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Mnzeige- und Ztmtsßtatt für den Kreis Kielen.

Nr. ISS." Mittwoch den 21. Dcccmder 1870.

20. December.

Der italienische Gesetzentwurf über die Garantien der geistlichen Gewalt verbeißt Dem Papste eine von Der weltlichen Regierung Durchaus unabhängige Stellung und sichert ihm Die Ausübung seiner geistlichen Gewalt innerhalb Des Königreichs Italien im weitesten Umfange zu: so Daß Die Ansicht wohl berechtigt erscheint, Daß Der Staat manche Rechte aufgiebt, deren er im Interesse seiner Untertanen, im Interesse Der Gewissensfreiheit, Die Doch eine Der GrunDlagen aller Civilisation ist, sich gar nicht entäußern Dürfte. Indessen wenn Die Italiener Den Besitz Romö mit einer Steigerung des kirchlichen Druckes erkaufen wollen, so ist das zunächst ihre Sache. Zum Heile kann cs ihnen aber keinenfalls gereichen, wenn sie die Massen Dem Einflüsse Des Clerus ausliefern und die geistige Emancipation von Dem starrsten Kirchenthum als ein Privilegium für die gebildeten Classen reserviren. Doch, wie gesagt, Die Italiener mögen selbst zusehen, wie sie unter Der Herrschaft des klerikalen Druckes Den Culturaufgaben, Die ihnen obliegen und Deren sie sich gern rühmen, gerecht zu werden vermögen. Sie haben Rom gefordert und gewonnen, und müssen nun eine Steigerung des kulturfeindlichen romanischen Princips mit in Den Kauf nehmen. Ob der Gewinn oder der Verlust größer ist, Das zu erwägen, ist ihre Sache.

Wenn man aber in Italien glaubt, daß mit der Annahme des vorgelegten Gesetzentwurfes Die römische Frage gelöst sei, so dürfte man sich doch in einem großen Jrrthum befinden. Die römische Frage ist eine universale Frage; und die italienische Regierung vermag sie auf Dem Wege Der Gesetzgebung gar nicht zu lösen. Die Zugeständnisse, Die Dem Papst in Betreff der Ausübung seiner kirch­lichen Functionen innerhalb Italiens gemacht werden, so übermäßig dieselben auch sind, vermögen doch nicht, denselben für den Verlust seiner weltlichen Macht zu entschädigen. Als Haupt Der italienischen Kirche erhält er größere Concessionen, als er beanspruchen kann und als sich mit Den Souveränetätsrechten Des Staates verträgt. Aber Der Papst ist eben nicht blos Haupt Der italienischen Kirche, er ist das Haupt der gcsammten katholischen Kirche, und in Dieser Eigenschaft nimmt er für sich eine Unabhängigkeit in Anspruch, wie sie nur Die volle Souveränetät, Der Besitz einer weltlichen Macht, Die Hoheit über ein Territorium zu geben vermag.

Run bietet allerdings das Gesetz dem Papste Die Ehren eines Souveräns; es sorgt für seine pekuniären Bedürfnisse, es überläßt ihm abgabenfrei, als quasi unabhängigen Besitz, Den Vatikan und einige andere Paläste, es gewährt Den vom Papste bewohnten Orten ein gewisses Asylrecht; Der Staat verpflichtet sich, in keiner Weise hindernd in die Correspondenz des Papstes mit Dem Epiecopat und Der ganzen katholischen Welt sich einzumischen; er gestattet Den Vertretern Der aus­wärtigen Mächte beim päpstlichen Stuhl Dieselben Prärogative und Immunitäten, wie Den diplomatischen Agenten überhaupt, u. s. w.; das Gesetz gewährt, indem es den Papst Der territorialen Grundlage seiner Souveränetät beraubt, demselben doch Die Privilegien und Immunitäten Der Souveränetät.

Aber grade auf Bewahrung Der natürlichen Grundlage der Souveränetät legt der Papst Das höchste Gewicht; Die Attribute Der Souveränetät, welche Die italienische Gesetzgebung ihm zugesteht und verbürgt, haben in seinen Augen ab­solut gar keinen Werth; ja er würde in Der Unterwerfung unter DaS Gesetz des Königreichs Die tiefste Demütigung und Erniedrigung sehen. Es läßt sich daher gar nicht bezweifeln, Daß Die Curie unveränDert in ihrer abwehrenden Haltung beharren wird. Sie wird Alles über sich ergehen lassen, was sie nicht hindern kann; aber feine Überredungskunst, kein Druck, keine Gewalt Der vollendeten That- fache wird sie vermögen, das von Victor Emanuel sehnsuchtsvoll gewünschte Wort Der Zustimmung auszusprechen.

UnD wollte sie es, sie konnte es nicht, weil Die öffentliche Meinung Der katho­lischen Welt, Die in Dieser Frage entschieden auf Seiten des Papstes steht, es ihr verbieten würde. Die katholische Welt verlangt für die Unabhängigkeit des Papstes stärkere Bürgschaften, als Die Gesetzgebung des Königreichs Italien ihr zu bieten vermag; sie betrachtet es als eine Beleidigung, als eine Beeinträchtigung ihres Rechtes, Daß ein Vcrhältniß, welches Die ganze Kirche betrifft, durch Die Regierung eines Staates geregelt wird; sie sieht mit dem entschiedensten Mißtrauen den, sei es freundlichen, sei es feindlichen Beziehungen entgegen, die aus Der Annahme Der gebotenen Bedingungen von Seiten des Papstes zwischen ihm und Dem Könige sich ergeben würden.

Die katholische Welt wünscht daher in erster Linie die Wiederherstellung Der weltlichen Macht des Papstes. Indessen muß es Doch, wie wir wohl nicht notbig haben, ausführlich zu erörtern, für unmöglich gelten, einfach die vollendete That- fache rückgängig zu machen, Da keine Macht geneigt fein wird, mit Der Oewalt Der Waffen Die italienischen Truppen aus Rom zu vertreiben; Trochu hat zwar den Wunsch, dies zu thun; aber Frankreich wird wohl noch auf lange Zeit hin nicht in Der Lage fein, an Die Erneuerung Der Okkupation Roms ju Demen; und unter Den übrigen Mächten befinDet sich keine, Die zu einem römischen Kreuzzug Neigung hat.

Was bleibt also übrig, als eine Collektivgarantie Der Mächte an Die Stelle Der von Italien gebotenen Garantien zu setzen? Viel gewonnen wäre Damit frei­lich nicht, Da keine europäische Garantie auf Die Beziehungen zwischen dem Papste und dem Könige von Italien einen maßgebenden Einfluß ausüben kann, Die Lei­tung Der kirchlichen Angelegenheiten also unter allen Umständen von Dem zwischen diesen beiden hohen Personen bestehenden Verhältnisse abhängig bleiben wird; das aber fürchten ja die Katholiken grade, und deshalb werden sie tn der Collectiv- garantie nur ein Palliativmittel, nicht aber eine Lösung Der römischen Frage sehen

Und in Der That stehen wir hier vor einem Problem, Dessen Losung selbst I

der Theorie noch nicht gelungen ist. Wir können nur so viel mit einiger Sicher­heit behaupten, daß für Italien Die Besetzung Roms nicht eine Quelle Der Macht und Der inneren Erstarkung, sondern der Verwirrung und Der verdrießlichsten Ver­wickelungen fein wird. Rom Die Hauptstadt Italiens! Das ist ein Wort, welches jedes Italieners Brust mit Stolz erfüllt. Aber es wäre traurig um Italien be­stellt, wenn für den Verlauf seiner inneren Entwickelung und für seine äußere Machtstellung die aus diesem Besitze sich ergebenden Verhältnisse maßgebeno werden sollten, wenn Rom, wie es die Hauptstadt des Königreichs geworden ist, auch das Herz Italiens wurde.

Die Restaurirung des deutschen Kaiserreiches, so schreibt man DerN. Fr. Pr.", hat unter Den streng Conservativen Der neupreußischen Richtung eine solche Verstimmung erzeugt, Daß einige Mitglieder Des Herrenhauses (Graf Lippe und sein Anhang) gesonnen sein sollen, für Den preußischen Landtag dieselbe Befug- niß zu fordern, Die Den südDeutschen Kammern eingeräumt ist, nämlich Die Vor­legung Der deutschen Verträge.

Der Mißbrauch mit Der Versendung Der dicken Feldpostbriefe, welche nichts weniger als Briefe sind, nimmt wiederum Dermaßen überhand, Daß das General- Postamt sich genöthigt sieht, Dagegen einzuschreiten, um so mehr, als Angesichts der jetzt schlechten Wege und Der kurzen Tage Die Transporte in Frankreich immer schwieriger werden. Aus Stettin gingen an einen Freiwilligen in Frankreich von einem Absender an einem Tage 12 Feldpostbriefe, je zu 4 Loth, bei Der Sam- melstelle in Berlin ein, welche, wie einige schon zerplatzte ergaben, Das wich­tige Armeebcdürfliiß Pfefferkuchen enthielten. Die Namen derjenigen, welche die Postfreiheit Der Soldaten und die Feldposteinrichtung in dieser rücksichtslosen Weise für ihre Special-Interessen zum Nachtheil Der Gesammtheit mißbrauchen, »erDien- ten in Der That veröffentlicht zu werden.

Der Berichterstatter Der Schlesischen Zeitung über Die Kriegslage will wis­sen, daß Graf Bismarck in einer an maßgebenDer Stelle nieDergelegten Denk­schrift ' sehr entschieden für" die Ansicht eingetreten sei, Daß Paris endlich voller Ernst gezeigt werden müsse.

Die Nachrichten über die Stellung Frankreichs zu der Conferenzfragc sind theils unbestimmt, theils irreführend, so daß es wohl von Interesse sein Dürfte, kurz das Thatsächliche zu constatiren. Sobald von Seiten Englands an die französische Regierung eine vorläufige Einladung, die Conferenz zu beschicken, erging, erfolgte Die Antwort, Frankreich mache Die Bedingung, daß auch sein Streit mit Deutschland zum Gegenstand der Conferenzverhandlungen gemacht werde. Diese Forderung wurde von Seiten Der einladenden Macht England ab- gelehnt, Da Die Conferenz ausdrücklich nur ad hoc, das heißt wegen der Pontus- frage berufen werde. Bei Den weiteren Verhandlungen schien es einen Augen­blick, daß Frankreich seine Forderungen fallen lassen wolle, und damals war die Annahme allgemein, daß Die Theilnahme Frankreichs an Der Conferenz gesichert sei. Seitdem ist aber die provisorische Regierung auf ihr Forderung zurückgekom­men und da sie darauf beharren zu wollen scheint, so wird wohl die Konferenz ohne Theilnahme Frankreichs vor sich gehen, und Frankreich Der Beitritt zu Den Conserenzbeschlüssen offen gehalten werden. Eine Prüfung Der legalen Befugniß Der provisorischen Regierung, Frankreich zu vertreten, ist von EnglanD nicht bean­sprucht worden, unD ebensowenig ist von Seiten Norddeutschland« ein Bedenken gegen die Theilnahme Frankreichs erhoben worden.

Eine Depesche aus Bordeaux vom 15. d. M. meldet:Es ist falsch, daß die französische Regierung sich weigert, sich an einer Conferenz über Die orienta­lische Frage zu betheiligen. Die neutralen Mächte begreifen, daß Frankreich für das europäischeConcert" nothwendig ist, und sie beschäftigen sich mit den Mitteln, um Der französischen Regierung Den Eintritt in die Conferenz zu erleichtern. Sie begreifen Die Schwierigkeiten, dieses Resultat unter den gegenwärtigen Umständen zu erlangen, Da Die preußische Regierung immer behauptet hat, daß sie mit Der Regierung Der nationalen Vertheidigung nicht unterhandeln kann, so lange eine constituirende Versammlung nicht ernannt worden ist. Aus diesem Grunde sind die neutralen Mächte geneigt, neue Schritte für einen Waffenstillstand mit Der Verproviantirung von Paris zu thun; es ist jedoch falsch, daß, wie einige fremde Blätter versichern, Herr Gambetta Forderungen dieser Art gestellt habe."

Der neueste bonapartistische Plan besteht Darin, daß spätestens nach dem Fall von Paris Die früheren großen Staatskörper, Der Senat unD andere, auf Grund der kaiserlichen Verfassung durch Plebiscit das Volk über Krieg oder Frieden befragen sollen, ohne Angabe Der Bedingungen, wobei die Restauration des frühe­ren Regime selbstverständlich Hauptsache ist.

Herr Gambetta hat das Gcheimniß heraus, tote man sich bei Den Franzosen Gehorsam verschaffen kann. Er behandelt sie alle über einen Leisten unD alle gleich schlecht, ja brutal. Seine Collegen fährt er barsch an, Die Generale jagt er fort, wenn sie nicht leisten, was er will, Den Mitgliedern Der ehemaligen Kam­mer von Der Linken und dem linken Centrum, Die neulich in Tours zur Vernunft und Mäßigung riethen, gab er deutlich zu verstehen, daß er sich nicht genhen würde, alle gegen sievon dem Ernst Der Situation gebotenen" Maßregeln zu ergreifen, worauf sie sich still verhielten, und um Der Provinz-Pnsse Die Lust zu benehmen, mit ihm scharf in'S Zeug zu gehen, ließ er einen Redactkur derUnion de la Sarthe" kurzweg auf eine Anzahl Wochen in einem einsamen Gefängniß Die Größe seines Verbrechens ermessen. Nur an Der Presse in Tours hat er es vermieden, fein Müthchen zu kühlen.Da wären wir also, meint derFrancaiS", glücklich wieder zu den schönen Zeiten Der leltres de cachet zurückgekommen."

Pariser Blätter berichten über Die nachträgliche Bestattung Des Restes Der