18. Januar.
Seitens des betreffenden Ausschusses des Bundes- rathes teS Norddeutschen Bundes sind die Berathun- gen über den ihm zur Vorprüfung und Berichter- stattung überwiesenen Gesetzentwurf, betreffend die Erwerbung der Staats- resp. BundeS-Angchörigkeit, beziehungsweise den Verlust derselben, bereits zu Ende geführt. Nach der an den Bundesrath gelangten Präsidial-Vorlage soll jeder Angehörige des einen Bundesstaats, welcher sich in einem anderen Bundesstaate niederläßt, auf sein Verlangen daselbst ohne alle Einschränkung und Vorbedingung sofort natura- lisirt werden. Man hört nun, daß diese Bestimmung nicht ohne Opposition geblieben sei, in dem Sinne nämlich, daß man sich bemüht haben dürfte, die vorherige Erwerbung der Gemeinde-Angehörigkeit zur Vorbedingung der Naturalisation zu machen. Nach dem, was man über die betreffende Präsidial-Vorlage weiter hört, sagt dieselbe nicht, daß nicht nachher, d. h. nach erfolgter Naturalisation, von dem zugezogenen Bundes-Angehörigen verlangt werden dürfe, daß er nun auch noch die specielle Gemeinde - Angehörigkeit erwerben müsse; sie ist vielmehr, wie gesagt, nur dagegen gerichtet, daß die vorherige Erwerbung der Gemeinde-Angehörigkeit zur Bedingung der Na- turalisations-Ertheilung gemacht werde. Und diesem Grundsätze soll denn auch, gutem Vernehmen nach, die Majorität des Ausschusses beigetreten sein, und cs wäre sonach die angedeutete entgegengesetzte Richtung ohne allen Erfolg geblieben. Wie man sodann weiter hört, wäre nach den Beschlüssen des Ausschusses die Ertheilung der Naturalisation an vier Bedingungen ganz allgemeiner Natur geknüpft worden, welche darin bestehen, daß der zu Naturalisirende: 1) vispositionsfähig, 2) unbescholten, 3) erwerbsfähig sei und 4) sich in einer Gemeinde niedergelassen habe. Was den Punkt ad 3 betrifft, so wird vorhandene Arbeitsfähigkeit als genügender Nachweis der Erwerbsfähigkeit betrachtet. Was den Verlust der Staats- resp. Bundesangehörigkeit betrifft, so soll derselbe eintrcten einmal durch die Erklärung, in das Bundes-Ausland auswandern zu wollen, und sodann, ohne eine derartige Erklärung, in Folge eines Aufenthaltes im Bundes-Auslande von längerer Dauer als 10 Jahren. Wenn aber der betreffende Bundesangehörige sich inzwischen in die Matrikel deS nächsten Bundesconsuls eintragen läßt, so soll er den Charakter der Bundesangehörigkeit auch ferner, ohne Rücksicht auf die Länge seiner Abwesenheit von der Heimath, behalten. Nimmt endlich der Angehörige des einen Bundesstaats seinen Aufenthalt länger als 10 Jahre in einem anderen Bundesstaate, so wird dies von seinem heimathlichen Staate nicht als eine Auswanderung betrachtet, und er behält daher auch seine alle Staatsangehörigkeit, und zwar so lange, bis durch eine etwaige Naturalisation ein anderes Verhältniß eingetreten ist.
Die republikanische Partei hat am 15. in den Cortes den von Castelar angekündigten Gesetzantrag eingebracht, durch welchen sämmtliche Mitglieder der Familie Bourbon vom spanischen Throne ausgeschloffen werden sollen.
Den neuesten Nachrichten aus Irland zufolge sind die Fenier die letzte Zeit über nicht gerade unthätig gewesen, wenn sie sich auch mehr denn sonst hüteten, mit den Behörden in Conflict zu kommen. Dem „Newry Telegraph" zufolge marschirte in der Nähe von Meigh nächtlicherweile eine Bande von etwa 500 Feniern, mit Trommeln und Pfeifen an der Spitze, einer erwarteten Schaar Organisten entgegen. Die Organisten erschienen nicht, wohl aber ein Friedenrichter mit etwa 50 Polizisten, welche den Haufen auseinanderjagten. Einem Correspondentcn des „Daily Expreß" zufolge wurde ein Militärsergeant, Namens Brown, auf dem Wege nach Cork nach Ballincollig, wo sein Regiment stationirt ist, von vier Kerlen ungehalten, welche ihm Revolver vorhielten und Waffen verlangten. Als sie sahen, daß er keine bei sich habe, zogen sie ab. Brown machte von dem Vorfälle Anzeige bei der Polizei; die Nachforschungen der letzteren haben indessen ncch zu keinem Resultat geführt.
Der officielle russische „Invalide" sagt in der Militärübersicht des Jahres 1869: Im April 1870 wird die Neubewaffnung der Armee vollendet wer» den. Dieselbe wird mit neuen Gewehren und entsprechendem Patronenquantum versehen sein. Während des Jahres 1869 sind 400 Kanonen neuen Systemcs den Festungen zugesandt worden. Das Kriegsbudget pro 1870 weist 140 Millionen aus, 4 Millionen mehr als das vom Jahre 1869.
Die „Moskauer Ztg." nennt als Hauptanstifter der in Rußland entdeckten Verschwörung einen ehemaligen Studenten der Petersburger Universität,
Nieczajeff, der bei den vorjährigen Studenten - Unruhen in Petersburg eine Hauptrolle spielte, dem es aber gelang, nach der Schweiz zu entkommen, wo er in Genf in Gemeinschaft mit Bakunin das Werk der revolutionären Propaganda in Rußland begann. Schon im August v. I. wurde in Petersburg, Moskau und anderen russischen Städten in zahlreichen Exemplaren von Genf aus eine von Nieczajeff unterzeichnete Proklamation unter der Ueberschrift: „Der Beginn der Revolution" verbreitet, worin mitgetheilt war, daß sämmtliche russische Emigranten nach Rußland heimlich zurückkehrcn und als Emissäre für die Revolution wirken würden. In der That will die Polizei sichere Spuren entdeckt haben, welche keinen Zweifel übrig lassen, daß mehrere Emigranten, unter ihnen auch Nieczajeff, in verschiedenen Gegenden Rußlands als Emissäre thätig gewesen sind; man glaubt sogar, daß die Emmissäre sich auch jetzt in irgend einer Vorstadt verborgen halten. Im November v. I. tauchte, gleichfalls der „Moskauer Ztg." zufolge, eine zweite, ebenfalls von Genf aus verbreitete Pro- clamation in verschiedenen Gegenden Rußlands auf, welche die ProscriptionSliste der Feinde der Revolution enthielt. Andere revolutionäre Proklamationen folgten nach. Die Verschwornen waren auch im Besitze eines amtlichen Siegels, auf dem sich zwei gekreuzte Beile befinden, mit der Umschrift: „Narod- naja rosprava“ (Volkstribunal).
19. Januar.
Ueber die Lage in der Militärgrenze theilt „Pesti Naplo" folgende Correspondenz mit; „Hier hält Jedermann die Unterwerfung der Bocchesen bloö für eine perfide Comödie, um mit erneuter Kraft die Thätigkeit wieder zu beginnen, wenn die Zeit und Vorbereitungen die Ausdehnung des Ausstandes auch auf die Nachbarvölker gestattet werden. Die Hoffnung der Malcontenten ist nicht im Mindesten erschüttert ; denn von den Unterwürfigen sind ja auch blos die Weiber, Kinder und einige ältere Männer zu Hause. Die Waffenfähigen sind noch alle fern, während mehrere mächtige Stämme in Waffen stehen, die die Action auf's Neue beginnen, und an welche sich auch Jene anschließen können, die nach der Unterwerfung ihre Waffen zurückbekommen haben. Die Thätigkeit der Agitatoren hier in der Militärgrenze hat sich nicht im Mindesten verringert, sondern womöglich noch gesteigert. Die Sammlungen für die Dalmatiner werden noch immer betrieben und was die Hauptsache ist: man behauptet noch bestimmter als bisher, daß es im Frühling Krieg geben werde. Dies sind Facta und zugleich Symptome, welche zur Vorsicht mahnen und der Regierung die Pflicht auf- erlegen, auf die kommenden Ereignisse vorbereitet zu sein."
Die clericalen Blätter Italiens schleudern gegen den Prinzen Peter Bonaparte die heftigsten Angriffe. Daß er einen Todtschlag oder Mord beging, scheint ihnen weniger Verabscheuungswerth, als daß er, der Onkel des Cardinals Bonaparte, sich duelliren wollte, obwohl die jüngste Bulle des Papstes über die Ex- communicationen den Zweikampf mit dem Bannflüche bedroht. Eine gewisse Schadenfreude können sie aber doch nicht verbergen, den Prinzen jetzt hinter Schloß und Riegel zu sehen. „Dieser Prinz," schreibt die „Unita Cattolica", „ist ein großer Revolutionär und Feind des Papstes. In Italien erzogen, conspirirte er schon im Alter von 15 Jahren mit den Carbo- nari der Romagna. Einen päpstlichen Soldaten stieß er einmal nieder; Papst Gregor XVI. begnadigte ihn, als er zum Tode verurtheilt wurde, und dennoch stimmte er, der Prinz, in der constituirenden Nationalversammlung Frankreichs immer gegen Rom, ja 1859 schrieb er sogar ein Gedicht über die Wiederauferstehung Italiens. Jetzt spricht man von ihm wie von Traupmann.
Die Pforte protestirte wegen Verletzung ihres Ferman , indem der Vicekönig eine neue Steuer von 15 Piaster per Fedda Land ausschrieb.
Der Aufstand am Winnipeg-See wird von Tag zu Tag bedenklicher. In Georgetown (Minnesorta) kamen gestern der Capitän Cameron und Dr. Tupper aus Fort Garry an und meldeten, daß die Empörer sich in Besitz der Casse der Hudsonsbai-Gesellschaft zu setzen gewußt haben. Louis Riell, einer der drei Unterzeichner der Unabhängigkeits-Erklärung, hatte den Oberbefehl über die Truppen der Aufständischen übernommen. Eine Schaar Sioux-Indianer soll jedoch auf dem Anmarsche gegen Fort Garry sein und man fürchtet daher ein schlimmes Blutbad.
Oesterreich. Wien, 14. Jan. Die Verlustliste der in Dalmatien operirenden Truppen ist jetzt festgestellt. Die Truppen haben 12 Ofstciere und 72 Mann an Tobten, 14 Officiere und 224 Mann an Verwundeten, 1 Officter nnd 48 Mann an
Vermißten gehabt — unerhört blutige Resultate eines nirgends in Masse geführten fiebenwöchentlichen Kampfes gegen eine Handvoll Menschen. Generalmajor Graf Auersperg, der das Obercommando gehabt, ist übrigens durch daö Comthurkreuz des Leopoldordens ausgezeichnet worden.
Wien, 16. Jan. Der „Karlsr. Ztg." wird officiös geschrieben: Indem ich wiederhole, daß der Besuch eines österreichischen Erzherzogs in Berlin in kürzester Frist bevorsteht, und daß die Ankündigung dieses Besuches mit dem Ausdruck der höchsten Befriedigung erwidert wurde, glaube ich gleichzeitig constatiren zu dürfen, daß auch die Beziehungen der beiden Cabinette mehr und mehr einen nicht blos freundlichen, sondern einen nahezu warmen Eharacter anzunehmen begonnen haben. — Die „Wiener Abendpost" meldet: „Erzherzog Karl Ludwig reist zur Erwiederung des Besuches des Kronprinzen von Preußen am 20. d. M. über Dresden nach Berlin, wo der Erzherzog am 23. d. eintresten soll. Für den Aufenthalt in Berlin find drei Tage in Aussicht genommen. Die Rückkehr nach Wien erfolgt zum 27. d. M., dem GeburtSfeste der Erzherzogin Sophie." — Dasselbe Blatt veröffentlicht die Antwort deS Reichskanzlers Grafen Beust auf die Adresse der Reichenberger Handelskammer. In dem Schreiben bezeichnet der Reichskanzler als Ziel seiner Wünsche die Versöhnung aller Nationalitäten ohne PreiSgebung der Verfassung und des deutschen Elements.
Wien, 16. Jan. Die heutige „N. Fr. Pr." meldet: Der Kaiser hat das DemisfionSgesuch der Minorität deö Ministeriums angenommen. Die Bildung eines neuen Cabinetö wird unmittelbar nach der Adreßdebatte deS Abgeordnetenhauses statt-- finden. (Nach der „Bohemia" wird Giskra mit der Bildung eines neuen Ministeriums betraut werden; die Stellung Beust'S sei unerschüttert.)
Cattaro, 12. Jan. Gestern fanden sich, dem durch ihre Knezen früher gegebenen Versprechen nachkommend, circa 300 Crivoscianer bei dem F.-M.-L. Baron Rodich ein, um ihre tiefste Reue und Unterwerfung auszusprechen, um die a. h. Gnade zu bitten und ihre alte Treue für Se. Majestät erneuert zu versichern. Der Aufforderung, ihre Gewehre zu strecken, kamen sie augenblicklich, ohne Widerrede nach. Nachdem ihnen F.-M.-L. Baron Rodich eine scharfe Rüge über ihr jüngstes Verhalten ertheilt unb ihnen eindringliche Lehren für die Zukunft gegeben hatte, verkündete er ihnen den a. h. Gnadenact der Amnestie und gewilligte denselben, die Gewehre zur eigenen Sicherheit wieder aufzunehmen, worüber ein enthusiastisches, endloses Zivio auf Se. Majestät und eine allgemeine dreifache Salve erfolgte.
Frankreich. Paris, 15. Jan. Dem „Gaulois" zufolge ist der Redakteur Pascal Grouffet gestern verhaftet worden. — DaS „Journal deS TebatS" meldet: Gestern Abend hat eine Versammlung deS linken CentrumS stattgefunden, der die Minister Graf Daru und Buffet beiwohnten, auch ThierS war anwesend. Der Letztere gab die Erklärung ab, das Ministerium in dessen Anträge auf gerichtliche Verfolgung Rochefort'S unterstützen zu wollen. Graf Daru verlangte auf das Entschiedenste die Genehmigung zur Verfolgung, daS Ministerium sei entschlossen, auS dieser Angelegenheit eine Cabinetsfrage zu machen, und werde dies in der Sitzung deS gesetzgebenden Körpers erklären.
Paris, 14. Jan. In den FaubourgS herrscht im Augenblick große Entrüstung gegen Rochefort. Sein Aufruf zur Revolte in der ^Marseillaise" vom 11. d. M. hatte nämlich den Glauben erregt, daß er wirklich losschlagen wolle. In Neuilly angenommen, sehen sie nun, daß man sie nur zu einer einfachen Demonstration zusammenberufen hatte, und sie find deßhalb entrüstet, daß man sie auf diese Weise gefoppt hat. Ob Rochefort wirklich die Absicht hatte, am 12. Januar loSzu- schlagen, ist schwer zu sagen. Es könnte sehr leicht sein, daß er nur einen kräftigen Artikel schreiben wollte. Möglich wäre eS jedoch, daß er wirklich einen Aufruf zu den Waffen erlassen wollte, aber bei reiflicher Ueberlegung die Gelegenheit nicht für passend hielt. Daß er in dieser Beziehung ganz richtig urtheilte, ist sicher, denn die Menschen, welche sich in Neuilly eingefun- den, befanden sich in einer wahren Falle. Auf der einen Seite war daS Bois de Boulogne, wo es von Soldaten wimmelte und das bekanntlich von Gräben umgeben ist, auf der anderen Seite waren die Festungswerke von Paris, und der übrige Theil war von der Seine umgeben, über welche nur die Brücke von Neuilly führt, an deren Ausgang sich Courbevoie befindet, wo 6- bis 10,000 Mann Gardetruppeu aufgestellt waren. Ein Marsch nach Paris, um die Leiche durch, die Straßen zu führen, wäre daher an dem Thore von Paris aufgehalten worden, und falls Wiederstand erfolgt wäre, so würde ein furchtbares Blutbad stattgefunden haben. In der heute erschienenen „Marseillaise" erklärt Rochefort, daß man nie lcSschlagen dürfe, wenn die Behörden im Voraus die Sache kennten. Die radicale Partei hat Rochefort durch seine Erklärung bis jetzt aber nicht beschwichtigt und Gustav FlourenS, der bekanntlich mit äußerster Energie auf dem Marsche nach Paris bestand, hat sich von ihm loSgesagt und ist zur Reform übergetreten. Außer Ledru- Rollin sollen auch noch Greco, Jmperatort, Scaglioni und Mareti, die 1863 wegen eines ComplotteS gegen das Leben des Kaisers verurtheilt wurden, in die Amnestie mit einbegriffen werden.
Rußland. In Wilna ist neuerdings eine aus höheren Beamten bestehende Commission eingesetzt worden, welche die Umwandlung kleiner Städte in Dorfgemeinden vorbereiten und zur Ausführung bringen soll. Da daS polnische Element sowohl in Litthauen wie in Reußen in den Städten besonders stark vertreten ist und eS der Regierung hauptsächlich auf die Schwächung desselben ankommt, so ist vorauszusehen, daß die gedachte Maßregel in den genannten beiden LandeStheilen noch in ausgedehnterem Umfange in Anwendung kommen wird, als im Königreich Polen.
Die große Noth der westruffischen Juden ist jetzt verdoppelt worden durch den UkaS, welcher ausschließlich den Juden die Pflicht auferlegt, bis zum 31. Lebensjahre zum Militärdienst gezogen zu werden, wohingegen die Christen nur bis zum 23. Jahre diese Verpflichtung haben. Zwar enthält dieser UkaS zugleich eine Begünstigung; aber die Juden können, ohne ihre Ueberzeugung verleugnen zu wollen, keinen Gebrauch von dieser daS Gewissen verletzenden Begünstigung machen, welche nämlich alle militärpflichtigen Juden, die sich taufen lassen, vom Militärdienst befreit.
Türkei. Kanftantinopel, 13. Jan. Auf Verlangen der Pforte ließ Cogolnitscheano' in Kamalung einige Häupter der bulgarischen Emigranten verhaften. Es soll ein Putsch in Bulgarien beabsichtigt gewesen sein.
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


