Der „Constitutionnel" bringt nach der „Province" folgende interessante Nachrichten:
„An der Börse von Bordeaux cursirte gestern das Gerücht, daß unsere Flotte die neue Phase ihrer Campagne durch einen Hauptstreich inaugurirt habe: nachdem sie Hamburg bombardirt habe, soll es ihr gelungen sein, in den Iahde- busen einjudringen und dort die ganze preußische Flotte gefangen zu nehmen!! — Außerdem haben die Landungstruppen bei ihrem Streifen an den Küstenstrichen mehrere Tausende französischer Gefangenen befreit, die in den Küstenstädten der Nordsee gefangen gehalten wurden."
Wie werden die Bewohner unserer Küstenstädte über die entsetzlichen Vorgänge erstaunt sein, die ohne ihr Wissen in ihrer Mitte sich zugetragen haben! (N. A. Ztg.)
Nach den mit der Brasilpost eingetroffenen Berichten hatte der Norddeutsche Consul in Rio de Janeiro von seinem Collegen in Porto Alegro die Nachricht erhalten, daß in den Gewässern südlich von Rio Grande ein Norddeutsches Kriegsschiff mit zwei französischen im Kampfe gewesen sei. Nähere und bestimmte An- gaben fehlen noch.
Aus Konstantinopel vom 18. Nos. meldet die Wiener „Presse": „Viele hoffen hier zuversichtlich auf eine friedliche Beilegung der russischen Frage mit Hülfe eines Congreffes in — Wien. Rußlands Erklärungen sollen beschwichtigend lauten. Die Befürchtungen vermindern, der Cours bessert sich." Dasselbe Blatt meldet aus Belgrad vom 18. Nov.: „Aus Konstantinopel hieher gelangte Nachrichten sagen, die Stimmung sei ganz beruhigt; es seien ContreordreS an das Militär gegeben. Rußland wünsche aufrichtig den Frieden; der Geschäftsträger habe Dienstag Abend lange Zeit mit Aali Pascha berathen."
Kriegsnachrichten.
Mit dem 19. November sind die zwei Monate abgelaufen, für welche sich Paris bei seiner Cernirung verproviantirt fand, und es würde schon bas die dort beginnende Noth ausreichend erklären, wenn die Klagen auch noch nicht stark genug wären, um die Cernirungslinie zu durchdringen. Man befürchtet deshalb im Hauptquartier jetzt nicht mehr einen eigentlichen Ausfall, sondern glaubt, daß General Ducrot sich mit der ihm untergebenen II. Armee, welche aus dem mobilen Theil der Besatzung, unter Indienststellung der mit Bruch ihres Ehrenwortes entflohenen Officiere von Sedan gebildet ist, durch die Cernirungslinie durchzuschlagen versuchen wird. Alle Maßregeln, diesem Vorhaben gebührend in den Weg zu treten, das man neuerdings namentlich über Neuilly oeer St. Germain erwartet, sind in Folge dessen unsererseits getroffen und bleibt der bisherige scheinbare Stillstand in den deutschen Felvoperationen, wohl vorzugsweise aus der Vorsicht zu erklären, welche man beobachtet, um erforderlichen Falles alle Kräfte zur Abweisung jenes immerhin möglichen Versuches zusammen zu fassen und durch seine Vereitelung zunächst endlich mit Paris abzuschließcn. — Daß der Versuch eines Durchbruchs, wenn er überhaupt noch zur Ausführung kommen soll, bald erwartet werden muß, kann aus dem Stand der Dinge in Paris entnommen werden. In 10—12 Tagen wird auch diese Möglichkeit dieser letzten Rettung geschwunden sein, da bis dahin die Bespannung der Artillerie und die Pferde der der II. Armee von Paris zugetheilten Cavallerie-Division bei dem dort längst eingerissenen Futtermangel entweder gefallen oder geschlachtet sein werden.
Versailles, 17. November. Wir haben eine kleine Krisis durchgemacht, die jetzt glücklich beschworen ist. Am 15. Morgens ging es von Munde zu Munde: Die Truppen werden allarmirt. Das ist nichts Neues mehr, aber dieses Mal packte auch der Nichtcombattant seine Sachen, und mit dem gespannten Horchen auf die Signale in den Straßen verband sich eine besondere Beunruhigung der Gemüther. Allerlei Gerüchte waren verbreitet worden. Man sagte, die Kriegskasse sei in Sicherheit gebracht, im großen Hauptquartier wurden die Bagage- und andere Wagen bespannt, in der Präfectur- und im Bundeskanzler-Amt die Acten gepackt, alles das für den Fall eines Rückzuges; die Loire-Armee stände schon in Dreux, und mit der Spitze selbst in Houdan, wenige Minuten von hier; die Gardelandwehr in St. Germain sei plötzlich aufgebrochen, um ihr entgegenzurücken; der Prinz Friedrich Karl habe sich durch den Marsch der am 10. siegreichen französischen Armee über Orleans zurück täuschen lassen und suche den Feind zu weit südlich, während dieser durch einen kühnen Flankenmarsch nördlich bis Dreux gedrungen sei und im Westen von Paris stände; es sei demnach ein Vorstoß von da und gleichzeitig ein Ausfall aus Paris zu erwarten. Die Versailler, die ihre eigenen Quellen haben, wußten noch viel mehr. Sie ließen ihre Armee schon einige Meilen näher sein, und unfern König bereits abgereist. Daher Aufregung auf beiden Seiten, hier etwas Beklemmung, dort Triumph. Man will sogar in dem Benehmen der Versailler gegen die PrussienS eine Aenderung bemerkt haben. Höflich von Individuum zu Individuum sind sie wie alle Franzosen, trotz grimmigen NationalhaffeS immer gegen uns gewesen; jetzt mischte sich plötzlich in ihre überströmende Freundlichkeit noch das Gefühl des Mitleides mit uns armen Opfern. Nachdem das Blatt sich gewendet, drückte die Siegesgewiß- heit sich gegen uns Unglückliche in Bedauern und Theilnahmc aus, und selbst die hohen Preise mancher Versailler Verkäufer sollen an jenem großen Tage herunter- gegangen sein. Seit gestern hat sich die Sache nun wieder sehr geändert. Die Alarmsignale werden nicht mehr mit Spannung erwartet, die Magen im Hauptquartier sind abgeschirrt, die Acten in der Präfectur wieder auseinander genommen, und — die Versailler Preise sind die alten. Im Norden von Paris hat der General Manteuffel schon Fühlung mit dem Kronprinzen von Sachsen, im Süden ist Prinz Friedrich Karl über EtampeS hinaus, der Großherzog von Mecklenburg über Rambouillet, und in wenig Stunden können von diesen verschiedenen Seiten her bis 100,000 Mann auf jeden bedrohten Punkt geworfen werden. — Heute sind auch die hessischen und bayerischen Diplomaten abgereist, nachdem die Württemberger ihnen vor 3 Tagen vorangegangen sind. (B. B. C.)
Das „Echo du Nord" (Lille) hat ein Schreiben aus dem Aisne-Departe- ment erhalten, dem es Folgendes entnimmt: „Eine Abtheilung von 800 Mobilgarden und FranctireurS ist gestern aus Ham dem Feinde entgegenmarschirt und eröffnete ein heftiges Feuer gegen ein preußisches Corps, welches von Tergny kam. Nach mehrstündigem Tiralleurkampfe zogen sich die Mobilen in guter Ordnung zurück. Die Verluste sind von beiden Seiten beinahe gleich groß. Eine Abtheilung, 6- bis 700 Mann stark, stieß bei Menissis auf den Feind, der nach Litz marfchirte. Nach einem ziemlich ernstlichen Kampfe zog sich der Feind auf Frieres zurück. Durch Quessy, bei La Fvre, zogen gestern 6000 Mann Deutsche durch. Das Haus des ChauffeewärterS bei Voyeux wurde von den Preußen angegriffen. Die Häuser, welche an der Landstraße vou Quessy liegen, wurden in Brand gesteckt. Die Franctireurs beunruhigen fortwährend den Feind." I
Unter den Personen, welche bei der Einnahme von Chüteaudun gefallen sind, befindet sich auch de la Rochefoucauld, Herzog von Doudeville. Derselbe war aus seinem Schlosse Goudiniöre, als er erfuhr, daß die Deutschen im Anmarsch gegen Chüteaudun seien. Er bewaffnete seine Förster und Bedienten und eilte nach der Stadt, um sich an der Vertheidigung zu betheiligen. Er war einer der ersten, welcher von den deutschen Kugeln getroffen wurden. Der Herzog war Legitimist, neigte aber etwas zum Bonapartismus hin, und veröffentlichte in den letzten Jahren öfters Briefe in der „Patrie".
Nanteuil, 18. Nov. Was ich in meinem letzten Berichte befürchtete, daß die Eisenbahnarbeiten an der Umgehungsbahn circa acht Wochen in Anspruch nehmen dürften, wird sich glücklicherweise nicht erfüllen. Die Umgehungsstrecke, etwa 4 Stunden umfassend, ist mit so außerordentlichem Eifer in Angriff genommen worden, daß die Vollendung kaum 8 bis 14 Tage auf sich warten lassen wird. Damit ist hinsichtlich der Verproviantirung der Armee unendlich viel gewonnen, da beim Wagentransport und der ausgedehnten Aufstellung unserer Truppen bisher nicht einmal die dringendsten Bedürfnisse befriedigt werden konnten (F. I.)
Von einem vor Paris stehenden Artillerie-Offizier wird der „Börsenztg." unter dem 18. d. M. Folgendes geschrieben: „Hoffentlich kehren wir bald zurück; denn seit gestern haben wir endlich Ordre, mit dem Angriff auf Paris nunmehr entschieden vorzugehen. Es ist diese Ordre schon Wochen lang mit der glühendsten Sehnsucht von uns erwartet worden. Wir verlieren daher keinen Augenblick. In höchstens 3 bis 4 Tagen stehen wir Alle schußbereit in unseren Batterien und wenn dann nicht wieder eine verzögernde Contreordre kommt, so denke ich, wollen wir den Parisern gleich mit einem derartigen Fortissimo aufspielen, daß sie schon an der Introduktion genug bekommen werden, und nach wenigen nur kurzen Scenen alsbald das Finale des Riesendrama's, nämlich die Uebergabe von Paris, mit ihr aber, wie ich bestimmt glaube, der Schluß der kriegerischen Action erfolgt."
Brüssel, 20. Nov. Der belgische Gesandte in Paris, Baron v. Beyens, wird hier erwartet. Aus seiner Abreise aus Paris schließt man, daß sich dasselbe nicht mehr lange halten wird. (K. Z.)
Brüssel, Montag 21. November. Wie die „Jndependance" aus Lyon erfährt, sind die Kunstgegenstände aus dem dortigen Museum entfernt und nach einem sicheren Orte geschafft worden. — Wie es heißt, hat die Regierung ein Dccret erlassen, nach welchem Anlehen, welche französische Städte in Deutschland abgeschlossen haben, in Frankreich nicht anerkannt werden, und weder deren Verzinsung noch Rückzahlung gestattet sein soll.
Brüssel, 22. Nov. Das „Echo du Luxembourg" berichtet unter allem Vorbehalte, daß 1000 Preußen auf belgisches Gebiet übergetreten und internirt worden sind.
m Straßburg, 21. Nov. Immer noch kommen Thaten der Wuth gegen das MilitärH. In einem Graben wurden vier Landwehrleute ermordet aufgefunden (?) und ein Metzgerbursche soll auf offener Straße einen Soldaten erstochen haben. Die strengsten militärischen Maßregeln wurden ergriffen. Wiederholte Versuche wurden gemacht, die auf den Wällen aufgeführten Kanonen zu vernageln oder sonst zu beschädigen. Der Aufenthalt in Straßburg ist momentan nichts weniger als gemüthlich; das Militär, meistens Württemberger und Preußen, läßt sich in öffentlichen Lokalen wenig mehr blicken und die Zeit der unbefangenen Plauderei ist vorbei. Einer der bei Belfort gefangenen Franzosen warf gestern beim Durchpassircn auf der Eisenbahn eine leere Weinflasche durch das geschlossene Fenster einem vorbetgehenden jungen Mann an den Kopf, der dadurch eine Verletzung erlitt. Er ward exemplarisch bestraft. In Kehl hat man sich so gut als möglich in den nicht ganz zerstörten Häusern eingerichtet. Eine riesige Tafel mit der Aufschrift „Zum verbrannten Adler" zeigt Fremden wie Stammgästen den Weg in ein zum Gasthaus umgewandeltes Privathaus. In der nächsten Umgebung von Straßburg wurde dieser Tage beim Pflügen eine ungeplatzte Granate aufgeworfen, krepirte alsbald und brachte Mann und Gefährt starke Verletzungen bei. (F. I.)
Hamburg, 21. Nov. Ein Telegramm der „Börsenhalle" meldet: Der norddeutsche Schooner „Phönix" sah am Freitag im Laufe des Tages zwischen Texcl und Borkum 20 französische Kriegsschiffe an verschiedenen Punkten.
Ueber New-Jork sind nach der „D. A. Z." folgende Einzelheiten über den Kampf zwischen dem norddeutschen Kanonenboote „Mereor" und dem französischen Kreuzer „Le Bouvet" angelangt:
„Der französische Kreuzer, mit 5 Kanonen auf Deck, hat seine Station in der Havanna. Der „Meteor", Kanonenboot mit 3 Kanonen, aus dem mexicani- scheu Golf kommend, lief am 1. November in den Hafen von Cuba ein, wahrscheinlich um Kohlen zu fassen, und sandte, von der Anwesenheit des französischen Kriegsschiffs wohl unterrichtet, dem Capitän desselben eine Herausforderung zu. Anstatt diese sofort anzunehmen, ging der Franzose vom Ankerplätze, der für die dort stationirten Kriegsschiffe bestimmt ist, links hinter dem großen den Eingang des Hafens vertheidigenden Etagenfort weiter nach dem Hafen hinein, nach dem französischen Kohlendepot, das unmittelbar am Fuße eines anderen Hafenorts liegt, sich den Anschein gebend, als wolle er Feuermaterial fassen. Als der Dampfer am 4. November noch unbeweglich lag, wurde ihm eine zweite Herausforderung zugesandt, und das deutsche Schiff ging auf höchst ostensible Weise aus dem Hafen. Die in der Stadt allgemein bekannt gewordene zweimalige Herausforderung gab den Havanesen (nicht den dort garnisonirenden Spaniern) eine gute Gelegenheit, ihre Sympathien, welche ganz dieselben sind, wie die der Mexikaner, zu zeigen, was so arg wurde, daß sich keiner der Officiere des französischen Schiffes in einem der am Hafen belegenen Cafös zeigen durfte, wenn er nicht um sich herum Stichelreden aller Art hören wollte. — Die Flaggenehre mußte also gewahrt werden, und am 9. November Morgens dampfte der „Bouvet" aus dem Hafen, um den Kampf aufzunehmen. Kaum aus neutralem Wasser heraus, wurde er auch schon vom „Meteor" angegriffen. Der Kampf, der sich nun entspann, dauerte fast eine Stunde. In dieser Zeit wurde dem „Bouvet" die Takelage zerschossen und ihm fünf schwere Verletzungen im Schiffskörper beigebracht, so daß er anfing, sich umzulegen, und schnell dem schützenden Hafen wieder zueilen mußte. Der „Meteor", der fast bis zum Ende des Kampfes unverletzt geblieben, erhielt jetzt von dem Feinde zwei Schüsse in den Rumpf, von denen einer die Schraube verletzte, was ihn unfähig machte, den „Bouvet", dessen Maschine unverletzt geblieben war, schnell zu verfolgen und in den Grund zu bohren. Der „Bouvet" entkam glücklich in den Hafen, was ihm bei seinen Verletzungen unmöglich gewesen wäre, wenn ihn das deutsche Schiff nicht in seinem hitzigen Verlangen nach Kampf schon aus der Höhe des Hafens angegriffen, sondern weiter in die See hinausgelockt hätte." — Auch der „Meteor" ist wieder nach der Ha-


