der ersten vergeblichen Waffenstillstands-Verhandlungen erwähnt hat, heißt es weiter: Seit 50 Tagen belagern die preußischen Armeen Paris. Die Bevölkerung der Hauplstavt ist nicht ermattet; ein Ausstand bat das Volk von Paris in die Lage gesetzt, durch ein imposantes Votum die Regierung der nationalen Vertheidigung, welche eben dadurch in den Augen Europas die Weihe des Rechts erhält, zu legitimiren. Die Regierung hat Verhandlungen zu einem Waffenstillstand einge- leitet, welcher dazu führen sollte, die Wahlen auf dem gcsammten Territorium der Republik einschließlich des von den Feinden besetzten zu ermöglichen. Die Dauer des Waffenstillstandes sollte 25 Tage sein, und eine dieser Frist entsprechende Verprovianlirung gestattet werden. Preußen hat die beiden ersten Bedingungen nicht bestritten, obwohl in Betreff der Wahlen im Elsaß und Lothringen einige Reserven gemacht wurden, welche wir hier nicht weiter prüfen wollen , da durch die Verweigerung der Verprovlantirung jede weitere DiScussion unnütz gemacht ist. Die Verproviantirung sei aber als eine durchaus nothwendige Folge des Waffenstillstandes anzusehen; ein Waffenstillstand ohne Verproviantirung sei nichts Anderes, als die Herbeiführung einer Capitulation innerhalb bestimmter Zeit; durch die Verweigerung der Verproviantirung habe Preußen auch den Waffenstillstand zurückgewiesen. Es sei nicht nur die Armee, sondern auch die französische Ration, welche Preußen vernichten wolle, indem es Paris dem Schrecken der Hungersnoth preisgebe. Europa habe verlangt, daß die Abgeordneten Frankreichs zusammentreten, um über den Frieden zu berathen; Preußen habe das Zusammentreten einer Nationalversammlung zurückgewiesen, indem es daran eine unbillige und dem allgemeinen Rechte zuwiverlaufende Bedingung geknüpft habe. Was aber die von Preußen erhobene Beschuldigung angehe, die französische Regierung zwinge durch ihre Haltung Preußen dazu, Paris auszuhungern, so werde Europa wohl in der Lage sein, den wahren Werth dieser Beschuldigungen zu ermessen. Es seien dieselben nichts Anderes, als der letzte Zug einer Politik, welche damit begonnen habe, das Wort des Souveräns zu Gunsten der französischen Ration zu engagiren, und nun damit schließe, auf diplomatischem Wege zede Kombination zurückzuweisen, welche eS Frankreich ermöglicht hätte, seinen Willen zu äußern. Wir wissen nicht, wie die neutralen Mächte über die mit so vielem Hochmuthe beseitigten Propositionen denken werden; vielleicht laßt sich indeß errathen, was Preußen den Mächten noch übrig lassen wird, wenn es erst durch den Sieg in den Stand gesetzt wird, alle seine Pläne auszuführen. Was uns angeht, so gehorchten wir einer gebieterischen und einfachen Pflicht, indem wir auf den von Preußen ausgegangenen Vorschlag eines Waffenstillstandes einzugehen suchten, da hierin das einzige Mittel lag, durch eine Nationalversammlung jene furchtbaren Fragen zu lösen, welche die kaiserliche Regierung ausgesäet hat. Preußen fühlt wohl, welche Gehässigkeit in der Zurückweisung deö Waffenstillstandes lag, und umgiebt deshalb diese Verweigerung mit einer Umhüllung, welche Niemanden täuschen kann. Wenn man uns einen Monat lang unsere Lebensrnittel entzieht, so heißt das nichts Anderes, als uns unsere Waffen abfordern, welche wir ohne weiteren Kampf nicht niederlegen werden. Wir haben alles Mögliche gethan, um als Männer von Ehre dem Kampf Einhalt zu thun. Man hat uns jeden Ausgang verlegt. Nur unseren Muth haben wir jetzt zu Rathe zu ziehen, indem wir die Verantwortlichkeit für weiteres Blutvergießen auf diejenigen werfen, welche in systematischer Weise jede Transaction zurückweisen. Ihr persönlicher Ehrgeiz ist cs, welchem noch Tausende von Menschen geopfert werden. Und wenn das bewegte Europa den Kämpfern Einhalt thun will, um die Repräsentanten der Nation zu Frievensoersuchen zu berufen, da willigen sie ein, aber nur unter der Bedingung, daß diese duldende Bevölkerung, diese Frauen, Kinder und Greise keine Hilfsleistung empfangen, damit nach Ablauf deö Waffenstillstandes es ihren Vertheioigern unmöglich gemacht werde, weiter zu kämpfen. Eine solche Erwiderung auf die Vorschläge der vier neutralen Großmächte zu crtheilen, nehmen die preußischen Führer keinen Anstand. Wir rufen die Mächte zu Zeugen gegen Preußen auf; und wir sind überzeugt, daß, wenn die Nation und die Armeen jener Mächte abzustimmen hätten, sie diese inhumane Politik verdammen würden. Die Regierung der nationalen Vertheidigung wird Alles thun, um einen würdigen Frieden zu ermöglichen, aber man hat ihr die Mittel benommen, um Frankreich zu Rathe zu ziehen. Inzwischen hat sie Paris befragt, und die ganze Stadt hat sich in Waffen erhoben, um dem Lande und der Welt zu zeigen, was ein großes Volk vermag, wenn es seine Ehre, seinen heimathlichen Herd und seine Unabhängigkeit vertheidigl. Ew......dürste es nicht schwer fallen, bei geeigneter
Gelegenheit die Wahrheit dieser Erwägungen, welche Sie zu vertreten haben, zum richtigen Verständniß zu führen.
Ihre Maj. die Königin von Preußen hat an den Vorstand des englischen Vereins zur Pflege der verwundeten und erkrankten Krieger nachstehendes Handschreiben gerichtet:
Mit wahrer Bewunderung habe ich vernommen, in wie großartiger Weise die englische Nation sich bemüht, die furchtbaren Leiden gegenwärtigen Krieges zu mildern und sich an der Sorge für die zahlreichen Verwundeten durch Unterstützung der bestehenden Vereine und Hospitäler, durch Errichtung von eigenen Lazarelhen, Ausrüstung von Depots und Dertheilung von Gabsn zu betheiligcn. In Meiner Stellung zu den deutschen Vereinen fühle Ich es als dringende Verpflichtung, dies dem englischen Comito zur Pflege Der verwundeten und erkrankten Krieger, welches diese LiebeSthätigkect leitet, auszusprechen und ihm in eigenem Namen, wie im Namen Meiner Landsleute nah und fern, denen die Hülfsleistung zu Gute gekommen ist, den aufrichtigsten und tiefgefühltesten Dank darzubringen. Durch solche Beweise wahrer Menschenliebe ehrt sich die Nation selbst und bewährt ihren alten Ruhm, die humanen Interessen überall in erster Linie zu verfechten. — Sie darf sich aber auch versichert halten, daß bei uns in Deutschland das, was wir ihr in dieser Hinsicht verdanken, auf das Wärmste anerkannt und empfunden wird.
Mit welchen Hintergedanken Frankreich in die Verhandlungen über den Waffenstillstand eingetreten, zeigt ein Artikel des in Lyon erscheinenden „Salut public" vom 7. d. M., der unter der Aufschrift: Ist der Waffenstillstand möglich? u. a. folgendes schreibt: „Sobald das erste Gerücht von Unterhandlungen auftauchte, sagten wir, daß ein Waffenstillstand ein großes Glück für Frankreich wäre. Diese Meinung scheint uns eben so logisch, wie rationell zu sein. Es mangelt uns in der That nur eine Sache: die nöthige Zeit, um die Massen Männer, die wir in Frankreich haben, zu organisiren und zu bewaffnen, damit sie sich für die Ehre und das Wohl des Vaterlandes schlagen können! Der Waffenstillstand wird uns solche bringen und wird uns in eine militärische Lage bringen, die ganz bedeutend stärker ist, als diejenige, in welcher wir uns heute befinden!" Angesichts solcher Aeußcrungen kann man sich wahrhaftig nur darüber freuen, daß der Waffenstillstand nicht zu Stande gekommen ist.
Unter den 53 französischen Regiments-Adlern, Die in Metz erbeutet und
nach Berlin gebracht wurden, und die gegenwärtig im Zeughaus aufgestellt sind, befinden sich mehrere, die noch die Namen Marengo, Wagram, Lützen, Solferino u. s. w. tragen.
Kriegsnachrichten.
Die Nachricht von dem am 6. d. erfolgten Einsturz des Eisenbahntunnels bei Nanteuil bestätigt sich. Der „Pfälz. VolkSztg." wird darüber vom pfälzischen Sanitätscorps Folgendes berichtet: „Die Katastrophe zeigte sich durch ein lautes Krachen an, worauf Die Mannschaft schleunigst aus Dem Tunnel retiiirte, ihre Mäntel, Waffen rc. Darinnen Hurücklassend. Es wurde sofort Appel abgehaltcn, wobei sich zeigte, Daß NiemanD fehlte. Ob Die Riesenarbeit nochmals angefangen oder eine Reserveeisenbahn um Den Berg herum schneller auSgebaut wirD, ist bis jetzt noch nicht entschieden, Doch sehr wahrscheinlich. Der Ingenieur versicherte gestern, Daß Dieselbe in 8 Tagen fahrbar sei, wovon ich mich auch überzeugte, Da ein ganzes Arbeiterheer Dabei beschäftigt ist. Es sind fast Durchweg Deutsche Arbeiter und Wallonen. In dem Tunnel wurde kurz vor dem Unglück noch eine Mine mit 5 Gentner Pulver entdeckt.
Berlin, 8. Nov. Mittels Rundschreiben an die Vertreter des norddeutschen Bundes notificirt Gras Bismarck den auswärtigen Mächten das Scheitern der Waffenstillstandsverhandlungen und den bevorstehenden Beginn des Bombardements. Thiers mußte in Paris durch Schildwachen vor dem tobenden Volke geschützt und bei der Abreise mittels starker Cavalleriebedeckung escortirt werden. — Die deutschen Truppen haben ein Schreiben Favre'S an Gambetta aufgefangen, worin gemeldet wird, daß Paris bis zum 15. Nov. frisches Fleisch, dann noch auf zwei Wochen gesalzenes Fleisch hat. Dieses Schreiben ist Herrn Thiers übergeben woroen. (Pr.)
Versailles, 10. Nov. Erhebliche Geldcalamitäten sind namentlich unter den ärmeren Classen der Städte Frankreichs dadurch entstanden, daß die französische Regierung olle Sparcaffengelder und das Vermögen Der Korporationen und Gemeinden, das nach dem französischen Gesetze in den Staatskassen deponirt werden mußte, sich ungeeignet und zu Kriegszwecken verbraucht hat.
Marseille, 5. Novbr. Gestern wurde hier die Versöhnung zwischen Den Ddegirten Der Präfectur und den höheren Offizieren Der Nationalgarde öffentlich gefeiert. — In Toulon wurde der Präsident des Eiviltribunals, Roques, auf Befehl Er^mieux' verhaftet.
Brüssel, io. Novbr. Die Regierung brachte einen Gesetzentwurf bezüglich Der Ausdehnung des Wahlrechtes ein. — Nachrichten aus Arlon zufolge mar* schiren die Preußen gegen Montmedy. Es wird ein neues Bombardement daselbst befürchtet. Preußische Vortruppen sind in Iametz (vor Montmedy) eingetroffen.
Brüssel, H. Nov. Nach der „Jndopenvance Helge" hätte Gambetta die Absicht, Den Provinzen ein PlebiScit, ähnlich dem von Der Pariser Regierung gestellten, vorzulegen. — AuS Paris wirD gemeldet, daß die Regierung die Aufnahme eines neuen Anlehens in England beabsichtigt. — Die „Korrcfpon- dance HavaS" vom 7. d. berichtet: Ferry hat Rochefort aufgefordert, wieder in Die Regierung cinzutreten. Trochu ergriff energische Maßregeln gegen die in der Umgegend von Paris umherstreifenden Marodeurs. — Die Untersuchung gegen Pyat wegen versuchten Sturzes Der Regierung, Plünderung und Unterschlagung Der Staatssiegel wird fortgesetzt.
Gens, 10. Nov. Garibaldi steht noch in Düle. Preußische Ulanen zeigten sich in Nuits (Dep. Gote d'Or, Arrond. Beanc, am Flusse Meuzin). In Lyon sind Die Kellerraume des Hotel de Ville für Die Aufnahme Der Archive herge- richtet. Die Straßen außerhalb Lyons sind unterbrochen.
Bern, 10. Nov. Der „N. Zürch. Ztg." wird telegraphirt: Garibaldi ist mit 12,000 Mann von Dole nach Belfort aufgebrochen.
Bern, 10. Nov. Zufolge einem Bericht der Grenzzollbeamtung in Boncourt bei Pruntrut an das Zolldepartement vom 9. Rov. waren am Mittwoch Abend 1160 Preußen in Delle und 6000 in Montbeliard einquartiert. (N. Z.Z.)
Cuxhllsen, 10. Nov. Der Hamburger Post-Dampfer „Westphalia", welcher heute früh nach New-Jork in See gegangen war, kehrte um lO1^ Uhr wieder zurück und ging hier vor Anker.
Wie präcis mit den neuen preußischen Gußstahl-Positions-Geschützen geschossen wird, geht aus einem Bericht des Industr. Alsacien über die Einnahme von Schlettstadt hervor. Es Heißt darin unter Anderem:
Den 26. October Abends 6 Uhr wurde die Festung durch die feindlichen Batterieen, ungefähr 40 Geschütze, welche mit Hülfe Der in Der vorhergehenden Nacht ausgeführten KrDarbeiten (1. Parallele) auf 1500 Met.r von Den Wällen und an Der Stelle Des ehemaligen Bahnhofs aufgestellt wurden, neuerdings beschossen. Diese Geschütze richteten auf die Stadt ein so genaues und rasches Feuer, Daß am Abend von Den 50 auf Den Bastionen gegen Den Feind gekehrten Geschützen nur 7 bis 8 noch feuertüchtig waren; alle anderen waren zerschossen, die Lafetten zertrümmert, die Schießscharten erweitert und die Geschütze bloßgelegt. Aber auch in Der Nacht nahm das Feuer des Feindes nicht ab; man machte von unserer Seite unmenschliche Anstrengungen, um einige Geschütze von den noch nicht angegriffenen Theilen Der Festung herbeizuschaffen, eine Operation, Die unter Dem fortwährenDen Feuer des Feindes äußerst schwierig und gefährlich war. Es waren vergebliche Anstrengungen! Am Morgen fand man mit Ausnahme von «zweien oder Dreien alle übrigen Geschütze ganz Dienstunfähig. Der Bombenregen fiel unterDeffen ohne Aufhören auf Die Stadt herab, ein ganzes Stadtviertel wurde in Brand gesteckt und zerstört; in das Kolmarer Thor war ein Bresche geschossen, die Zugbrücke ging aus den Fugen und die Kettrn zerrissen. Der Mu- nicipalrath verlangte mit Nachdruck die Einstellung des Feuers und Der Platz- Kommandant, Der einsah, daß eine Vertheidigung nicht länger von Erfolg sein könne, daß ein Sturm sie unmöglich machen würde, entschloß sich früh 10 Uhr Die weiße Fahne aufzuhissen unD einen Parlamentär abzusenden. Um 11 Uhr war Derselbe aus Dem deutschen Lager wieder zurück und brachte den Text Der Kapitulations-Bedingungen.
Mainz, 10. Novbr. Die Masse der Kriegsgefangenen bringt nicht geringe Verlegenheiten aller Art mit sich. Man hat die hiesige Garnison bedeutend ihretwegen verstärkt und eine strengere Disciplin eingeführt. An die letztere sind die französischen Soldaten nicht gewöhnt, und manche müssen dafür büßen. Nachdem vor einigen Tagen im Zeltlager wieder ein Turco Widersetzlichkeit unt> Angriff auf einen Wachtposten mit dem Leben büßte, wagte in Der vorigen Nacht cm von Metz kaum angrkommener Soldat der Garde aus einer Baracke des Fort- Elisabeth einen Versuch zur Flucht. Er suchte den nächsten Mann Der Gerni*


