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Gießener Anzeiger
Erscheint täglich, mit A»t- «ahme MontagS.
Expedition; Canzletb«r§ Lit. B. Rr. 1.
Anzeige- und Mmtsblatl für den Kreis Kießen.
Nr. 173 Mittwoch den 7. Dccember 1870.
Amtlicher T h e i l.
Generalversammlung des landwirthschaftlichen Vereins von Oberheffen.
Die Generalversammlung des landwirthschaftlichen Vereins von Oberhessen soll
Montag den 12. December d. I., Vormittags 10 Uhr, zu Nidda im Gasthaus zum Stern
abgehalten werden, zu welcher ich die Mitglieder des Vereins, sowie alle Freunde der Landwirrhschaft, hiermit ergebenst einlade.
Nach der statutenmäßigen Rechenschaftsablage sollen folgende Gegenstände zur Verhandlung kommen:
1) Die Unterstützung der durch den Krieg überlasteten deutschen Grenzlande.
2) Der Ausfall der diesjährigen Kcrrtoffel-Erndte, insbesondere die Verwerthung der faulen Kartoffeln und die Behandlung der zum Stecken für kommendes Frühjahr zu verwendenden Kartoffeln.
3) Die Frage, ob und unter welchen Verhältnissen jetzt noch der Betrieb von landwirthschaftlichen Brennereien rathsam sei oder aber, welcher Ersatz für die Fütterung unserer Hausthiere am zweckmäßigsten an Stelle derselben einzutreten habe?
4) Die Frage, ob nicht für die Folge die landwirthschaftliche Unterrichtsfrage für die Bestrebungen der landwirthschaftlichen Vereine in erste Linie zu stellen und der landwirthschaftliche Unterricht und überhaupt die Verbreitung landwirthschaftlicher Kenntnisse vor Allem aus Vereinsmitteln zu unterstützen sei?
5) Besprechungen über die Maßregeln, welche zur Verhütung der Weiteroerbreitung der Rinderpest getroffen sind.
6) Auf welche Weise lassen sich die bestehenden Schäfereiverhältnisse mit der fortgeschrittenen Bodencultur in besseren Einklang bringen?
7) Wahl des Präsidenten und Vicepräsidenten, sowie des Ausschusses für die Jahre 1871—1873 incl-
8) Bestimmung des Ortes für Abhaltung der nächstjährigen Generalversammlung.
Nach 8- 33 der Statuten muß jedes Mitglied des Vereins, welches in der Versammlung einen Vortrag zu halten wünscht, dies vor Beginn derselben dem Präsidium anzeigen; schriftliche Mittheilungen für die Versammlung müssen demselben geringstens einige Tage vorher gemacht werden.
Laubach, am 16. November 1870. Der Präsident des landwirthschaftlichen Vereins von Oberhessen:
Otto, Graf zu Solms-Laubach.
Politischer Theii.
6. December.
Die Pontusfrage und der Congreßgedanke. Die von Ruß- land plötzlich, wenn auch nicht ganz unerwartet angeregte Pontusfrage, die bei ihrem ersten Auftauchen alle Cabinete mit Schrecken erfüllte, wird seit etwa einer Woche von rem Publikum und den Regierungen mit größerer Ruhe als im ersten Augenblick betrachtet. Man ist zu der Ucberzeugung gekommen, daß die russische Regierung hinter der Kündigung des betreffenden Vertrages keinen weiteren Hintergedanken versteckt, und daß sie es namentlich nicht darauf abgesehen hat, die Neutralisirung eine^Theil- der europäischen Mächte durch den deutsch-französischen Krieg zur Herbeiführung eines bewaffneten Zusammenstoßes mit der Türkei zu benutzen. Liegt aber der Versuch, zu einer gewaltsamen Lösung der orientalischen Frage zu schreiten, nicht in Rußlands Absicht, so ist augenscheinlich die Möglichkeit einer DiScussion der russischen Ansprüche und einer friedlichen Auseinandersetzung über dieselben vorhanden. Die ganze Angelegenheit verliert den umfassen- den, welterschütternden Charakter, den man ihr anfänglich beizulegen geneigt war; es handelt sich vielmehr nur um die Lösung einer einzelnen, scharf umgrenzten Frage, die allerdings für den Orient von hoher Bedeutung ist, die aber doch, selbst wenn ihre Lösung ganz nach den Wünschen Rußlands erfolgt, die Integrität des türkischen Reiches unangetastet läßt. Rußland fordert ja eben nur ein natürliches Recht zurück, es verlangt die Beseitigung der künstlichen Schranken, die es an der Ausführung dieses natürlichen Rechts hindern. Es hat diese Forderung in einer die Intervention der Garantiemächte herausfordernden eigenmächtigen und willkürlichen Weise gestellt. Wenn es sich aber nachträglich zu dem Versuche einer Verständigung mit diesen Mächten bereit erklärt, so wird cs auch seinerseits ohne Zweifel auf ein Entgegenkommen dieser, sowie sämmtlicher europäischen Großmächte und auf eine unbefangene Prüfung seiner Ansprüche rechnen können.
Daß namentlich die englische Regierung, die anfangs dem russischen Vorgehen am schärfsten gegenüber trat, in der letzten Zeit zu dem Entschluß gekommen ist, alle Schritte zu vermeiden, die einen Krieg unvermeidlich machen würden, ist ersichtlich. Viel mag dazu das gespannte Verhältniß zu Nordamerika beitragen, da- in hohem Grade lähmend auf Englands Action einwirkt; auch Oesterreichkühle, durch Beust'S früher an Rußland gerichtetes Anerbieten einigermaßen be- stimmte Haltung kann nicht gerade einen crmuthigenven Einfluß auf Lord Granville ausüben. Auf Frankreichs Mitwirkung ist aber gegenwärtig gar nicht zu rechnen, und Italien kommt kaum in Frage. Es ist daher für das englische Cabinet von größter Wichtigkeit, sich nut Preußen ins Einvernehmen zu setzen. Der Versuch einer Verständigung mit Preußen hat aber den Wunsch einer friedlichen Erledigung der ganzen Angelegenheit zur Voraussetzung, da Lord Granville natürlich nicht daran denken kann, Preußen zu einem kriegerischen Auftreten gegen Rußland zu be igen, in einer Angelegenheit, welche die deutschen Interessen in so geringem Maße berührt, wie die Pontusfrage.
Somit wird also jeder Versuch einer Annäherung Englands an Preußen als ein friedliches Symptom anzusehen sein, da der Wunsch Preußens, die entstandene Verwickelung einer friedlichen Lösung zuzuführen, al- unzweifelhaft zu betrachten ist. Von Preußen, wie es scheint, ist denn auch der Vorschlag, die Angelegenheit einer in London zu versammelnden Conferenz zu unterbreiten, auS- gegangen. Dieser Vorschlag ist in London und Wien im Princip angenommen worden und hat nach den neuesten Nachrichten auch m Petersburg eine sehr günstige Aufnahme gefunden. Selbstverständlich werden die Verhandlungen der Conferenz sich auf die Pontusfrage zu beschränken haben, und namentlich laßt sich wohl mit Sicherheit voraussetzen, daß der Herr Bundeskanzler gegen jeden Ver- such, die deutsch-französische Angelegenhkit vor das europäische Forum zu ziehen, im Voraus ein«u festen Riegel vorgeschoben haben wird. Es soll eine Conferenz ad hoc sein, und gerade qlS solche scheint sie wohl geeignet, die Hoffnung auf Beseitigung der Gefahr eines allgemeinen Weltbrandes zu stärken.
Denn das bloße Zustandekommen der Conferenz würde beweisen, daß die Garantiemächte den Gegensatz ihrer Auffassung der Verhältnisse zu den russischen Ansprüchen nicht als unversöhnlich anfebyi; und sehen sie ihn nicht so an, so ist er es nulürlicy auch Tn Wirklichkeit nicht. Daß Oesterreich im Princip den russischen Forderungen keineswegs unbedingt feindlich gegenüber steht, ist bekannt. Oesterreich hat es selbst erklärt und wird nicht umhin können, die Consequenzen seiner früheren Erklärungen zu ziehen. Auch England muß von dem Standpunkt der starren Negation zurückgekommen sein; denn wenn es auf diesem Standpunct verharrte, so müßte es sich aufs Entschiedenste gegen den Vorschlag einer Conferenz erklären, die sich doch naturgemäß nur damit beschäftigen kann, eine Ausgleichung der streitigen Ansprüche zu suchen: eine Ausgleichung aber auf einer andern Grundlage als der einer Anerkennung der russischen Ansprüche in ihren wesentlichen Puncten ist undenkbar. Es mögen neue Garantien für die Sicherheit der Türkei gesucht und gefunden werden; aber die Rußland auferlegten Beschränkungen dürften sich schwerlich stricte aufrecht erhalten lassen.
Daß der Türkei der Vorschlag einer Conferenz, deren bloßer Zusammentritt ein ihr bequemes Verhältniß in Frage stellt, unangenehm und verdrießlich ist, läßt sich nicht bezweifeln. Aber wenn die Türkei das Bevürfniß empfindet, ihr Dasein durch den Schutz europäischer Garantieen sicher stellen zu lassen, so wird sie nichts Ernstliches einwenden können, wenn die europäischen Mächte die ihr gebotenen Garantieen einer erneuten Prüfung unterziehen, eventuell dieselben den Bedürfnissen der Gegenwart gemäß gewissen Modifikationen unterwerfen. Wenn es eine unbestreitbare Thatsache ist, daß die Existenz der Türkei von dem ihr von den europäischen Mächten gewährten Schutze bedingt ist, so muß es den Schutz- Mächten auch frei stehen, jeder Zeit mit einander über die zur Erreichung des angestrebten Zweckes erforderlichen Maßregeln zu berathen und zu beschließen. Weigerte sich die Türkei, den Beschlüssen Evropa's sich zu fügen, so würde sie ja damit erklären, daß sie des Schutzes der Mächte nicht bedürfe. Daß sie aber Neigung haben sollte, sich den Consequenzen einer derartigen Erklärung zu unterziehen, wird man wohl bezweifeln dürfen.
Die Aufgabe der norddeutschen Postverwaltung in Frankreich ist zur Zeit eine dreifache: 1) die Feldpost für die Armeen und deren Branchen; 2) die de- finitive Organisation de- deutschen Postwesens im Elsaß und in Lothringen und 3) die Administration der Posten in den von uns occupirten und noch zu occu- pirenden Provinzen. Für alle drei Zwecke sind im gegenwärtigen Augenblick auf dem seither französischen Gebiete bereits 247 stabile und 82 mobile deutsche Post- Anstalten unLr den Ober - Postdirectionen in Metz, Straßburg, Reims und dem Feld-Ober-Postamt zu Versailles in Thätigkeit; das unter den Wirren und Verheerungen eines furchtbaren .Krieges geschaffene Postcoursnetz umsaßt über 1000 deutsche Meilen; der nördlichste Punkt desselben ist AmienS, der südlichste Dijon, der westlichste Chartres. Bi» zu diesen Stationen erstreckt sich von Berlin aus mit Präcision und Regelmäßigkeit die Wirkung der Verfügungen der Centralstelle. Eine weitere Vorschiebung dieser Endstationen und erhebliche Ausdehnung des Netzes der deutschen Postverbindungen in Frankreich dürfte demnächst noch be- vorstehen.
In der Sitzung de- Anklagesenat- zu Berlin kam am vergangenen Mittwoch die jetzt abgeschlossene Voruntersuchung wider den Banquier Güterbock beim Kammergericht zur Verhandlung. Nach dem Beschluß desselben ist nunmehr nach §. 69 de- StrafrechtS die Anklage wegen Landesverraths zu erheben, und sind die Acten dem Ober-StaatSanwalt zur Anfertigung derselben zu übergeben. — Die Untersuchung, welche wegen derselben Sache gegen die frankfurter Banquiers schwebt und die man mit der vorstehenden Sacke verbinden wollte, ist noch nicht geschlossen. Die Sache wider Güterbock wird daher allein verhandelt werden.


