politisch so wenig in Frage kommen, als die Orleans, und wenn er in Frage kommt, höchstens insoweit, daß uns Frankreich Vie Sorge für seine Ernährung abnimmt. Nur die freie Wahl über sein künftiges Schicksal kann Frankreich trösten über den Verlust an Land und Leuten, welchen die Gegenwart fordert. Und offenbar hat Gras Bismarck diese Seite der Aufgabe in seiner präcisen Weise aufgefaßt; er hätte sonst nicht so ernst gegen den Versuch Gambetta's, Frankreich in der freien Wahl ein Joch aufzulegen, protestirt; er könnte sonst nicht die Wahlen in Lothringen und im Elsaß zulaffen. Die elsässischen Abgeordneten müssen für den Frieden mit Deutschland stimmen und stimmen dadurch zugleich für ihre Abtretung an Deutschland.
Wir suchen nur den Frieden mit Frankreich; was es nach dem Frieden aus sich selbst machen will, geht uns nichts an. Eine französische Republik wäre für uns nicht gefährlich, sondern allein für England; denn dort allein würde sie Nachahmung finden und Zustände erzeugen, welche sich dem kurzsichtigen englischen Ministerium heute noch verbergen und die Rache für dasjenige übernehmen würden, was England an uns gefrevelt hat.
Für uns ist vorerst nichts wichtig, als daß wir mit Der französischen Republik den Frieden unterhandeln, und indem wir für unsere Sicherheit sorgen, Frankreich durch volle Freiheit seiner Selbstbestimmung ehren, wie es eine selbstständige große Nation verlangen kann. In dieser Form der Verhandlung läge nicht nur der Frieden, sondern auch die Möglichkeit einer Versöhnung."
eDte bereits angekündigte Proklamation Napoleon's an die französische Nation lautet": „Franzosen! Vom Glücke verlassen, habe ich seit meiner Gefangennahme jenes tiefe Stillschweigen beobachtet, welches die Trauer des Unglückes ist. So lange sich die Armeen gegenüber gestanden, habe ich mich eines jeden Schrittes, jedes Wortes enthalten, welches Zwiespalt Hervorrufen konnte. Heute, bei dem tiefen Unglück des Landes, kann ich mich nicht länger in Schweigen hüllen, ohne gefühllos für feine Leiden zu erscheinen. In jenem Augenblicke, als ich gezwungen war, mich gefangen zu geben, konnte ich in keine Verhandlungen über Frieden ein- treten. Da ich nicht frei war, so hätte es den Anschein gewonnen, als seien meine Entschließungen durch persönliche Rücksichtnahme bictirt. Ich überließ der Regentschaft in Paris, welche sich inmitten der Kammern befand, die Pflicht zu entscheiden, ob das Interesse der Nation die Fortsetzung des Kampfes erheische. Trotz der unerhörten Unglücksfälle war Frankreich nicht besiegt, unsere festen Plätze standen noch aufrecht, Paris war im Zustande der Vertheidigung. Der weiteren Ausdehnung der Unglücksfälle konnte Einhalt gethan werden, aber während alle Blicke gegen den Feind gerichtet waren, brach in Paris die Insurrection aus, die Volksverwaltung wurde vergewaltigt, die Kaiserin bedroht. Eine Regierung in- stallirte sich auf dem Stadthause und das Kaiserreich, welchem die Nation soeben zum dritten Male ihre Zustimmung gegeben hatte, wurde durch Diejenigen gestürzt, welche berufen waren, es zu vertheidigen. Meinen gerechten Unmuth unterdrückend, rief ich mir za: Was liegt an der Dynastie, wenn das Vaterland gerettet werden kann? Und anstatt gegen die Verletzung des Rechtes zu protestiren, richtete ich den heißesten Wunsch auf den Erfolg der Nationalvertheidigung. Die patriotische Hingebung, welche alle Claffen, alle Parteien bewiesen, erfüllte mich mit Bewunderung. Aber jetzt, wo der Kampf unterbrochen und die Hauptstadt nach Helden- müthigem Widerstande gefallen ist, wo jede vernünftige Aussicht auf den Sieg verschwunden, jetzt ist es Zeit, von Jenen, welche die Gewalt usurpirt, Rechenschaft zu verlangen für bas unnöthig vergossene Blut, für die aufgehäuften Ruinen, für die verschleuderten Hilfsquellen des Landes. Das Schicksal Frankreichs kann nicht einer Regierung ohne Mandat überlassen werden, welche, indem sie Die Verwaltung desorganisiere und nicht eine jener Autoritäten bestehen ließ, welche ihren Ursprung dem Stimmrechte verdanken. Eine Nation kann einer Legierung nicht lange Gehorsam schenken, welche kein Recht hat, zu befehlen. Ordnung, Vertrauen und sicherer Friede wird nur dann erzielt, wenn das Volk befragt worden ist über jene Regierung, welche am meisten befähigt ist, das Vaterland von den Leiden zu befreien; unter den feierlichen Umständen, in welchen wir uns befinden, ist cs nöthig, baß Frankreich einig fei in seinen Bestrebungen, Wünschen und Entschließungen. Dies ist das Ziel, welches alle guten Bürger bestrebt sein müssen, zu erreichen. Wag mich anbelangt, gebeugt durch so viele Ungerechtigkeiten und bittere Enttäuschungen, so will ich heute nicht jene Rechte in Anspruch nehmen, welche ihr mir vier Mal in 20 Jahren freiwillig übertrugt. Angesichts unseres Unglücks ist fein Raum für persönlichen Ehrgeiz. Aber so lange nicht das Volk, in regelmäßigen Wahlen versammelt, seinen Willen kundgegeben hat, wird eg meine Pflicht sein, als wahrhafter Repräsentant der Nation mich an dieselbe zu wenden und zu sagen: Alles ist unberechtigt. Nur eine aus der Volkssouveränetät entsprungene Regierung, welche über den Egoismus der Parteien sich zu erheben vermag, kann eure Wunden heilen, eure Herzen der Hoffnung und eure entweihten Kirchen euren Gebeten wieder eröffnen und Arbeit, Einigkeit und Frieden in den Schooß des Vaterlandes zurückfuhren Wilhelmshöhe, 4. Februar 1871. Napoleon." (Nach einer Mittheilung des „Etoile beige" ist in den Straßen von Brüssel ein Mauer- anschlag mit Der Unterschrift Des StaatSraths Conti (CabinetSchef des Exkaisers) angeheftet, welcher Die Erklärung enthält, Daß Die Dort verkaufte Proklamation Napoleons 111. gefälscht sei und Der Urheber Der Fälschung gerichtlich verfolgt werben soll. — Ob vieS bie obige ist, ist nicht zu erkennen.)
Darmstadt, 13. Febr. Ueber die Erderschütterungen vom Freitag empfangen wir ferner Berichte aus Rothenberg bei Hirschhorn, Neunkirchen, Reichenbach, Groß-Hausen, Lorsch, Neu-Isenburg und Hirzenhain am Fuße des VogelöbergeS, welche sämmtlich darüber übereinstimmen, daß Der Morgens halb 6 Uhr beobachtete Stoß an Intensität alle bisher beobachteten übertraf. In Reichenbach schlugen die Glocken an, und in mehreren Orten des Thals fielen Steine von den Schornsteinen auf Die Feuerherde; ebenso von einem Schlot der Ultramarinsabrik Marienberg Der aus Sandstein bestehende Kranz. In Reichenbach bemerkte man bei mittlerem Barometerstand und ruhiger Luft ein elektrisches Flimmern am südlichen Himmel. In Schönberg will man in derselben Richtung ein solches wie aus dem Berg hervorkommend gesehen haben. In Lorsch stürzten mehrere Schornsteine ein. Die bereits außer Bett befindlichen Leute konnten sich nicht aufrecht halten, und riefen einige derselben um Hülfe.
Auch gestern und in letzter Nacht wurden mehrere Erdstöße beobachtet, von welchen Der gestern Morgens um y211 Uhr unD der von heute früh 3/46 Uhr Die stärksten waren. Bei Dem erstgenannten Stoße beobachteten wir genau die Richtung von Nord nach Süd, inoem in dem nach Norden gelegenen Saale un* serer Officin zuerst Die Fenster erklirrten und erst nach einigen Secunden Lampen
und sonstige Gegenstände in unserem Saale nach Süden in schwingende Bewegung geriethen. Ein Beobachter im Freien theilt uns mit, daß das bei dem Stoß ver- nehmbare Geräusch diesmal nicht ein dumpfes Dröhnen, sondern mehr ein metallischer Klang, gleichwie von einer Militärmustk herrührend, gewesen sei. Die Stäbe eines EisengelanderS, vor dem er sich gerade befunden, seien in immer rascher rotirende Bewegung gerathen.
Der Stoß von heute früh war weniger heftig und währte etwa 3 Secunden. Die Richtung war dieselbe wie bei dem vorgenannten.
Von einem heute Nacht stattgehabten Erdstoß, der dem letztgenannten an Stärke gleichkam, vermögen wir die Zeit nicht genau anzugeben; derselbe möchte gegen i/23 Uhr sich ereignet haben.
Frankfurt. Da viele französische Geschäfte in Paris beschlossen haben, keine Deutsche mehr anzustellen, so hat, wie wir vernehmen, eine Anzahl hiesiger Firmen, welche mit Paris Geschäfte machen, beschlossen, ihre CorresponDenz mit Den dortigen Häusern nur deutsch zu führen.
Berlin. Es flieht wenige Familien, denen der jetzige Krieg nicht ein oder das andere schwere Opfer gekostet hätte, aber gewiß hat keine so schwere Opfer zu beklagen, wie die des preußischen Obersten v. Werd Hern, denn dessen sechs Söhne, Die als Offiziere Dienten, sinD auf Dem FelDe Der Ehre umgelommen.
Berlin, 10. Febr. Die Repartition Der von Der Stadt Paris zu zahlenden Contribution von 200 Millionen Francs, auf 63 Millionen Thaler abgerundet, ist der „Corresp. St." zufolge der Art erfolgt, daß der nordoeutsche Bund 50 Millionen erhält, während 13 Millionen auf die süddeutschen Staaten fallen.
Düsseldorf. Die Stadt Düsseldorf hat dem Generalstabschef der kronprinz- lichen Armee, Generallieutenant v. Blumenthal, das Ehrenbürgerrecht verliehen.
Leipzig, 9. Febr. Auch die GemeinDebehörden der Stadt Leipzig haben, wie mitgetheilt, den Grafen Bismarck uns Moltke das Ehrenburgerrecht verliehen.
München, 11. Febr. Zu Vertretern Bayerns im deutschen Bundesrath hat der König ernannt: 1) Den Staatsminister Der Finanzen v. Pfretzschner, 2) Den Staatsminister Des Handels und der öffentlichen Arbeiten v. Schlör, 3) den Staatsminister der Justiz und des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten v. Lutz, 4) den außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister Bayerns am Berliner Hofe Freiherrn Pergier v. Perglas, 5) den Obersten unv Referenten im Kriegsministerium Theodor Fries unD 6) Den Ministerialrath des HanDelsministeriumS Georg Berr. — Der Letztere war bisher bayerischer Bevollmächtigter beim Zollbundesrath.
Aus Lyon vom 4. D. wird der „JnDependance" gemeldet: „Das Corps des Generals Cremer, welches sich auf Gex zurückzog, war gezwungen, wegen Der Terrainschwierigkciten 40 Kanonen vernagelt zurückzulaffen.
Brest. In den bei Lanvernau angesammelten, für Paris bestimmten Schlacht« viehheerDen ist Die Rinderseuche auSgebrochen. Die Thiere fallen so zahlreich, daß es unmöglich geworden ist, Dieselben einzuscharren; die Cadaver werden daher auf Kriegsschiffe verladen und von dort ins Meer versenkt.
Aus Beutimiglia, 10. Febr., 1 Uhr 55 Min. Nachm., erhält die „A. A. Z." von unbekannter Hand nachfolgenDeS italienisch abgefaßte Telegramm: „Nizza ist in Revolution. Viele Verwundete. Die Bevölkerung belagert die Präfectur und verlangt den Anschluß an Italien unter Dem Rufe: „Es lebe Deutschland!"
Telegraphische Depeschen.
△ Bordeaux, 12. Febr. Jules Favre ist hier angekommen.
△ Bordeaux, 12. Febr. Heute um 3 Uhr wurde die vorbereitenDe Sitzung Der Nationalversammlung eröffnet; anwesend waren 250 bis 300 Deputirte. Benoit d'Azy führte als Alterspräsident Den Vorsitz. Er betonte, Daß Die gegenwärtigen Umstände eine sofortige Constituirung Der Versammlung erheischten, wenn auch Dieselbe noch nicht vollzählig sei. Seine Worte wurden allseitig beifällig ausgenommen. Emanuel Arago bemerkte, Die definitive Constituirung könne nicht vor einigen Tagen erfolgen, da die Protokolle über die Wahlen erst einzulaufen beginnen und die Resultate von 28 bis 30 Departements, insbesondere von Paris und den vom Feinde besetzten Departements, noch nicht bekannt seien. Der Präsident brachte Den Antrag auf sofortige Constituirung Der Versammlung zur Abstimmung und wurde derselbe ohne Widerspruch angenommen. Jarcy schlug vor, die Wahl eines definitiven Bureau's solle erfolgen, sobald als Die Hälfte Der Mitglieder anwesend seien. Der Ernst Der gegenwärtigen Lage gestatte nicht, Die gewöhnlichen Regeln zu befolgen. Der Alterspräsident beantragte, Die vier jüngsten Mitglieder zu Secretären zu ernennen. Hierauf folgte eine kurze Debatte, an welcher sich Garnier-Pages und Dupont beteiligten. Dalot betonte, daS Land wüßte, daß eine gesetzmäßige Gewalt an seiner Spitze stehe. Girard ver- theidigte ebenfalls die sofortige Ernennung Der Secretäre. Der Antrag des Präsidenten wird angenommen und Castellare, Tanneguy-Duchatel, Wiron unD de Remusat roerDen in Das Bureau berufen. Die Versammlung vertagt sich hieraus auf morgen 1 Uhr Nachmittags. Die Sitzung wird alSDann in Dem gewöhnlichen Sitzungssaale stattfinden.
4- Bern, 13. Febr. Der „Bund" meldet: Die Berichte aus den Cantonen ergeben 1798 internirte Offiziere, 79,789 Mannschaften und 10,000 Pferde. General Herzog ist ermächtigt worden, zwei Brigaden Der Grenzbesatzung zu entlassen.
4- Brüssel, 14. Febr. Der „Etoile beige" bringt folgendes Verzeichnis der Pariser Wahlergebnisse: Louis Blanc, Garibaldi, Rochefort, Gambetta, Pyat, Saisset, Thiers, Quinet, Schoelcher, Joignaux, Pothnan, Dorian, Henri Martin, Micage, Locroy, Arnoud, Delescluze, Dufraiffe, Peyrat, Langlois, Littre, Affy, Floquet, Milliere, Arth. Arnould. Der Ballottage werden unterworfen: Favre, Cochin, Gambon, Raue, Malon Greppo, Ulrich Flonvielle, Faidherbe, Cremieut und Asigne. Es wurde Befehl erteilt, Berezowski freizulaffen.
4- Brüssel, 14. Febr. Die deutsche Gesandtschaft zeigt an, daß sie nicht mehr im Stande sei, Paffirscheine nach Frankreich zu erteilen.
△ London, 14. Febr. Ein Telegramm aus Bordeaux meldet: Das Parlament ernennt nach der Präsidentenwahl eine Commission von Drei Mitgliedern, welche nach Versailles gehen soll. Die Wahlprhfungen werden hierauf fortgesetzt. Nach Rückkehr Der Deputation von Versailles soll über Den Friedensvertrag verhandelt unD im Annahmefalle Das Parlament vertagt und in Paris wieder eröffnet werden.
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