Wir entnehmen einem Schreiben aus Brüssel vom 3. December: „In den letzten Tagen war vielfach die Rede davon, daß Preußen mit dem Gefangenen auf Wilhelm-hohe einen Frievensvertrag unterzeichnet habe oder unterzeichnen werde. Diese Gerüchte wurden von Berlin sowohl al- auch vom Fürsten de la MoScowa, Adjutanten des Ex-Kaisers, widerlegt. Sie waren durch eine Intrigue hervorgerufen worden, welche dieses Mal der Prinz Napoleon, der die Bonaparte wieder ans Ruder bringen möchte, angesponnen hatte. Dieses Mitglied der bona, partistischen Familie kam nämlich vor einigen Tagen nach Brüssel, um sich mit dem General Changarnier wegen der Restauration des Kaiserreichs zu verständigen. Natürlich war weder die Rede davon, den Kaiser wieder auf den Thron zu setzen, noch die Regentschaft der Kaiserin wieder herzustellen; derselbe wollte einfach die Ernennung des kaiserlichen Prinzen zum Kaiser unter einer Regentschaft, an deren Spitze General Changarnier zu stellen sei. Der General erklärte dem Prinzen, daß er sich auf solche Intriguen nicht einlassen könne. Nach seiner Unterredung mit dem Prinzen sandte Changarnier, der sich wahrscheinlich nicht compromittiren wollte, an Frau James v. Rothschild mit der er bekanntlich sehr befreundet ist, per Brieftaubenpost folgende Depesche: „Le gönöral Changarnier est ä Bruxelles bien porlant, appartenanl ä aucun parti et plein de devouement pour la France.“ In seiner Unterredung mit Changarnier gab der Prinz Napoleon sein Vermögen auf 150,000 Fr. Rente an. Ihm zufolge besitzt der Kaiser keine sechs Millionen! (KZ)
Das schon erwähnte Schreiben des Grafen de K^ratry an Gambetta lautet: Angers, 28. November 1870.
An den Kriegs-Minister in Tours.
Herr Kriegs-Minister! Durch Decrct vom 22. October d. I. haben Sie mich zum Ober-Commandanten der mobilisirten Streitkräfte der fünf Departements der Bretagne ernannt. An diesem Tage existirte nichts. Dank dem Patriotismus meiner Landsleute und der Aufopferung meiner Officiere war am 22. November das Lager von Conli gebildet und uneinnehmbar gemacht. 47 mobilisirte Bataillone Bretagner, 7 Compagnieen kühner und disciplinirter Franctireurs waren auf meinen Aufruf vollständig ausgerüstet herbeigeeilt; 9 Batterien, alle vollstän- dig so weit, erwarteten nur das Sattelzeug, um mit Nutzen zu manöveriren. Dieses Schauspiel war einzig in Frankreich und am 24. November, nachdem <Sie Alles mit eigenen Augen angesehen, brückten Sie laut allen Mitarbeitern an die- fern nationalen Werke Ihre lebhafteste Befriedigung aus, die Sie mir arn^näm- lichen Abende auf der Präfectur von Le Mans erneuerten. Zur nämlichen Stunde war Le Mans bedroht; der linke Flügel der Loire-Armee konnte umgangen wer- den-; die Truppen des Generals Ficreck waren geschlagen worden und flüchteten von Nogent le Rotrou bis an die Thore meines Lagers. Sie erließen einen dringenden Aufruf an die Loire-Armee. Ungeachtet ihrer unvollständigen Organisation, mehr auf ihren Muth als auf ihre unbeendete Bewaffnung zählend, folgten mir am 24. November, Morgens 10,000 Kinder der Bretagne von dem Lager von Bonlie bis zum Bivouac von Jor6e, und am 26. machten wir einen Marsch von 31 Kilometers, um den Feind zu erreichen. Meine freiwilligen Matrosen zogen ihre Kanonen während 12 Stunden. Der Feind war in aller Eile abgezogen. Die Interessen der Dertheivigung gestatten uns nicht, heute ein weiteres Wort hinzuzufügen. Ungeachtet der Bitten meiner Truppen, habe ich Sie am 27. November benachrichtigt, daß der Inhalt Ihrer Befehle, die Sie am 26. November in Tours zur nämlichen Stunde erließen, wo wir zum Angriff übergehen sollten, mich in jeder Beziehung zwinge, mein Commando aufzugeben. Sie nah- men am nämlichen Tage meine Entlassung an, die heute im officiellen Journal hat erscheinen müssen. Den Schmerz, welchen ich empfand, die Armee zu »erraffen, welche ich mit meinem braven ehemaligen Collegen, Carrä-Kerisouet, gebildet hatte, der mit mir seine Entlassung geben zu müssen glaubte, war groß, aber er durfte mich nicht dringliche Pflichten vergessen lassen. Ins Privatleben zurückgetreten, habe ich meine politische Freiheit, Vie ich unter der Uniform vollständig entäußert hatte, wlevergefunden. Als ich meine Mitbürger zur Vertheidigung des Vaterlandes berief, hatte ich die Fürsorge für dieselben übernommen; deßhald habe ich heute die Ehre, Ihnen anzukündigen, daß, sobald die Ereignisse es mir gestatten, ich die hohe Kriegs- und Marine-Verwaltung vor dem Kriegsgericht anklagen werde; Sie und ich werden zugleich vor den Schranken des Landes erscheinen, und keines der Dokumente, welche ich unter der Hand habe, wird beseitigt werben. Genehmigen Sie, Herr Minister, die Versicherung meiner Hochachtung.
Graf de Käratry.
P. 8. Ich habe die Decrete und Verordnungen in den Händen, welche Sie als Minister unterzeichnet haben; Sie haben Sich der großen Schwäche schuldig gemacht, sie alle protestiren zu lassen, und dieses durch eine Verwaltung, deren wirklicher Chef Herr de Loverdo ist, der in allen hellsehenden Augen den Verrath dem nicht imperialistischen Frankreich gegegenüber personificirt. Sie sind der Einzige, der es ungeachtet meiner wiederholt telegraphischen Warnungen nicht bemerkte.
Die „Allgemeine Militär-Zeitung" in Darmstadt hat vom General Cof- finirres de Norbeck, dem früheren Commauvanten von Metz, folgendes Schreiben erhalten, welches wir als Nachtrag zur Polemik über die (Kapitulation von Metz noch mittheilen wollen:
„Hamburg, 17. Nov. 1870. Sie haben mir die Nr. 46 Ihres Blattes übersandt, indem Sie meine Aeußerung über die mich betreffenden Paragraphen erbaten. Eine dieser Stellen beginnt mit den Worten: „Es ist verschiedentlich behauptet worden und eine große Anzahl französischer Offiziere glauben es fest, daß Marschall Bazaine und Divisionsgeneral von Coffinieres, Commandant des Platzes Metz, einen Verrath begangen haben, indem sie die Armee und Festung Übergaben." Ich bedaure, daß Sie sich zum Echo einer gehässigen Beschuldigung gemacht haben, welche nur von der Leidenschaft oder der vollständigen Unkenntniß von Menschen und Dingen erhoben werden kann. Unter aller Beobachtung der heiligen Gesetze der Disciplin habe ich mich dennoch im Mißklang mit dem Herrn Marschall Bazaine und mit dem Kriegsrath Hinsichtlichzweier sehr wichtiger Puncte befunden. 1. Hinsichtlich der Verproviantirung des Platzes. 2. Hinsichtlich der Politik.
Ich erkläre und werde später, wenn die Gemüther ruhiger sein werden, be- weisen, daß ich die Interessen der Festung Metz energisch vertheibigt habe und daß ich in Betreff der politischen Frage mich zu dem Marschall und dem Kriegs- rathe im Gegensatz befand.
Noch hat Niemand den Finger auf die Wunde gelegt und gesagt, wie Vieser Kriezsrath zusammengesetzt war, in welchem sich Marschall Bazaine, Marschall Canrobert, Marschall Leboeuf befanden nebst dem General Changarnier, einem sehr warmen Anhänger der Regentschaft, General Frossard, Erzieher deS kaiserlichen Prinzen, dem commandirenden General der kaiserlichen Garde u. s. w. Der so zusammengesetzte Kriegsrath konnte keine andere Aufgabe haben, als die
kaiserliche Restauration und dies ist, nach meinem Dafürhalten, die hauptsächliche Ursache unseres Unglücks.
Ich war, im Gegentheil, auf die Gefahr gewaltiger Vorwürfe hin, dafür und habe es an die Mauern von Metz anschlagen lassen, daß man die Regierung der nationalen Vertheidigung anerkennen solle, bas Resultat eines PlebiScitS ab- warten, ohne sich Sorge um die Politik zu machen.
Ich habe hinsichtlich der Festung Metz stets ihre Interessen verfochten und habe alle vorgeschriebenen Maßregeln ergriffen, um die Belagerung vorzubereiten. In Folge von Umständen, die von meinem Willen unabhängig waren, sind wir dahin gekommen, daß wir nur noch auf 3 oder 4 Tage Lebensmittel hatten und ich zweifle, daß Fabert selbst den Widerstand über diese Grenze hinaus verlängert haben würde.
Ich bitte u. w. General Coffinieres de Nordeck."
Das N. W. Tgbl. schreibt: „Als die Fürstin Pauline Metternich am 30. Nov. Abends plaudernd und lachend in der Loge des KarltheaterS saß, da verrieth sich in dem eigenwillig — so eigenwillig schier wie der Geist und die Laune der seltsamen Frau — geformten Gesichte blutwenig wehmüthiges Rückgedenken an die verunglückte Freundin, an Vie kaiserliche Exilirte in Chiselhurst, und noch weniger merkte man es dieser so ganz dem lustigen Momente hingegebenen Physiognomie an, daß am Morgen desselben Tages das Amtsblatt der Wiener Zeitung im gewöhnlichen Kanzleistyl der Welt den Inhalt eines Familientrauerspiels erzählte, in welchem der Vater der Fürstin, Graf Sandor, die allerdings passive Hauptrolle inne hat. „Von dem k. k. Landgerichte in Wien" — meldete nämlich das Amtsblatt — „wird über Herrn Moriz Grafen Sandor, Gutsbesitzer in Wien, Seilerstätte Nr. 15, wegen gerichtlich erhobenen Blödsinns die (Kuratel verhängt und in Ansehung des hierlanvs befindlichen Vermögens desselben Se. Excellenz Herr Moriz Graf Almasy in Wien zum (Kurator bestellt." Schon im Jahre 1851 war Graf Sandor wegen Wahnsinnes unter Cu- ratel gestellt. Er ward 1858 für genesen erklärt, aber sein Gcmüthszustand war höchst zweifelhafter Natur. Heber seine tollen Reiterstücke ließ er ein Album erscheinen, das ihm vielleicht 100,000 Gulden kostete, aber die gehofften Auszeichnungen nicht eintrug, vielmehr Tadel und Spott auch unter seinen StandeSgenossen.
Kriegsnachrichten.
Ein der D. Z. mitgetheilter Felvposibrief von der hessischen Division meldet: Auf Vorposten bei Foncerive. Gestern (24.) glänzendes Gefecht der Schwadronen Wernher und v. Schweitzer gegen französische Lanciers bei Bois (Kommun. Der feindliche Regiments-Commandeur nebst 2 Offizieren und Mannschaft von unS gefangen. Rittmeister Wernher wurde durch einen Lanzenstich leicht verwundet. Lieutenant Georg v. Riedesel nebst 4 Mann geriethen durch zu kühnes Vorgehen in die feindliche Infanterie und wurden abgeschnitten. Die Schwadron von Schweitzer hat 1 Mann und 4 Pferde Verlust.
lieber die Gefechte bei Boiscommun, Ladon rc. vom 24. November schreibt der General Voigts-Rhetz an die „Ztg. f. Nordd." :
„Beaune la Nolanve, 25. Nov. 1870. Was ich Ihnen vor kurzem schrieb, hat sich rasch bestätigt. Das 10. Armeecorps hat in einem hartnäckigen Treffen sich glänzend geschlagen, brillant manövrirt und drei Divisionen der Loire-Armee, dabei die Truppen des Generals Michel, welche von Autun per Eisenbahn bis Gien an der Loire gefahren und von dort gegen uns vorgegangen waren, in die Wälder von Orleans zurückgeworfen. Die Brigade Wedell hatte am 23. bei Beaune Ausstellung genommen, mit derselben sechs Escadrons der hessischen Reiter- Brigade. Am 24. marschirten die Brigaden Lehmann und Valentini auf zwei Straßen von MontargiS über Ladon und CorbeilleS, letztere mit der Corps- Artillerie, gleichfalls auf Beaune, wo das Corps sich vereinigen sollte. Der Feind ging aus den südlichen Wäldern in drei starken (Kolonnen mit allen Waffen gegen die linke Flanke dieses schwierigen Flankenmarsches in der Gesammtstärke von circa 31,000 Mann vor, während die zum Gefecht disponiblen diesseitigen Truppen nur etwa 10—12,000 Mann stark waren; er hatte auf der südlichen Straße Ladon und Maizieres bereits mit bedeutenden Kräften besetzt und stieß gegen Beaune über Boiscommun und St. Louge vor. Während die Corps-Artillerie nach Beaune herangezogen wurve, ging die Brigade Valentini über Juranitte nach der südlichen Straße, um die Brigade Lehmann, welche im heißen Kampfe Ladon eroberte, zu unterstützen, nahm Maizieres und vereinigte sich mit der Brigade Lehmann. An den Straßenknoten Bellegarve-Aury und Beaune-Ladon entbrannte das Gefecht noch einmal sehr lebhaft; der Feind wurde auch hier — in der Richtung nach Bellegarde — zurückgeworfen und beide Brigaden erreichten gegen Abend Beaunr, wo zur Zeit das Corps vereinigt und in Verbindung mit dem 3. Armeecorps steht. Die Gefechte, welche am Morgen begannen, dauerten den ganzen Tag bis Abends 5*/2 Uhr fort; die letzten Truppen pafsirten Beaune in der Nacht, — trotz der überstandenen Strapazen in heiterster Stimmung. Unsere Verluste sind äußerst gering, die des Feindes bedeutenv größer, lieber 100 Gefangene sinv in unsere Hände gefallen. Aus der bei einem gefallenen französischen Generalstabsosfizier gefundenen Ordre de Bataille des feindlichen Corps, welches uns gegenüberstand, ergab sich die Stärke desselben. Ich theile Ihnen diese kurzen Notizen über diesen für das 10. Corps und die hessische Reiterbrigade so ehrenvollen Tag in Eile mit, da dieselben für die Provinz von hohem Interesse sein werden, indem ich mir einen detaillirten Bericht vorbehalte. Ihr aufrichtig ergebenster (gez.) v. Voigts-Rhetz."
Aus dem Hauptquartier Beaune, 25. Nov., hat General v. Voigts-Rhetz folgenden Tagesbefehl erlassen:
„Nachdem das 10. Armeecorps seit der Einnahme von Metz in anstrengenden Märschen und in steter Bereitschaft, mit dem Feinde zusammenzustoßen, 50 Meilen zurückgelegt hat, hat es das Ziel dieser Leistung gestern durch eine Reihe ruhmvoller und glücklicher Gefechte erreicht. Das Corps hat im Verein mit der hessischen Reiterbrigade durch einen schwierigen Flankenmarsch unmittelbar am Feinde seine Wiedervereinigung mit den Übrigen, Sr. k. Hoheit dem Prinzen Friedrich Karl unterstellten, Armeecorps bewirkt und alle Versuche des Feindes, diese Bewegung zu stören, siegreich zurückgeschlagen. Indem ich Offizieren und Mannschaften meinen Dank und meine volle Anerkennung ausspreche, erwarte ich, daß die Kriegsgeschichte auch ferner vom 10. Armeecorps nur rühmliche Thaten zu verzeichnen haben und daß es uns gelingen wird, uns auch weiter die Zufriedenheit unseres Königs und Kriegsherrn zu erwerben, gez. v. VoigtS-Nhetz."
Dem Feldbriefe eines Düsseldorfer Landwehrmannes entnimmt die „K. Z." ein Zeugniß, daß die Franzosen gegen unsere Krieger mitunter auch liebenswürdig sein können: „Wir sind am 12. von Metz wegmarschirt nach Pont ä Mousson,


