Politische Rundschau.
16. Mat.
Aus Cattaro meldet man der „Triester Zeitung", daß man neue Ruhestörungen befürchtet, deren Schauplatz diesmal die türkische Suttorina sein dürfte; in einigen Ortschaften der Bocche soll man dort einen bewaffneten Einfall beabsichtigen und dabei Unterstützung von Seite der Montenegriner hoffen. Die Türken sind jedoch auf der Huth und senden Verstärkungen. Letzter Tage transportirten die Monte- negriner Blei von Cattaro nach Montenegro. Ein Montenegriner entwendete ein Stück, wurde aber entdeckt und sogleich festgenommen. Er verlangte vor ein österreichisches Gericht gestellt zu werden, was ihm aber verweigert ward, und es scheint, daß ein Todeöurtheil gegen ihn ausgesprochen wurde.
Dem römischen Correspondenten der in Berlin erscheinenden „Post" ist es gelungen, sich den Wortlaut der Canones zu verschaffen, die von der Unfehlbarkeit des Papstes handeln. Die Canones lauten:
„Canon 1. Wenn Jemand sagt, der bischöfliche Lehrstuhl der römischen Kirche sei nicht der echte und wahre unfehlbare Stuhl des heiligen Petrus, ober der von Gott auserwählte, unendlich feste, unzerstörbare und unüberwindliche Fels der ganzen christlichen Kirche — so sei er verflucht.
Canon 2. Wenn Einer sagt, es gebe auf der Welt neben dem Lehrstuhle des heiligen Petrus einen anderen unfehlbaren Lehrstuhl der Wahrheit des Evangeliums unseres Herrn Jesu Christi— so sei er verflucht.
Canon 3. Wenn Einer leugnet, das heilige Lehramt des Stuhles Petri sei allen Menschen, Gläubigen wie Ungläubigen, Laien wie Bischöfen, zum wahren Wege des ewigen Heiles nothwendtg — so sei er verflucht.
Canon 4. Wenn Einer sagt, die einzelnen legitim gewählten römischen Päpste seien nicht in Kraft göttlichen Rechtes die Nachfolger des heiligen Petrus auch in Bezug auf die Unfehlbarkeit des Lehramtes, und wenn Einer leugnet, jeder derselben habe die Prärogative der Unfehlbarkeit, um die Kirche das von jedem Jrrthume und jeder Fälschung reine Wort Gottes zu lehren — so sei er verflucht.
Canon 5. Wenn Einer sagt, die ökumenischen Concile seien von Gott in der Kirche eingesetzt als Macht, die göttliche Heerde zu weiden, und in Glaubenssachen höher gestellt, als der römische Papst, oder diesem gleich, oder Kraft göttlicher Einsetzung noth- wendig zur Unfehlbarkeit des Lehramts des römischen Bischofs — so sei er verflucht."
Von Lissabon wird geschrieben: Auf der Insel Madeira sind Unruhen ausgebrochen, wobei drei Todte und viele Verwundete gezählt wurden. Die Regierung schickt Truppen dorthin. Die Abgeordneten der Minderheit verließen am Donnerstag den Congreß, weil der Präsident den Rednern nicht erlauben wollte, über jene Vorkommnisse frei zu sprechen.
Aus Bucharest wird über das Programm Epu- reano's, des neuen rumänischen Cabinetschefs, Folgendes hierher gemeldet: Im Innern Erhaltung der Ordnung und Achtung der Rechte der Juden, nach Außen eine stark accentuirte westliche Politik. Der Minister des Aeußern, Carp, bekannt durch seine französischen Tendenzen, ist es, der seinerzeit Bratiano über die bulgarischen Banden interpellirte, welche die westlichen Mächte beunruhigten. Der Fürst Karl hat eine vollständige Preßamnestie erlassen.
Telegramme aus Konstantiopel melden die erfolgte Trennung der Chaldäer von Rom; es wurde deßhalb eine große Rathsversammlung der Propaganda ab- gehalten und alle CongregationS-Mitglieder hatten eine mehrstündige Audienz beim Papst. Die Entscheidung liegt in der Hand der Inquisition.
Nach Berichten aus Buenos-Ayres hat die argentinische Regierung Truppen nach Entrerios senden müssen, um eine in dieser Provinz ausgebrochene Revolution zu unterdrücken, während deren ein General Lopez Jordan an der Spitze von 300 Mann den 70jährigen Urquiza ermordet hat. Ein vielbewegtes militärisches und politisches Leben ist somit zum tragischen Abschlüsse gekommen. Die nächste Veranlassung zu der Mordthat ist in Ermangelung näherer Mittheilungen noch nicht zu errathen; denn in letzter Zeit hielt sich Urquiza anscheinend vom öffentlichen Leben fern.
Einer telegraphischen Depesche aus Bombay zufolge will man in Indien wissen, daß die Russen im An- morsche auf Chiwa sind und dem Khan von Buchara Weisung ertheilt haben, der Armee Lebensmittel zu liefern und ein HülfScorpS von 5000 Mann zu stellen. Diese Nachricht bedarf noch sehr der Bestätigung.
17. Mai.
Die Augsburger „Allgem. Ztg." veröffentlicht die „Erste dogmatische Constitution über die Kirche Christi
der Prüfung der Ehrw. Väter vorgelegt", welche am 10. Mai an die Concilsväter vertheilt worden ist. Dieses in dogmatischer wie in politischer Beziehung höchst wichtige Aktenstück, welches den Angelpunkt der ganzen Thatigkeit des Concils bildet, besteht aus folgenden vier Kapiteln: Kap. I. Von des apostolischen Primates Einsetzung im heiligen Petrus. Kap. II. Ueber die Fortdauer des Primates Petri in den römischen Päpsten. Kap. III. Ueber Bedeutung und Wesen des Primates des römischen Papstes. Kap. IV. Ueber des römischen Papstes Unfehlbarkeit. Der Raum unseres Blattes gestattet cs nicht, den Hauptsatz dieses Aktenstückes hier folgen zu lassen; wir beschränken uns deshalb nur auf folgende Canones:
„(Sanon I. Sv einer sagt: der heil. Apostel Petrus fei von dem Herrn Christus nicht zum Ersten aller Apostel und zum sichtbaren Haupte der streitenden Kirche gefetzt worden; oder derselbe habe nur den Ehrenprimat, nicht aber den Primat der wahren und eigentlichen Jurisdiction von diesem unserem Herrn Jesus Christus direct und unmittelbar empfangen — der sei verflucht.
Canon II. So einer sagt: es sei nicht des Herrn Christi eigene Einsetzung, daß der heil. Petrus im Primat über die ganze Kirche beständige Nachfolger habe; oder: der römische Papst sei nicht kraft göttlichen Rechtes Petri Nachfolger in diesem Primat — der sei verflucht.
Canon III. So einer sagt: der römische Papst habe lediglich daS Amt der Aufsicht oder Leitung, nicht aber die volle und oberste Gewalt der Jurisdiction über die gefammte Kirche, nicht nur in Sachen des Glaubens und der Sitten, sondern auch der Disciplin und der Regierung der über den ganzen Erdkreis auSgebreiteten Kirche; oder: diese seine Gewalt sei nicht eine ordentliche und unmittelbare sowohl über alle und jede einzelne Kirche, als auch über alle und jeden einzelnen Hirten und Gläubigen — der sei verflucht."
Der „Siecle" schreibt heute: »Das Schriftstück, welches die apokryphe Proklamation Louis Napoleons, des heutigen Kaisers, enthält, ist dem Ver- zeichniß der historischen Dokumente auf der Bibliothek in der Rue Richelieu eingereiht. Sollte Herr de Lurcy, der mit der Affaire der saistrten Blätter betraute Untersuchungsrichter, dieses Schriftstück zu con- sultiren wünschen, und bas Exemplar, welches wir in Händen haben, für kein ächtes halten, so wollen wir ihm gern die Nummer des im Kataloge der Bibliothek verzeichnet stehenden Exemplars angcben. Das Placat — es ist ein Placat — ward bei Chaix in der Rue Vergöre gedruckt und von dem Bona- partistencomitö, bas bekannter unter dem Namen Comitö Piat, überall angeschlagen. Die apokryphe Proklamation wird von dem Prinzen Napoleon in der „Patrie" vom 19. Sept. 1848 bementirt, allein sie ward es nicht von Ludwig Napoleon Bonaparte, dem sie sehr öffentlich zugeschrieben wurde. Seitdem ist diese Proklamation zu verschiedenen Zeiten von mehr als hundert Blättern abgedruckt, und nie hat weder die Justiz, noch die Umgebung des Staats- chefs in der Veröffentlichung derselben ein Vergehen erblickt; der Prinz Napoleon selber erinnerte nicht wieder an sein Dementi von 1848. Erst am Vorabende der Abstimmung über das Plebiscit sollte der Abdruck der Proklamation zur Beschlagnahme von Blättern und zu gerichtlichen Verfolgungen Anlaß geben. Allerdings waren die saistrten Nummern ganz der antiplebiscitären Propaganda gewidmet. Meint der Herr Siegelbewahrer, das sei der rechte, der gute Jusiizweg?"
Ein Telegramm aus Toronto bestätigt die Nachricht, daß die Unionsbehörden dem kanadischen Dampfer „Chicora", welcher Vorräthe und Kähne für die Red River-Expedition an Bord hatte, die Durchfahrt durch den Sault St. Marie-Canal nicht gestattet haben. Es heißt weiter, daß der Dampfer seine Fracht auf der kanadischen Küste auslud, damit sie von dort über Land nach dem Oberen See befördert werde, wo der Dampfer „Algoma" schon zu ihrer Aufnahme bereit liegt. UebrigenS wird jetzt eine Straße angelegt, welche das Ufer des Huronensee's mit dem des Oberen See'S verbindet, und die Truppen werden also nur genöthigt sein, diese nicht sehr lange Strecke zu Fuß zurückzulegen. Größere Schwierig, keiten erwachsen aus der doppelten Verladung freilich dem Transport von Vorräthen. Leiber bestätigen die Zeitungen aus Minnesota auch das Gerücht, daß die Fenier sich auf den Weg nach dem Red River gemacht haben, um den Aufrührern Hülfe zu leisten. 300 Fenier lagern in St. Paul's und erwarten noch einigen Zuzug, um die Gränze zu überschreiten.
Das „PcterSb. Journal dementirt die Nachricht, daß die Russen nach Chiwa vorrückten und daß vom Khan Bucharas Unterstützung gefordert worden sei.
Preußen. Dad EmS, 15. Mai. Der Kaiser von Rußland nebfl dem Großfürsten Wladimir trafen gestern Abend um 10 Uhr 40 Min. hier ein und find im „Hütrl Darmstadt" abgestiegen. Am Bahnhof wurden dieselben von den Spitzen der Behörden empfangen. Die Stadt hatte geflaggt und illu- minirt.
Frankreich. Paris, 15. Mai. Das „Journal officiel" veröffentlicht rin kaiserliches Decret, durch welches der Herzog von Gramont zum Minister des Aeußern, Herr de Mege zum Minister des öffentlichen Unterrichts, Herr Peichon zum Minister der öffentlichen Arbeiten ernannt werd.n.
Paris, 12. Mai. In den Werkstätten des Gefängnisses La Roquette brach gestern ein Aufstand unter den Sträflingen aus. Ein Aufseher wurde getödtet und zwei schwer verwundet. — In Folge der gestrigen Unruhen sind noch weitere Verhaftungen erfolgt. Der KriegSminifter und der Minister des Innern leiteten gestern selbst die Maßregeln gegen die Unruhestifter.
Paris, 13. Mai. Gestern Abend fanden keine Unruhen statt; eS wurden nur zwei Verhaftungen vorgenommen. Die „Gazette des Tribunaur" gibt die Zahl der fett letztem Montag ftattgehabten Verhaftungen auf 558 an.
Italien. Genua, 13. Mai. Hier werden alle Forts gegen einen befürchteten Handstreich der Feinde deS Staates scharf bewacht.
Neapel, 13. Mai. Die Nachricht, daß Menotti Garibaldi der Regierung seinen Arm angeboten, ist falsch. Die Schaar deS ErmajorS Foglia ist angeblich 1000 Mann stark, von Catanzaro in tie apulischen Berge aufgebrochen. Die Insurgenten sollen auch in Grossetto erschienen sein.
Neapel, 14. Mai. Heute Morgen erneuerten sich die Unruhen auf der Universität. Im Universitätshofe platzten drei Bomben. Ein Student feuerte einen Revolver ab, ohne jedoch Jemand zu verletzen. Die Universität wurde geschlossen und 15 Studenten verhaftet.
Rom, 14. Mai. Die DiScusfion über die Unfehlbarkeit ist auf heute angesagt. Die ultramontane Partei befindet fich in großer Aufregung. Viele der Väter haben Urlaub verlangt. Ungefähr hundert Mitglieder der Oppofition haben fich einschreiben lassen, um in mehr oder minder radicaler Weise die vorgeschlagene Definition zu bekämpfen.
Amerika. Washington, 13. Mai. Der Senat hat die Armeestärke auf 30,000 Mann festgesetzt. — In New-Iork und anderen Städten haben zahlreich besuchte Meetings Statt gefunden, in welchen gegen die Seitens der spanischen Behörde vollstreckte Hinrichtung des Generals Goicouria auf Cuba Protest erhoben wurde. — In den Wäldern der Grafschaften Madison und Sullivan richteten Waldbrände bedeutende Verheerungen an. Der Schaden wird auf ca. 6 Millionen Dollars veranschlagt.
Messend:
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Mit Mskiimz
Vermischtes.
Triest, 12. Mai. Die Wiener Presse theilt authentische Berichte über eine Ueberschwemmung, welche am 30. April und am 2. Mai in Cittavecchia in Dalmatien stattfand und von einer plötzlichen MeereSfluth verursacht wurde, mit. Milten im stürmischen Welter hob fich in zwei Minuten das Meer fast um 4 Fuß über das Ufer und in weniger als zwei Minuten sank das Meer wieder um 22 Fuß zurück, so daß eS die Schiffe in dem ganz trockenen Hafen ließ. Der Schrecken der Bevölkerung ist unbeschreiblich. In wenigen Augenblicken sah man die kleinen Schiffe in der Stadt schwimmen und wenige Augenblicke später saßen sie im Trockenen. Das Wasser war in drei Vierthelleo der Stadt in den ebenerdigen Wohnungen, in die Keller und in die Gewölbe gedrungen. Die Möbel und die Maaren wurden hin und her von den Wetten geschleudert, die Hauslhiere waren in Gefahr und wurden in die oberen Stockwerke geschleppt, doch schon während der Rettungsarbeiten sank das Meer unter fürchterlichem Getöse zurück. Wer dieses Phänomen vom Ufer be, trachtete, oder fich in einem der Schiffe befand, konnte vor Schrecken nicht einen Laut von fich bringen. Ein solches Phänomen ereignete sich in Cittavecchia im Jahre 1856, wobei fast alle Schiffe im Hafen zu Grunde gerichtet wurden. Und einen noch größeren Schaden hätten die Schiffe Heuer erlitten, wenn nicht die Central -Eeebehürde so viele Verbesserungen durch Ufermauern und durch feste Pfeiler im Hafen getroffen hätte, daß sie jetzt festgebunden und vor jeder Gefahr gesichert werden können. Demungeachtet wurden zwei Trabakel mit mehreren kleinen Schiffen an'S Land geworfen. Ein Trabakel blieb im Trockenen am Land und litt großen Schaden, als fich plötzlich das Meer senkte, ein zweites Trabakel wurde an eine steinerne Säule von den Wetten geschleudert. Ein kleines Schiff wurde ganz umgeworfen. Die Hafenbaggermaschine Nr. 8 lief große Gefahr, da die Kette zerrissen wurde. Den Anstrengungen deS Hafenagenten Antanovich, dann deS Bürgermeisters Mercantil- Capttäa Peter Jvaniffevich gelang eS, mit Hilfe braver Matrosen das Schiff zu retten. Den größten Schaden erlitten aber die Ufer; die ganze Gemeinde hat einen großen Schaden zu. beklagen.
New-Dork. Der Finanzminister der Vereinigten Staaten von Nordamerika hat eine Verordnung erlassen, welche für Auswanderer nach dem Gebiete der Union von höchster Wichtigkeit ist. Jeder Passagier aus einem fremden Lande, welcher in einem Hafen der Vereinigten Staaten ankommt, ist für die Folge verpflichtet, ein kurzes, aber genaues und umfassendes Verzeichnis feiner Gepäcksgegenstände und ihres Inhaltes, so wie jedes Artikels, den er an der Person bei fich führt, abzugeben. Eine solche Angabe muß auf einem Formular gemacht sein, welche« die Bezeichnung „Passenger baggage Declaration“ trägt. Um Aufenthalt beim Landen zu vermeiden, muß die Declaration vor der Ankunft ausgefertigt und auf Verlangen dem Zollbeamten sofort überliefert werden. Die Nummern der verschiedenen Gepäckstücke müßen an einem paffenden Platze angebracht und ihr Inhalt muß unter zwei Rubriken — erstens zollfreies, zweitens zollpflichtiges Gepäck — angegeben werden. Bei der Ankunft wird die Declaration dem Zollbeamten übergeben. Jedes Gepäckstück, welches zollpflichtige Maaren von mehr als 500 D. Werth enthält, wird nicht an Bord ausgeliefert, sondern nach einem Magazin zur Untersuchung und Abschätzung befördert. Jedes Gepäck ist einer gründlichen Untersuchung und Passagiere find einer Duchsuchung unterworfen. Jeder Versuch, zollpflich- tige Sachen zu verhehlen oder den Zollbeamten zu bestechen, hat die ConfiScation deS Gepäckes zur Folge und unterwirft den Passagier anderweitigen gesetzlichen Strafen. Klagen gegen Zollbeamte müssen beim Hafencollector eingebracht werden, der fie sc fort untersuchen wird. Diese Verordnung ist jedenfalls streng genug, und die New-Doiker HandelSzettung hat gewiß Recht, wenn sie mit Rücksicht auf dieselbe sagt: „Gin Ausbund von Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit ist unser Finanzmioi- ster gerade nicht."
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.
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