22. Juni.
Die „Patrie" meldet, daß trotz des Drängens des preußischen Hofes das russische EvolutionS-Geschwader dieses Jahr Wilhelmshasen nicht besuchen werde, um die öffentliche Meinung der russischen Bevölkerung und namentlich die Stimmung in rer Marine nicht zu verletzen, die ohnehin der Ausdehnung der preußischen Herrschaft in der Ostsee nicht günstig sei.
Wie bereits gemeldet, ist in der italienischen Abgeordnetenkammer am 16. Juni an die Negierung eine Anfrage in Betreff der Gotthardbahn gerichtet und von dieser sodann die Vorlegung des betreffenden Gesetzentwurfs, d. h. des Postulats für die vom italienischen Staat noch zu gewährende Subvention von 20 Mill. Frcs. (25 Mill, sind durch Provinzen, Gemeinden ic. übernommen) auf die nächste Session in Aussicht gestellt worden. Nachdem hierauf die Fragesteller sich nicht für befriedigt erklärt und eine förmliche Interpellation angekündigt, die Minister aber versichert hatten, daß sie bei der Behandlung der Alpenbahnfrage durch keinerlei politische Motive, sondern bloß durch die Rücksicht auf die wirthschaftlichen Interessen Italiens geleitet würden, beschloß die Kammer bezüglich der Verhandlung über die Interpellation, baß dieselbe nach dem Schlüsse der Bera- thungen über die Finanzentwürfe stattfinden solle, was unter den obwaltenden Verhältnissen einen ziemlich langen Aufschub bedeutet.
Der „Karlsr. Ztg." wird von Wien geschrieben: Die griechische Regierung hat dem Vernehmen nach die Absicht zu erkennen gegeben, die Lösung der durch die Marathon-Angelegenheit entstandenen Schwierigkeiten einer europäischen Conferenz zu überlassen, und bereits die einleitenden Schritte gethan, die Mächte für eine solche Conferenz zu gewinnen.
Mit der officiell so ausposaunten Besiegung des Kirgisenaufstandcs scheint eS vorerst noch gute Wege zu haben, too scheint jetzt das Operationscorps des Oberstlieutcnants Rukin in die Hände der Kirgisen gefallen zu sein und das wird in einem der „Ruff. Ztg." vom Ostufer des Kaspischen Meeres zugehen- den Bericht also ausgedrückt: „Wo sich jetzt der Oberstlieutenant Rukin befindet und was aus seinem Detachement geworden ist, ist bis jetzt noch nicht genau ermittelt. Die Einen sagen, daß er sich erschossen habe und sein Detachement niedergemetzelt sei, die Anderen, daß man ihn zu Tode gepeitscht habe; Einige behaupten dagegen, daß er sich im Aul des DijarS Musafar Kolyiew befinde und sein Detachement auf die Auls anderer angesehenen Kirgisen ver- theilt sei. Alles das sind aber nur Gerüchte. Wie es heißt, sind Maßregeln getroffen, um genaue Nachrichten über das Schicksal der Gefangenen einzuziehen. Es werden auch Commandos aus Orenburg, Gurgew, dem Alexanderfort und der Bucht von KraßnowodkS nach der Steppe entsendet, wo auch die Ankunft des Großfürsten Michael Nikolajewitsch erwartet wird. Diese Abtheilungen sind derartig organisirt, daß sie nach den Umständen, die sich bei ihrem Vorrücken ergeben werden, entweder einzeln oder zusammen operiren können, denn jede von ihnen ist aus allen drei Truppengattungen zusammengesetzt und hat eine Stärke erhalten, daß sie den Angriff jeder Kirgisen- bande zurückschlagen kann, da die Kirgisen größten- theils nur mit Piken bewaffnet sind und nur wenige Feuergcwehre, meist Flinten mit Luntenschlöffern, sich- ren. In derselben Correspondenz heißt es, daß der Generalgouverneur von Orenburg den Auftrag er- halten haben soll, die Gründe der Aufregung unter den Kirgisen aufzuklären, und daß derselbe binnen Kurzem in Begleitung des Kriegsgouverneurs von Uralsk eine Reise in die Steppe uniernehmen wird."
_, _ 23. Juni.
Die „Kreuzztg." bringt folgende Auslassungen in Bezug auf das Heer: Das Heer stellt die Kraft des Staates dar. Wie sich jede Kraft selbst fühlt, so lebt auch in jedem Heere bas Gefühl, daß das Da- sein des Staates auf ihm beruhe, daß der Staat kraft- und machtlos verfallen müßte, wenn er von ihm nicht mit allen Opfern und Anstrengungen nach außen und innen vertreten würde. Mit seinem Herzblut einzustehen für das Vaterland, das Erkennen und das Vollbringen dieser Aufgabe, das ist das Wesen der militärischen Ehre. Jeder Unterthan muß stolz sein, beizutragen, um diese das Ganze schützende und erhaltende Kraft zu stärken. In diesem Stolze gipfelt unser nationales Gefühl, mögen wir die Wache auf» ziehen oder das siegreiche Heer in die Residenz ein- ziehen sehen. Wo hat, fragen wir, eine Armee mehr geleistet, als die preußische 1866 auf den böhmischen Schlachtfeldern, bei Königgrätz, am Main? wo ist je ein Krieg mit weniger materiellen Opfern und mit mehr Erfolg geführt worden? — Und jetzt, wo die
Rebaction, Druck:
Vortrefflichkeit der preußischen Armee-Einrichtungen auf das Handgreiflichste bewiesen worden ist, gehen die alten Nörgeleien über die Fundamente derselben, die Dauer der Dienstzeit, den Militärgerichtsstand ic. wieder von Neuem an, als ob 1866 nichts zu lernen gewesen wäre.
Der Schluß der gegenwärtig in der Berathung des Concils befindlichen „ersten dogmatischen Constitution über die Kirche Christi lautet: Kapitel IV. Ucber des römischen Papstes Unfehlbarkeit (Infallibi- lilate). Daß aber in der obersten Gewalt der apostolischen Jurisdiction, welche der römische Papst als Nachfolger des Apostelfürsten Petrus über die ganze Kirche besitzt, auch die oberste Gewalt des Lehramts einbegriffen fei — das hat dieser heil. Stuhl stets festgehalten, der fortwährende Gebrauch der Kirche bestätigt es, die ökumenischen Concilien selbst haben es überliefert ic.....Daher, unter Billigung des
Concils, lehren wir und erklären als Glaubensdogma: Der römische Papst, welchem in Person deö heil. Petrus von eben diesem unferm Herrn Jesus Christus u. A. gesagt ist: „Ich habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht aufhöre und daß du, dermaleinst bekehrt, deine Brüder stärkest", kann kraft des ihm verheißenen göttlichen Beistandes nicht irren, wenn er, des obersten Amtes als Lehrer aller Christen wal» tend, gemäß seiner apostolischen Autorität festsetzt, was in Dingen des Glaubens und der Sitten von der ganzen Kirche sowohl vom Glauben festzuhalten als auch dem Glauben zuwiderlaufend zu verwerfen fei; und solche Dekrete oder Aussprüche, als an und für sich unabänderlich, sind von jeglichem Christen, sobald sie zu seiner Kunde gelangt, mit dem vollen Gehorsam des Glaubens aufzunehmen und zu halten. Dieweil aber die Unfehlbarkeit dieselbe ist, ob sie in dem römischen Papst als Haupt der Kirche oder in der gesammten mit dem Haupte vereinigt lehrenden Kirche sich darstcllt, so bestimmen wir des Ferneren: daß diese Unfehlbarkeit auch auf ein und dasselbe Object sich erstrecke. So aber Einer, was Gott verhüte, dieser Unserer Definition zu widersprechen sich unterwände, so wisse er, daß er von der Wahr» heit des katholischen Glaubens und von der Einheit der Kirche abgefallen ist. Canon I. So Einer sagt: der heil. Apostel Petrus sei von dem Herrn Christus nicht zum Ersten aller Apostel und zum sichtbaren Haupte der streitenden Kirche gesetzt worden; oder derselbe habe nur den Ehrenprimat, nicht aber den Primat der wahren und eigentlichen Jurisdiction von unserem Herrn Jesus Christus direct und unmittelbar empfangen — Der fei verflucht. Canon II. So Einer sagt: es sei nicht des Herrn Christi eigene Einsetzung, daß der heil. Petrus im Primat über die ganze Kirche beständige Nachfolger habe: oder: der römische Papst sei nicht kraft göttlichen Rechtes Petri Nachfolger in diesem Primat — Der sei verflucht. Canon III. So Einer sagt: der römische Papst habe lediglich das Amt der Aufsicht oder Leitung, nicht aber die vollste und oberste Gewalt der Jurisdiction über die gefammte Kirche, nicht nur in Sachen des Glaubens und der Sitten, sondern auch der Disciplin und der Regierung der über den ganzen Erdkreis ausgebreiteten Kirche; oder: diese seine Ge» walt sei nicht eine ordentliche und unmittelbare sowohl über alle und jede einzelne Kirche, als auch über alle und jeden einzelnen Hirten und Gläubigen — Der sei verflucht.
Hessen. Darmstadt, 18. Juni. Der Oberstlieutenant v. Grolman vom 1. Retter-Regiment ist mit der Führung deS 1. Reiter-Reg. und der Major Frhr. v. Buseck mit der Führung deS 2. Reiter-Reg. beauftragt und die Majore Frhr. v. Ricou vom 2. Reiter-Reg. und v. Sanders vom 1. Reiter-Rcg. zu etatsmäßigen StabSofficieren in ihren Regimentern ernannt worden. Hauptmann Scherf vom Generalstabe der großh. heff. (25.) Division ist zur Dienstleistung beim Generalcommando des 3. Armee- Corps commandirt worven.
z Preußen. Berlin, 21. Juni. Gestern wurde die Ueber- einkunft zwischen dem Norddeutschen Bund, dem Königreich Italien und der Schweiz unterzeichnet, durch welchen der Norddeutsche Bund dem zwischen Italien und der Schweiz abgeschlossenen Vertrag bezüglich der Gotthardbahn beitritt und die Frist für die Beschaffung der erforderlichen Subvention bis zum 31. Januar 1871 verlängert wird.
Italien. Rom, 20. Juni. An der Grenze bei Orbetello wurden 40 junge Leute, sämmtlich mazzinistische Republikaner, verhaftet und hierher nach der EngclSburg gebracht.
Das Schema von derJnfallibilttät lautet in seinem dritten Artikel:
„Wenn Jemand behauptet, daß der jedesmalige Römische Papst, so er rechtmäßig gewählt ist, nicht nach göttlichem Rechte der Nachfolger des hl. Petrus auch in der Gabe der Unfehl- barkeit des Lehramtes sei, und wenn Jemand irgend einem der Päpste die Prärogative der Jnfallibtlität abspricht, — weich' letztere ihn befähigt, die Kirche in dem reinen von aller Ver- derbntß und allem Jrrthum freien Wort GotteS zu unterrichten — so sei er verflucht."
Die „Unita Cattolica" vom 8. dS. erfährt, das Schema von der Jnfallibtlität werde zu größerer Klarheit, Präzision id Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Ehr. P
und Fülle seiner Grundlage und Form da und dort noch weiter verändert, aber im Sinne der Mehrheit. Man denke, auch noch einen Canon gegen die Behauptung de« GallicaniS- mus beizufügen, nur das sei Glaubensartikel, was mit dem Anathem bedroht sei.
Am 16. Juni vollendete Papst PiuS IX. fein 24. Regle- rungsjahr und begann das 25. seine- Pontifikates. Bekanntlich wurde die Vollendung des 24. Regierung-jahre- von 258 Päp- ften, welche bi- jetzt auf dem römischen Stuhle saßen, außer (angeblich) dein Petrus nur noch einem Einzigen zu Theil, Piuö VI. (1774-1799.)
Belgien. Brüssel, 20. Juni. Einem Telegramme der „Jndepenbance belge" zufolge hat heute die Abberufung der Milizen auS VervierS, Ruhestörungen daselbst zur Folg« gehabt. Es kam zwischen Milizsoldaten und Polizeiagenten zum Handge- uienge, wobei von beiden Theilen Verwundungen vorfieleo. Schließlich wurde die Ruhr hergestellt, und sind Vorsichtsmaßregeln getroffen worden, um erneuerten Ruhestörungen vonu. beugen.
Spanien. Madrid, 18. Juni. Die carlistische Junta hat die Debatte über ihr demnächst zu erlassendes Manifest beendigt und mit großer Majorität eine der religiösen Unduldsamkeit günstige Resolution, sowie mit zwei Stimmen Majorität die Wiedereinführung der Inquisition angenommen.
Rumänien. Zara, 20. Juni. Bei den heutigen Ge- memdewahlen in Bencovaz griffen Bauern, von slavischen ver- faflungsfeindlichen Agitatoren aufgehetzt, Gensd'armen an, welche feuerten. Zwei Bauern blieben lobt, mehrere wurden verwundet. Man befürchtet weitere Blut. Erceffe. Truppen-Compagnien marschiren dahin.
Türkei. Constantinopcl, 17. Juni. Der Sultan hat Befehl gegeben, daß die im Budget für die Festlichkeiten am Jahrestage seiner Thronbesteigung ausgesetzte Summe (5000 türk. Pfd.) den Abgebrannten von Pera zu Gute kommen und der Tag nicht gefeiert werden soll.
Vermischte-.
Gotha, 12. Juni. Gestern Abend brach während eine- furchtbar tobenden Orkans in dem ein« Stunde von hier entfernten Dorfe Emleben Feuer auS, welches in kaum zwei Stunden einige 60 Häuser (darunter die Kirche) verzehrte. Gerettet konnte fast gar nichts werden; auch der Verlust an Vieh, besonders an Schafen, ist bedeutend.
— Sechtem (Rheinprovinz). 17. Juni. Der Bonner Zertung wird geschrieben: Der heutige Tag war für unsere Gemeinde ein sehr verhängnißvoller. Gegen 1 Uhr Nachmittags entlud sich über unserem Orre ein furchtbare- Gewitter, begleitet von heftigem Sturm und Hagelwetter, wodurch fast sämmtliche Saaten vernichtet worden sind. Fast keine Ruthe der 4000 Morgen großen Feldflur ist von den verheerenden Wirkungen des Unwetters verschont geblieben. Schloßen von der Dicke eine- Tauben- bis zu der eine- kleinen Hühnereies zerschmetterten die Halmgewächse, Kartoffeln, Gemüse ;c. Sehr viele Fensterscheiben an der Westseite wurden zertrümmert, so z. B. an der hiesigen Kirche allein 75 Stück. Die Aussichten der Landwirthe, ihre vielen Mühen und Arbeiten durch eine gute Ernte belohnt zu sehen, find nun auf einmal vernichtet oder doch auf ein Minimum reducirt. Der Gesammtschaden beläuft sich nach ungefährer Schätzung auf 40,000 Thaler. Nichts von der verhagelten Frucht war verfichert. Die benachbarten Ortschaften am Vorgebirge sind verschont geblieben. (Auch in Coblenz und im Anhalt'schen hatte man am 17. Abends Gewitter. In der Stadt Zerbst schlug der Blitz um 7 Uhr Abends in ein Wohngebäude, wodurch drei Häuser eingeäschert wurden. — In Darmstadt war der Himmel gegen 5 Uhr Abends mit Gewitterwolken überzogen; dieselben wurden jedoch von einem lebhaften Westwind dem Odenwald zugetrieben.)
— Schleswig, 17. Juni. Da- heftige Gewitter, welches sich heute über Schleswig und Umgegend entlud, hat große Verheerungen angerichtet. Auf der Schiffbrücke wurden zwei Menschen erschlagen und drei verletzt. Feuer sah man in den Landdistricten fast nach allen Richtungen. In Churburg ist das Wohnhaus des Parcellisten Ketelfen, in ®r. Rheide das Wohnhaus und zwei Scheunen des Hufners Schröder abgebrannt. Auf beiden Stellen haben die Gebäude fast unmittelbar, nachdem sie vom Blitz entzündet waren, in vollen Flammen Standen, so daß fast gar nichts hat gerettet werden können. Das Gewitter hat aber nicht bloß Zerstörung gebracht, sondern war von einem anhaltenden starken Regen begleitet, der besonders für die durstigen Felder unserer südlichen und westlichen Landdistricte ein wahrer Segen gewesen ist. (Kiel. Corr.)
— Vor einiger Zeit machte durch di« Zeitungen die dem Pariser „TempS" entnommene Mittheilung die Runde, daß in Vevey (Schweiz) etwa 20 Mitglieder des dortigen Verein- für Choralmusik bei einem AuSfluge nach GruyöreS in einem See des Plateau- von Jaman durch Ertrinken den Tod gefunden hätten. Wie die „Gazette de Lausanne" berichtet, ist die ganze Erzählung nichts als ein wohlfeiler Scherz, den ein schlechter Spaßvogel sich mit dem französischen Blatte erlaubt hat. Ein derartiger Zeitvertreib ist um so verwerflicher, al- dadurch möglicher Weise im Auslande Leute, die Verwandte oder Freunde in Vevey haben, in nicht geringe Unruhe versetzt worden sind.
— Die finnländischen Zeitungen berichten, daß in Helsing- for- auf Bemühen des Professors Topeliu- «ine Kindergesellschaft zum Schutz kleiner Vögel gegründet ist. Der Professor schlägt (in der Kinderzeitung „Trollsländen") vor, daß Kinder fich als Glieder der Gesellschaft einschreiben und mit ihrer Unterschrift versprechen müßten: 1) nie Thiere zu verstümmeln und zu quälen; 2) alle kleinen Vögel zu schützen; 3) nie Vögel durch Steinwürfe, Schrot, Pfeile, Schlingen oder ähnliche Mittel zu tödten oder zu verstümmeln; 4) nie Vogelnester zu zerstören und ihre Eier fortzunehmen; 5) keine Vögel, außer Kanarienvögel, im Bauer zu hatten; 6) alle finnländische kleine Vögel in Freiheit zu setzen; 7) sich mit allen Kräften zu be. mühen, alle Kinder vom Quälen oder Wegfangen der kleinen Vögel zurückzuhalten. Dieser Aufruf de- Professor- hat einen solchen Erfolg gehabt, daß die Gesellschaft schon jetzt 1300 Kinder als Mitglieder zählt. Man wird hierin einen bemerkens- werthen Fortschritt auf der Bahn der sittlichen Volkskultur zu erkennen haben, auf der der hochcivilisirte Westen uns hoffentlich Nachfolgen wird.
etsch) in Gießen.


