Ausgabe 
25.10.1870
 
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Da- griechische Ministerium hat neulich zwei Berichte veröffentlcht, welche eben nicht einen tröstlichen Inhalt haben. Der eine enthält eine statistsche Tabelle über alle gefangenen, getövteten und zersprengten Räuber und eine aus« führliche Liste aller Verurtheilungen, die im Laufe dieses Jahres stattgefunlen. Der zweite Bericht beschreibt die Lage der griechischen Finanzen. Seit dem Jchre 1862, seit der October-Revolution, war der Geldmangel stets die größte Geßel des kleinen griechischen Staates. In den Provinzen konnten die Steuern nur mit der größten Schwierigkeit eingetrieben werden; da- Deficit wurde mit jedem Jahre größer, die Ausgaben mehrten sich, besonders während der Jahre des kretischen Ausstandes, unv Schulden häuften sich auf Schulden. Die Schuld seit dem Jahre 1862 ist zu der Ungeheuern Summe von 70 Millionen Drachmen arge- schwollen, und das Defic-t von 2 Millionen auf 3 und für das nächste Jahr sogar auf 4 Millionen gestiegen. Pensionen wurden seit 7 Monaten nicht mehr bezahlt, und die armen ehemaligen Beamten, welche darauf Anspruch Halen, steyen arm und verlassen vor den geschlossenen Thüren der Pensionskasse.

lieber die Krisis, die in China, was das Verhältniß zu den Fremden be« trifft, sich ankündigt, wird berichtet: Der französische Gesandte, Graf Roche- chouart, hatte, was einige Zeit zweifelhaft war, in Folge des Massacres von Tientsin ein Ultimatum gestellt und man sah dem völligen Bruche entgegen. Die chinesische Regierung wäre willig gewesen, Geldentschädigungen zu leisten und eine Anzahl der am Blutbade unmittelbar Betheiligten mit dem Tode zu strafen. Auf die Forderung, ihre Beamten preiszugeben, wird sie nicht eingehen. Bei den gepflogenen Verhandlungen trat die Spaltung der Regierung in zwei Parteien deutlich hervor: die eine, allem Anscheine nach stärkere Partei ist entschieden den Fremden feindlich und kriegslustig: die andere, zu der Prinz Kung, der gegen­wärtig noch an der Spitze der Geschäfte steht, und einige wenige andere Man­darinen gehören, wenn auch nicht den Fremden freundlich, doch friedlich und vorsichtig. Unterliegt Prinz Kung, so befürchtet man das Schlimmste, nicht blos für die Franzosen, sondern auch für alle anderen Fremden. Schon jetzt tvirO die Stellung der sämmtlichen fremden Gesandten in Peking täglich unangenehmer, der Verkehr mit den Behörden schwieriger, die Stimmung der Chinesen gereizter Mehr und mehr ergibt sich, daß das Blutbad von Tientsin eine tiefere Be­deutung als die eines bloßen Straßenkrawalls hatte, und daß der Mangel an Einmüthigkeit und einer aus dem Gefühl der Solidarität hervorgehenden Energie unter den fremden Vertretern die persönliche Sicherheit dieser und die Lage aller Fremden ohne Unterschied der Nationalität gefährdet. Die Nachrichten über den in Europa ausgebrochenen Krieg ermuthigen nächstdem die fremdenfeindliche Partei und so gestaltet sich die Situation immer bedenklicher. Ein Gewitter steht drohend über Peking und wird vielleicht zuerst wieder in Tientsin losbrechen. Einige Missionäre haben sich bereits von Peking geflüchtet. Der englische und der nord­deutsche Bundesconsul in Shangai haben, die Initiative ergreifend, ihre Minister gebeten, sich nach Shangai zu begeben.

Kriegsnachrichten.

Versailles, 22. Oct. Osficiell. General Wittich hat am 21. d. Chartres besetzt. Vor Paris hat sich der Feind nach seinem gestern abgeschlagenen Angriff völlig ruhig verhalten. Vor Metz treffen täglich französische Ueberläufer in größe­rer Zahl bei unseren Vorposten ein.

Kintzheim, 23. October. Vergangene Nacht 1. Parallele gegen die Süd- west-Front von Schlettstadt auf 5700 Schritt ausgehoben. Diesseits stehen 32 Geschütze im Feuer. Verlust nur drei Mann. gez. von Schmeling.

Aus Lille, 22. Oct., wird telegraphisch gemeldet:Die Preußen sind gestern Vormittag 10 Uhr nach einer halbstündigen Kanonade in St. Quentin eingerückt. Angesehene Bürger jener Stadt sind heute früh mit einem Extrazuge hier eingetroffen, um sich bei der Bank die vom Feinde requirirte Summe von zwei Millionen zu beschaffen, und sind um 7 Uhr wieder zurückgekehrt. Die Eisenbahnverbindung mit Amiens ist unterbrochen; die Züge müssen bei der Sta­tion Albert anhalten."

Tours, 21. Oct. Der Moniteur vom 19. Oct. schreibt:Chalons wurde eine Coutribution von 1,600,000 Francs auferlegt, fast 1000 Francs per Kopf. Wüßten die anderen Nationen, was sich jetzt in Frankreich begibt, alle ausnahmslos würden sich waffnen und zu Hülfe eilen!" DerSiecle schreibt:General Mazure, Excommandant von Lyon, hat sich in Tours auf­gehalten. Eine Armee-Division der Loire-Armee soll ihm übertragen worden sein"; dieLiberty" :Der Maire von Beaugenay wird füsilirt werden, er hat dies wohl verdient und sollten die Generale, die über ihn zu richten ha­ben, dies nicht thun, so sind sie eben so strafbar, wie er selber. Man erwartet stündlich ein Decret der Regierung, daß Jeder füsilirt werden soll, der dem Feinde was immer offerirt." Der an der Spitze des Armeewesens als Gam- betta's Secretär gestellte Ingenieur Freysinet hat, laut einem Communique in den heutigen Journalen, seine Wirksamkeit damit begonnen, die Generalstabs­karte von Frankreich photographiren zu lassen, um damitjetzt sämmtliche Of­fiziere der französischen Armee zu versehen".Werden dann", sagt ein Blatt, künftighin unsere Landeskinder fast eben so genau das Kriegsterrain kennen, wie die preußischen Offiziere?" Garibaldi's Schwager, Canzio, ist mit mehre­ren Freunden in Marseille eingetroffen. Garibaldi's Söhne werden nach dem Siecle" noch erwartet.

Tours, 22. Oct. Depeschen aus Lille zufolge ist gestern St. Quentin vom Feinde besetzt worden. Die Preußen marschiren nach Amiens in zwei Colonnen, die eine von Breteuil, die andere von Montdidier aus.

Toms, 22. Oct. Gambctta hat an Stelle des Präfecten von Marseille, E-quiros, als Generalcommiffär der Bouches du Rhone Marc Dufresne ernannt. Derselbe ist aber von der Nationalgarde festgenommen und nach Marseille in's Gefängniß geworfen worden.

Belgischen Blättern entnehmen wir folgende deutscherseits noch nicht ge­meldete Nachrichten:

Etoile" vom 19. d. sagt:Eine aus Lille und Valenciennes angekommene glaubwürdige Person versichert, in Lille sei unter dem Vorsitz des Präfecten des Norddepartements, Testelin, ein Kriegsrath gehalten und in demselben beschlossen worden, St. Quentin solle den Feinden keinen neuen Widerstand entgegensetzen. A. de la Forge, welcher dem Kriegsrathe beiwohnte, habe lebhaft gegen den Be- schluß protestirt und sei sofort nach Tours abgereist. Der Beschluß de- Kriegs- raths gründete sich auf die Nachricht, daß 25,000 Mann Preußen von der Blo- kade von SoiffonS sich auf Saint Quentin richteten. Saint Quentin ist gestern von den Preußen besetzt worden."

Poitiers, 19. Oct. DerLiberal de Cambrai" verlangt, daß die Re­

gierung die Altersklasse 1871 zum Kriegsdienste schon jetzt einberufe. Die Liberte de Rouen" meldet:Der Maire von Gisors, Mr. Lepöre, drohte den Nationalgarde-Offizieren, ihre Namenslisten den heranrückeuden Preußen mitzutheilen, wenn sie durch ihren Widerstaudsversuch Unglück über das Städt­chen bringen wollten. Als die Offiziere daran sich nicht kehrten, führte dieser des Namens unwürdige Maire seine Drohung aus und zwang dadurch die be- klagenswertheu Opfer der Denunciation zur Flucht."

Aus Gibet, 20. Oct., wird gemeldet, daß das Bombardement von Me- ziores begonnen habe.

Brüssel, 20. Octbr. Hier eingetroffene Marseiller Nachrichten constatiren, daß sich die dortige Lage trotz der Abberufung Esquiro's nicht gebessert hat. Die Einwohnerschaft befürchtet eine Plünderung durch die unteren Volksclassen. Die Banquiers und Kaufleute schicken ihre Sachen in's Ausland. Die Rheder schicken ihre Fahrzeuge nach Genua zum Löschen. Der LyonerSalut Public" fährt fort, die Zuchtlosigkeit der Truppen zu rügen. Die aus Tours eingetroffene France' fordert die Regierung auf, die Politik des Zögerns und der Unent­schlossenheit zu beendigen.

Brüssel, 22. Oct. Dem JournalLe Fran^ais" zufolge wäre die Reise Gambetta's nach den Vogesen durch ernstliche zwischen General Gambriel und Garibaldi auszebrochene Zwistigkeiten veranlaßt worden. Garibaldi beanspruche das Obercommando. Trotzdem Gambetta gegen Garibaldi entschieden habe, sei es sicher, daß Gambriel seine Entlassung geben werde.

Brüssel, 22. Oct. Berichten aus Lyon zufolge hat die dortige Bevölke­rung den Befehl erhalten, sich auf zwei Monate zu verproviantiren. Aus Mar­seille wrrd gemeldet, daß die daselbst angeordnete Austreibung der Jesuiten auf das ganze Departement ausgedehnt worden ist.

Brüssel, 22. Oct. DieJndependance belge" bringt einen vollständig ver­bürgten Expreßbcricht aus London, wonach dirccte Friedensunterhandlungen zwi­schen Bazaine und Trochu einerseits und Bismarck andererseits geführt wurden und bereits bis zur Unterzeichnung der Dokumente gediehen waren, als Bismarck den Einmarsch der Deutschen in Paris als alleinige materielle Garantie des Ver­trages verlangte und Trochu nun die Unterzeichnung nicht wagte. Bazaine wird in den nächsten Tagen capituliren müssen. General Boyer ist bereit- nach Metz zurückgekehrt und hat den Donnerstag bei der Exkaiserin zugebracht.

Brüssel, 23. Oct. DieFrance" sagt, daß die Bevölkerung von Tours mit großer Angst den Bewegungen der preußischen Loire-Armee folgt. Die Gazette de France" erzählt, Thiers habe nichts Beruhigendes von feiner langen Reise berichtet; in Florenz habe er keine gute Aufnahme gefunden. DieLiberte" versichert, Bazaine habe Verbindungen mit Thionville hcrgestellt. Dasselbe Blatt veröffentlicht einen langen Brief Girardin's an Bismarck.

DerElbs. Ztg." wird aus dem Hauptquartier der III. Armee geschrieben: Versailles, 15. Oktober. Gestern habe ich einen großen Theil unserer PositionS- geschützo selbst gesehen, lauter prachtvolles Material, und so placirt, daß es den Wirkungen des feindlichen Feuers entzogen ist, im Augenblick des Bedarfs aber sofort in die geuerlinie gebracht werden kann. Näherer Angaben muß ich mich enthalten; obschon kaum noch die Gefahr vorliegt, daß der Feind aus unseren Notizen Vortheil für sich ziehen kann, ist eS doch immer besser, über gewisse Dinge Schwelgen zu beobachten. Ich zweifle nun nicht mehr, daß unsere ge­zogenen Mörser und 24pfünvigen Kanonen recht bald ein verständliches Wort gegen Paris sprechen werden. Wenn diese Ansprache von allen Punkten des großen Feuergürtels zugleich beginnen wird, dürste es wohl Vielen schwül und bange werden in der Riesenstadt, und es scheint in der That, daß man schon jetzt alle diese Unerträglichkeiten vorempfindet und der heißen Luft Abzug ver­schaffen will. Von früh bis Abend hört das Feuern von den Forts und in der französischen Vorpostenkette nicht auf. Vorgestern früh versuchten sie wiederum einen Vorstoß gegen unsere Stellung bei Chatenay unv waren mit den Baiern fast den ganzen Tag über engagirt. Das Gefecht begann gegen 10 Uhr des Vormittags und zwar gingen feindliche AngriffScolonnen von den Forts Jffy, Vanvres und Montrouge gegen Clamart und Villejuis vor. Die genannten Forts eröffneten zugleich ein heftiges Artilleriefeuer gegen die diesseitige Stellung, das auf die ganze Linie bis nach Villeneuve-le-Roi und noch weiter ausgedehnt gewesen zu sein scheint. Unsererseits fuhren vier baierische Feldgeschütze in der vorwärts von Chatenay gelegenen Schanze auf (dieselbe wurde am 19. Sep^ tember den Franzosen abgenommen) und feuerten mit vielem Erfolg aus die feindlichen Bataillone. Der Kampf hielt bis zum Einbruch Der Dunkelheit an.

Gleichwohl ward es für uns nicht einmal nöthig, die Reserven heranzuziehen, und die Franzosen gingen zum Schluß in Unordnung hinter die Forts zurück; um 6 Uhr 50 Minuten fiel der letzte Schuß. Die Verluste waren bei den Baiern nicht erheblich (eines ihrer Geschütze war Demontirt worden) ; dagegen scheinen die Franzosen viele Todte und Verwundete verloren zu haben. Sic brachten die letzteren noch wahrend der Nacht bei Fackelschein in die Stadt zu­rück und suchten andern Morgen- zur Bestatlung Der Gefallenen um einen Waffenstillstand bis Nachmitags 5 Uhr nach, der ihnen gewährt wurde. Hier zeigt sich in einem kleinen Zuge wieder die Hallunkerei der Franzosen, denen jeder anständige Kriegsgebrauch absolut fremd zu sein scheint. Ich hatte mir gestern Nachmittag einen Wagen nach Chatenay genommen, um da- Gefechts­feld vom Tage vorher und unsere eigene Stellung Dort anzusehen (vor Dem Ein­tritt in Den Ort begegnete mir ein französischer Parlamentär, Civilift, Der mit verbundenen Augen von einem baienschen Jäger auf die Straße nach Versailles entlang geführt wurde). In Chatenay wurde ich benachrichtigt, daß bi- 5 Uhr Nachmittags Waffenruhe fei, und daß ich bis dahin die Hochgelegene Schanze besichtigen könne; zwei Telegraphenbeamte und ein preußischer Militärarzt be­gleiteten mich. Wir waren kaum auf Der Höbe angelangt, von Der man einen Theil de- Gefechtsfeldes übersehen kann, und standen noch ca. 100 Schritt hinter Der Schanze, als schon unsere Uhren zeigten übereinstimmend 473 Uhr, Der - Waffenstillstand lief also noch eine halbe Stunde in Der französischen Linie das Feuer wieder aufgenommen wurde, ohne daß es von unserer Seite auch nur - in der geringsten Weise provocirt worden wäre. Da- ist französische Ritterlich- : feit! Ehe wir ee uns versahen, Pfiffen die Kugeln mit jenem bekannten unheim- i lichen Tone uns um Die Köpfe, und wir traten natürlich Den Rückweg an, weil . wir Den französischen Buschkleppern nicht das Vergnügen machen wollten, ihnen als Zielscheiben für ihre Schießübungen zu dienen. Der Weg von Chatenay zur Schanze und zurück führt fast nur durch Gärten mit reizenden Anlagen. Die auf dieser Seite gelegenen Häuser und Villen haben aber vom Granatfeuer zuerst am 19. September bedeutend gelitten; viele von ihnen sind dem Einstürze nahe. ,

Aus dem Hauptquartier Versailles, 16. Oct., wird derWes.-Ztg.