Ausgabe 
19.2.1870
 
Einzelbild herunterladen

Message zu Mr. 22 des Kießener Mnzeigers.

F e u i l l e t o n.

Die Geheimnisse einer jungen Mamsell.

(Fortsetzung.)

Wie verhärtet das Herz dieses Mannes auch war, bet der Erinnerung an seinen Bruder, dessen Vermögen er durch Erbschleicheret an sich gerissen, zuckte er doch zusammen.

Aber diese Regung de- Gewissens dauerte nur einen Augenblick.

Er dachte an die Gefahr, die durch diesen Besuch seiner Kaffe drohte und stand der Fremden wieder gefaßt gegenüber.

So, so!" brummte er.Sie geben sich also für die Frau des Men­schen au-, den Sie meinen Bruder nennen. Ich aber heiße ihn nicht so. Er hat diesen Namen verwirkt in der Zeit, wo er sich zu einem Schandfleck seiner Familie machte. Für mich war er schon damals todt, al- er nach Amerika ging. Der Narr wollte dort sein Glück machen. Nun, wie e- scheint, hat er seine Absicht nicht erreicht, sonst würde seine Frau nicht nach Europa gekommen sein, um hier ihren Verwandten zur Last zu fallen."

Die Fremde hatte Mühe, ihre Thränen zurückzuhalten.

Sie sprechen sehr hart," versetzte sie.Ich hatte auf einen anderen Em­pfang gehofft; denn als mein armer Gatte auf dem Sterbebette lag und ich mit diesen armen Kindern hier bebend und weinend an seinem Lager kniete, da sagte er zu mir ach, cs waren seine letzten Worte:Mary, mich hat mein ganze- Lebenlang da- Unglück verfolgt. Ich habe gestrebt und gearbeitet, wie es nur ein Mensch, der seine Familie liebt, im Stande ist, und dennoch muß ich Dich und meine Enkel in Armuth und Elend zurücklaffen. Aber e- ist noch eine Hoffnung vorhanden, die mich in'- Jenseits hinüber begleiten mag. Fern über'm Meere, in Hamburg, lebt mir noch ein Bruder, der das ganze Vermögen meines Vaters erbte, der mich erst zur Strafe meines sugendlichen Leichtsinns verstieß. Ich habe nie an diesen Bruder geschrieben, weil ich wußte, daß er mich haßte. Wohl aber habe ich mich hin und wieder bei Leuten, die au- Hamburg nach Newyort kamen, nach ihm erkundigt. Da ist mir denn die Nachricht geworden, er befinde sich im Wohlleben und sein Rcichthum habe sich seit vielen Jahren noch vermehrt. Mache die wenigen Mobilien, die Du noch besitzest, zu Geld, theure Mary. Fahre, wenn ich eingesargt bin, mit dem ersten Schiffe, da- von hier ab^eht, nach Europa hinüber. Suche meinen Bruder in Hamburg auf. Bringe ihm den letzten Gruß des Sterbenden; sage ihm, daß ich ihm alle Unbill, die er mir zugefügt, verziehen habe, daß ich ohne Groll gegen ibn das Dasein verlassen. O, wenn er das hört und fein Herz nicht von Stein ist, wird er sich Eurer erbarmen und Ihr werdet drüben nicht dem gräßlichen Elende verfallen, das Euch hier bedroht.""

Die Wittwe hielt inne. Vor Weinen versagte ihr die Stimme und auch die Kinder begannen laut zu schluchzen. Ihre Eltern waren früh grstorben und der Großvater war ihnen ein zweiter Vater gewesen.

Aui's Neue fühlte Herr Wiesel einen GtwiffenSbiß in der linken Seite. Aber, wie vorher, wandte er das geeignete Mittel an, die innere Stimme zum Schweigen zu bringen.

Auf- und abgehend berechnete er, wie viel es ihm kosten würde, diese Frau und die beiden K'-nder, wenn auch nur nolhdürftig, zu ernähren. Nach seinem raschen Ealcul war eine enorme Summe jährlich dazu erforderlich. Ein solches Opier konnte ihm kein Mensch zumuthen, zudem nicht für die Frau und die Nachkommenschaft eines Menschen, von dem er ja Zeitlebens gehaßt worden, und der sich erst auf dem Todtbette bekehrt hatte. Vielleicht belog ihn aber auch die Frau und ihre ganze Erzählung von dem, was der Bruder zu ihr auf dem Sterbebette gesagt haben sollte, mochte nur eine Erfindung sein, um ihm Geld adzupressen.

Nach wenigen Minuten war er mit seinem Entschlüsse im Reinen.

Er trat auf die weinende Mutter zu."

Sie mögen nun die Frau meines Bruders sein oder nicht," sagte er kalt.

Es thut mir leib, Nichts für Sie und die Kinder thun zu dürfen."

Die Frau fchlug erstaunt die Augen auf.

Wie, mein Herr," sagte sie,Sie dürfen Nichts für uns thun? Wer will es Ihnen denn wehren?"

Der Heuchler zuckte die Achseln.

Ich habe vor Jahren mehrere arme Verwandte unterstützt und bin da- für mit dem schnödendsten Unbanfe belohnt worden. Da habe ich denn einen hohen Eid gethan, niemals wieder solche Thorhcit, die mir nur Aerger und Verdruß gemacht hat, zu begehen. Ja, wären Sie mir eine gänzlich Fremde, dann vielleicht zwänge mich bas Mitleid, Etwas für Sie und die Kleinen zu thun. Aber, wie gesagt, mit armen Verwandten will ich Nichts zu schaffen haben. Die sind wie die Vampyre, blos mit dem Unterschiede, daß diese Blut, sie aber Geld saugen. Adieu, Madame. Ich habe bringend zu thun und kann Ihnen meine Zeit nicht länger w'bmen.

Er ging an die Thür und öffnete sie.

Noch einmal Adieu, Madame, und bitte, sich ja nicht wieder hierher zu bemühen."

Während der Wucherer so sprach, versiegten die Thränen der Wittwe, Ihr Schmerz machte dem Gefühle einer unbeschreiblichen Verachtung gegen ihren Schwager Platz.

Sie sah ihn mit einem langen durchbohrenden Blicke an, faßte dann die Kinder bei der Hand und schritt zur Thüre hinaus.

Herr Wiesel aber schloß schnell die Thüre hinter ihr, rieb die knochendür­ren Hände und murmelte:

Gott sei Dank! Die habe ich mir für immer vom Halse geschafft."

Als die Wittwe mit den armen Enkeln wieder den untersten Flur des Hütels erreicht, hatte sie nicht nöthig, den Portier nach Clara zu fragen.

Das junge Mädchen harrte ihrer schon, im höchsten Grade neugierig, wie ihre erste Zusammenkunft mit Herrn Wiesel ausgefallen sei.

Die tiefe Nievergefchlagenheit, die auf dem blaffen Antlitze der armen Frau lag, verkündete ihr schon zur Hälfte, was geschehen.

Das Uebrige sollte sie von Frau Wiesel selbst erfahren.

Sie zog die Wittwe mit in ihr Zimmer, und erhielt nun von ihr aus­führlich die Mittheilung, daß der reiche Herr Schwager sie in der hartherzigsten Weise für immer von seiner Thüre gewiesen.

Sie sehen, mein liebes, theilnehmenbes Fräulein," sagte die Wittwe be­trübt,daß jede Hoffnung verloren, von meinem Schwager eine Unterstützung für mich und diese armen Kinder zu erhalten. O, mein Gott! was soll nun mit mir, was soll mit diesen unschuldigen Waisen werden? Wir befinden uns in einer großen, fremden Statt, ohne jedes Subsistenzmittel! Ich freilich könnte mich von dem Elende, das mir droht, durch den Tob befreien, aber die Kinder, die unglücklichen Kinder! wer wirb sich ihrer annehmen, wenn cs der nächste BlutSvcrwanVte nicht thut?"

Clara ergriff die Hand der Unglücklichen, und sprach lebhaft:

Geben Sie sich nicht der Verzweiflung hin, Madame, ehe Ihnen der letzte Hoffnungsanker versunken ist. Herr Wiesel, Ihr Schwager, will sich nicht Ihrer Noth erbarmen? Er soll, er muß seine Pflicht thun. Das Gericht kann ihn freilich nicht dazu zwingen. Aber vielleicht kann ich es ja, ja, ich, so klein und unbcdeutenb ich Ihnen auch erscheinen mag. Vor der Hand bleiben Sie mit den Kindern hier im Hütel. Ich werde Ihnen oben ein klei­ne- Zimmer einräumen lassen und für Speise und Trank sorgen. Quälen Sie sich nicht wegen der Bezahlung, das ist meine Sache. Für eine Unglückliche, wie Sie, bringe ich gern ein kleines Opfer. Gedulden Sie sich nur einige Tage. Herr Wiefel soll seine Geldkiste zum Besten feiner armen Verwandten offnen, so wahr ich Clara heiße."

Dem Muthigen und Klugen ist der Zufall häufig günstig gesinnt.

Clara hatte der Verwandten des Herrn Wiesel Hülfe versprochen und lauerte nur auf eine Gelegenheit, ihr Versprechen erfüllen zu können.

Sie brauchte nicht gar zu lange darauf zu warten.

Nach drei Tagen vertraute ihr Christian Bork, daß Herr Wiefel auf- Neue einen Korb mit Champagner bei ihm bestellt habe.

Paffen Sie auf, Mamsell Clara," sagte er,heut' Abend, da sleicht der alte Fuchs wieder zu die Komödiantin und ihre dicke Tante und da thun die Drei sich bene bis Klock eins oder zwei."

Ach, wenn ich die Herrschaften doch bei diesem Trinkgelage überraschen konnte," versetzte Clara.

Christian kratzte sich den Kopf.

Da- wird ein fiver Stück fein. Sie fließen ümmers die Thür fest zu."

Ich gebe was b'rum, wenn sie einmal geöffnet würbe, und ich Herrn Wiesel dort einen guten Abend bieten könnte. Lieber Bork, wissen Sie fein Mittel?"

Der Hausknecht lachte:

Soll ich mal wieb.r einen Swindel kriegen, wie damals, als Sie den Abendgast belauscht haben, ter nu über alle Berge ist?"

Nein, nein, guter Christian, bas geht nicht. Wir müssen auf etwas Andere- denken."

Na, so denken Sie man zu. Ich will meinen dummen Kopf auch anstrengen."

Beide überlegten einige Minuten.

Halt," sagte das Mädchen plötzlich,ich hab'-."

Was denn, liebe Mamsell!"

Hören Sic zu, Christian."

Mit meine beiden Ohren.*

Wir gehen um zwölf Uhr nach dem dritten Stocke hinauf, wo Herr Wiesel wahrscheinlich noch in Gesellschaft seiner beiden würdigen Freun- binnen sein wird."

Schön, ich bin dabei. Und dann?"

Dann legen Sie Ihren Mund an'S Schlüsselloch."

Dc- ist nicht schwer."

Und rufen hinein, aber nicht zu laut, daß die Schlafenden im Hause nicht dadurch geweckt werden."

Was soll ich rufen?"

Meine Herrschaften, ich glaube, es brennt unten im Hause."

Christian Bork lachte aus vollem Halse.

Hören Sie, Mamsell Clara, das ist ein snakscher Einfall. Ja, denn wer­den sie woll die Thür offen machen. So'n bischen Feuerlärm macht die Frauen­zimmer höllische Angst. Aber, wenn sie nun herausstürzen und fragen, was soll ich denn sagen?"

Nichts. Das Uebrige ist meine Sache."

Gut. Ich thu' Allen«, was Sie mich befehlen."

Also heute Abend um zwölf Uhr holen Sie mich aus meinem Zimmer ab."

Sie sollen nicht auf mir warten, Mamsell Clara."

Beide trennten sich für die nächsten Stunden.

Clara, die am Tage mehrere Male bei Frau Wiesel und ihren Kindern, die im vierten Stocke wohnten, einsprach und sich freundlich mit ihren Schütz­lingen unterhielt, harrte der Mitternachtsstunde mit Ungeduld entgegen.

Endlich war sie erschienen.

Alles im Hause schlief schon. Nur in den Zimmern der Sängerin ging e- lebendig und vergnügt her. Herr Wiesel war mit seinem Champagner dort eingekehrt und die kleine Gesellschaft ließ sich den perlenden Schaumwein aufs Beste schmecken.

Christian Bork erschien pünktlich bei Clara.

Mamsell, es ist Zeit," sagte er. Ich war eben oben und habe gehorcht. Sie sind nu grab im besten Zuge."

So kommen Sie, lieber Bork."

Sie schritten rasch nach oben. ..

Jetzt gilt's," sagte das Mädchen und stellte sich neben die Thur.

Der Hausknecht spitzte seinen großen Munb, beugte sich zum Schlüsselloch und rief ziemlich laut, aber mit dumpfer Stimme, Me Worte hm-in, d'eihm Clara gesagt hatte. (Fortsetzung folgt.)