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Gießener Anzeiger.
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Expedition : Canz lei berg Lit. B. Nr. 1.
Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kielen.
Nr. 132. Donnerstag den 20. October 1870.
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19. October.
Nachdem die Schuldhaft im ganzen Bundesgebiete allgemein aufgehoben worden, bleibt in dem Geltungsbereiche des Landrechts und der Gerichtsordnung nach fruchtlosem Ausfall der Realcxecution gegen des Schuldners Vermögen dem Gläubiger nichts übrig, als den Manifestationseid zu erlangen, durch welchen der Schuldner sein gesummtes Vermögen eidlich erhärten mutz. Dieses Mittel ist verschiedentlich «ulch^Ll^auSreichend erkannt und auch aus Handelskrcisen der Antrag an den Iustizminister gekommen, die geschehenen Manifestationen durch die Gerichte öffentlich bekannt machen zu lassen. Der Iustizminister hat nach eingehender Prüfung dieser Anträge dieselben abgelehnt, weil der beantragten Maßregel nicht zu beseitigende Bedenken entgegenstehen, zumal sie für den größeren kaufmännischen Verkehr fast bedeutungslos ist und eine Parallele mit den öffentlichen amtlichen Bekanntmachungen über die Eröffnung von Concurfen (Fallt- menten) unzutreffend erscheint.
Mit Rücksicht darauf, daß viele Angehörige der im gegenwärtigen Kriege gefall'nen u. s. w. Soldaten über den Weg im Unklaren sind, den sie einzuschlagen haben, um in den Genuß der gesetzlichen (.hoffentlich durch die bevorstehende allgemein-deutsche Gesetzgebung beträchtlich zu erhöhende) Unterstützungen oder Erziehungsbeihilfen zu gelangen, hat der Minister de- Innern im Verein mit dem Kriegsministerium untern 6. d. M. die Regierungen (Lanvdrosteien) zu einer Bekanntmachung veranlaßt, daß Gesuche um Unterstützung von Wittwen der vor dem Feinde gebliebenen ober an erlittenen Verwundungen gestorbenen, so wie der im Felde beschädigten oder erkrankten und in Folge dessen bi- zum Tage der Demobilmachung resp. bis zur Auflösung der KriegSformation ver- storbenen Militärpersonen vom Feldwebel rc. abwärts, eben so Gesuche um Erziehungsbeihilfe für Kinder solcher gebliebenen u. s. w. Militärpersonen an die LandrathSämter (in Hannover: Acmtern) zu richten sind.
Die „N. N." schreiben : Auf Anregung weniger Personen, ohne allen Zwang, aus eigenem freien Willen, nur gedrängt von der Liebe zu Deutschland und zur Sicherung einer ehrenhaften Stellung Baiern- haben bi- jetzt fünfhundert fünf und achtzig Gemeinden und Corporationen an den König die Bitte gerichtet: „Se. Majestät möge geruhen, durch Vereinbarung mit den verbündeten Staaten die Vollendung de- deutschen Bundesstaates auf Grundlage der Verfassung des derzeitigen norddeutschen Bunde- al- Abschluß de- opferreichen nationalen Kampfes herbeiführen". Unsere Gegner suchen den Wrrth der Avreßbewegung durch alle möglichen Mittel herabzusetzen, namentlich behaupten sie, die wenigsten Unter- zeichner wüßten, um was es sich handle. Dem gegenüber constatiren wir, daß sich unter den zahlreichen Unterzeichnungen nur drei Handzeichen befinden, während, Vie sich die Leser erinnern werden, die Handzeichen (ftt) unter den ultramon- tanen Schuladrcffen fast die Mehrzahl der Unterzeichnungen bildeten. Die ge- bildete Welt aller Stände, vom intelligenten Bauer bi- zum höchsten Beamten, schließt sich demnach der Landesadresse an und selbst die katholische Geistlichkeit betheiligt sich an derselben.
Mit der Frage der Entschädigung der aus Frankreich verwiesenen Deutschen scheint man sich im Bundeskanzler - Amt nunmehr ernstlich zu beschäftigen. Es dürfte binnen Kurzem eine Executiv-Commission zusammentreten, welche mit der Prüfung der einzelnen Ansprüche resp. der Vertheilung der Entschädigungsgelder betraut werden soll. Dem Vernehmen nach soll die praktische Leitung der Arbeiten dieser Commission dem Architekten der preußischen Botschaft in Paris, Herrn Iunk aus Trier, übertragen werden. Dieser Fachmann, der wie Wenige die Pariser Verhältnisse bis in ihre kleinsten und verborgensten Details kennt, wäre um so mehr die hiefür geeignete Persönlichkeit, als er ja schon früher von großen Gesellschaften, wie dem Credit Foncier u. A. zum Experten ernannt worden ist und weil er die Finanzverhältnisse von Frankreich wie Pari- zum Gegenstände eine- ganz besonderen Studium- gemacht hat. Es würde sich empfehlen, denke ich, wenn die ring- zerstreuten Au-gewiesenen sich schon jetzt zusammenthäten, um Behufs schnellerer Erledigung ihrer Ansprüche, ihre vorläufigen Mittheilungen an genannten Herrn Iunk, der dem Hauptquartier der III. Armee, das ist der des Kronprinzen von Preußen, ganz besonder- attachirt worben ist, gelangen zu lassen. Die namentlich in Süddeutschland ansässigen Mitglieder der Pariser Gesangvereine Teutonia und Liederkranz, die Herrn Iunk mehr oder minder persönlich nahe ge- -standen, wären die geeignetsten Bindeglieder, durch deren Vermittelung die Ent- schävigungsbedürftigen sich mit dem voraussichtlichen Leiter jener Commission in 'Berührung setzen könnten. Es wäre zu wünschen, daß dieser Hinweis im Interesse der Sache, auch in andere Zeitungen, vorzugsweise tu süddeutsche, überginge.
(K. Z.)
Die „N. A. 3-" schreibt: „Angesichts der entsetzlichen Auflösung aller Ordnung, die durch den sinnlosen Widerstand der zeitlichen Machthaber in Frankreich, die ihrerseits wieder von dem Wahnsinn der Massen terrorisirt werden, mehr und mehr gefördert wird, ist es nicht zu verwundern, daß sich in den neutralen Ländern immer wieder Vorschläge vernehmen lassen, wie zu einem Ende des Kampfes zu gelangen sei. Darunter sind freilich sehr un- glückliche, wie z- B. der von der „Times^ gemachte, Deutschland solle sich mit
einer Schleifung der französischen Festungen zufrieden geben, wofür dann die europäischen Großmächte sich verpflichten würden, beim etwaigen Ausbruch neuer Feindseligkeiten sich auf die Seite des Angegriffeneil zu stellen. Die Ermittelung, wer Angreifer, wer Angegriffener sei, ist bekanntlich nicht immer leicht, in der ganzen Weltgeschichte dürfte es aber kaum einen Fall geben, wo die Entscheidung dieser Frage klarer ui Tage lag, als bei dem letzten räuberischen Ueberfall Frankreichs. Konnten denn die Neutralen nicht damals schon durch einmüthigen Protest den Angriff hindern? Oder sollen wir uns vielleicht künftig sicherer fühlen, weil ein diplomatisches Actenstuck, sauber redigirt und paragraphirt, eine ausdrückliche Verpflichtung festsetzt?
Am 10. October waren „ziemlich ernstliche FrievenSgerüchte" in Pari- verbreitet : „König Wilhelm biete 20 Tage Waffenstillstand mit der Erlaubmß, Paris wieder mit Lebensmitteln zu versehen, an, wogegen Frankreich die Constituante einzuberufen und eine Regierung einzusetzen sich verpflichte, mit welcher er den Frieden verhandeln könne." Ob wahr oder nicht, genug, „Paris ist als durch Gewalt nicht zu nehmen anerkannt", fctzt der Correspondent der Jnbepen- dance belge hinzu, die jetzt als Hauptorgan der pariser Überzeugungen dient, „und was das Aushungern betrifft, so ist aller im Gürtel verfügbarer Grund dem Gemüsebau unter Leitung des Herrn Ivigneux überwiesen; man wird Gemüse haben in dem Augenblicke, wo die anderen Lebensmittel uns ausgehen." So geschrieben am 9. October. Als Seitenstück zu dieser Leichtfertigkeit kann folgende Betrachtung des Correspondenten desselben Blattes aus Tours über die Niederlage des Generals La Motterouge bei Orleans dienen: „Jeden General, der es an' Festigkeit, Entschlossenheit und Geschicklichkeit fehlen läßt, oder der Unthätigkeit verdächtig ist, setze man ab. Ist er unschuldig, so wird Gott ihm am jüngsten Gerichte Gerechtigkeit ertheilen. Einem anderen, der Hoffnungen gibt, gebe man schnell ein Commando, und wenn er nicht reussirt, so werfe man ihn ohne Scrupel bei Seite und versuche es mit einem anderen. General dc La Motterouge war von Tours abgerückt, um die Leitung der Truppen zu übernehmen, die sich vorbereiteten, bei Orleans zu kämpfen. Wo war er gestern, was glauben Sie wohl? An der Spitze der Combattanten? Keineswegs, er war auf dem Bahnhofe und wartete, während er seine Cigarre rauchte, auf Neuigkeiten."
Der „N. fr. Pr." schreibt man aus Konstantinopel: „Don den außerordentlichen Erfolgen der deutschen Waffen erwartet „La Turquie" einen heilsamen, vielversprechenden Einfluß auf den Orient. Die Hauptaufgabe der großdeutschen Zukunft-Politik in Bezug auf den Orient bedinge, den Aggrcssiv-Tendenzen Rußlands einen unübersteigllchen Damm entgegenzustellen. Da bekanntlich Herr Bor» deano vom Minlsterium des Auswärtigen infpirirt wird, so liefert uns sein Leitartikel den sicheren Beweis, daß die türkischen Staatsmänner, an deren Spitze der Großvezier, die Rolle, welche Deutschland demnächst zu spielen berufen ist, vollkommen begriffen haben. Man ist überzeugt, daß nach Frankreich die Reihe an Rußland kommt; es hat in diesem Falle Deutschland an der Türkei einen sicheren Bundesgenossen in Aussicht, dessen Armee, wenn von deutschen Offizieren geführt und deutschen Truppen unterstützt, ein durchaus nicht zu unterschätzendes (Kontingent in's Feld stellen würde und jedenfalls als dessen Allürter viel zuverlässigere und ersprießlichere Dienste leisten dürfte, als dies 1866 Italien gethan hat. Wir glauben nicht, daß es Rußland gelingt, auf dem vielleicht stattfindenden Friedenskongresse die Verträge von 1856 zu annulliren. Allerdings hat Graf Bismarck durch die Niederwerfung Frankreichs einen in der orientalischen Frage mächtigen (Soncurrenten Rußlands beseitigt; die Rolle aber, welche in allen bedeutenderen europäischen und sonstigen auswärtigen Angelegenheiten bis jetzt Frankreich gespielt, fällt Deutschland zu; eben darauf gründen wir unsere Hoffnung einer künftigen freien, ungebrückten Existenz, die nicht fortwährend durch da- stets über unfern Häuptern schwebende Damoklesschwert Rußlands bedroht werde. England hat sich in seiner langjährigen Freundschaft gegen uns stete ausdauernd und consequent bewiesen, von den gleich mächtigen Vettern dieser charaktervollen Nation sind wir also mit voller Zuversicht berechtigt, ein gleiche- Wohlwollen zu erwarten. Seit der Proclamirung der französischen Republik stehen die Griechen mit ihren Sympathien entschieden auf französischer Seite. In dem Maße, als Rußlands Politik gegen die preußischen Erfolge mißtrauischer sich zu gestalten scheint, verschwinden auch allmälig die bei Beginn diese- Krieges für Deutschland gehegten südslavischen Sympathien."
Die „Russische Corresp." erhält aus Kassel vom 26. Sept, eine Mittheilung, wie sich Louis Napoleon über Favre und Bismarck, sowie über Thiers geäußert habe. Der Betreffende behauptet, diese Worte aus seinem eigenen Munde gehört zu haben. „Jules Favre", hätte der Exkaiser gesagt, „hat nicht die Kraft, mit dem Minister König Wilhelm's zu verhandeln; er wird von ihm in die Tasche gesteckt werden. ' Ich bin sehr von ihm dupirt worden, ich, dessen Feinheit und Schweigsamkeit man überall verkündigt hat. Wie soll es nun gar mit Hrn. Jules Favre gehen, dessen Gewalt nur in seiner allzu übermächtigen Beredsamkeit besteht? Alle seine Worte werden gegen ihn selbst zurückgeworfen werden unter der Form der Uebereinstimmung mit seinen friedlichen Absichten. Hr. v. Bismarck wird die Verantwortlichkeit seiner


