Darmstadt, 7. August. Den demnächst zusammentretenden Ständen ist folgende Vorlage unterbreitet worden:
„Durch das Reichsgesrtz vom 22. Juni 1871 wird den Bundesregierungen eine Summe von 4 Millionen Thalern aus der von Frankreich zu zahlenden Kriegsentschädigung zur Verfügung gestellt, um aus derselben, soweit nach den Verhältnissen der einzelnen Länder sich ein Bedürfniß herausstellt, den durch ihre Einziehung zur Fahne in ihren Erwerbsverhältniffen besonders schwer geschädigten Offizieren, Aerzten und Mannschaften der Reserve und Landwehr die Wiederaufnahme ihres bürgerlichen Berufs nach Möglichkeit zu erleichtern. Der Bundes- rath, welchem durch das Gesetz überlassen worden war, die Vertheilung der gedachten Summe durch die einzelnen Bundesregierungen anzuordnen, hat die Re- partition derselben auf die einzelnen Staaten des deutschen Reichs nach Maßgabe der Zollabrechnungs-Bevölkerung vorgenommen. Hiernach kommen auf das Groß- Herzogtum Hessen 85,258 Thaler — 149,201 st. 30 kr., deren Auszahlung an der Reichshauptkasse an die großb. Staatskasse von dem Reichskanzler - Amte verfügt worden ist. Was die Untervertheilung und die Verwendung der vorgedachten Summe im Großherzogthum anlangt, so möchte, entsprechend der Absicht des Reichsgesetzes und den im Großherzogthum bestehenden Verhältnissen und Einrichtungen, nach Ansicht der großh. Regierung hierbei in folgender Weise zu verfahren sein: Die im Großherzogthum verwendbare Summe von 145,201 st. 30 kr. wirb auf die einzelnen Kreise, nach Verhältniß der aus denselben, aus Veranlassung des Krieges gegen Frankreich in den Jahren 1870 und 1871 zur Fahne einberufenen Offiziere, Aerzte und Mannschaften der Reserve, Landwehr und Ersatzreserve erster Elasse vertheilt. Die Beihülfen werden in der Regel als Darlehen gewährt, zu deren Rückzahlung in einem oder mehreren Terminen angemessene Fristen bis zu fünf Jahren zu gestatten sind. Dabei kann eine mäßige Verzinsung der gewährten Darlehen, etwa bis zu drei Procent, ausbedungen werden. Ausnahmsweise können auch Unterstützungen, ohne Verpflichtung zur Rückzahlung, in hierzu geeigneten Fällen, jedoch nicht über den Betrag von 100 fl. bewilligt werden. Diejenigen, welche ein Darlehen oder eine Unterstützung zu erhalten wünschen, haben ihre Gesuche bei dem betreffenden Kreisamte binnen einer von diesem anzu- beraumenden Frist einzureichen und dabei nachzuwetsen, daß und inwieweit sie in ihren Erwerbsverhältnissen durch ihre Einziehung zu« Kriegsdienste geschädigt sind, und daß sie einer Beihilfe bedürfen, um sich in ihrem Besitzstände ober in ihrer Leistungsfähigkeit zu erhalten. Außerdem haben die Bittsteller in ihren Vorstellungen anzugeben, welche Summe sie zu erhalten wünschen, sowie ob und in welchen Terminen sie die Rückzahlung leisten wollen."
Gleichzeitig ist ein Gesetzentwurf über den Wahlmodus bei der Handels- kammer vorgclegt worden, (g. I.)
t Berlin, 7. August. Die Arbeitseinstellung der Maurergesellen tritt mit dem heutigen Tage in die vierte Woche ihrer Dauer ein, und noch immer stehen die Gegensätze so nnversöhnt sich gegenüber wie zu Anfang des Strikes. Das macht, weil man auf beiden Seiten täglich mehr die weittragende sociale Bedeutung dieser Arbeitseinstellung erkennt, weil nicht nur die direct Betroffenen, sondern jeder Arbeitgeber und jeder Arbeitnehmer von dem Bewußtsein durch- drungen ist, daß es sich bei dem jetzigen Vorgehen der Maurer nicht um eine simple Verkürzung der Arbeitszeit, sondern um den Au-trag der Frage handelt: ob in Zukunft seitens der Arbeiter den Unternehmern die Bedingungen der Arbeit dictirt werden sollen oder nicht. Seyen die Maurergesellen auch diesmal ihre Forderungen durch, so ist für die nächsten Jahre jede Disposition im Großen un- möglich, denn bei jeder günstigen Conjunctur werden die von einem einheitlichen Willen geleiteten Arbeiter ihre Anforderungen höher und höher schrauben, bis der Unternehmergewtun faktisch illusorisch geworden ist; zahlreiche Arbeiterbranchen sind heute schon bereit, die Arbeit sofort niederzulegen, sobald die Maurermeister zum Nachgeben gezwungen sind, hier in Berlin beispielsweise die Zimmerleute, Tischler, Maler, Buchbinder u. s. w. Unterliegen dagegen die Maurergesellen, so ist zu erwarten, daß auch die Meister anderer Branchen sich fester zusammenschließen werden, um unberechtigten Forderungen ihrer Arbeiter kräftig entgegenzutreten. Schon jetzt haben ca. 70 Tabaksfabrikanten sich in dem Beschluß geeinigt, bei weiteren Lohnforderungen ihrer Arbeiter sofort eine allgemeine Arbeitsausschlteßung stattfinden zu lassen, und in den Kreisen der hiesigen Buchdruckereibesitzer ist eine ähnliche Anregung gegeben. — Was den Stand des Maurerstrikes anlangt, so wurde in der gestrigen Gesellenversammlung constatirt, daß die für vergangenen Montag decretirte allgemeine Arbeitseinstellung nicht befolgt wurde, vielmehr die Gesellen, deren Meister die Forderungen bewilligten, fast ausnahmslos fortarbeiteten; dadurch fei dem Strike eine längere Dauer gegeben, aber man werde muthig aus- harren, auch wenn die Arbeit noch sechs Wochen ruhen müsse; im Geheimen tröstete man sich jedoch mit der Hoffnung, die Meister würden im Laufe dieser Woche gezwungen sein zum Nachgeben, weil die für die Regierungsbauten nachgelassene Frist mit dem letzten Sonnabend abgelaufen sei. Dem ist jedoch nicht so, viel- mehr ist die Regierung fest entschlossen, nach keiner Sette hin Partei zu ergreifen, mithin auch auf die Meister keine Pression zu üben. Wäre es den Gesellen ge- lungen, gleich bei Beginn des Strikes den Parlamentsbau zu inhibircn, dann dürften sie auf schnellen Erfolg rechnen; jetzt aber ist ihre Sache eine verzweifelte zu nennen. Schade um das schöne Geld, welches der Strike schon gekostet hat; die betreffende Summe ist bis jetzt auf mindestens 6000 Thlr. zu veranschlagen, wozu aus den Kaffen fremder Gewerkschaften etwa 3000 Thlr. geflossen sind.
Obwohl die Pocken-Epidemie in Berlin lange nicht mehr mit der Heftigkeit wie vor einigen Wochen wüthet, ist sie doch noch keineswegs erloschen, wie daraus zu ersehen ist, daß die vier städtischen Pockenlazarethe einen täglichen DurchschnittS- Krankenbestand von 400 Personen haben. Die Kosten, welche der Commune Berlin dadurch erwachsen, sind ganz enorm; sie beziffern sich jetzt schon auf ca. 43,000 Thlr.
t An Gründen, welche die Aufhebung der katholischen Abthetlung des preu- en Cultusmintsteriums erklären sollten, hat es bekanntlich nicht gefehlt, doch schießen dieselben zumeist am Ziele vorbei. Thatsächlich liegt der wahre Grund kV™* , a6redtl in der Erscheinung, daß die betreffenden Räthe, mit Einschluß des Directors Krantzig sämmtlich, mit einziger Ausnahme des Decernenten für n c r"r Anerkennung und „Geltendmachung" des päpstlichen
Unfehlbarkettsdogmas verpflichtet hatten.
k , W", Berliner Zeitungen au« angeblich sicherster Quellt gemeldet worden, L '^rbeiter-gitation ernste Conflicte Herdorrufen sollte, au
die Soldaten der hiesigen Garnison scharfe Patronen auSgetheilt sind, ist durch- 'halt in den maßgebenden Kreisen für durchaus unwahr- scheimrch, daß die Arbeiterführer die gegenwärtigen Verhältnisse für angezrigt halten
sollten, einen ernsten Versuch zur Verwirklichung ihrer Umsturzpläne zu wagen. Andererseits vernehmen wir, daß um die etwa in der nächsten Zeit aus Anlaß der WohnungSnoth entstehende Krawalle und Tumulte sofort im Keime zu ersticken, auf eine Vermehrung der Schutzmannschaft um 400 Mann Bedacht genommen worden ist. Dem nächsten Landtage soll eine darauf bezügliche Vorlage zugehen.
Breslau, 4. August. Das „Schles. Kirchenbl." meldet: „Die Bischöfe Preußens werden, wie uns mitgetheilt wird, in Fulda in den nächsten Tagen zusammenkommen."
Karlsruhe, 6. Aug. Aus einer Bekanntmachung des Handelsministeriums ist zu ersehen, baß die in Folge der Kriegserelgnisse im vorigen Jahre nicht zur Ausführung gekommene Legung eines zweiten Schienengeleises über die stehende Rheinbrücke bei Mainz nach einer Mittheilung des großherzoglich hessischen Rheinschifffahrtsbevollmächtigten alsbald stattfinden wirb. Es wird die Einrüstung stets nur in zwei Oeffnungen der Brücke stattfinden, und während der ganzen Bauzeit stets ein Dampfschiff bereit sein, um Schiffe und Flöße durch die freien Oeffnungen unentgeltlich zu schleppen, soweit das Passiren der Fahrzeuge durch die eingerüsteten Oeffnungen nicht statthaben kann. (F. I.)
München, 6. August. Ob unser König den Kaiser Wilhelm auf dessen Reise nach Gastein in Regensburg begrüßen wird, ist noch sehr zweifelhaft. Die Route über Regensburg-Passau wurde, wie mau hört, eben deshalb gewählt, um den König der Nothwendigkeit der Begrüßung zu überhebcn, da man ja weiß, wie höchst ungern er sich da,u herbeiläßt, seine ländliche Einsamkeit um der Pflichten der fürstlichen Courtoisie willen zu verlassen. Ohne diesen Grund wäre es nicht zu begreifen, weshalb Der Kaiser nicht die kürzere und (wegcn der bis Salzburg ununterbrochenen Eisenbahnverbindung) auch bequemere Route über München einschlägt. Was unseren König anlangt, so scheint es, daß er die gebotene Gelegenheit, in seiner Zurückgezogenheit zu verharren, benützen will. Er hat in den letzten Tagen wieder einen jener Ausflüge unternommen, die ihn oft tief ins Gebirge führen, und während deren mitunter selbst die Minister und das Sabinet Tage lang in Verzweiflung sind, wo sie ihn suchen sollen. Kann man, mit Rücksicht auf die Eigenthümlichkeiten des Königs Ludwig, an und für sich auf den Umstand, daß er eine Begegnung mit dem Kaiser nicht sucht, kein besonderes Gewicht legen, namentlich nicht geradezu auf eine in Grünven der Politik wurzelnde Verstimmung schließen, so ist daraus andererseits doch jedenfalls so viel zu entnehmen, daß in ihm nicht jenes Maß warmer Zuneigung lebt, welches im Stande wäre, den Hang zur Einsamkeit durch den Drang, den Oheim zu sehen, zu überwinden. Man erinnert sich hier sehr wohl, daß König Ludwig einer Begegnung mit seinem Oheim immer, wie oft sich die Gelegenheit dazu bot, au-gewichen ist, und es begreift sich, daß, je öfter man so gehandelt hat, es um so schwerer fällt, sich später zu corrigiren. (Im Widerspruch mit vorstehenden Angaben versichert ein Berichterstatter dcS „Nürnb. Corresp", eS verlaute in gutunterrichteten Kreisen, in Regensburg werde eine Zusammenkunft der beiden Souveräne stattfinden.)
(g. I.)
Dresden, 3. Aug. Unsere Socialdemokraten freuen sich bereits auf den Prozeß ihrer Führer Bebel, Liebknecht und Heppner, welche vom Geschworenengericht wegen Vorbereitung zum Landesverrath u. s. w. abgeurtheilt werden solle». Sie rechnen daraus, daß diese Führer alsdann mit socialdemokratischer Frechheit die unverschämtesten Lügen vor Gericht als Wahrheit Vorbringen und darauf ihre Dertheidigung stützen werden. Ob Herr Generalstaatsanwalt Dr. Schwarze Recht mit der voraussichtlichen Derurtheilung der Angeklagten haben wird, steht dahin. Die Freisprechung des Redakteurs des „Bulletin international", Dr. Otto Walster, vor dem Dresdener Geschworenengericht, trotz der offenkundigsten Verläumdung des Hauses Hohenzollern, welche vor mehreren Jahren erfolgte, läßt eine Derurtheilung nicht allzu sicher erwarten. Der genannte Dr. Walster ist der Redakteur des hier erscheinenden „Volksboten", und er versteht fein socialdemokratisches Geschäft jetzt so gut, wie damals das des französischen Agenten. Der in Braunschweig mit Beschlag belegte Artikel des dortigen socialdemokratischen „Dolkssreundes" ist hier im Wiederabdruck von dem erwähnten „Volksboteu" unbehelligt gebracht worden.
(Bad. Lsz.)
Brünn, 5. August. Gestern Abends fanden in der Dorstadt Josephstadt anläßlich der Delogirung einer Partei Arbeiter - Unruhen statt. Militär mußte einschreiten und Verhaftungen vornehmen. Seither herrscht wieder vollständige Ruhe.
Ischl, 5. August. Es werden hier große Vorbereitungen zu dem am 12. d. erwartenden Besuche der beiden Kaiser getroffen. Der Aufenthalt des Kaisers Wilhelm wird bis zum Abend währen. Viele Fremde treffen ein; auch der ungarische Minister Toth ist angekommen. (N. fr. Pr.)
Paris, 8. Aug. Aus Versailles wird aus guter Quelle geschrieben, daß die Deutschen in acht Tagen die Departement- Oise, Seine et Oise, Seine et Marne und Seine räumen werden. Man versichert, daß zwischen der Regierung und der betreffenden Commission über die Frage der Entschädigung der während des Krieges besetzt gewesenen Departement- ein Einvernehmen bewirkt ist. Der Antrag de- linken Centrums auf Verlängerung der Vollmachten Thier»' wird dem Vernehmen nach in aller Kürze eingebracht werden.
Nom, 3. August. Das heilige Collegium wird von zahlreichen Krankheitsfällen heimgesucht. Cardinal Barnabo liegt schwer darnieder. Sein rheumatisches Uebel hat das Gehirn afficirt. Er hat das Licht der Augen und der Vernunft zugleich verloren und sein Zustand wird als hoffnungslos betrachtet. Auch an dem Aufkommen de- vom Schlagfluffe betroffenen Cardinal- Clarelli wird gezweifelt. Diese beiden Männer gehörten zu den entschiedensten Partisanen der schroffsten Neaction, und ihr Abgang würde im zukünftigen Conclave der einer versöhnlicheren Richtung huldigenden Partei unter den Cardinälen zu Gute kommen. Der Papst befindet sich körperlich wohl. Sein Blick ist noch immer auf Frankreich gerichtet, womit der Vatikan einen äußerst lebhaften Umtausch von Depeschen und Briefen unterhält. Paris, Versailles und die größeren Städterin denen die legitimistische Partei zahlreich vertreten ist, sind die Ausgangspunkte dieses geheimnißvollen Verkehr-.
Warschau. 30. Juli. Die preußischen Militär-, welche auf Einladung des Kaiser- Alexander den hiesigen Truppenübungen beiwohnen und sich auch zu den Manövern nach Petersburg begeben werden, werden sowohl vom Kaiser wie von den russischen Offizieren mit großer Auszeichnung behandelt. Sie sind aus kaiserliche Kosten im Orangerie - Palast einquartiert und eine au- Deutsch sprechende» Offizieren bestehende Ehrenescorte sorgt für ihre Bequemlichkeit und ihr Vergnügen und begleitet sie auf ihren Ausfahrten in die Stadt und Umgegend. Den Revuen
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