Ausgabe 
8.11.1870
 
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KriegSnachrichten.

Zu dem schon mitgetheilten CapitulationS-Protokoll von Schloß Frescaty gehört noch folgende Beilage:

Art. 1. Die der Armee oder der Festung angehörenden höheren und nie- deren Civilbeamten, welche sich in Metz befinven, können abjiehen, wohin sie wollen, und alles mitnehmen, was ihnen gehört.

Art. 2. Niemand, er gehöre der Nationalgarde an, oder fei Einwohner der Stadt, oder in dieselbe geflüchtet, soll wegen politischer oder religiöser An­sichten, wegen etwaiger Betheiligung an ter Verteidigung, oder wegen HülfS- leistungen, die er der Armee oder der Garnison geleistet, belästigt werden.

Art. 3. Die in der Stadt verbliebenen Kranken und Verwundeten sollen jede Pflege erhalten, die ihr Zustand erheischt.

Art. 4. Die Familien, welche Seitens der Garnison in Metz zurückge- lassen werden, sollen nicht belästigt werden und können, wie die Civilbeamten, gleichfalls frei abziehen mit allem, was ihnen gehört. Die Mobilien und Effecten, welche die Mitglieder der Garnison in Metz zu lassen genöthigt sind, sollen weder geplündert noch constscirt werden, sondern deren Eigenthum verbleiben. Es soll denselben freistehen, diese Sachen innerhalb eines Zeitraumes von sechs Monaten vom Friedensschlüsse oder ihrer Entlassung aus der Gefangenschaft an abholen zu lassen.

Art. 5. Der Oberbefehlshaber der preußischen Armee übernimmt die Ver­pflichtung, jede Schädigung der Einwohner an ihren Personen oder Gütern zu verhindern. Es wird in gleicher Weise das Vermögen des Departements, der Gemeinden, Handels- oder anderer Gesellschaften, der Civil- oder geistlichen Körper­schaften, der Armenhäuser oder Wohltyätigkeits-Anstalten unangetastet bleiben. Es soll in keiner Weise in die Rechte einbegriffen werden, welche am Tage der Ka­pitulation nach den gültigen französischen Gesetzen die Körperschaften oder Gesell- schäften eben so wie Privatpersonen gegenseitig auszuüben haben.

Art. 6. Es wird zu dem Ende im Speciellen festgestellt, daß alle Local­verwaltungen so wie die vorerwähnten Gesellschaften oder Körperschaften die­jenigen Archive, Bücher, Papiere, Sammlungen und Dokumente aller Art be­halten sollen, die sich in ihrem Besitze befinden. Auch die Notare, Advocaten und anderen richterlichen Beamten sollen ihre Archive und ihre Urkunden oder Depo­siten behalten.

Art. 7. Die dem Staate gehörenden Archive, Bücher und Papiere sollen im Allgemeinen in der Festung bleiben und es sollen beim Friedensschlüsse alle diejenigen dieser Dokumente, welche die an Frankreich zurückfallenden Landestheile betreffen, Frankreich zurückgegeben werden. Die reglementsmäßigen ausstehenden Beträge, welche zur Berichtigung der Rechnungen nothwendig sind, oder zu Rechts­streitigkeiten, zu Rückforderungen Seitens dritter Personen Anlaß geben können, sollen in den Händen derjenigen Beamten oder Agenten bleiben, welchen sie gegen­wärtig anvertraut sind, die Bestimmungen des vorstehenden Paragraphen erhalten hiedurch eine Ausnahme.

Art. 8. In Betreff des Ausmarsches ter französischen Truppen aus ihren Bivouacs, wie Artikel 3 des Protokolls ihn festsetzt, wird in folgender Weise ver­fahren werden: Die Offiziere werden ihre Truppen auf die Punkte und in den Richtungen führen, die nachfolgend angegeben sind. Dort angekommen, werden sie dem preußischen Truppen-Commandeur den Stand ter Truppen, die sie führen, übergeben, wonach sie das Commando an die Unteroffiziere abgeben und sich zurück­ziehen. Das 6. Corps und die Cavallerie-Division Forton verfolgen die Straße von Thionville bis Ladonchamps. Das 4. Corps, zwischen den Forts St. Quentin und Plappeville auf der Straße nach Amanvillers ausrückend, wird bis zu den preußischen Linien geführt. Die Garde, die allgemeine Artillerie-Reserve, die Genie-Compagnie und der Equipage-Train des großen Hauptquartiers nehmen, auf dem Eisenbahndamm passirend, die Straße nach Nancy bis Tournebride. Das 2. Corps mit der Division Laveaucoupet und der Brigade Lapaffet, die dazu ge­hören, rückt auf der Straße nach Magny-fur-Seille aus und hält bei der Meierei St. Thiebault. Die Mobilgarde von Metz und alle anderen Truppen der Gar­nison, außer ter Division Laveaucoupet, rücken auf der Straße nach Straßburg bis Grigy. Endlich rückt das 3. Corps auf der Straße nach Sarrebrück bis zur Meierei Belle-croix.

Verhandelt im Schloß Frescaty, den 27. October 1870.

(gez.) v. Stiehle. (ge$.) Jarr as.

DemFr. I." wird aus Metz, 31. Oct. geschrieben: Endlose Karawa­nen bewegen sich auf der Straße nach Metz. Zahllose Fuhrwerke wogen, zwei mächtigen Wellen gleich, auf und ab. Viehheerden, welche für die Stadt bestimmt sind, weiden auf den Aeckern an der Straße, oder winden sich durch das Wagen­gewühl. Tausende von Schaafen, Rindvieh, Geflügel aller Art ist unterwegs und morgen schon hat die Noth ihr Ende erreicht, morgen schon wird Metz überreich mit Lebensmitteln versehen sein. Die äußere Umgebung der Festung sieht grauen­haft aus. Die herrlichen Anpflanzungen und Promenaden sind gefallen und mit ihnen die Landhäuser und Villen, welche vordem eine Zierde der Umgebung ge­wesen sind. Nur noch Trümmer ragen im wilden wüsten Chaos empor und machen auf den Wanderer einen unheimlichen Eindruck. Rechts von der Pariser Straße sind tiefe Gräben aufgeworfen, um die Eingeweide der geschlachteten Pferde auszunehmen, wallarlige Hügel in unmittelbarer Nähe lassen auf den ge- waltigen Consum an Pferdefleisch schließen. Die Metzer, welche mit Sack und Pack der Unglücksstätte entfliehen, sehen elend genug aus, namentlich erregen die bleichen Frauengesichter mit den blaugeränderten Augen sofort das allgemeine Mitleid; man kann hieraus am deutlichsten schließen, was die Bevölkerung in den siebenzig Tagen der Belagerung erduldet hat. Die Männer sehen besser aus, frisch sogar die Soldaten. In der Stadt herrscht reges Leben, die Einwohner geben sich ganz der Freude ter Erlösung hin; zum ersten Male nach langen schweren Tagen sind die Märkte wieder besucht, und wie Bienenkörbe werden die Marketenderwagen umschwärmt, die ihren Inhalt für enorme Preise reißend los werden. Käse ist ein Leckerbissen, doch alle Welt drängt sich darnach und mit 2 Franken wird ein Stückchen bezahlt, das in Frankfurt 6 bis 12 fr. kosten würde. Offiziere in ihren besten Uniformen, meist beritten, durchziehen die Straßen, ab und zu sprcngt eine Abtheilung preußischer Feldgendarmen oder ein Offiziers- trupp vorüber, dann stockt der Strom, alles staunt die fremden Reiter in ihren eleganten Uniformen an und dann geht es weiter, um nach wenigen Schritten, abermals stehen zu bleiben. Friedlich, oft Arm in Arm, wandern die französischen und deutschen Soldaten einher. Was hat man auch persönlich gegen einander, um sich Haß entgegen zu tragen? Nur einen angetrunkenen Franzosen bemerkte ich, der in lauter Weise die wildesten Drohungen und Verwünschungen gegen die Deutschen ausstieß, was diese glücklicherweise nicht verstanden oder nicht verstehen

wollten. An jeder Straßenecke stehen Militärs, welche ihre Effecten um eine» Spottpreis veräußern. Die prächtigsten Pferde gehen für einen unglaublich bil­ligen Preis fort. Man bezahlte die schönsten Exemplare mit 2050 FrS., in normalen Verhältnissen würden sie vielleicht eben so viele FriedrichSd'or gekostet haben. Die Stimmung der Offiziere ist, nach dem GesichtSauSdruck zu schließen, eine getheilte. Die Einen lachen, die Anderen schauen finster drein, das Schicksal der Festung geht ihnen jedenfalls sehr nahe. Fast ausnahmslos sind die Offiziere gegen Bazaine aufgebracht. Man wirft ihm vor, die Sache des VaterlandeS verrathen zu haben. Ich hörte dies mit Achselzucken an und wies die Sprecher auf den zwingenden Proviantmangel. Wohl, erwiderte man mir, das durfte den Marschall nicht zur Uebergabe veranlassen. Wir hatten zum mindesten noch auf acht Tage reichliches Auskommen, und was hinderte ihn, mit seiner Armee durch« zubrechen? Die Aufstellung der Preußen nicht. 25,000 Mann hätten zur Be­satzung ausgereicht und mit 130,000 Mann hätte der Ausfall und Durchbruch sicher gelingen müssen. Ich machte den Mann auf die vielen vergeblichen Aus­fälle aufmerksam, doch auch das ließ er nicht gelten. Es ist dabei ja nicht der Dritte Theil unserer Truppen zur Verwendung gekommen, sagte er. Ich pilgerte weiter und stand bald auf der herrlichen Place royale, auf der sich mir ein etgen- thümliches Bild entrollte. Von der Eisenbahn hatte man etwa 200 Wagen hie- her gebracht und straßenartig aufgestellt. Jeder dieser Wagen war mit einer Treppe versehen und diente als Hospitalraum. Das Innere war sehr gut auS- gestattet, und wie mir die hier befindlichen Verwundeten erzählten, hatten sie bisher noch nicht zu klagen gehabt. Dem Eisenbahnwagen-Lazareth reihte sich eine kleine Zeltstadt an, gleichfalls für Verwundete und Kranke errichtet. Die Aufstellung war in den reizenden Parkanlagen am Justizpalast bewirkt worden und Die Kranken müssen hier ein verhältnißmäßig herrliches Dasein ge­führt haben.

DemDaily-Telegr." wird von seinem Correspondenten aus Versailles geschrieben:

Einer der bezeichnendsten Zuge, welche die längere Dauer des Krieges zu Tage bringt, ist die Erbitterung der Landwehr, welche mit dem Feinde aneinandergerathen ist. Die Mannschaften derselben geben keinen Pardon und sind begierig nach dem Handgemenge, wobei sie das Bajonett ver­schmähen und die Franzosen mit dem Kolben zusammenhauen. In dem letzten Zusammenstöße bei Malmaison kam diese Eigenthümlichkeit in der unverkenn­barsten Weise zu Tage. Viele von den todten Mobilgarden wurden mit furcht­baren Schädel- und Knochenbrüchen gefunden, die entschieden das Werk des Zündnadelgewehrkolben waren. Die Leute sind ganz wild in dem Bewußtsein, wie nahe sie der Krieg angeht, und in dem Gedanken an Weib und Kind da- heim, so daß sie, einmal dem Feinde gegenüber, im Andenken an das, was ihre Väter unter dem französischen Joche gelitten, um sich hauen, als wäre der Teufel in sie gefahren.

/ Altbreisach, 4. Nov. Die Besatzung von Fort Mortier hat heute früh, ohngeachtet daß sämmtliche Gebäude niedergebrannt und unhaltbar sind, sowie die Ringmauern stark gelitten haben, nach 3 Uhr die Beschießung wieder begon­nen. Letztere sowie die Stadt, nach welcher gleichfalls Kugeln geworfen wurden, haben bis jetzt nur wenig gelitten. Gegen 8 Uhr nahm die Fortsetzung des eigentlichen Bombardements wieder ihren Anfang.

/ Altbreisach, 5. Nov. Heute Nacht und früh wurden sowohl aus Fort Mortier wie Neubreisach die hiesigen Batterien und unsere Stadt stark beschossen. Das Münster ist beschädigt. Fort Mortier ist ausgebrannt, die Geschütze sind bis auf eines von diesseits demontirt.

Vor Verdun, 1. Nov. Unseren CernirungStruppen ist es glücklich gelungen, einen Pariser Luftballon herabzuschießen. Seine Insassen, zwei Civilpersonen und ein Offizier, sind sammt Den Papieren, Die sie mit sich führten unD die von be­sonderer Wichtigkeit sein sollen, nach dem Hauptquartier transportirt worden.

(F. j )

Brüssel, 3. Nov. Die englische Regierung hat in officieller Weise eine Warnung, den Widerstand nicht zum Aeußersten zu treiben, nach Tours ergehen lassen und dabei hervorgehoben, daß im Falle eines Bombardements von Paris Die Zerstörung eines großen Theiles der Stadt unvermeidlich sei. In Tours selbst hat eine Volksdemonstratiou stattgefunden, welche die Absetzung Crernieux' und die aller höheren jetzt commandirenden Offiziere, namentlich die Bourbaki's, forderte. Gambetta sicherte in seiner Antwort eine Ausdauer im Kampfe bis zum Aeuker- sten zu." (B. Z.)

Brüssel, 4. Nov. Zur Aufstachelung der Leidenschaften bringt derCon- stitutionnel" folgende Fälschung der Thatsachen:In Nantes affichiren die preu­ßischen Behörden die Ankündigung der Uebergabe von Metz mit dem Beisatz, Bazaine habe sich nur nach einer Schlacht, in welcher er 20,000 Mann opferte, ergeben. Alle gegenteiligen Meldungen würden preußischer Seits mit dem Tode an den Verbreitern bestraft werden."

Brüssel, 4. Nov. Bazaine protestirt in einem Schreiben an denNord* gegen den Vorwurf des Verraths.

Brüssel, 5. Nov. General Changarnier ist auf Ehrenwort entlassen wor­den und traf in seiner hiesigen Wohnung, welche er während seines Exils inne hatte, wieder ein. DerMoniteur" vom Freitag enthält den nachträglichen in Tours eingetroffenen Generalstabsrapport der Bazaine'schen Armee, welcher Gambetta's Voreiligkeit desavouirt.

Brüssel, 5. Nov. Die hier eingetroffeneFrance" meldet, daß anläßlich der Nachricht von der Capitulation von Metz außer Den bereits gemeldeten Un­ruhen zu St. Etienne noch Unruhestörungen in Lyon, Marseiile, Toulon und Perpignan stattgefunden haben; insbesondere waren dieselben in Perpignan bedeu­tend. DerConstitutionnel" berichtet, daß in Tours abermals sechs Soldaten erschossen worden seien.

Brüssel, 5. Nov. Ein Circular Gambetta's an die Präfecten motivirt die Ausschreibung einer Abstimmung in Paris damit, daß der in Paris eingeschlossene Theil der Regierung nicht Die Verantwortung des Abschlusses eines Waffenstill­standes ohne Weiteres auf sich nehmen wollte.

Brüssel, 5. November. Marseille ist feit Sonntag in vollem Aufstande. Der an Stelle Esquiros' zum Präfecten ernannte Gent ist bei feiner Ankunft durch einen Pistolenschuß im Unterleibe verwundet worden. Die Verwundung ist nicht tödtlich uud die Kugel aus der Wunde entfernt worden. Desgleichen meldet man von einer Bewegung und bedauerlichen Vorgängen in Lyon, Toulouse, Per­pignan und St. Etienne in Folge der von Metz eingetroffenen Nachrichten. Ueberall herrscht revolutionäre Aufregung.

Brüssel, 6. Nov. DerConstitutionnel" meldet als Gerücht die Abreise Gambetta's zur Armee von Lyon. In Laon und St. Etienne, wo die rothe