Ausgabe 
19.10.1870
 
Einzelbild herunterladen

eigniffe diese» Jahre» geringere Mühe haben, die wunderbaren UeberraschungenI der preußischen Siege zu erklären, al- die unglaublichen Fehler, Jrrthümer und Unwahrheiten der Franzosen. Zu den letzteren liefert ja der heute telegraphisch gemeldete Bericht Gambetta's über die Niederlagen und Rückzugsbewegungen der Preußen vor Paris einen neuen Beitrag, der die bisherigen Lügen in den Schal- ten stellt. Ob indessen ein Bericht des Herrn Thiers den Franzosen wirklich die Augen öffnen wird, darf nach den bisherigen Erfahrungen bezweifelt werden. Das Journal de St. Petersbourg drückt auch den Wunsch aus, daß Herr Thier» sich in da» preußische Haup'quartier begebe und versuche, ob er nicht mehr Glück als Jule» Favre haben werde. Auch da» muß nach den letzten französischen Kund­gebungen bezweifelt werden. Bevor Paris genommen oder doch seine Einnahme auch für die Franzosen unzweifelhaft geworden ist, wird es nicht leicht zu einem Waffenstillstände kommen. Von dem Frieden wird ohnehin erst in Paris ernst- lich die Rede sein. Man glaubt, daß man nach der Occupation der Hauptstadt vor Allem, wenn auch erst nach einiger Zeit, zu Präliminarien gelangen werde, welche al-dann eine frei gewählte Constituante ratificiren muß. Das Bombar- dement dürfte, wie heute vielfach angenommen wurde, den 18. beginnen. Es steht jedenfalls nahe bevor. Von der Abberufung des Grafen Bernstorff von London ist so wenig die Rede, wie von der des Herrn v. Balan von Brüssel. Die absichtlich verbreiteten Gerüchte von der Abberufung dieser Gesandten be- weisen nur, daß sie ihre Posten vortreffl ch auSsüllen und darüber wachen, daß die neutralen Pflichten erfüllt werden. E» ist nicht die Schuld des Grafen Bern- storff, wenn seine Mahnungen wegen der Art und Weise, wie England seiner neutralen Stellung gerecht wird, der englischen Regierung zuweilen unbequem er- scheinen. Man bestätigt, daß trotz de- Bedauerns des Grafen Beust, der die Lähmung und Unthätigkeit der europäischen Diplomatie in der gegenwärtigen er­staunlichen Lage unliebsam empfindet, von irgend welcher Intervention der Mächte weniger als je die Rede ist. Auch Herr Thiers würde das constatiren können.

Kriegsnachrichten.

Offenbach, 17. Oct. Von der vor Metz befindlichen hessischen Division laufen ungünstige Nachrichten ein, indem Briefe von Soldaten an Angehörige Bemerkungen über den Gesundheitszustand enthalten, welche vermuthen lassen, daß die Truppen in Quartiere zurückgezogen werden, um sich von den Strapazen zu erholen.

Pont ä Mousson, 12. Oct. Heute kam ein französischer General in Be­gleitung mehrerer preußischer Offiziere aus Metz hier an, um in's Hauptquartier des Königs zu gehen. Man behauptet, es sei dies der General Canrobert gewesen und Uebergabeunterhandlungen wegen Metz der Zweck seiner Reise. Das Schießen in den letzten Tagen war ungeheuer. (H. M.)

Nancy, 14. Octbr. Der General Boyer, erster Adjutant des Marschalls Bazaine, ist nach Versailles abgereist, um wegen der Capitulation von Metz zu unterhandeln.

Berlin, 14. Oct. DerZtg. f. Nordd." wird von hier geschrieben:Nach hier cingelaufenen authentischen Nachrichten wird die Beschießung von Paris nicht vor dem 18. Oktober beginnen. Elfhundert Eisenbahnwagen hat allein dasjenige Belagerungsgeschütz sammt Zubehör erfordert, welches jetzt erst au^ deutschen Festungen, Spandau, Magdeburg u. s. f. die Reise nach Paris angetreten hat." Einem derDeutsch. Allg. Ztg." zur Benützung überlassenen Feldpostbrief aus Livry vom 30. Sept, (vor Paris, in der Nähe von St. Denis) entnehmen wir folgende Mittheilung: Gestern ist eine Anzahl Schützen (Nr. 108) aus dem Lazareth gekommen, um zu ihren Truppen zurückzugehen. Sie vertheilten sich, um in die einzelnen Dörfer, wo ihre Compagnien liegen, zu grlangen. Nicht alle kamen leider so weit. Einige wurden in dem vorletzten Dorfe vor ihrem Detachement am Rande eines Waldes angefallen von etwa sechs in Civil ge­kleideten Franzosen, welche ihnen die Flinten vorhielten, sie niederwarfen, den arme» Menschen die Augen ausstachen und sie dann am Rande des Grabens niedersetzten. Darauf liefen die Unmenschen fort. So wurden die unglücklichen Sachsen von den Feldgendarmen aufgefunden, welchen sie ihr Schicksal mittheilten. Es ist der Befehl ertheilt worden, alle Civilisten, die wir in den Wäldern finden, niederzuschießen, und sind wir Alle darauf aufmerksam gemacht worden, stets mit der höchsten Vorsicht vorzugehen und unsere Waffen stets bei uns zu führen, denn", so heißt es wörtlich,das Volk ist eine schlechte Nation, welches wir jetzt nun anders handhaben und die Leute, welche noch da sind, fest im Zaume halten müssen, da es in unserem eigenen Interesse ist." Die Wuth der Mann- schäften ist kolossal.

Tours, 15. Oct. Gambetta erließ folgende (Lügen-)Proclamation:Mit unbeschreiblicher Freude verkünde ich eine Nachricht aus Paris vom 12. Oktober: Das Volk war ungeduldig und wollte dem Feinde entgegengehen. Hier lief der Bericht des ersten Sieges ein. Die Preußen wurden aus den Stellungen ge- drängt, die sie seit drei Wochen einnahmen. In der Richtung St. Denis sind sie über StainS, Pierrefitte und Dugny zurückgeworfen worden. Wir nahmen Joinville, Erbteil, Bobigny und das Plateau von Arron wieder ein. Der Feind wurde auch aus Bas-Mcudon und St. Cloud vertrieben und ging bis Ver­sailles zurück. Der Feind weiß, was es heißt, wenn das Volk entschlossen ist, die Institutionen dec Ehre zu retten. Mögen nun die Provinzen ihre Pflicht thun."

Tours, 16. Oct. Ein Circularschreiben der Regierung fordert die Prä- fecten und die VertheidigungScomiteS auf, sich jeder Maßregel zu enthalten, durch welche die Arbeiten der Bewaffnungscommission gehemmt werden könnten. Ein Schreiben Gambetta's an den General Cambriel zeigt die Ernennung Garibaldi'» zum Commandirenden der Freicompagnien der Vogesen und einer Brigade Mobil­garde an. Eine Depesche der Regierung vom 16. v. meldet: Beaugency scheint vom Feinde geräumt zu sein. Die Preußen haben sich von Ecouis (Dtp. Eure, Arr. les Andslys) gegen GisorS zurückgezogen.

Tours, 16. Oct. Aus Paris ist dasJournal officiel" vom 10. und 11. d. eingrtroffen. Dasselbe enthält Berichte über die Versammlungen, in welchen die Einsetzung einer revolutionären Commune verlangt wurde, sowie über die darauf stattgehabten Contredemonstrationen. Die Verhaftung des Oberst-Lieute- nants der Nationalgarde Sapia erfolgte, weil derselbe Patronen vertheilen ließ, um gegen das Stadthaus zu marschiren. Zum Polizei - Präfecten ist Adam er­nannt worden. Keratry erhielt eine Mission vom Minister des Aeußcrn. Gegen Flourens ist eine Untersuchung begonnen, weil derselbe am 10. unter falschem Vorwand Appell schlagen ließ, um die Nationalgarden vor das Stadthaus zu führen.

Straßburg, 13. Oct. Flüchtige von Bitsch erzählen, daß am Sonntag nur noch drei Häuser, dasjenige de» Generals Bissot, das de» General- Schnei- der und eines gewissen Coulon, nebst der Pfarrkirche auf der seinen Seite der Stadt gestanden hätten; außerdem noch etwa 10 Häuser auf der Kinderpromenade. Letzten Sonntag sei ein verabredet gewesener zehntägiger Waffenstillstand zu Ende gegangen und Tags darauf habe das Bombardement von Neuem begonnen. In der Festung befänden sich meist Mobilgarden, welche au» dem Bezirk Saarburg und Saargemünd auf beide Festungen, Bitsch und Pfalzburg, vertheilt worden seien. Die ausgewanderte Bitschcr Bevölkerung habe sich in» Bärenthal und nach Moderhausen, die Pfalzburger nach dem Dorfe QuatreventS (dievier Winde") geflüchtet. (KarlSr. Z.)

Basel, 13. Oct. Vorgestern Vormittags 11 Uhr wurde in Mühlhausen bekannt, daß die am Montag früh abgezogenen deutschen Truppen neuer- dings im Anrücken seien und auf der Dollerbrücke sich postirt hätten. Bald dar- auf ritt ein Detachement Ulanen, gefolgt von einer Infanteriekolonne, in die Stadt und machte vor dem Stadthause Halt. Dem Municipalrath wurde insi. nuirt, sich zur Doüerbrücke zu begeben, um dort die Befehle des Commandanten entgegenzunehmen. Der Municipalrath sandte zwei seiner Mitglieder ab, welche nach einer Stunde mit der Meldung in die Stadt zurückkehrten, die Preußen verlangten als Sühne für die ihrer Nachhut am Sonntag früh angethane Be- leivigung ich habe Ihnen darüber gemeldet folgende Lieferungen in der Form von Requisitionen: 50,000 Franken baar, 30,000 Rationen, 60,000 Flanellhemden, 60 Proviantwagen mit je zwei Pferden bespannt. Sollten diese Requisitionen im Verlaufe des Nachmittags nicht geleistet werden, so werde die Stadt unverzüglich bombardirt werden. Die städtischen Abge- ordneten konnten sich zur Genüge überzeugen, daß die Kanonen aufgepflanzt, gegen das Arbeiterquartier gerichtet waren und die Geschützbedienung zum Schießen bereit stand. Natürlich war es nur eine Drohung. Die Nachricht erregte aber begreiflicherweise in der Stadt eine große Ueberraschung. Mühlhausen ist eine offene Stadt und die Bevölkerung selbst hatte an den Vorfällen vom Sonntag durchaus keinen Anthcil. Die Arbeiter flüchteten bereits aus dem bedrohten Quar­tier. Der Stadtrath versammelte sich sofort und sandte eine Delegation, worunter den in Deutschland und Frankreich bekannten greisen Fabrikanten Jean Dollfus, an da» Generalquartier ab, mit dem Auftrage, in Betreff der Re­quisitionen zu unterhandeln. Eine solche Unterhandlung kam denn auch zu Stande: 25,000 Fr. wurden baar erlegt, für den Rest, sowie für die Lieferung der übrigen Requisitionen ist Aufschub gegeben. Abends gegen 5 Uhr war der Krieg und das Bombardement zu Ende. Zwischen 5 und 6 Uhr zogen die in der Richtung von Colmar herkommenden Truppen, 2500 Mann und 6 Geschütze, zu Porte jeune hinein in die Stadt und zur Porte de Büle wieder hinaus. Am gleichen Tage hatte komischer Weise der republikanische Präsect de» Oberrhein-, Herr Jules Grosjean, eine Proklamation anschlagen lassen, in der er gegen die Invasion und und die projectirte Annexion Protest erhebt und zur Ausdauer ermahnt.

Basel, 15. Oct. Die von mehreren deutschen Blättern gebrachte Nach­richt, daß General Uhrich am 12. d. in Darmstadt angekommen sei, ist unrichtig. Er befindet sich wieder hier in Basel bei seiner Gemahlin, welche feit ihrer Frei­lassung aus Straßburg Basel nicht verlassen hat. Er kam vom Genfer See.

Besllllyon, 14. Oct. Garibaldi ist heute Morgen hier angekommen. Er wurde von Militär- und Civilbehörden, sowie einer großen Menschenmenge em­pfangen.

Straßburg, 14. Oct. Am 12. Oktober wurde ein Ulane, der todtmüde von der Wache zurückkehrte, im Bette erschossen. In der Nähe des Kronenbur- gerthores wurde auf vorüberziehende Truppen geschossen.

Die Soldaten find sehr beschäftigt, die zerschossenen Bäume abzuhauen und die Kanonen, die theils vernagelt, theils noch in brauchbarem Zustande sind, abzuführen. Das Steinstraßenthor ist vorläufig wieder gesperrt. Durch hcrab- fallende Trümmersiücke sind Verletzungen vorgekommen.

Anknüpfend an die früheren Berichte über die Belagerung von Straßburg sind wir in den Stand gesetzt, denselben heute nachstehende Angaben folgen zu lassen:

Es sind während der förmlichen Belagerung von Straßburg acht ver­schiedene Geschützarten preußischerseits und deren vier badischerseits in Thätigkeit gewesen und zwar im Ganzen 241 Geschütze, nämlich 30 lange gezogene 24-Pfünder, 12 kurze gezogene 24-Pfünder, 64 gezogene 12-Pfünder, 20 gezogene 6-Pfunder, 2 gezogene 21-Centimeter-Morser, 19 50psundige, 20 25pfündige und 30 7pfün- vige glatte Mörser; diesen sind zur Beschießung der Citadelle badischerseits hin- zuzusügen 4 25psündige Mörser, 8 60psündige Mörser, 16 gezogene 12-Psünder, 16 gezogene 24-Psünder.

Von den genannten 241 Geschützen sind im Ganzen 193,722 Schuß und Wurf in die Festung gefeuert worden und zwar 162,600 von den 197 preußi­schen und 31,122 von den 44 badischen Geschützen. Es sind dies gewesen:

28,000 Granatschuß aus dem langen gezogenen 24-Psünder,

45,000 Granatschuß aus dem gezogenen 12-Psünder,

8000 Granatschuß aus dem gezogenen 6-Psünder, 5000 Shrapnelschuß aus dem gezogenen 24-Pfünder, 11,000 Shrapnelschuß aus dem gezogenen 12-Pfünder, 4000 Shrapnelschuß aus dem gezogenen 6-Psünder, 3000 Langgranatschuß au» den 15.Centimeter-Kanonen, 600 Langgranatwurf aus 21-Centimeter-Mörsern, 15,000 50psündige, 20,000 25pfundige,

23,000 7psündige Bombenwürfe aus glatten Mörsern.

Diese Summen ergeben als statistisches Resultat, daß in den 31 Tagen des förmlichen Angriffs auf Straßburg im Ganzen also 193,722 Schuß und Wurf, durchschnittlich demnach an jedem Tage 6239, in jeder Stunde 269, in der Minute also fortlaufend 45 Schuß oder Wurf in die Festung gefeuert worden sind. Bei dieser Gelegenheit ist noch zu erwähnen, daß das Gewicht der einzelnen Geschosse nicht nach deren Eisengewicht, sondern nach dem einer steinernen Kugel von gleicher Größe (in einzelnen Fällen auch nach dem Durch­messer bestimmt wird, so daß beispielsweise das Gewicht der 760pfündigen Bomben im Verhältniß ihres Kaliber- bi» 180 Pfund steigt.

Hamburg, 16. Oct. DieBörsenhalle" meldet: Der neue Hamburg- Newyorker DampferThuringia" verließ am 11. Greenock, traf in der Nahe von Helgoland die französische Flotte, kehrte daher zurück und traf gestern in Grimsby ein. Officiel wird ferner gemeldet, daß auch bei Dünkirchen sich eine französische Flotte gesammelt habe. Diese Nachricht, verbunden mit dem uner-