die Wahrheit sagen": ihr erster und einziger Instinct ist, nicht- zu thun, was ihre eigenen theuren Namen mit dem Nationalunglück in Verbindung bringen könnte. Sie glauben, es würde Untergang und Schande dazu sein. Kein Regent, den Frankreich möglicher Weise wählen könnte, wird zu ihm die Sprache der Pflicht und des gesunden Menschenverstandes reden und ihm sagen, wie was noch übrig ist aus dem Schiffbruche zu retten wäre."
Es liegt gegenwärtig der Wortlaut der von der provisorischen Regierung in Tour« wegen der Lapitulation von Metz veröffentlichten Proclamation vor. Wir lassen denselben hier folgen:
„Franzosen! Erhebet eure Seelen und eure Entschließungen auf die Höhe der erschrecklichen Gefahren, welche über das Vaterland hereinbrechen; es hängt noch von uns ab, da- Unglück zu ermüden und der Welt zu zeigen, was ein großes Volk ist, welches nicht untergehen will und dessen Muth sich selbst inmitten der Schicksalsschläge steigert. Metz hat capitulirt!!! Der General, auf wel« chen Frankreich, selbst nach der Expedition von Meriko, rechnete, nimmt dem Va> terlande in Gefahr mehr als hunderttausend Vertheidiger. Bazaine hat Vcrrath geübt, er hat sich zum Werkzeug des Mannes von Sedan gemacht und zum Mitschuldigen der Eroberer, und mit Verachtung die Ehre der Armee, über welche er die Obhut hatte, hat er, selbst ohne eine letzte Anstrengung zu versuchen, hun- dertundzwanzigtausenv Kämpfer, zwanzigtausend Verwundete, seine Gewehre, seine Kanonen, seine Fahnen und die stärkste Citadelle Frankreichs, Metz, jungfräulich bis auf ihn von aller Befleckung, den Fremden überliefert. Ein solches Verbrechen steht selbst über den Strafen der Gerechtigkeit; und jetzt, Franzosen, messet die Tiefe des Abgrundes, in welchen euch das Kaiserthum gestürzt hat. Zwanzig Jahre lang hat Frankreich diese corrumpirende Gewalt ertragen, die in ihm alle Quellen der Größe und des Lebens versiegen machte. Das Heer Frankreichs, seines nationalen EharacterS beraubt, ohne es zu wissen, ein Werkzeug der Regierung und der Knechtschaft geworden, ist trotz dem Heldenmuthe der Soldaten durch den Verrath der Anführer in den Unfällen des Vaterlandes verschlungen; in weniger als zwei Monaten sind zweimal hundertundzwanzigtausend Mann dem Feinde ausgeliefert worden. Unheilvolles Nachspiel zu dem militärischen Handstreiche vom December! Eö ist Zeit, uns wieder zu erheben und unter der Aegide der Republik, welche wir weder im Innern noch im Aeußern capi» tuliren zu lassen entschlossen sind, aus dem äußersten Maße unseres Unglückes selbst die Wieveroerjüngung unserer Moralität, unserer politischen und socialen Männlichkeit zu schöpfen. Ja, welchen Umfang unser Unglück auch haben möge, er findet uns nicht bestürzt noch zaghaft; wir sind bereit zu den letzten Opfern, und Angesichts von Feinden, welche Alles begünstigt, schwören wir, uns niemals zu ergeben; so lange wir noch einen Zoll des geheiligten Bodens unter unseren Sohlen haben, we.den wir die glorreiche Fahne der französischen Revolution fest- halten. Unsere Sache ist die der Gerechtigkeit und des Rechtes. Europa sieht es; Europa fühlt es; vor so viel unverdienten Unglücken ist es aus eigenem Antriebe, ohne von uns weder Aufforderung noch Zustimmung erhalten zu haben, gerührt worden und rührt sich; keine Illusionen. Lassen wir uns weder entkräften, noch entlarven, und beweisen wir durch unsere Handlungen, daß wir durch uns selbst die Ehre, die Unabhängigkeit, die Integrität, alles was das Vaterland frei und stolz macht, festhalten können. Es lebe Frankreich, es lebe die einige untheisbare Republik!
Die Mitglieder der Regierung.
(Unterz.) Cromi eux. Glai s° Bizoin. Ga mbetta."
Es liegt Nr. 289 des „Nieuwen Rotterdam'schen Courant" vor uns; da erzählt ein Kriegsberichterstatter, daß er mehrmals französische Offiziere gesprochen habe, welche es nicht begreifen konnten, warum man es in Deutschland den. Franzosen so sehr verüble, daß sie die Turcos und andere barbarische Krieger ins Feld führten, da die Preußen doch auch die Bayern anwendeten („daar zij toch ook wol de Beieren aanwendden“) ! ! Der Vergleich muß unseren bayerischen Truppen in der That außerordentlich schmeicheln!
Kriegsnachrichten.
Ueber die Vorgänge bei Metz entnehmen wir zunächst den „Daily News" Folgendes:
Nachdem die Verhandlungen wegen der Uebergabe von Metz am Abend des 25. so gut wie abgebrochen angesehen worden waren, ersuchte Bazaine den Prinzen Friedrich Karl gegen Mittag des folgenden Tages in einem eigenhändigen Briefe um eine abermalige Conferenz. Die Generale Stiehle und Graf Wartensleben wurden hierauf nach Frescaty geschickt, und die am Nachmittag stallfindende Unterredung dauerte drei Stunden. Seilens der französischen Com- missarien war sie Anfangs sehr stürmisch, doch ließen sie sich schließlich zur Annahme der hauptsächlichsten deutschen Bedingungen bewegen. Bazaine bestand darauf, daß alle Offiziere ihren Degen behalten sollten, und vom Könige, dem dieser Punkt zur Entscheidung anheim-estellt worden war, traf um 3 Uhr am Morgen des 27. auf telegraphischem Wege die Bewilligung hierzu ein. Früh am selben Tage wurde dann die Conferenz wieder ausgenommen. Sie dauerte bis acht Uhr Abends, wo dann die Capitulation unter den bekannten Bedingungen unterzeichnet wurde. Die französischen Commissarken waren der Chef von Ba- zaine's Generalstabe, General Jarras und Oberst Fay, sowie seitens des FestungS- Commandanten Major Samuele.
Am 24. sollte Major Sanbkuhl vom Genie-Corps der zweiten Armee ge- maß den Abmachungen nach Metz hineingehen, um die Minen vor dem Einmarsch des 7. Armeecorps zu entfernen, und um 1 Uhr Nachmittags sollte die fran- zöllsche Armee ihre Waffen niederlegen, aber alles dies wurde wegen innerer Unruhen um 24 Stunden verschoben, und erst um 10 Uhr am Morgen des 30. nahm die Artillerie des 7. Corps Besitz von den Forts. Um 1 Uhr marschirte fcann die kaiserliche Garde mu Waffen und Gepäck aus Metz heraus, und legte sie in Frescaty nieder, währrnd sie vor dem Prinzen Friedrich Karl Revue pas- «C*-L -Ur LCr iaifir.lichen Garde allein wurde die Ehre zugestanden, während alle übrigen Truppen ihre Waffen in den Arsenalen niebergelegt batten, und dann in iä":t Cantvnnements vor der Stadt marschirt n, um ihre Auslieferung abzuwarten. Um 4 Uhr Nachmittags wurden dann die französischen Wachtposten an den verschiedenen Thoren, Depots und Arsenalen von den Preußen abgclöst und General von Zastrow nahm Besitz von dem Gouvernement der Stadt und Festung.
Mit der Bevölkerung scheint Bazaine sich — diesem Telegramm zufolge - iu h"ben. Fast allenthalben herrscht die Ansicht, daß Bazaine, ehe die Mehrzahl seiner Cavallerie- und Artilleriepferde geschlachtet waren, sehr
leicht einen erfolgreichen Ausfall hätte machen können, so daß der Mangel an Entschlossenheit einem „Complot" mit der Regentschaft zuzuschreiben sei, demzufolge seine Armee bis zum Abschlüsse eines Friedens im westlichen Frankreich mit Preußens Zustimmung in statu quo hätte bleiben sollen, um dann die Jntcreffen der kaiserlichen Familie aufrecht zu halten. In der Stadt und selbst im Lager wurde Bazaine während ter Einschließung nur äußerst selten, und in den Laza- rethen niemals gesehen. Selten oder nie sagte er ein Wort, um den Truppen Muth zu machen. Canrobert suchte dies zuweilen zu thun, und dann riefen die Truppen: „Viva Canrobert! ä bas Bazaine!“ Schließlich — so sagt man — durfte er sich, aus Furcht ermordet zu werden, seinen eigenen Soldaten nicht mehr zeigen.
Zweifelsohne ist es der schrecklich lässigen Disciplin zuzuschreiben, daß die Uebergabe zu einer Zeit stattfand, wo noch Mundvorräthe für eine ganze Woche da waren. Während der Stab geradzu praßte, fand man am Morgen des 29. fünf vor Hunger gestorbene Soldaten in Montigny, und am nämlichen Tage wurde der ganzen Armee Proviant für vier Tage ausgetheilt, nachdem sie zwei Tage vorher nichts zu essen gehabt hatte. Anfangs fütterte der Generalstab feint Pferde nur mit Brod, und wären die Vorräthe vernünftiger gehandhabt worden, so hätte die Festung noch einen Monat länger aushalten können. In der Stadt allein sind während drr Belagerung 35,000 Menschen gestorben, meist aus Mangel an ordentlicher Pflege.
Als die Uebergabe bekannt wurde, war die Bevölkerung wüthend. Die Nationalgarden weigerten sich, die Waffen zu streck n, ein Dragoner-Capitain ritt am 27. Nachmittags an der Spitze einer kleinen Truppe durch die Stadt, welche schworen, eher sterben als sich ergeben zu wollen, und ein Frauenzimmer, welches allenthalben die Marseillaise sang, rief grenzenlose Aufregung hervor. Die Tbore der Kathedrale wurden gesprengt, die Sturm- und B.'gräbnißglocken die ganze Nacht über geläutet, und als der Commandant der Festung, General Coffinieres, erschien, um die Leute zu beruhigen, wurden drei Pistolenschüsse auf ihn gefeuert. Schließlich gelang es ihm, die Straßen durch zwei Linienregimenter zu säubern.
Als man dann aber am nächsten Morgen hörte, daß 1000 Waggons in Courcelles bereit ständen, um ihnen Lebensrnittel zu bringen, und als die ganze Belagerungs-Armee ihre Brodportionen freiwillig an die Gefangenen abtrat, zeigte sich vielfach eine tiefe Rührung, und die Bevölkerung sah sich von ihrer übertriebenen Furcht zum großen Theil befreit.
Bazaine selbst lehnte den Vorschlag des Prinzen ab, daß alle Truppen ihre Waffen vor der Stadt, vor den Augen der Sieger strecken sollten, anstatt sie im Arsenal abzugeben. Er sagte, er könne in solchem Falle nicht für daö Betragen der Truppen stehen. Die kaiserliche Garde habe allein ihre Disciplin streng genug gewahrt, um dieses Vertrauens würdig erachtet zu werden.
Am 29., 4 Uhr Nachmittags, passirte Bazaine in geschlossenem Wagen, der indessen seinen Namen auf dem Schlag trug, und von mehreren Offizieren seines Stabes begleitet, durch Ars. Die Frauen des Ortes, die von seiner An- kunft gehört hatten, empfingen ihn mit den Rufen „Verräther," „Feigling," „Schuft" u. s. w. „Wo sind unsere Gatten, die du verrathen hast?" „Wo find unsere Kinder, die du verkauft?" Sie machten selbst einen Angriff auf seinen Wagen, zerschmetterten die Fenster mit ihren Fäusten, und hätten ihn sicherlich gemordet, wenn die preußischen Gendarmen nicht dazwischen getreten.
Allenthalben im Lande herrscht jetzt die Ansicht, daß Frankreich nicht länger existirt. Der Hauptstadt schreibt man weniger Widerstandsfähigkeit zu, als Metz, doch glauben vernünftige Leute noch immer nicht eher an das Ende des Krieges, bis Paris gefallen ist.
Einem Frankfurter Feldpostbrief aus Metz vom 31. Oct. entnehmen wir Folgendes: „In der Stabt liegen auf den Straßen Hunderte von tobten, halb zerschnittenen Pferden; an jedem derselben sitzen einige Franzosen, damit beschäftigt, die noch genießbaren Stücke herauSzuschneiden und zu kochen. Die Ueber- reste von diesem leckeren Mahl bleiben dann liegen und es ist unseren Truppen überlassen, sie wegzuräumen und die Stadt zu reinigen. Allen lebenden Pferden sind, wie ich selbst sah, die Schwänze abgeschnitten, jedenfalls um aus den Haaren Kissen für die 20,000 Mann Kranke, welche in der Stadt lagen, zu bereiten. Der Geruch von den zu Aas verwandelten Körpern der Pferde ist derart, baß man allein davon krank werden kann."
Ein Londoner Telegramm bringt eine gewichtige Nachricht: Die „Times" meldet, Thiers sei befriedigt von der Unterredung mit dem Grafen Bismarck zurückgekommen und Letzterer habe ihm einen Gegenbesuch abgestattet. Wenn dies richtig ist, so sind wir wahrscheinlich nicht weit mehr vom Waffenstillstand und — hoffentlich vom Friedensschluß. Eine Depesche des Generals v. Werder meldet ferner von dem rapiden Fortschreiten des 14. Armeecorps im Süden von Dijon, das die Badenser erstürmt haben. Bei Esserteune und St. Seine haben glückliche Gefechte stattgefunden, d. h. die Truppen stehen bereits über. Beaune und Autun hinaus bei Chalons für Saöue.
Versailles, 2. Nov. Gestern Mittag hatte Thiers eine dreistündige Be- sprechung mit dem Grafen Bismarck. Heute früh fand eine militärische Berathung beim König statt, welcher der Bundeskanzler beiwohnte. Um zwei Uhr war eine zweite Zusammenkunft des Letzteren mit Thiers.
, 3. Nov., Vormittags. In Folge der gestrigen Verhandlung hat Graf Bismarck dem Hrn. Thiers zum Behufs der Vornahme allgemeiner Wahlen in Frankreich einen fünfundzwanzigtägigen Waffenstillstand auf der Basis des am Tage der Unterzeichnung bestehenden militärischen Status quo angeboten.
Wien, 2. Nov. Die „Abendpost" nennt Gambetta einen politischen Gari- balbi und bemerkt zu dessen Proclamation: „Die nächsten Tage werden die gebührende Erwiderung auf seine Fälschung und sein blödsinniges Raisonnement bringen. Hoffentlich werden dem französischen Volke endlich die Augen aufgehen gegenüber solcher Phrasenhelden, die unendlich mehr Schaden brinaen, als ver- lorene Schlachten." d
Nov. Es sind günstige Aussichten für bas Zustandekommen eines Waffenstillstandes vorhanden. In Paris war am 28. v. M. das Gerücht von dem Verrathe Bazaine's bereits an der Börse verbreitet. - Der Vorrath an frischem Fleisch ist fast zu Ende. Ein Pfund Butter kostet 25 Francs. — Thiers ist lau empfangen worden.
Brüssel, 3. November. „Constitutiomiel" schreibt, daß die von Thiers vorgeschlagenen Waffeustillstandsbedingungeli keine politischen Stipulationen, c^Züglich der Einberufung einer Coiistituante enthielten, da solche das Recht Preußens zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten tnr schlössen. Durch stillschweigende Uebereinkunft würde die Möglichkeit geboten, das Land zu cousultireu. Der „Moniteur" schreibt:


