Ausgabe 
20.9.1870
 
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Redactton, Druck und Verlag der Brühl'fchm Univ.-Druckerei (Fr. Chr. Pietsch', in Gießen

Darmstadt, 17. September. Der von Herrn Prälat 0r. Zimmermann in der Sitzung erster Kammer vom 15. d. eingebrachte Antrag lautet wörtlich: Die großen preiswürdigen Thaten des deutschen Gesamwtheeres auf den Schlachtfeldern mahnen jedes deutsche Herz zu entsprechenden Thaten der Dank­barkeit. Und diese Mahnung ist nicht erfolglos geblieben. Die Opferwilligkeit in ver Sorge für die Kämpfenden und die aufopfernde Thätigkeit für die Ver­wundeten und Erkrankten, wie sie in allen Ständen sich bewähret, ist über alles Lob erhaben. Aber das deutsche Volk ist mit dieser Sorge nicht zufrieden, es gedenkt auch in Liebe und Dankbarkeit drrer, die im Kampfe invalid geworden

Wir verfehlen nicht, auf die im Jnseraten-Theil unserer heutigen Nummer entj haltene Ankündigung der in Berlin erscheinenden Zeitung diePost" nebst Gratis-Bei­lage dasHaus" aufmerksam zu machen. DiePost," die ohnehin schon für fast den halben Preis ihren Lesern einen gleich reichen Stoff bietet, wie andere große politische Zeitungen, auch die vollständigen Gewinn-Listen der König!. Preuß. Klassen-Lotteri! bringt, fügt diesem reichen Inhalt jeden Sonntag eineJllustrirte Frauen-Zeitung' dasHaus" bei, welche nicht nur wie andere Modcnjournale stets das Neuste auf den Gebiete der Mode nebst regelmäßigen Beilagen von Schnittmustern, sondern auch alb für den Haushalt practischen Erfindungen in sauberer Beschreibung liefert. DiePost' bietet hiernach sämmtlichen Familien-Mitgliedern Stoff zur Unterhaltung und nützliche, Anwendung für den außergewöhnlich billigen Preis' von 2 Thalern vierteljährlich; di »Post" hat im fünften Jahre ihres Bestehens die ansehnliche Anzahl von 12,000 Abon? nenten erlangt, was wohl am Besten für dieselbe spricht. Wir empfehlen dieselb, unseren Lesern und hauptsächlich der Frauenwelt angelegentlichst. Nummern bei Frauen-Zeitung dasHaus" werden von allen Buchhandlungen zur Ansicht geliefert.

Vermischtes.

Gießen, 17. September. Heute überreichte Herr Major von Randow persönlich dem Vicefeldwebel Freese vom Oldcnburgischen Infanterieregiment Nr. 91, welcher noch ans Bett gefesselt in Privatpflege bei Professor Lange sich befindet, das ihm von Er. Majestät dem Könige für sein wackere» Verhalten in der Schlacht bei MarS la Tour vom 16. August gnadigst verliehene eiserne Kreuz nebst einem Glückwunschschreiben seines EompagniechefS.

Darmstadt, 9. September. Auch einige TurcoS find hier. Sie verstehen kein Fran­zösisch. Der einzige Mensch, der sich ihnen verständlich machen kann, ist der hiesige Rabbiner, Herr Dr. Landsberger, als tüchtiger Orientalist bekannt. Gr liest den Leuten, die sämmtlich ihre Muttersprache weder lesen noch schreiben können, den Koran vor und schreibt ihnen ihre Briefe an die Angehörigen im AtlaS.

Vom 22. preuß. Regiment wi'd der Schief. Ztg. aus Reims, 6. Septbr., gesch eben: »Folgender origineller Witz ist gestern Nachmittag in der Stadt Reims vorgekommen Um 3Vz Uhr zog Se. Majestät der König Wilhelm in die Stadt ein. Das Volk strömte, um b<« Heldenkönig und seinen Minister-Präsidenten, Herrn Grafen Bismarck, zu sehen, nach dem br- treffenden Platze. Um 4 Uhr kommt der Büchsenmacher Groeger vom 2. Bataillon RegimenlSs Nr. 22 in das ihm angewiesene Quartier; vom Wirth beftagt, wer er sei, antwortet er, rr sei Büchsenmacher. Mein guter Wirth, der dies für Bismarck verstand und den Herrn Grafen BiSmarck vorher nicht gesehen hatte, glaubte, daß der hohe Herr ihm Besuch! mache. Er fiel dem Büchsenmacher um den HalS, herzte und küßte ihn. Graf BiSmarck mußtt das schönste Stübchen beziehen und hatte ein vorzügliches Quartier.

Die New-BorkerTribüne", eines der größten dortigen Tageblätter, brachte am 211 August einen ausführlichen telegraphischen Bericht über die Schlacht bei Gravelotte von einens ihrer Berichterstatter am Kriegsschauplätze, für dessen telegraphische Uebermittelung von LondoS nach New-Pock nicht weniger als 2280 Doll, in Gold bezahlt werden mußten.

Dom Kriegsschauplatz.

Zn Paris, 16. September, eingegangcnen Meldungen zufolge haben 5000 Mann badische Truppen mit 20 Kanonen nach kurzem Kampfe mit Franktireurs und Nationalgarden Eolmar besetzt. Die Truppen requirirten Lebensmittel und Fourage und marschirten am anderen Tage auf Mühlhausen.

Nach einem Telegramme aus Fontainebleau sind Ulanen in Courcelles eingetroffcn.

Aus Parts, 16. September, wird ferner gemeldet: Nach den Berichten der Regierung sind preußische Plänkler bei Villeneuve, Damartin und Plessis erschienen. 3000 Mann Preußen haben bei Villers Cotterets (Departement Aisne, Arrondissement Soiffons) Stellung genommen. 10,000 Mann stehen bei Nanteuil. Soissons wird durch Cavallerie cernirt. Nach anderweitigen Nach­richten scheinen die Preußen einen Angriff auf Vincennes vorzubereiten. Der Eisenbahnbetrieb nach Orleans ist noch nicht eingestellt.

Aus Baden, 17. September. Der Präfect Jules Grosjean (Groß- hanS) war, wie Sie auch berichteten, in Colmar mit großem Enthusiasmus ausgenommen worden und hatte in einer Proclamation die AuStheilung von Gewehren versprochen, sowie zu allgemeiner Bewaffnung eingeladen. Nachdem aber vor Colmar ein Trupp Franctireurs auseinander gesprengt und einige ge­fangen genommen worden, hat auch der neue Präfect das Weite gesucht und zogen die badischen Truppen ohne weiteren Widerstand in Colmar ein. UebrigenS haben nicht Bayern Colmar occupirt, sondern badische Truppen unter General Keller. Der bei Müllheim gestandene Theil derselben ist am 15. bei Neuenburg über den Rhein gegangen und hat sich mit den Truppen Keller's zum Marsch auf Mühlhausen vereinigt, wo man wahrscheinlich gestern Morgens eingezogen ist. (Ist bestätigt.) Bei Ncubreisach war die Garnison, Linie und Mobil- garden, ausgezogen, hatte sich aber nach kurzem Gefechte, wobei unsererseits einige Gefangene gemacht wurden, wieder in die Stadt zurückbegeben. Von einem ernstlichen Widerstände ist nirgends die Rede.

19. September.

Vierzehn italienische Abgeordnete, die in Abwesenheit des Parlaments in Florenz zusammentraten (darunter Cairoli, Loporta, Frapolli, Macchi) haben an die Demokratie Frankreichs und Deutschlands folgende Adresse gerichtet:

Florenz, 5. September. Das Kaiserreich, das den Vernichtungskrieg hervorgerufen hatte, der eben gekämpft wird, ist gefallen. Tausende von Opfern, die sich heroisch dahingegeben, haben die Ehre Frankreichs hoch gestellt. Die Republik verabscheut diesen ruchlosen Krieg. Ein schneller und für die beiden Nationen ehrenhafter Friede kann allein die Civilisation retten und das Ge­deihen Europa's verbürgen. Möge Deutschland sich groß und hochherzig in seinen Bedingungen zeigen! Möge jedes Volk sich die Organisation geben, die ihm zusagt. Mögen alle Völker brüderlich zum Fortschritt der Menschheit sich vereinigen! Brüder Frankreichs und Deutschlands! Leget die Waffen nieder, wir beschwören euch im Namen der unzählbaren Opfer, die ihr beweint. Wir begrüßen euch heute auS Florenz. Italien wird euch bald von Rom aus die Hand reichen."

Herr Eugen Richter berechnet die Kriegskosten, die uns Frankreich zu zah­len habe, wie folgt: 115 Millionen Thaler baare Auslagen der Staatskassen für Heer und Flotte, 3 Mill. Thaler für zwangsweise Naturalleistungen der Gemeinden, 6 Mill, zur Entschädigung der Gemeinden für Unterstützung von Reservisten und Wehrmännern, 37j/2 Mill, für Entschädigung der einbcrufrncn Reservisten und Wehrmänner, 7 Mill, für Unterstützung der Hinterbliebenen, 30 Mill, zur Invalidenversorgung, 3 Mill. Entschädigung für Kehl und Saar­brücken, 20 Mill. Schaden durch die Blokade, 6 Mill. Entschädigung für die aus Frankreich vertriebenen Deutschen, im Ganzen 227 Mill. Thaler; ferner 150 Mill, als Pauschalsumme für die allgemeine Störung aller Erwerbs- Verhältnisse durch den Krieg, mithin in Summa 377 Mill. Thaler, gleich 1425 Millionen Franken.

Die Vorbereitungen zur Mobilmachung ver russischen Armee werden, wie man derOstsee-Ztg." aus Warschau schreibt, zwar geräuschlos, aber mit un­geschwächtem Eifer fortgesetzt. So hat das Kriegsministerium neuerdings be­deutende Summen zur Einrichtung von Feldlazarethen und zur Organisirung des militärischen Sanitätswesens angewiesen. Gleichzeitig hat der Vorstand des Internationalen Vereines zur Pflege im Felde verwundeter Krieger" in Peters­burg vom Kriegsministerium die Weisung erhalten, die Absendung von Aerzten nach dem Kriegsschauplätze in Frankreich zu sistiren, da Rußland möglicherweise in die Loge kommen könne, alle ärztlichen Kräfte für die eigene Armee in An­spruch zu nehmen. Seit Anfang dieses Jahres sind für die russische Armee statt der früheren papierenen die englischen Metallpatronen eingeführt, deren Hülsen aus englischen Fabriken bezogen und in inländischen Laboratorien mit Pulver gefüllt werden. Seit dem 1. August sind an die Armee 38 Millionen Stück Metallpatronen vertheilt worden. Wie derPetersburger Börsenzeitung" aus Miendzyloz gemeldet wird, stehen gegenwärtig in den südwestlichen oder so­genannten reussischen Gouvernements, außer der nöthigen Cavallerie und Ar­tillerie, 4 Divisionen Infanterie, und zwar eine (die 12.) im Gouvernement Kiew und 3 (die 11., 22. und 33.) in den Gouvernements Volhynien und Podolien. Zur Verstärkung dieser Truppenmacht werden aus dem Militär­bezirke Charkow noch zwei Infanteriedivisionen und aus dem Innern Rußlands zwei Cavallerieregimenter erwartet. E.nem von demselben Blatte erwähnten Gerüchte zufolge sollen diese Truppen längs der galizischen Grenze Quartiere beziehen.

sind oder noch werden, es gedenkt auch der in Noth gerathenen Hinterbliebenen unserer Gefallenen. Fast allgemein hat sich daher der Wille des deutschen Volkes für Gründung einer allgemeinen deutschen Iuvalidenstiftung ausgesprochen, einer Stiftung zu dem Zwecke, alle durch Bethciligung an dem großen deutschen Kriege invalid oder erwerbsunfähig gewordenen deutschen Soldaten und alle bedürftigen Familien Gefallener oder ihren Wunden erlegener nachhaltig vor Mangel schützen. Bereits hat man in Berlin Statuten für diese durch freiwillige Bei­träge ins Leben zu rufende Stiftung entworfen. So dankenswerth das aber I auch ist, so erscheint es doch geboten, daß der freien LiebeSthätigkeit jeder end zelne deutsche Staat helfend an die Seite tritt.

Von dieser Erwägung geleitet, erlaube ich mir an die Stände des Groß, herzogthums den Antrag zu stellen, es wolle zu diesem großen Zwecke eine ent­sprechende Summe von denselben verwilligt werden, und hege zu dem Patriotis- muS aller deutschen Ständeversammlungen das Vertrauen, daß sie hierbei nicht zurückbleiben. Nur wenn so die freie LiebeSthätigkeit und die Staaten sich die Hand reichen, wird diese Invalidenstiftung auf festem Boden stehen, und es wer­den nicht blos dürftige Almosen bleiben, die den Verstümmelten und den armen Hinterbliebenen der in diesem für das deutsche Vaterland entscheidenden Kampfe Gefallenen gereicht werden können."

In Graz (Steiermark) gelangte am 9. September in öffentlicher Der- sammluug des dortigen deutsch-nationalen Vereins folgende Resolution einstimmig zur Annahme:

Die Siege Ver deutschen Waffen erfüllen uns mit patriotischer Freude; wir erwarten daß als Frucht dieser Siege ein einiges Deutschland unter der bewährten Führung Preußens entstehen toerbe. Wir erblicken im deutschen Einheitsstaate eine Kräftigung del deutschen Elementes in Oesterreich und eine sichere Garantie für die Wahrung unserer nationalen Interessen. Wir halten die Forderung Deutschlands auf Wiedereinverleibung von Elsaß unb Lothringen für berechtigt und fordern deshalb von der Regierung Oesterreichs, daß sie sich bet Friedensverhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland jeder Einmischung

Brüssel, 17. September. DieIndependance belge" meldet aus Paris: Die Panzerflotte kehrt zur Vevtheidigung von Cherbourg und Havre zurück." Die letzte Depesche des Commandanten von Straßburg lautet sehr traurig. Man glaubt indessen, derselbe könne noch einige Zeit aushalten. Für die Nationalgarde werden Kanoniere auSgeblldet. Jedes Bataillon erhält eine Mi- trailleuse. Die Mobilgarde soll jetzt durchweg CyaffepotS haben.

Brüssel, 17. September. Aus Paris wird gemeldet: Wegen der be- klagenswerthen Mißbräuche, die unter dem Vorwand, Spione zu suchen, vor- kommen, hat der Polizeipräfect angeordnet, daß Niemand ohne richterliche Er­mächtigung in Bürgerhäuser eintr.ingen und Verhaftungen vornehmen darf. 6000 Mobilgarden, welche sich weigerten, die Republik anzuerkennen, sind in die Provinz zurückgek.hrt.

Florenz, 15. September. Außer derUnüh, Cattolica" werden auch die anderen klerikalen Blätter schwarzgerändcrt erscheinen bis zur Wiederher­stellung der weltlichen Herrschaft des Papstes. Graf Mamiani, einst Minister Pius' IX., überreichte gestern dem Ministerium eine von der Blüthe der Bürger Civitavecchia's trotz dem Belagerungszustand unterzeichnete Adresse. Mazzint wurde wegen Complicität seines Procrsses mit dem eben in Lucca verhandelte» über den Frühlingsputsch nach dem Fort Varignano gebracht. (Allg. Z.)

Florenz, 16. September. Torre Orleando bei Civita-Vecchia hat sich, ohne Widerstand zu leisten, ergeben. Die italienischen Truppen besetzten die Stadt. WieGazzerta usfiziale" meldet, sandte Cadorna gestern einen Par­lamentair nach Rom, um General Kanzler aufzufordern, dem Einmärsche ita­lienischer Truppen in Rom keinen Widerstand entgegenzusetzen. General Kanzler- gab eine ablehnende Antwort.