
sigen Kaufleuten eine ganz ungerechtfertigte Agitation gegen Annahme außerpreußi- scher Kaffenschrine geltend machte, so beginnt jetzt unter den kleineren Händlern eine B wegung gegen Annahme der Zinscoupons an Stelle baarer Zahlung zum vollen Nennwerthe. Das Hauptmotiv zu vieler plötzlich aufgttauchlen Frage bietet wohl das Unwesen, w-lches mit den sogenannten „wilden" Coupons getrieben wird, sodann die technische Unvollkommenheit dieser papiernen Werthzeichen, welche Fäl- fchungen und Bttrügereien Thür und Thor öffnet, und endlich die Unmasse mucr Coupons, mit denen in der jetzgen Aera des Actienschwindels der Markt überschwemmt wird und für den kleinen Mann außerhalb jeder Controle stehen. Um allen Verlusten in dieser Hinsicht vorzubeugen, verlangte eine gestern in dieser An- gelrg-'nheit hier zusammeng tretene V rsammlung wohl nicht mit Unrecht, als Minimum der staatlichen Fürsorge die Anordnung, daß Gesellschaften, welche ZinS- couponS ausgeben, in allen Haupt- und größeren Piovinzialstädten EinlösungS- stellen errichten. UebrigenS wird diese einmal angeregte Frage im Fluß bleiben und eine gewählte Commission demnächst einer größeren Versammlung Vvsschläge zur Abhilfe unterbreiten, sei eS, daß man zur Selbsthilfe schreiiet, und Coupons nur noch gegen Damno in Z'hlung nimmt, sei es, daß man an den Handelsminister resp. Reichskanzler pellt onirt, oder ein Abkommen mit der Post, ähnlich dem PostmandatSwesen, zur Einlösung der Zinecoupons inscenirt.
DaS Generalpostamt richtet an alle Betheiligten das dringende Ersuchen, auf den nach Frankceich gerichteten Feldpostbrief n neben den sonst erforderlichen Angaben des Trupventhcils ic. fortan auch den Standort dcS Adressaten bestimmt zu bezeichnen. Mit dem 1. December gewinnt dieses „Ersuchen" die reglementsmäßige Kraft.
Auf Verfügung des Provinzial-Schul - Collegiums wird am Tage der bevorstehenden Volkszählung der Unterricht in den höheren Lehranstalten ausfallen.
t Berlin, 14. November. Parlamentarisches. Die Abgg. Erhard, HauSmann, haben nachstehende Interpellation an den Reichskanzler gerichtet: 1) Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß im Fürstenthum Lippe-Detmold durch eine landesherrliche Verordnung vom 6. September 1871 die Bestimmungen des deutschen Strafgesetzbuchs verletzt worden sind? 2) Ist dem Herrn Reichskanzler ferner bekannt, daß Abheilungen des deutschen ReichSheereS im Fürstenthum Lippe-Detmold ohne vorgehende Reqilsition der zuständigen Polizeibehörde zum Einschreiten gegen dortige Staatsangehörige gebraucht wurden? 3) Welche Schritte gedenkt der Herr Reichskanzler gegenüber diesem, den Bestimmungen der §§. 2 und 66 Der ReichSoerfassrng zuwiderlaufenden Vorgehen der fürstlich Lippe'sch.n Regierung zu ergreifen? Der Motivenb?richt ist tragikomisch. So erzählt derselbe ad 2: Am 26. September 1871 ist im Bereiche des fürstlichen Amtes Lage eine aus Jagdpächtern und Vorständen der umliegenden Ortschaften bestehende Jagdgesellschaft in dem an der Dttmold - Lager Chaussee belegenen Wirthshause „Der Ellerkrug" genannt, von einer aus gegen 80 Mann bestehenden Abteilung des in Detmold garnifonirenven 55. Regiments unter Leitung des Hauptmanns Kronemeier, sowie des Lieutenants v. Pape umzingelt und den so Eingeschlossenen bei etwaigem Versuche, sich zu entfernen , mit „sofortigem Niederschießen oder Durchstoßen mit den Bayonnetlen" gedroht worden. Der Wirth des Kruges verweigerte sowohl die Durchsuchung seines Hauses als auch die Herausgabe Der Jagdgewehre, so lange nicht ein schriftlicher Befehl der zuständigen Polizeibehöide beigebracht wcrde. Unter Fortsetzung der „Cernirun," sandte Der Hauptmann Kronemeier eine OrDonnanz an das Amt Lage mit dem Ersuchen, um Ausfertigung des Befehls. Nach Verlauf mehrer Stunden kehrte Die Ordonnanz mit Der Nachricht zurück, Daß Das Amt Lage polizei- licbcs Einschreiten und den Erlaß des nachgesuchten Befehls ablehne. — Ein anderer Passus erzählt, wie ein harmloser Bürger ohne Gewehr meuchlings von einer Militärpatrouille „aufgehoben" und staute pede gen Dctmold transportirt worden ist, während eine andere blutdürstige Militärpatrou lle einen harmlosen Bauersmann, Der auf seinem eigenen Grund und Boden nach einem in Die Höhe geworfenen Packcte Tabak Wette schloß, mit großer strategischer Schlauheit abfing und „unter militärischer Bedeckung" ebenfalls gen Detmold tranSpoitirte. Alle diese Daten geben jedenfalls Stoff zu einem hochkomischen Roman, Der ohne Zweifel im Reichstage seinen Meister finden wird, und trotz aller Uebergriffe gehört dem deuischen Vaterlande Lippe-Detmold das Verdienst, durch das Schwingen seines altpatriotifchen Zopfes einige Abwechselung in Die Monotonie der RIchStagSsphäre gebracht zu haben.
t Berlin, 14. November. Vielen Mannschaften Der Reserve und Landwehr, die nicht immer beim Truppentheile waren, sondern sich zeitweise getrennt von demselben auf CommandoS, in Lazarcthen, auf Dem Marsche, in G.fangenschaft rc. befanden, sind auf erhobene R ciamationen noch nachträglich berechnete Competeuzen an Marsch- und Verpflegungsgeloern rc. durch Vermittelung Der LandwehrbezirkS- Commandos zugegangen. An letztere BehörDe sind alle Gesuche in Dergleichen Angelegenheiten ausschließlich zu richten.
In hiesigen parlamentarischen Kreisen circulirt das Gerücht, daß die Ernennung des Generals Stosch zum Reichsmarineminister in Aussicht stehe. Wit weit dasselbe sich Der Wahrheit nähert, ließ sich noch nicht constatiren.
Saarburg bti Trier, 9. November. Die am Tage selbst abgehaltene Hubertusjagd hat ein recht besricdigenDcS Resultat ergeben. Gestern Morgen nun zogen unsere Jäger, trotz des Regenwetters, bei welchem man eher hätte fischen alS jagen mögen, nach Oberleuken (feit ein'ger Zeit auch häufig Wolfsleuken genannt), um für dieses Jahr Die Wolfsjagden zu eröffnen. Erlegt wurden dabei auch für Den Anfang zwei Wölfe, ein Wolf und eine Wölfin, welche gestern Abend hier eingrbracht wurden. Nächstens soll auch wieder gegen die Sauen zu Felde gezogen werden, die immer noch für Den LanDmann in zu großer Anzahl vorhanden sind.
Aachen, 12. November. Der Kaiser Hot unserer KarlS-Schützen-Gilde zwli französiicke Geschütze nebst Zubehör als Geschenk überwiesen.
Wien, 14. Nov. Gras Andrassy und Graf Lonyay wurden heute beeidet. Andrassy ist zum Vorsitzenden des gemeinsamen MinisterrathrS ernannt. Die Publikation des betreffenden kaiserlichen HanDschreibens erfolgt morgen.
Wien, 15. Nov. Die heute erschienene amtliche „Wiener Zeitung" veröffentlicht em kaiserliches Handschreiben vorn 14. November, durch welches Gras Andrassy zum Minister des kaiserlichen Hauses und der auswärtigen Angelegenheiten ernannt und gleichzeitig mit dem Vorsitze im gemeinsamen Ministerrathe betraut wird.
Wien, 15. November. Der hiesige russische Gesandte Nowikoff soll gutem Vernehmen nach durch den gegenwärtigen rulsiichen GesanDten bd Der Piorte, General Jgnaticff, ersetzt werDen. — Graf Beust hat Die ihm zugedachte Widmung eines NationaldankeS abgclehnh.
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