nicht wählten, so sei Gefahr im Verfuge; wenn die Assemblöe den demüthigenden Frieden annehme, habe die republicanischc Partei eine Schuld auf sich geladen; es gelte daher, eine Assemblee durchzusetzen, die keine mit der Volkswürde ver- uneinbare Bedingung zugestehe. Das Siöcle fordert Vie Delegation auf, „bis ans Ende den Widerstand fortzusetzen und Alles zum neuen Losschlagen vorzubereiten"; indeß solle das Land durch seine Wahlen beweisen, daß es „feine Verstümmlung Frankreichs dulde, daß es eher die äußersten Opfer bringen, als einen schimpf- lichen Frieden dulden werde." Daher: „Paris ist gefallen, es lebe die Provinz, welche gleichfalls den Pact der Unverletzbarkeit unseres Gebietes unterzeichnet hat: Aux armes! aux armes !*
Kriegs nachrichten.
Berlin, 7. Febr. Der Chef des Generalstabes der deutschen Heere, General der Infanterie Graf Moltke, hat durch Telegramm vom 1. d. Mts. die W.isung ertheilt, daß „mir Eintritt des Waffenstillstandes den französischen Behörden die Herstellung der Eisenbahnen und sonstiger Communicationen zu gestatten ist. Alle Eisenbahnen auf den am 26. orcupirten Gebieten bleiben in deutschem Betriebe. Torpedo« in den Flüssen sind zu entfernen".
Berlin, 10. Febr. Gegenüber den Mittheilungen der Blätter bezüglich einer Verlängerung deS Waffenstillstandes bemerkt die „Kreuzzeitung": daß die Entscheidung hierüber nicht früher getroffen werden kann, bis sich erkennen läßt, wie weit die gewählte französische Nationalversammlung wirkliche Chancen für den FriedenSschluß darbictet.
Darmstadt, 10. Febr. Nachdem im ganzen vergangenen Jahr nur schwä- chere, wenn auch zahlreiche Erdstöße in der hiesigen Gegend wahrgenommen tour» den — der letzte derselben wurde am 18. December zu Groß-Gerau beobachtet — erfolgte heute Morgen um 5 Uhr 35 Minuten ein Erdbeben, das, sowohl was die Intensität, wie auch, was die Dauer anlangt, alle diejenigen, welche wir seit dem 13. Januar 1869 hier beobachtet habrn, übertraf. Der um diese Zeit statt- gehabte heftigste Stoß dauerte auf dem felsigen Terrain der Lindendosstraße min* destens 4 Stunden. Die Bewegung war im Gegensatz zu früheren Fällen, wo die Erschütterung derjenigen vergleichbar war, die ein rasch vorüberfahrender, schwer biladener Bahnzug an einem Stationsgebäude hervorbringt, eine derartige heftige, rasch hin und her rüttelnde, daß eine Richtung der Bewegung gar nicht wahrgenommen werden konnte. Der Stoß schien sogar dircct von unten nach oben zu gehen und ein unbeschreibliches Etwas Wände und Möbel zu schütteln. Schreiber dieses verspürte heute zum ersten Mal die Erdbebenfurcht. Zwei Minuten nach diesem Stoß wurde das heftigeren Erdstößen in der Regel nachfolgende Rollen gehört. Es schien sich von Süden nach Norden fortzupflanzen. Um 5 Uhr 45 Minuten erfolgte eine zweite, leichtere, zwei Secunden dauernde, von Süden nach Norden sich verbreitende Erschütterung, der zwischen 6 und 7 Uhr noch einige folgten.
Berlin, 9. Febr. Nach den neuesten Nachrichten hält man es für nicht unwahrscheinlich, daß der Fürst Karl von Rumänien auf feine Fürstenwürde ver- zichten werde, und zwar leicht erklärlicher We.se mit Rücksicht auf die Macht, welche die Partei der Rothm daselbst erlangt hat. Sobald der Fürst Karl feine deßsallsigen Entschließungen zur Kenntniß der Türkei gebracht haben wird, dürften ohne Zweifel die Garantiemächte diejenigen Maßregeln ergrc.fen, die zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung erforderlich erscheinen.
Berlin, io. Febr. Es verlautet, daß die Formation der gesammten Reichsarmee im Zuge sei. Für das künftige dreizehnte Armeekorps sind die württem- bergischen und hessischen Truppen in Aussicht genommen.
München, 9. Febr. König Ludwig hat an den ersten Bürgermeister der Stadt München, Dr. Erhardt, folgendes Handschreiben gerichtet: „Herr Bürgermeister Erhardt. Die äußerst geschmackvoll auSgestattete Adresse der hiesigen Gc- meindecvllegien habe Ich empfangen. Neben dem berechtigten Hochgefühle für Deutschlands Macht und Einigkeit werden die Vertreter und Bewohner Meiner Haupt- und Residenzstadt die altererbke Anhänglichkeit an die Dynastie und die warme Liebe für das Heimathlanv treu bewahren und nach ihren Kräften dahin wirken, daß die Wiederkehr des deutschen Reiches auch zum dauernden Segen Meines geliebten Bayern Werde. Indem Ich hierin auf die biedere Gesinnung der Einwohner Münchens baue, sage Ich Ihnen als erstem Bürgermeister für 'die Mir in der Adresse niedergelegten Huldigungen Meinen freundlichen Dank und verbleibe mit geneigten Gesinnungen: München, den 7. Februar 1871. Ihr gnädiger König Ludwig."
Wien, 8. Febr. Vor ungefähr zwei Wochen signa'isirte Graf Beust in Pesth die Annäherung an Deutschland, wofür ihm sowohl tn der deutschen wie in der ungarischen Delegation ein Vertrauensvotum gegeben wurde und j ^t erhalten wir ein klerikal-czechiscbeS Ministerium, gewiß die seltsamste Illustration der von dem Reichskanzler angekündigten deutschfreundlichen Politik. Hier nennt man das neue Ministerium das Proiections-Ministerium. Der neue Justizminister mit dem wohlklingenden Namen „Habietinek" verdankt namltcb seine jetzige Stellung dem Umstande, baß er feiner Ze t im Hause des Grafen Hohenwart als „Hofmeister" fungirte, der Unterrichtsminister mit dem unaussprechlichen Namen Jirecek, in den 50er Jahren eine Creatur Leo Thuns und eines der brauchbarsten und brutalsten Weikzeuge der clerikalen Reaktion ist wieder mit dem neuen Justiz- Minister verschwägert, welcher letzterer ein intimer Freund Schaeffle, ist, der sich selbst einen heftigen Gegner Preußens nennt und fein Hehl daraus macht, daß er die hiesigen Verhältnisse nicht fennt. So erklärte er kürzlich ganz offen in der dritten Sitzung der Kohlen-Enquete-Commission, daß er an den Arbeiten der Commission nicht erfolgreich theilnehmen könne, weil er mit den speciellen österreichischen Verhältn ff n viel zu wenig bekannt sei. Me»n wird zugeben, daß einiger Muth dazu gehört, die Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, die mit der Uebernahme eines Portefeuilles verbunden ist. Charakteristisch ist die Mittheilung, daß Dr. Stremayr, der frühere Unterrichtsminister, Die Absicht hatte, den Hofrath Jirecrk und zwar gewiß nicht deshalb, weil Letzterer in Jahren vorgerückt wäre, zu pen sioniren und daß die bezüglichen Einleitungen bereits getroffen waren. Nun scheidet Stremayr aus dem Unterrichtsministerium und der Hofrath, der pensionirt werben sollte, wirb Minister. — Ein günstiges Prognosticon wirb bem neuen Cabinet von keiner Seite gestellt und allgemein glaubt man, daß wir bald um ein Experiment werben reicher geworben sein, durch welches bas Vertrauen in den Bestand der Verfassung noch tiefer erschüttert, das Band zwischen Den Volkern deS Reiches noch mehr gelockert toercen wirb. (F. P.)
Paris, 6. Febr. Das Haus Rothschild legt in nächster Woche in London die Contributionsanleihe der Stadt Paris von 200 Millionen Francs zum Ernis- sionscourse von 85 ä 86 auf. Die Anleihe ist mit 5 pCt. in fünf Jahren al pari zurückzablbar. Bismarck gestattet Theilnahme der Deutschen.
Elbtttf, 3. Febr. (Von einem Offizier der 22. Division.) Seit dem vor einigen Tagen sistirten Vormarsch und der nach so schwierigen Märschen einge- tretenen Ruhe hat sich sofort der Krankenstand unserer Regimenter vermindert. Der Abgang an Menschen war auch durch Die vorhergegangenen furchtbaren Strapazen ein außerordentlicher und übertraf die Verluste durch Gefechte bei den meisten Abtheilungen. Nur bei einigen, wie z. B. dem 83. Infanterieregiment, welches durch Die Kämpfe so immens verloren hat, stellt sich jenes Verhältniß ungefähr gleich. Einen Begriff von Den Verlusten dieses Regiments geben folgende Notizen: Das Regiment rückte natürllch vollzählig, per Bataillon 1000 Mann stark, aus; während des Krieges erhielt es 6mal, zum Theil von Ersatzbataillonen anderer Regimenter, Ersatzreseve nachgeschickt; trotzdem ist eS bis jetzt per Bataillon nur 400—500 Mann stark. Der Verlust an Offizieren ist noch kolossaler; derselbe beträgt 89 Köpfe, wovon 24 toot, also 15 mehr als das Regiment beim Ausmarsch hatte. Ein Bataillon hat bereits Den Dritten CommandirenDen, Die beiDen Vorgänger wurden todtgeschoffen.
Loudon, 6. Febr. Die Sammlungen zur Linderung Der Noth in und um Parts, welche in voriger Woäie auf Anregung DeS LorD-Mayors begonnen wurden, haben bereits über 34,000 PfD. Sterl. erreicht. Mögen Die Ansichten über Englands politische Haltung während Des Krieges auch noch so getheilt sein, über seine Mildlhättgkeit kann nur eine Stimme herrschen.
Der Kanzler Der französischen Botschaft in London fordert in Den Spalten Der „Times" Diejenigen augenblicklich in England lebenden französischen Steuerzahler, welche die Abgaben für 1871 ganz oder theilweise im Voraus zu entrichten wünschen, auf, ihre Zahlungen an das hiesige Bankhaus I. S. Morgan u. Comp. zu machen, welches für Den Empfang gültige Quittung ausstellen roerDe.
London, 9. Febr. Die Königin eröffnete heute Das Parlament mit einer Thtonred.', welche besagt: Der Krieg, der bisher gewüthet, könnte möglicherweise in wenigen Tagen wieder beginnen, wenn nicht Mäßigung die Hindernisse des Friedens beseitige. England habe strenge Neutralität beobachtet und jede aussichtslose Intervention vermieden. Der gegenwärtige Waffenstillstand lasse endlich eine vollständige Verständigung hoffen, welche mit Der Sicherheit und Ehre beider Nationen vereinbar wäre. Zu Der Annahme des Kaiscrtittls durch den König von Preußen habe Die Königin Glückwünsche abgestattet. Die Wiederherstellung der deutschen Kaiserwürde bezeuge die Festigkeit und Unabhängigkeit Deutschlands, welche Der Stetigkeit der europäischen Staatsverhältnisse nur zuträglich sein könnten. Die Königin spricht Die Hoffnung aus, Das Resultat Der Conferenz werde Die Principien des öffentlichen Rechtes betreffs Der Verträge aufrecht halten und andererseits ein herzliches Einvernehmen Der Mächte bezüglich Der Orientfrage herbeiführen Die Königin bedauert Die Abwesenheit eines französischen Gesandten auf Der Conferenz. Bezüglich des Ausgleichs Der mit Nordamerika schwebenden Frage sei eine besondere Commission eingesetzt. Die Königin bedauert, daß die Untersuchung bezüglich Der Marathouaffaire noch nicht abgeschlossen sei, sie (Die Königin) werde bestrebt fein, Den Abschluß herbeizuführen. Die Thronrede hebt Die freundschaftlichen Beziehungen zu allen civilisiiten Mächten hervor. Zu den inneren Angelegenheiten übergehend, verspricht Die Thronrede eine Reihe von Gesetzesvorlagen, darunter über Die Heeresorganisation.
Telegraphische Depeschen.
4- Straßburg, 11. Febr. Der „Nicderrheinische Courier" sagt in Betreff Der Wahlen: „Die Betheiligung bei Den gestrigen Wahlen war eine sehr starke. Wenn in Straßburg z. B. von 17,083 eingeschriebenen Wählern nur 10,226 stimmen, so übersetze man ja nicht, Daß ein großer Theil Der Eingeschriebenen als kriegsgefangen, im französischen Heere DienenD, flüchtig oder aus anderen Gründen abwesend nicht mit gezählt werden Darf. Schlägt man diese Abwesenden, was noch hinter der Wahrheit zurückbleiben Dürfte, auf 6000 an, so bleiben etwa 11,000 Stimmfähige, von Denen Diejenigen, die wirklich ihr Votum abgegeben , mehr als elf Zwölftel bilden. — Dasselbe Blatt bringt ein Schreiben eines Elsässers, das zum Wählen auffordert. Es heißt Darin : „Sagen wir Der constituirenden Versammlung: Zieht nur das allgemeine dringende Interesse des ganzen VatcrlanDcS in Erwägung! Opfert uns, wenn's sein muß! Mir entbinden Euch einer Ehrenpflicht, Deren Erfüllung Euch jetzt unmöglich ist. Es werden wieder bessere Tage kommen, wo Die Völker, nicht mehr unter Dem Einfluß beklagenswenher Traditionen stehend, sich nicht mehr durch Vogesen oder Rhein trennen lassen. Bis dahin möge die Liebe, die uns das härteste Opfer b ingen, in unsere Abtretung an ein anderes Land willigen heißt, Alles was den Namen Elsässer trägt, jedem französischcn Herzen theuer machen. Das Elsaß kann vielleicht Frankreich Den ausgezeichnetsten Dienst leisten und zwar im verfänglichsten Augenblicke seiner Geschichte."
4- Straßburg, 11. Febr. Die „Straßburger Zeitung" meldet aus Mülhausen: Die Capitulation von Paris trägt bereite gute Früchte; die Fabriken haben wieder Arbeit. Obschon die Tage länger geworden, sieht man wieder bei Licht arbeiten und in solchen Fabriken, wo bisher nur 4 Tage in Der Woche gearbeitet wurde, laufen Spindeln und Webstühle wieder die ganze Woche. - Es stehen blos noch diejenigen Fabriken stille, in Denen es an mehr als an Arbrit mangelt.
+ Paris, 10. Febr. Die Zufuhr von Lebensrnitteln Dauert ununterbrochen fort, doch wird während des Waffenstillstandes Die Rationirung derselben noch aufrecht erhalten bleiben. Auf Den Bahnhöfen beginnt der Verkehr in gewohnter Weise sich wieder herzustellen. Seitens der Behörden wird Die Reorganisation Der Gensd'armerie lebhaft betrieben
△ Paris, 7. Febr. Zwischen Rampout und Den Deutschen Autoritäten wurde neuerdings vereinbart, daß nunmehr 2000, anstatt 1000 Kilogramm Briefe aus Paris gesandt werden können. — Eugen Vermersch befürwortet in einem Artikel mit Der Ueberschrift: „Paris capitulö“, Daß Die Bevölkerung Der Stadt Die republikanischen CandiDaten wähle^ welche einen ehrenvollen Frieden wünschten. Nur eine Republik, welche Die Uebd heile, Die Die Monarchien Frankreich geschlagen, können Das Land retten.
△ Bordeaux, 6. Febr. Die „Patrie' sagt: „Gambetta hat sich beim General Billot Die Depeschen bestellt, welche ihn in seinem System, Die Schuld Der Katastrophe Der Ostarmee auf die Pariser Regierung abzuwälzen, unterstützen sollen. Dieser Versuch ist jedoch resultatlos geblieben.
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