Ausgabe 
8.11.1870
 
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Oießemr Anzeiger.

Erscheint täglich, mit Aus­nahme MontagS.

Expedition; Canzleiberg Lit. B. Nr. 1.

'Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Kießen.

Nr. I4t8 Dienstag den 8. November 1S7O.

werden noch fortwährend sowohl bei der Expedition, Canzleiberg 99.1, als auch WeHteUUNgeir <Xllf OClt bei allen Post-Expeditionen und den Land-Postboten entgegen genommen.

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Amtlicher T h e i l.

Gießm, den 3. November 1870.

Setressend: Die Rechenschaftsberichte der Wiesenvorstände pro 1870. * , f

Das Grohhrrrogtlchr Krelsamt Gleisen an die OtWdWFlchen Bürgermeistereien zu Anuerod, Beuern, Burkhardsfelden, Dorf-Gill, Ettingshausen, GarbenteichA Gießen, Grüuingen, Heuchelheim, Lang-Göns, Sich, Rieder-Bessingen, Reiskirchen, Steinbach, Trais a. b. Lda. und Watzenborn.

Wir erinnern Sie an Erledigung der Beifügung vom 4. October 1870 binnen acht Tagen. Dr. Goldman«.

Politischer T h e » l.

7. November.

Die Nachrichten in Betreff des Standes der Verhandlungen über die deutsche Frage lauten bezüglich Bayerns noch immer nicht ganz günstig. Die B. A. C. wendet sich heute mahnend an Bayern und schreibt:Wnn es wahrscheinlich ist, daß der Friede erst in Paris dictirt wird, so ist roch stark zu hoffen, daß der höchste Siegespreis, die deutsche Einheit, schon in Versailles zum Abschluß kommt, wenigst-'nr so weit sie von den fürstlichen Verträgen abhängt. Badens und Hessen- Anschluß ist wohl schon unterzeichnet, Württemberg wacht keine großen Schwierig­keiten, und darum ist auch anzunehmen, daß Bayerns Bedenklichkeiten bald schwinden werden. Wie lange konnte denn die bayerische Regierung, auch wenn sie wollte, sich der herrschenden Strömung entziehen und sich in Deutschland isoliren?

Se. Majestät der Nönig haben die Veröffentlichung der nachstehenden Er­klärung zu befehlen geruht:

Es ist bald nach der bei der Kapitulation von Laon Statt gehabten Ex« plosion eines Pulvermagazins vielfach die Vermuthung ausgesprochen worden, als wenn der damalige Kommandant dieses Platzes, General Thcremin b'Hame, um diesen Act des Verrathes gewußt habe, resp. dabei beteiligt gewesen sei, und ein Theil der französischen Presse hat sich sogar nicht entblodet, diese V rrätherei als eine besonders heldenmüthige That zu preisen. Die in Folge jenes Vorfalles so­gleich eingeleitete, sehr gründliche Untersuchung hat nun aber die völlige Unschuld des Generals Theremin d'Hame herausgestellt und es kann als ziemlich erwiesen angesehen werden, daß der seit jenem Moment vermißte Artillerie-Aufseher, welchem die Schlüssel zu dem Pulvermagazin anvertraut waren, dasselbe in die Luft ge­sprengt hat. General Theremin d'Hame ist inzwischen am 4. Oktober d. I. seinen bei jener Explosion erlittenen Verwundungen erlegen, um so mehr erscheint es aber als Pflicht, den wahren Sachverhalt zu veröffentlichen und dem ehrlichen Feinde auch über das Grab hinaus Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Hauptquartier Versailles, 22. Octobcr 1870.

Dem von verschiedenen Seiten gemachten Versuch, die Besuche der Kaiserin Eu genie, sowie des Marschall Bazaine beim Kaiser Napoleon aufWilhelmS- höhe mit den Anschauungen und Bestreben der deutschen Politik, und mit den schwebenden Verhandlungen über den Waffenstillstand in Zusammenhang zu brin­gen, tritt die amtlicheKarlSr. Ztg." mit einem Dementi entgegen. Dem Kaiser Napoleon ist die Freiheit des perfönlichen Verkehrs gestattet. Die deutsche Politik hält ihrerseits unverändert den Gesichtspunkt fest, daß die künftige Constituirung Frankreichs ausschließlich Sache dieses Landes sei. Zn die französische RegirrungS- und Verfassungsfrage wird sich Deutschland nicht einmischen.

DerK. Z." wird aus Berlin geschrieben: Die telegraphische Nachricht, daß der DundeSlanzler Herrn Thiers einen 25tägigen Waffenstillstand vorge­schlagen habe, ohne Angabe der französischen Gegenleistungen, war heute die Veranlassung zu vielen Besorgniß erregenden Gerüchten, als ob man annchmen dürfte, daß die höchsten Führer der Armee und der Leiter unserer Politik Bedin­gungen ringehcn könnten, welche geeignet wären, die Stellung der Truppen zu gefährden und die politischen Resultate ihrer Siege zu beeinträchtigen. Jedenfalls würde der militärische Status quo, welcher während des Waffenstillstandes erhalten bleiben soll, genauer bezeichnet worben sein, sobald man den Detailbestimmungen über den Waffenstillstand näher trat. Wie weit die Verhandlungen gedic- hen sind, läßt sich aus den vorliegenden Nachrichten allerdings nicht ersehen. Trochu sagt in seiner Proklamation, daß der Vorschlag mehrfache Vortheile für Paris in sich schließe. Diese letzteren mögen sich vielleicht auf die Zulassung einer gewissen Quantität von Lebensmitteln für die Dauer der Waffenruhe, oder auf die Entfernung nicht ortsangehöriger Franzosen aus Paris bezogen haben; Thatsache ist, daß am 3. ein Waffenstillstand in Paris nicht bestand, daß also die am 2. vorgeschlagene Waffenruhe noch nicht verwirklicht war. Mittlerweile

hatten die Vorgänge in Paris am 31. v. M. einen recht treffenden Beweis für die Richtigkeit der Beurtheilung der politischen Sachlage gegeben, welche sich in der letzten Depesche des Grafen v. Bismarck an den Gesandten des NorvbundeS in London befindet. Wohin unter diesen Umständen die Ermahnungen zu richten sind, den Forderungen der Vernunft Raum zu geben, darüber dürfte jetzt selbst bei Lord Granville eine größere Sicherheit als vorher bestehen. Die Straßen­demokratie stürzt das kaiserliche Regiment, die Socialistcn sperren die Regierung dieser Herren ein u. s. w. Eine stetige Regierung ist in Frankreich ein Problem, welches die Nation kaum zu lösen im Stande sein wird.

Die französische Regierung wirbt jetzt am ganzen Mittelmeere unter dem Auswurfe der Hafenorte Vertheidiger des Vaterlandes. So traf am 28. October in Marseille ein Schub Albanesen ein, etwa 200 Stück; sie brachten ihre langen Flinten, Dolche und ihr phantastisches Kostüme mit. Die Albanesen ge­hören im Oriente zu den tapfersten, rohesten, plünderungslustigsten und blutgierig­sten Völkern.

Professor v. Sybel in Bonn erklärt in einer Zuschrift an dieTimes", daß die Deutschen entschlossen seien, für sich zu thun, was Englands Staats­gewalt einst für Europa that, nämlich ihre Sicherheit und Unabhängigkeit auf einer festen Basis gründen, und zu diesem Bebuse sei es unerläßlich, baß sie ben Elsaß wiever bekämen. Diese Ueberzeugung könne barum nie au6 bem veutschen Gemüth gerissen werben, weil sie Vas Resultat der Friedensliebe sei.

Das osficiöseIourn. d. St. Pet." macht seinen Lesern bekannt, baß eS schon lange die Nothwendigkeit gefühlt habe, dirrcte Informationen aus bem europäischen und bem fernsten Osten zu erhalten; zu diesem Behuse habe es einen eigenen Korrespondenzbienst organisirt, der von unparteiischen, rechtschaffenen, ernsten und glaubwürdigen Männern besorgt werden wird. Die Reihe dieser fortlaufenden Korrespondenzen eröffnen Briefe aus Konstantinopel und Alexandrien. Den ersteren entnehmen wir, daß die in Europa sich abspiegelnben Ereignisse tiefen Eindruck auf die türkischen Staatsmänner auSübtcn. Begreiflicherweise würde bas Frank- rrich betreffende Unglück mit Wchmuth gefühlt, denn seit dem Krimkriege habe der französische Einfluß sehr tiefe Wurzeln geschlagen, deren Grundlage nun ra­dikal erschüttert worden sei. Mit Schrecken sehen die türkischen Staatsmänner dem Moment entgegen, in dem der Boden unter ihren Füßen wanken wird und sie keiner Unterstützung sicher sein werden. Mit Aufmerksamkeit verfolgen sie daher die Haltung Rußlands, welche nach ihrem eigenen Geständniß jetzt zwar äußerst günstig für die Türkei wäre, doch aber der Besorgniß Raum lasse, daß Rußland ebenso befähigt wäre, den gordischen Knoten im Oriente zu durchschneiben, wie dies Preußen eben in Deutschland thue. Zn den ersten Tagen des jetzigen Eon- flicts habe die Politik des Petersburger Eabinets bei der Pforte lebhafte Besorg­nisse hervorgerusen, weil man daselbst der Meinung war, Rußland werde mit Preußen gemeinschaftliche Sache machen; erst nach und nach seien die türkischen Staatsmänner zur Einsicht gelangt, daß auch diesmal Rußland von den fried­lichen Grundsätzen, die es seit der Thronbesteigung Alexander II. befolgt, nicht abgcwichen und keinen auswärtigen Krieg zu beginnen gesonnen sei. Aber so beruhigt auch die Pforte über die gegenwärtige Haltung Rußlands sei, lasse sich doch nicht verkennen, daß sie für die Zukunft, wenn auch vage und unbestimmte Besorgnisse hegen, denen eine gewisse Bedeutung nicht abzusprechen wäre. Na­mentlich besorgen die türkischen Staatsmänner, daß, falls der Krieg zu einem allgemeinen Kongreß führt, gewisse, die Türkei betreffenden Fragen zur Sprache gebracht werden dürften. Aus dieser Besorgniß entspringe auch die Zuvorkom­menheit der Pforte, den Wünschen Rußlands entgegenzukommen; auch beginnen sie bereits sich mit den preußischen Siegen zu befreunden und legen das Brkennt- niß ab , daß feit der Beendigung des Krimkrieges der französische Einfluß von keinem wesentlichen Nutzen für die Türkei mehr gewesen sei.