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Gießener Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme MontagS-

Expedition: Canzleiber Lit. B. Nr. 1.

Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kießen.

Nr. 162. Donnerstag den 24. November 1870.

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23. November.

Der bekannte Historiker Carlyle tritt in derTimes mit Entschiedenheit den wohlfeilen Rathschlägen der englischen Presse gegen die Annectirung von El­saß und Lothringen entgegen. Es ist wahrscheinlich so sagt er im Beginn seines etwa dritthalb Spalten langen Briefes ein liebenswürdiger Zug der menschlichen Natur, dieses billige Mitleiden und dieses ZeitungSlamentiren über das gefallene und heimgesuchte Frankreich, aber es scheint mir ein sehr müßiges und irregeführtes Gefühl zu sein, so weit es die Abtretung von Elsaß und Loth- ringen an die deutschen Sieger betrifft, und eS verräth von Seiten Englands die tiefste Unwissenheit über die wechselseitige Geschichte Frankreichs und Deutschlands, und über das Betragen jenes Landes gegen dieses seit langen Jahrhunderten. Für die Deutschen handelt eS sich in dieser Krise nicht umGroßmuth", und heroisches Mitleid und Vergebung für einen gefallenen Feind", sondern um eine einfache Vorsicht und um eine praktische Erwägung der Frage, was dieser ge- fallene Feind aller Wahrscheinlichkeit nach thun wird, wenn er wieder einmal auf seinen Füßen steht. Keine Nation hatte je einen so schlechten Nachbarn, wie Deutschland während der letzten 400 Jahre an Frankreich, schlecht in allen mög­lichen Beziehungen, unverschämt, raubgierig, unersättlich, nicht zu beschwichtigen und stets auf den Angriff ausgerüstet. Nach einer so langen Zeit von Mißhand­lung seitens dieses Nachbarn ist nun Deutschland endlich so glücklich, diesen Nach­bar so ziemlich untergekriegt zu haben, und cS wäre meiner Ansicht nach eine Nation von Narren, wollte es nicht jetzt, wo es dies thun kann, eine sichere Grenzmark zwischen sich und diesem Nachbar errichten.

Meines Wissens giebt es kein Naturgesetz, keine ParlamentSacte des Himmels, Kraft deren Frankreich, allein unter den irdischen Wesen, das gestohlene Gut be­halten sollte, nachdem die beraubten Eigenthümer den Dieb einmal in der Gewalt haben. Die Franzosen beklagen sich ganz schrecklich über den ihnen drohenden Verlust ihrer Ehre" und die Umstehenden bitten ernstlichEntehret doch Frank- reich nicht; lasset doch die Ehre des armen Frankreich unbefleckt." Aber wird es die Ehre Frankreich retten, wenn es sich weigert, für die Scheiben zu zahlen, welche es freiwillig in dem Fenster des Nachbarn eingeschlagen? Augenblicklich aber das muß ich sagen erscheint Frankreich mehr und mehr wahnwitzig, elend, tadelnswerth, bemitleidenSwerth und sogar verachtenswerth. ES weigert sich die Thatsachen so zu sehen, wie sie ihm handgreiflich vor Augen liegen. Ein in anarchisches Verderben zersplittertes Frankreich, ohne anerkanntes Haupt, mit Ministern, die im Luftballon aufsteigen und als Balast nichts mitnehmen als schmähliche öffentliche Lügen und Proclamationen von Siegen, die nur Hirn- gespinnste sind; eine Regierung, welche sich geradezu von der Verlogenheit nährt, welche will, daß das Blutvergießen fortgesetzt werde, und sogar eher noch zu­nehme, als daß sie schöne republikanische Pflanzen, wie sie sind vom Staats­ruder gedrängt werden; ich weiß nicht, wo oder wann eine Nation zu sinven wäre, die sich je so mit Unehre bedeckt hätte. SeineMänner von Genie", seine anerkannten Großen auf allen Gebieten der Literatur, sind offenbar der Ansicht, daß neue himmlische Weisheit sich vom Mittelpunkte Frankreichs in Radien nach den anderen überschatteten Ländern verbreite, daß Frankreich der neue Berg Zion des Universums sei, und daß all' der traurige, schmutzige, halb aberwitzige, und zum guten Theil höllische Kram, den die französische Literatur uns fett 50 Jahren vorglpredigt hat, das wahrhafte neue Evangelium vom Himmel sei, welches allen Menschenkindern den Segen bringe. Wenn wir nun aber auch Frankreich leider Gottes in diesen Dingen vielfach nachahmen, so viel tft gewiß, aus Dankbarkeit für diese von Frankreich empfangene Einrichtung wird ihm noch lange nicht ganz Europa zu Hülfe eilen; und selbst wenn ganz Europa wollte,

könnte es jenen schrecklichen Bundeskanzler nicht daran verhindern, daß er seinen Willen durchsetzt. Metz und die Grenzmark wird meiner Berechnung nach diesem Bundeskanzler fürchterlich schwer zu entreißen sein. Faßt man alles das ins Auge, was sich seit Sedan ereignet hat, möchte man es der Mäßigung des Grafen Bismarck hoch anrechnen, daß er bei dieser Forderung ruhig stehen bleibt, daß er Nichts mehr verlangt, aber fest entschlossen ist, sich mit nicht weniger zu be- 0TlUÖ Ueberhaupt herrscht bezüglich des Grafen Bismarck in England noch immer eine stellenweise sehr irrige Auffassung. Mir scheinen die englischen Zeitungen der Mehrradl nach erst einer wahren Erkenntniß Bismarcks entgegenzugehen. Lls- marck so weit ich ihn lese ist kein MannNapoleonischer Ideen , sondern seine Ideen sind jenen weit überlegen; er zeigt keine unbesiegbareSucht nach Gebietsvermehrung", wird auch nicht von «gemeinem Ehrgeiz" gequält u. s. w., sondern seine Ziele gehen weit über diese Sphäre hinaus, ja er scheint mir mit seiner großen Fähigkeit durch ruhige, großartige und erfolgreiche Schrltte auf ein Ziel loSzuschreiten, welches zum Besten Deutschlands und zum Besten der ganzen übrigen Welt ist. Daß das edle, ruhige, gründliche und solide Deutschland sich endlich zu einer Nation verschmelze und zur Königin des ContinentS werde, an­statt des dunstigen, ehrsüchtigen, gesticulirenden, zanksüchtigen, rastlosen und uber- empfindsamen Frankreichs das scheint mir das hoffnungsvollste Ereigmß meiner Zeit zu sein.

Der K. Z." schreibt man aus Berlin, 20. Nov. Die Nachrichten über den Beitritt'Bayerns zu dem deutschen Bunde finden hier Bestätigung. Diesseits hat man dem Zustandekommen der Verträge die größten Opfer gebracht. Bayern behält das Recht, ein Sonderheer im Bundesheere zu bilden, hat dagegen seine Ansprüche auf eine Sonderdiplomatie und Befreiung von der Beitragspflicht für

die Bundesflotte fallen lassen. Die Gewerbeordnung wird ferner nicht auf Bayern ausgedehnt, weil man dort behauptet, eine bessere und freiere zu haben als der Nordbund. Man wird sich erinnern, dieser Behauptung im Reichstage bei Ent­stehung der neuen Gewerbeordnung öfters begegnet zu sein; es wurde das da­mals erst entstandene Gesetz vielfach zur Nacheiferung empfohlen. Auch Württem­berg, dessen Anschluß nach einem kurzen Uebergang gesichert war, wünscht vor­läufig noch von der Einführung der Gewerbeordnung frei zu bleiben und auch das Freizügigkeitsgesetz bleibt für Württemberg und Bayern aufgehoben. Von großer Wichtigkeit ist der gemeinsame Reichstag aus allgemeinen direkten Wah­len, womit das Zollparlament beseitigt und Anhalt genug geboten ist, die müh­sam erlangten Elemente der Einheit Deutschlands weiter zu entwickeln. Vor­läufig steht es fest, daß die vier Verträge an den Reichstag gelangen; welches Schicksal dieselben und besonders die mit Bayern haben werden, bleibe einstweilen oahin gestellt.

Ein osficiöser Artikel der Allg. Ztg. verwahrt sich gegen die Zumuthung, den süddeutschen Staaten im zukünftigen Deutschen Bunde eine Stellung an­weisen zu wollen, wie Preußen eine solche im Jahre 1866 den besiegten Staa­ten aufzuerlegen allerdings gezwungen gewesen sei. Die süddeutschen Staaten dürften nicht in eine Verfassung, wie die des Nordbundes, hinein gezwängt wer­den, welche unser eigenes inneres Leben unterdrücke. Dazu sei insbesondere Bayern zu groß und zu lebensfähig. An der bayerischen Regierung sei es, wenn die vielleicht zur Unzeit unter Waffengeräusch begonnenen Verhandlungen in Ver­sailles zu keinem Resultate führten, Preußen und Deutschland den Entwurf einer deutschen Verfassung vorzulegen, in der, ohne bayerische Großmachts-Träumereien, Preußen als erster deutscher Macht diejenige Stellung angewiesen werden müßte, die es haben müsse zu Nutz und Frommen von ganz Deutschland. Die erste Hälfte der für die im Felde stehende bayerische Armee bestimmten Anzahl von Pelz­mänteln geht in den nächsten Tagen an ihren Bestimmungsort ab.

Eine Sache macht in Baden viel Aufsehen. Die Herzogin von Hamilton, Tochter der verstorbenen Großherzogin Stephanie und dadurch in Beziehungen zu Napoleon, war bisher immer Mitglied des Frauenvercins. Seit ihrem letzten Besuch auf Wilhelmshöhe ist sie aber aus dem Verein ausgetreten und entzog ihm ihre Beiträge. Von ihren französischen Sympathieen machte sie freilich nie Hehl, und sie versorgte auch immer die französischen Verwundeten in den Spi­tälern mit französischen Zeitungen, aber von einer Abkömmling eines deutschen Fürstenhauses hätte man doch solches nicht erwartet.

Der Criminalsenat des Kammergerichts zu Berlin hat den Kammergerichts­rath Steinhaufen mit der leitenden Führung der Voruntersuchung gegen den hie- sigen Bankier Güterbock und die Bankiers in Frankfurt a. M. betraut.

Prinz Napoleon begibt sich, wie man in London wissen will, nach Wil­helmshöhe, woselbst seiner schwerlich ein freundlicherer Empfang wartet, als ihm in Chiselhurst zu Theil wurde. Nach England kommt er vorerst nicht wieder zu- rück, sondern geht wahrscheinlich nach der Schweiz.

Um den in den baltischen Provinzen lebenden Letten die Quellen der deut­schen Bildung zu verschließen und sie dadurch der Russificirung zugänglicher zu machen, hat der Curator des rigaer Lehrbezirk- angeordnet, daß die Fibeln und andere Lesebücher für die lettischen Elementarschulen zwar in lettischer Sprache, aber mit russischen Buchstaben gedruckt werden sollen.

Ueber die Beziehungen zwischen Rußland und Preußen und die Stellung Oesterreichs zu denselben bringt die Spener'sche Zeitung eine interessante Peters­burger Correspondenz. Es heißt darin:Als beim Beginn des Krieges gewisse Parteien in Oesterreich, namentlich die Ultramontanen, die Polen und ein Theil der Czechen, nicht bloß zur bewaffneten Neutralität drängten, sondern unter der Losung:Rache für Sadowa", auch den Kampf gegen Preußen forderten, da war es Rußland, welches, ohne Verabredungen, ohne diplomatische Noten, ohne Drohungen lediglich durch seine ruhige, entschiedene Haltung dem Weitergreifen drr kriegerischen Verwicklungen steuerte. Einige ernste russische Zeitungsartikel machten in Wien Eindruck. Russische Privatmänner, welche sich damals zufällig in Wien befanden, legten gesprächsweise ihren österreichischen Freunden die durch­aus friedliche Richtung der Petersburger Politik dar und brachten denselben die Ueberzeugung bei, daß Rußland im Interesse der Vermeidung eines europäischen Krieges eine auf Seiten Frankreichs Statt findende Betheiligung Oesterreichs an dem Kampfe nicht dulden werde. Auch die damals nahe der galizischen und der siebenbürgischen Gränze ohne alles Geräusch errichteten russischen UebungSlager haben wohl dazu beigetragen, in Wien die Besonnenheit oben zu halten. Genug, nachdem Oesterreich mehr als 20 Millionen Gulden unnöthig für Rüstungen ausgegeben hatte, rüstete es sehr verständiger Weise wieder ab. Hoffentlich ver­gißt man in Deutschland nicht, wie die gerechte und wohlwollende Politik Alexan- ver's II. durch ihr gemeinnütziges Friedens-Interesse dazu mithalf, daß es seine Sache mit Frankreich allein auSfechten konnte."

In der Voraussetzung, daß an der belgischen Gränze sich wiederum krie- gerische Ereignisse zutragen könnten, hat die belgische Regierung Befehl gegeben, Alles bereit zu halten, um Truppen sofort nach den gefährdeten Punkten werfen zu können, sobald sich das Bedürfniß Herausstellen sollte.

Das Zuchtpolizeigericht von Brüssel hat einen Franzosen, Namens Joseph Ledeuil, aus Chenay gebürtig, zu drei Monaten Gcfängniß verurtheilt, weil er versucht hatte, drei Unterofficiere der belgischen Armee (CarabinierS) zum Eintritt in den französischen Kriegsdienst zu verleiten. Dieser Ledeuil war Ambulance- Beamter; die Strafe fiel so gelinde aus, weil derselbe sehr gute Antece- ventien hat.