DLS Doppelhaus.
Von der Verfasserin von „John Halifax, Gentleman" rc. Deutsch, mit Bewilligung der Verfasserin, von Marie Morgenstern.
„Wer er ist, Gretchen? Ich weiß nur, daß er Merchiston heißt, und Dr. med. ist."
„Uno Mrs. Merchiston?"
„Heißt Barbara und war das einzige Kind des Thomas Curria und seiner Gattin Barbara, vormals in Azevale, in dieser Grafschaft, welcher auf dem Meere umkam im Jahre siebenzehnhundert und —"
„Halte an, halte an! Da gleichst einem lebendigen Grabstein, der seine eigne Inschrift laut abliest. Den wirklichen Grabstein — ich sehe ihn aus un- serm Kirchhof. Sie also wurde in Azedale geboren? Das erklärt ihr Herziehen."
„Sicherlich. Noch etwas, Gretchen?"
„Nein, Jacob."
Ich schämte mich meiner Zweifel. Schämte mich, daß der Blick, den ich in das sanfte, milde Gesicht hinter dem Schleier geworfen, und die männlichen, menschenfreundlichen Züge, die ich während des Gottesdienstes am letzten Sonntage bewacht, mich nicht — trotz aller Klatscherei — sogar in meinem Begriff des Wortes, der toi ter war, als der meiner Nachbarn — überzeugt hatten, daß die Merchistons „achtbare" Leute waren.
„Ein achtungöwürdiger Mensch," hatte mir Jacob einst während seiner B'wrrbung um mich gesagt, „ist ein Mensch, der der Ächtung würdig ist, weil er in allen Fällen sich selbst und auch anderen Leuten gebührende Achtung zollt."
Vielleicht wollte ich meine eigne „Achtbarkeit" in diesem Sinne zeigen, — und ich hatte ein Recht, mich selbst zu achten, denn ich war das glückliche Weib, das Jacob Rivers zu seiner Gattin gewählt! — als ich mein bestes, selbst verfertigtes Mouffelinekleid anlegte, und die schone, grünseivene Mamille, die meine Mutter mir bei meiner Verheirathung geschenkt, nicht zu gut fand, um bei Mrs. Merchistons zu erscheinen.
Lerlegen stand ich still vor dem Doppelyause. An welche der beiden Ein- gangsthüren sollte ich klopfen? Nach einiger Ueberlegung glaubte ich am besten zu thun, wenn ich es meinem Gatten nachmachte — und ich klopfte an die Thür, welche das Messingschild trug.
Ein Mann, Der halb Bediente, halb Reitknecht zu sein schien, öffnete.
„Ist Mrs. Merchiston zu Hause?"
„Ich weiß es nicht, Madame, will aber nachfragen, wenn Sie es wünschen." Wollen Sie die Güte haben, an Die andere Thür zu klopfen?"
Und etwas eilig schlug er die Thür zu und ließ mich vor derselben stehen.
„Nun," dachte ich, „was kommt darauf an, durch welche Thür ich gehe? Aber "etwas sonderbar ist es, das läßt sich nicht leugnen."
Ich klopfe, und eine nett aussehende Dienerin führte mich in ein schönes Besuchszimmer — Empfaugssalon würde man heutzutage sagen, aber Empfangssalons gab es dazumal in Azedale noch nicht.
Von Dem Aussehen des Zimmers läßt sich vortrefflich auf den Bewohner desselben schließen. Aus diesem schloß ich, daß Mrs. Merchiston noch jung, von verfeinertem Geschmack, eleganten Gewohnheiten, und daß sie musikaltfch fein müsse; daß sie keine Kinder habe, viel allein sei und sich in der für einen thä- tigen Geist allerpeinigendsten Lage befinde: — eine Dame zu sein, Die nichts
zu thun hat.
Sie ließ mich eine Weile warten, beoor sie erschien. Ihre Bewillkommnung war höflich, sogar sreunDlich, aber nicht ganz frei von einer gewissen Aufregung und Zurückhaltung.
Ihre Toilette hatte sie sicher nicht veranlaßt, mich warten zu lassen. Sie trug ein ganz einfaches Nanking-Morgenkleiv, und ihre Haarfrisur schien ihr keine Mühe zu verursachen, da sie sich in natürlichen Ringen um Den Kopf
lockte, tote bei einem Kinde. Und etwas KinDliches lag auch in ihrer Figur
unD in ihrem Gesichte. Kaum hielt ich es für möglich, Daß sie dreißig Jahre alt sein konnte, was sie nach Dem Todestage ihrer Eltern, Den ich auf Dem Grabstein Derselben gele en, doch fein muß. Sie war nicht gradczu hübsch,
aber der Ausdruck ihrer Augen — so einfach, zutraulich, ohne Falsch und voll
Glanz — war außerordentlich schön. Sie erschien mir, Alles in Allem, gerade eine jener Frauen zu fein, Die ein so ernst und würdig aussehender Mann, wie Dr. Merchiston, aus einer Welt voll schönerer und gescheiDterer Frauen zu seiner Gattin hatte wählen können, die er tief, sogar leidenschaftlich lieben mußte bis an das EnDe feiner Tage.
Sie befriedigte, nein, sie entzückte mich vollkommen. Wir unterhielten uns langer, als die Etikette erforderte, und als wir uns endlich trennten, konnte ich nicht umhin, sie auf das Wärmste um ihren Besuch zu bitten.
,Es wird mich glücklich machen, so ganz freundschaftlich zu Ihnen kommen zu dürfen," entgegnete sie, „große Einladungen, glaube ich, liebt Dr. Merchiston nicht."
Dies war die erste Erwähnung seines Namens in unterer Unterhaltung. Sie gab mir Gelegenheit zu einer höflichen Frage nach feinem Befinden. Ich sagte »einer Gattin, Das ich ihn in Der Kirche gesehen, und daß ich hoffe, dem- nächst das Vergnügen seiner Bekanntfchast zu haben. Ich erwartete, daß sie den Wink verstehen, ihn herbei bitten lassen, und mir somit das begehrte Vergnügen auf Der Stelle verschaffen werde, aber ich irrte mich. Sie begnügte sich mit einer kurzen, aber höflichen Antwort auf meine Frage und ließ das ^^^Meine^Neugierde war zu mächtig, ich konnte mir die Gelegenheit nicht ^ntf^D^ Abneigung des Herrn Doctors in Bezug auf geselligen Verkehr ist hoffentlich nicht auf Gesundheitsrücksichten begründet," sagte ich. „Mein Gatte fand, daß er leidend aussehe." , o _ . .
„Sieht er krank aus? Leidet seine Gesundheit? O nein, 0 nein!"
In diesem Erschrecken, diesem Wechsel Der Gesichtsfarbe offenbarte sich die Gattin. Uno doch — wie gleichgültig hatte sie meine Frage nach ihm beant- tovrtet! In unserer Unterhaltung war nicht die Rede von ihm g wesen, und in der Anordnung und ganzen Atmosphäre des Zimmers zeigte sich nicht eine Spur, die darauf hindeutete, daß er je dasselbe betreten habe oder überhaupt existire. Auch ihre Redeweise war mir ausgefallen. Das angewohnte glückliche
„Wir," das Ehegatten so bald lernen, war nicht über ihre Lippen gekommen; Das traurige, unwillkürliche, selbstische „Ich" lediger Frauenzimmer unD kinderloser Wittwen schien ihre Gewohnheit zu fein. Es war mir unbegreiflich.
Ich beeilte mich, miin Versehen gut zu machen.
„Es liegt sicherlich kein Grund vor, Der Sie ängstigen kann, liebste MrS. Merchiston," sagte ich. Es wird eine ganz natürliche Bläffe fein, die nur Fremden auffällt, während Sie, die Sie ihn täglich sehen, —
„Ja, so ist es — so ist es," entgegnete sie hastig, indem sie mich nach dem Fenster zog, um mir ihre Blumen zu zeigen.
Balo darauf ging ich.
Einige Wochen verstrichen, sie erwiederte meinen Besuch, und ich machte ihr einen zwciten. Verschiedene Damen des Dorfes dewiesin ihr gleichfalls die übliche Aufmerksamkeit. Es war stets dasselbe; die Besucherinnen wurden höflich empfangen, Alle waren entzückt von Mrs. Merchiston, aber keine einzige hatte das Gluck, den Gatten derselben zu sehen. UnD der Herrenwelt, Die nach und nach ihre AnstanDövisiten bei Dem Dvctor machte, ging es nicht besser. Alle kamen befriedigt zurück, erklärten Den neuen Einwohner emmüthig für einen angenehmen, gutherzigen Herrn, einen vollendeten Gentleman, aber — seine Gattin hatten sie nicht gesehen.
Zwei große Diners wurden den neuen Ankömmlingen zu Ehren veranstaltet. Die Einladungen waren angenommen; als aber Das erste stattfand, war Mrs. Merchiston Durch em „leichtes Unwohlsein" verhindert, unD bei Dem zweiten war Dr. Merchiston „unoermeiDlich Durch Geschäfte" fern von Azedale gehalten. So kamen sie einzeln zu Den Gesellschaften, hinterließen aber Beide Den Eindruck, Daß sie „ganz außerordentlich angenehme Leute" seien.
Ich ging wahrend jener ganzen Zeit nicht viel aus, und einige Wochen nach jenen Gesellschaften wurde mein Töchterchen geboren. Ich mußte das ti)eure Geschenk mit einer langen Krankheit, Die mein Leben bedrohte, bezahlen, aber das Kindchen gedieh und endlich genaß ich auch wieder. Mrs. Merchiston war eme meiner ersten Besucherinnen.
Ich freute mich herzlich, sie zu sehen, denn sie hatte sich mir sehr freundlich erwiesen. Manches Körbchen voll Früchte und Blumen war aus dem Doppelhaus in das unfrige gewandert. Ich dankte ihr herzlich.
„Und auch Ihr Gewühl hat mich so freundlich versorgt," fügte ich hinzu, „ich glaube, er ichoß die Hälfte der Rebhühner der ganzen Grafschaft mir zu Liebe. Ich hatte nie Mangel Daran. Und wie freundlich bewies er sich in jener Nacht, too sie glaubten, duß ich sterben würde! Er ritt zwölf Meilen, um meinen Gatten zu holen.
„Er?"
„Wissen Sie es nicht? O, Dann sagen Sie ihm, liebe Mrs. Merchiston, wie dankbar ich feine Gute anerkenne, wie ich mich ihm verpflichtet fühle für Die Hülfe, die Tröstung, Die er meinem armen Jacob gewährt! Er erneth die Gefühle Des Gatten, Der am Sterbebette seiner -Gattin stand!"
Mrs. Merchiston neigte sich über Die neue Wiege, in Der mein Kindchen schlief.
„Nicht wahr, Mrö. Merchiston," fuhr ich in dem Eifer meines Dankgc- sühls fort, „Sie wollen so gütig fein, ihm zu sagen, wie ich ihm danke? — Weich' em vorzüglicher Mann muß er fein!"
„Das ist er," sagte sie in einem Tone, dem sie mit offenbarem Bemühen Festigkeit, fast Kalte zu geben bestrebt war. „Gütig gegen Andere zu fein, war ihm stets em Vergnügen. — Dars ich die Kieme einmal aufnehmen?"
Leise schritt sie im Zimmer hin und her und wiegte mein Kind in ihren Armen. Es lächelte sie an.
„Nein, Kieme, ich bin nicht Deine Mama. Ach nein!"
Sie seufzte, gab das KmD. zurück unD wandte sich ab. Ihre Augen standen voll Thranen. Dann setzte sie sich zu mir, streichelte sanft die zarten Händchen unD sagte:
„Kinder, denke ich, bringen schwere Sorgen und eine große Verantwortlichkeit, aber ich halte es für sehr traurig, nie ein Kind gehabt zu haben. Keine Liebe, keine Glückseligkeit ist der zu vergl.ichen, die eine Mutter suhlen muß. Die Gefühle einer Mutter entschädigen zuweilen für Den Verlust jeder andern Liebe, jedes — andern Glückes."
„Glauben Sie das?"
„Ja, zuweilen. — Die Mutterschaft muß jeden selbstischen Kummer töDten. Wie könnte ein weibliches Wesen sich verlassen und allem, — wie könnte eS Überall nur eigenes Leid fühlen, wenn es em Kind hätte?"
„Sie sprechen eher die Gefühle einer Wittwe, Denn einer Gattin aus; und Sie uno ich, Mrs. Merchiston, können, dürfen und brauchen nicht zu reden wie Witiwen.
„Der Himmel verhüte es," entgegnete sie mit einem Schauder.
Ich ergr.ff die erste Gelegenheit, das Kmd hinwegzusenden und sprach von andern Dingen. Ich habe groszes Mitleio mit kinderlosen Gattinnen, rs sei Denn — was übrigens selten in dieser Welt Der Fall ist — daß ihr eheliches Glück so vollkommen ist, daß das übervolle Glas keines Tropfens mehr bedarf. Und selbst dann hat diese Süßigkeit leicht etwas sättigendes, oder sie wird zu jenem zwiefachen Egoismus, der keine Freude theilt, feine Liebe znläßt, keine Sympathie für Kummer unD Leiv empfindet, wenn die directe Beziehung zu diesem Doppel-„Ich" fehlt; — sie macht vergessen, daß die vollkommene Vereinigung des ehelichen Lebens nicht nur zur Befriedigung Dieser zwei Wesen eingesetzt ist, sondern daß auch von Der Einheit ihres bejeligenDcn Glückes ein glänzender Lichistrahl von GuteSt^uu und Segen auf Die Welt hinausscheinen soll.
Nach Allem, was ich von Dr. Merchiston und seiner Gattin gehört, und was ich selbst beobachtet hatte, blieb es mir unbegreiflich, daß Diefe beiden sich nicht bemühten, solch' em Leben zu fuhren, Das sie sicherlich glücklicher gemacht haben würde, als sie zu sein schienen. Ich bemitleiDete die arme Frau. Niemand von und kann das Scelet in Dem Hause seines Nachbarn, oder den Wurm, Der am Herzen seines Freundes nagt, sehen, aber je mehr sich unsere Lebenserfahrung erweitert und bereichert, desto weniger können wir an Dem Vorhandensein Beider zweifeln.
Mrs. Merchiston und ich hatten ein sehr angenehmes Gespräch; Das Kind hatte unsere Herzen gegen einander geöffnet. Wir gingen über Die Bekanntschaft hinaus, wurden Freundinnen. Wir entwarfen Pläne für Die langen Abende des kommenden Winters, und Mr. Rivers, Der inzwischen zu Hause gekommen und sich zu uns gesellt hatte, theilte dieselben. ^Fortsetzung folgt.)


