Ausgabe 
20.1.1870
 
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Die Geheimnisse einer.jungen Mamsell.

(Fortsetzung.)

£ßtnn ich fuhr Sander in seiner Erzählung fort auch nicht die geringste Liebe für den Mann fühlte, der meine thcure Mutter so elend gemacht, so wollte ich ihn doch aufsuchcn und ihn zwingen, seine Pflicht gegen sein ver­lassenes Weib und seine Tochter zu thun. Ich selbst wollte Nichts von ihm begehren. Ich hatte genug gelernt, mich durch's Leben durchzuschlagen. Ich theilte diesen Vorschlag meiner Mutter mit. Dee tiefe Widerwille, den sie jetzt gegen den Mann ihrer einstigen Liebe in sich trug, bestimmte sie, sich meinem Vorschläge lange Zeit zu widersetzen. Endlich aber, als die Noth bei uns den höchsten Grad erreicht batte, willigte sie doch ein. Sie begehrte ja Nichts von dem schlechten Gatten, nur für ihre armen Kinder sollte er sorgen. Ich rüstete mich also zur Abreise. Um das Reisegeld zu erschwingen, verkaufte ich vag Clavier, das mein seliger Onkel uns hinterlassen hatte. Ich bekam hundert Thaler dafür. Die Hälfte der Summe liest ich meiner Mutter zurück, mit der anderen Hälfte machte ich mich auf den Weg, nachdem ich von meinen Lieben thränenvollen Abschied genommen. Ich dachte so: Findest du den Gesuchten nicht, so bleibst du vorläufig in Hamburg. In dieser reichen Stadt werden Musikstunden besser bezahlt, als in Dresden. Es wird dir gelingen, Schüler zu bekommen, und dann kannst du deine Familie besser unterstützen. So setzte ich als Jüngling meinen Fuß wieder auf vaterländischen Boden, den ich als Knabe verlassen. Da ich anständig auftreten mußte, um Schüler zu gewinnen, so logirte ich mich im GasthoseZum goldenen Stern" ein. Nach und nach glückte es mir auch, einige Familien kennen zu lernen, worin ich gegen ein mäßiges Honorar Unterricht crtheiltc. Die kleine Einnahme hielt Vie Noth von mir fern, ich hatte zu essen und zu trinken, wenn auch nicht reichlich, und konnte immer pünktlich meine Miethe bezahlen Ueber meine Stunden aber versäumte ich nicht, nach meinem Vater zu forschen. Damit er mir aber, wenn er mein Hiersein erführe, ehe ich mit ihm zusammenträfe, nicht entschlüpfen könne, so erzählte ich hier im H<)tel, wie überall, daß uzeine Eltern gestorben seien und ich allein in der Welt stände. Dann mußte er denken, daß der hier logirende Sander nicht sein Sohn sei. Ich sagte Ihnen, mein Fräulein, daß der Freund in Paris geschrieben, mein Vater weile wahrscheinlich unter dem Na- men in Hamburg, den er in Frankreich geführt habe. Dieser Name ist Hantelmann."

Der junge Mann wollte sortsahreu in seiner Erzählung, aber Elara unter­brach ihn lebhaft: ,

Hantelmann!" rief sie, so hecht ja unser Abendgast, der zwei Treppen niedriger wohnt."

Sander nickte.

Ich erfuhr das schon am ersten Tage meines Hierseins," sagte er,und zögerte'nicht, in den Stunden, wo er sein Zimmer verläßt uno unten die Jour- nale lies't, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Schon beim ersten Blicke sah ich, daß dieser Mann nicht mein Vater sein könne, denn er zählt dem An­sehen nach höchstens dreißig und einige Jahre und mein Vater steht schon dem Greisenalter nahe." ,

Das junge Mädchen legte die feinen Finger der Hand an die Stirn, als dächte sie über eine wichtige Sache nach.

Nach einer kurzen Pause sagte sie:

Sie haben dem Anscheine nach Recht. Wenn der reiche Partikulier wirk­lich noch so jung ist, wie er das Aussehen hat, so könnte er höchstens ein älterer Bruder von Ihnen sein, wenn Sie einen solchen besäßen. Indessen man hat Beispiele, daß hm! hm! wenn es doch möglich wäre."

Sander faßte rasch Elara's Hand.

Was meinen Sie mit diesen Worten, liebes Fräulein!"

Ich denke an das gehetmnißvolle Leben, das dieser Herr Hantelmann am Tage "aus seiner Stube und des Abends außer dem Hause führt. Aber ich werde dahinter kommen, so wahr ich Clara heiße. Sein Name, der mit Ihrer Lebensgeschichte verknüpft ist, interesstrt mich so, daß ich neugierig zu werden beginne. Diese Neugier werde ich zu stillen suchen. Und nun bitte ich Sie, Ihre Geschichte zu Ende zu erzählen."

Was ich Ihnen jetzt noch zu vertrauen," versetzte Sander,ist die gänz­liche Entmuthigung meines Herzens, die mich zu dem verzweiflungsvollen Vor­sätze führte, den Sie verhindert haben. Aehnlich, wie in Dresden, traf mich hier vor drei Monaten das Unglück, meine Schüler theils durch Abreise, theils durch den Tod der Eltern zu verlieren. Ich versuchte mir neue zu gewinnen, ich gab überall meine Karten ab, ja ich bot endlich in vielen Häusern persön­lich meine Dienste an. Ueberall wurde ich abgewtesen. Die kleine Baarschaft, die ich mitgebracht, war längst zu Ende gegangen. Bald fehlte es m r an Geld, mir die nothdürftigste Nahrung zu gestatten. Tagelang irrte ich ost tn der Stadt und in der Umgebung Hamburgs unbeschäftigt umher, ein Stuck trockenes Brod in der Tasche, um den peinigenden Hunger zu stillen. Dennoch wäre wobt nicht das Acußerste geschehen, hätte ich nicht Briefe von meiner armen Mutter empfangen, die mir die dortige Lebenslage meiner Familie mit den düstersten Farben schilderte. Die Lähmung meiner älteren Schwester hatte sich noch verschlimmert, die jüngste lag am Typhus darnieder, und die halb­erblindete Mutte», die Tag und Nacht bei ihren kranken Kindern wachte, stand tn Gefahr, ihr Augenlicht gänzlich zu verlieren. Verzweifelnd an Gott und den Menschen, von Hunger gequält, mein Dasein als ein unnützes betrachtend, da ich nicht im Stande war, meinen unglücklichen Lieben Hülfe zu spenden, faßte ich den Entschluß, eine Welt zu verlassen, die mir wie eine grauenvolle Wild- niß erschien, voll reißender Thiere und Ungeheuer, die mich zu verderben trach­teten. Das kleine Terzerol, das Sie mir entrissen haben, hatte ich von Dres­den mitgebracht. 3d) befaß noch ein paar Notenhefte. Ich veräußerte sie und kaufte Pulver dafür. Halb Dem Wahnsinn nahe, kam ich heute Abend nach Haufe. Das Uebrige, was geschah, wissen Sie, gutes Mädchen. Ihre Theil- nahme, Ihr Muth, hat mich Dem Leben erhalten, aber ick) weiß nicht, ob ich Ihnen danken soll, Da meine Aussichten in Die Zukunft so gänzlich trostlos sind." n _

Sie irren, Herr Sander," sagte Clara, als der junge Mann, den Kopf traurig auf die Brust gesenkt, schwieg.Wer lebt, soll hoffen, vor Allem Der­jenige, der sein Unglück nicht selbst verschuldet hat. Mag Der Mensch verzwei­feln, uno dem inneren Richter zu entfliehen suchen, Dem fein Gewissen nicht

abzubüßende Verbrechen vorzuwerfen hat. Der gute Mensch soll sein Elend nicht in seiner Brust verschließen, sondern umherblicken und sich nach Jemand umsehen, dessen Antlitz und Benehmen ihm verkündet, daß er ihm vertrauen darf. Ein solcher Jemand, ich sage es frei heraus, bin ich. Wir sind uns schon oft begegnet, ja wir haben schon verschiedene Male freundlich mit einan­der geplaudert. Hätte Ihr Unglück Sie nicht Ihres klaren Blickes beraubt, Sie hätten es mir anfehen müssen, daß Sie in mir eine Freundin finden wür­den. Hier, meine Hand, guter Herr Sander. Viele Worte mache ich nicht, aber Die That soll Ihnen beweisen, daß ich halte, was ich verspreche. Weisen Sie nicht aus falscher Schaam die Hülfe zurück, die ich Ihnen biete. Es werden dessere Zeiten für sie kommen, Dann können Sie Alles wett machen. Legen Sie sich jetzt getrost zur Ruhe und träumen Sie, wie der Dichter sagt, von besseren künftigen Tagen. Mit dem beginnenden Morgen sehen wir uns wieder. Ihnen selbst, Ihren Liebe»» in Dresden soll geholfen werden, und wenn mich eine wunderbare Ahnung, die plötzlich in mir entstanden ist, nicht trügt, so werden wir auch Ihren Vater ausfinden unD ihn zwingen, seine Pflicht gegen seine Angehörigen zu thun."

Clara erhob sich von ihrem Sitze, drückte Dem Unglücklichen Die Hand, nickte ihm freundlich zu und schlüpfte auö Dem Zimmer.

SanDer aber, als er allein, sank auf Die Kniee, faltete Die HänDe und flehte um Vergebung nach oben, daß er einer Welt hatte entfliehen wollen, Die noch solche gute Menschen birgt, wie die kleine Clara war.

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Clara erhob sich am nächsten Morgen, wie gewöhnlich, schon um sechs Uhr aus den Federn.

Ihre Thätigkcit im Hütel erforderte dies frühe Aufstchen.

Während sic Kaffee trank, beschäftigten sich ihre Gedanken fortwährend mit Dem jungen SanDer, Der seinen Vater suchte, und Dem Abendgaste, Herrn Han- telmanu, der den Namen trug, Den Sander'S Vater angenommen haben sollte.

So wie Herr Hantelmani» sich Abends in seiner Toilette präsentirt, Dachte sie, kann er unmöglich Der Vater Des unglücklichen jungen Menschen sein. Aber wie »ch gehört habe, gibt es tounDerbarc Toilettenkünste, mit welchen sich Mein- ncr und Frauen in Der Erscheinung, wenn nicht das Licht Des Tages auf sie fällt, um zehn, ja um zwanzig Jahre jünger zu machen im Stande sind Der Kammerdiener Dieses Herrn, Den er aus Paris mitgebracht, scheint mir erfahren in solchen Künsten zu sein. Aber er ist verschwiegen, wahrscheinlich weil er gut bezahlt wird. Warum kommt Der Herr Hantelmann nie am Tage aus seiner Klause heraus? Warum hat er sich mit Bewilligung meines Onkels Stiller andere Schlösser in seine Thüren setzen lassen, Die mit Dem Hauptfchlüsscl nicht ni öffnen sind? Genug, es steckt ein Gehermniß dahinter und das muß ich herauözukriegen suchen. Wie, das ist mir noch nicht Har ; aber mein Kopf, der mich noch niemals im Stiche gelassen, wird schon ein Mittel erdenken. laß Erste aber, was ich jetzt zu thun habe, ist, für meinen Schützling, Den armen Sander, zu sorgen. Sein Leben gehört mir; denn ich habe es geborgen, also ist es auch meine Pflicht, es ihm ferner zu erhalten.

Da sie den Kaffee auf ihrem Zimmer zu trinken pflegte, so brauchte sie nicht weit zu geben, um zu ihrer Comrnode zu gelangen.

Sie öffnete sie rasch, nahm ein Kästchen, das in Der Ecke der oberen Schub­lade stand, hervor und schloß es mit einem kleinen Schlüssel auf, den sie an einem schwarzen Bändchen um den Hals trug.

Ueber hundert blanke ersparte Dukaten, in Hamburg geprägt, glanzten ihr entgegen.

Sie nahm zehn Goldstücke heraus, Die übrigen verschloß sic toicDer.

Die Hälfte," sagte sie,soll Sander seiner armen Mutter in Dresden schicken, Die andern Dukaten vorläufig für fid) zum Leben behalten. Dann werde ick) suchen, ihm Stunden zu verschaffen. Die Bekanntschaft und Freund- schäft meines Onkels ist groß. Mein Onkel ist gut und wird, wenn ich »hn recht schön bitte, Herrn Sander gern empfehlen. So ist dem armen Menschen für die erste Zeit geholfen. Glückt es mir, seinen Vater aufzustöbern, Dann kann er mir Alles zurückzahlen. Wo nicht, nun, Dann habe ich mir zehn Du­katen weniger erspart." e

Als Die Uhr acht geschlagen, verfügte sie sich zu Sander hinauf. Sie wußte, daß er um diese Zeit schon aufgestanden.

Sander empfing das Geld mit dem Gefühle der ungehcucheltsten Dankbar­keit. Er nannte Clara feine Retterin, seinen Engel und versprach, seiner Mutter noch denselben Tag Hülfe zu senden.

Clara, in dem frohen Bewußtsein, eine gute That vollbracht zu haben, hüpfte singend die Treppen hinab bis zum ersten Stocke.

Da öffnete fid) plötzlich die Thüre Der Zimmer, welche Die Gräfin Ya- binsky bewohnte.

Ein Dunkellockiger Frauenkopf blickte D'rauS hervor.

Dieser Kopf hörte Der polnischen Dame an.

Das junge MäDchen hörte leise rufen :

Pst! Pst! Mamsell Clärchcn!"

Clara, Die schon auf Der ersten Stufe Der letzten Treppe stand, wandte sich um.

Sie fragte:

Was haben die gnädige Frau zu befehlen?"

Nur zu bitten," flüsterte die Gräfin.Kommen Sie doch zu mir »ns Zimmer!"

Die gefällige Clara kam diesem Wunsche nach.

Als sie Drinnen war, fühlte sie ihre beiden Hände ergriffen.

Die Gräfin zog Clara zu sich auf Den Divan und sagte:

Liebe Clara, Sie sind ein rechtschaffenes, gutes und zugleich ein kluges Mädchen. Wenn ick) Ihnen ein Geheimniß anmtraute, von Dem viellcichi meine ganze Zukunft abhängt, nicht wahr, Sie würden mich nicht verrathen und wenn ich Ihre Hülfe brauchte, gewiß beiftehen?"

Clara sah Die Polin erstaunt an.

Dann erwieDerte sie:

Das Vertrauen, das man mir schenkt, täusche ich nie, gnädige Fra» Wenn Sie aber meinen Beistand in irgend einer Sache verlangen, so kann ich denselben natürlich nicht eher zusagen, bis ich weiß, warn»»» es sich handelt."

(Fortsetzung folgt.)