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Anlage zu Ar. 41 des Kießener Anzeigers.

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In der Verbannung.

Historisches Zeit- und Sittengemälde aus dem 18. Jahrhundert von Eduard Gottwald.

(Fortsetzung.)

Ihr irrt, Herr Maire," entgegnete der Stallmeister.Der Herr Graf ist seit zwei Jahren in Folge seiner diplomatischen Missionen außer Landes ge­wesen, und als wir damals Frankreich verließen, befand sich das Land unter der Regierung des fast geizig zu nennenden Cardinals Fleury wohl und schien sich zu erholen von dem Elende, welches der große Ludwig durch seine Pracht­liebe und seine verheerenden Kriege, von der Roth, welche die tolle Wirthschaft des Regenten über dasselbe gebracht hatte."

Der Maire wollte antworten, allein der Fremde erhob sich und trat einem Fenster des Zimmers näher, an welches er, wie lauschend, sein Ohr hielt.

Die Blicke der anwesenden Bürger folgten ihm neugierig, und bald ver­nahmen Alle den Hufschlag eines Pferdes, welches im Carriere näher zu kom­men schien und nun vor dem Gasthofe hielt, und dessen Reiter jetzt, nachdem sein Roß dem Hausknecht überlassen, die Thür des Gastzimmers heftig aufriß.

Es war ein Wachtmeister der Mar^chauffee, bei dessen Eintritt die Bürger überrascht von ihren Plätzen aufsahen, während dieser vom Wirthe ein Glas Wein verlangte und nahe der Thür auf einem Stuhle Platz nahm.

Ehe der Maire sich anschickte, den Soldaten anzuredcn, trat Etienne ihm näher, gab den geleerten Becher des Wachtmeisters dem Wirth von Neuem zu füllen, und sprach, auf des Reiters erhitztes Antlitz deutend:

Ihr seid scharf geritten, Wachtmeister!"

Ist auch nöthig," entgegnete dieser, sich den lang herabhängrnden Säbel fester schnallend.Diese verdammten Hunde von Räuber haben heute Morgen La Frette überfallen und geplündert und sind dann spurlos verschwunden; wer­den aber wohl wieder aus einem neuen Raubzuge unterwegs sein. Ich muß daher nach Le Gaz, um die dorthin beorderte Schwadron der Maröchauffee von Lyon herbeizuführen."

Nach diesen Worten leerte der Wachtmeister das ihm frisch geleerte Glas, und als der Wirth für den Wein die Bezahlung ablehnte, verließ der Reiter dankend das Zimmer, und bald darauf verklang der Hufschlag seines Rosses in der Stille des Abends.

Da habt Ihr selbst gehört," sprach nun der Maire zu dem Stallmeister des Grafen,daß ich nicht übertrieb, als ich von der Frechheit dieser Räuber sprach, und wir werden heute Nacht noch mehr auf unserer Hut sein müssen, als bisher; denn wenn diese Hunde bis La Frette sich wagen, so haben sie dann auch nicht mehr weit bis zu uns. Daher gehabt Euch wohl, Herr Stall­meister; möget Ihr glücklich das Ziel Eurer Reise erreichen."

Habt Dank," entgegnete dieser und verließ mit den Bürgern das Gastzimmer.

Während es nun im Erdgeschoß des Gasthofs leer geworden, waren jedoch die Bewohner des ersten Stockwerks noch wach. Der Graf de Croissy, ein ho­her, stattlicher Mann, mit einem edlen, fein gezeichneten Antlitz, in welches aber das Alter, oder auch schwere Sorgen, seine Falten schon zu legen begonnen, saß auf einem Sopha und las in den vor ihm aufgehäuften Schriften, indcß Aim6, seine siebenzehnjährige Tochter, ein Mädchen von blendender Schönheit, aus deren feuchten blauen Augen Seelenadel und Herzensmilde unverkennbar sprachen, mit ihrer Gesellschafterin, einer lebhaften Brünette, die einige Jahre älter als ihre Gebieterin, sich mit dem Ein- und Auspacken der Reisegarderobe beschäftigte.

Aim6," rief der Graf, von seinen Schriften ausblickend,Du wirst wohl- thun, wenn Du Dich bald zur Ruhe begibst; wir brechen morgen frühzeitig auf, und ich hoffe, daß wir nun bessere Wege finden und bald am Ziele dieser langweiligen Reise sein werden."

Und'willst Du vor Allem Dir nicht auch Ruhe gönnen?" fragte Aimö voll zärtlicher Besorgniß, und näherte sich ihrem Vater, welcher sie lächelnd auf die Stirn küßte, indeß die Gesellschafterin das Zimmer verließ.Tag und Nacht," fuhr Aimö halb vorwurfsvoll fort,beschäftigen Dich die Sorgen Dei­nes Amtes, und nur selten hast Du für Deine Tochter eine freie Stunde."

In wenigen Tagen ist auch dies überstanden," entgegnete der Graf,und wir kehren bald an die lieblichen Ufer der Duranye zurück, wo ich der Erholung leben will, und mir's fern von Hof- und Weltgewühl wieder wohl und froh um'S Herz werden soll."

Ja, wenn das würde, Papa!" rief freudig Aim6,o, dann würde auch ich mich um so glücklicher fühlen. Aber" fügte sie seufzend hinzuich fürchte nur, der König wird Dich in seiner Nähe festhalten wollen, und wer weiß, welch* neues beschwerliches Amt Deiner schon wartet."

Ich glaube nicht, daß man mich am Hofe von Versaille gern sehen wird," bemerkte mit einem bittern Lächeln der Graf.Indcß, mein Kind, ver­träume Deine Sorgen! Dein Vater ist sein eigener, freier Herr, sobald er es sein will."

Nun denn, gute Nacht!" ries 9ltmä, den Vater umarmend, und verließ das Zimmer.

Als der Graf sich allein sah, ordnete er sorgsam seine Papiere, verschloß dieselben in einen nahestehenden kleinen Koffer, und wollte sich ebenfalls zur Ruhe begeben, als es eben leise an der Thür klopfte

Forschend blickte der Graf auf den eintretenden Stallmeister und fragte: Was bringst Du noch?"

Nicht viel Erfreuliches, gnädiger Herr," entgegnete dieser.Die Räu­berbanden des Mandrin hausen auf so bedenkliche Weise in der Nähe dieser Gegend, daß es gerathen sein dürfte, sobald als möglich Lyon zu erreichen und morgen früh mit Tagesanbruch von hier abzureisen,"

Also bestätigen sich die Klagen des Gouverneurs der Dauphinö!" rief unmuthig der Graf.Marquis Agenois ließ mir gestern, als wir in Beau-

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voisin hielten, eine ähnliche Nachricht zukommen und rieth mir, eine noch stär­kere Bedeckung vom Grenzzollamte aus mitzunehmen. Ich verschwieg dies Dir und meiner Tochter, weil ich mich durch das von Dir und unter Deiner Leitung stehende Geleite gegen einen Räuberanfall hinlänglich gesichert glaubte, und nicht denken konnte, daß ein Haufe verworfenen Gesindels es wagen kann, eine ganze Provinz in Besorgniß und Schrecken zu setzen."

Herr Gras," entgegnete Etienne, welcher früher mit seinem Herrn in der Armee gedient und dem Tov im Schlachtengewühl in'S Auge geschaut.Ich stehe für die Leute, die ich mir ausgesucht, wie für mich selbst; es sind zuver­lässige, erprobte Bursche, und die Schnapphähne dürften bei einem offenen Kampfe wohl wenig gewinnen; aber" und dabei strich er sich kopfschüttelnd den langen, bis auf die Brust herabreichenden grauen Bartich möchte nicht, daß die junge, zarte Comtesse den Schrecknissen eines solchen Ueberfalls aus­gesetzt würde, und daher rothe ich selbst, uns sobald als möglich aus dieser Ge- gcnd zu entfernen.*

Du hast recht," sprach der Graf und reichte dem alten treuen Diener die Hand, welche dieser ehrerbietig küßte;brich so früh als möglich auf, Du sollst uns bereit finden; aber mit Entsetzen gewahre ich, wie traurig es im Innern unsers schönen Frankreichs auSsieht, und wie tief es zu sinken droht, wenn nicht bald eine rettende Hand den König von dem Abgrund zurückhält, dem er zueilt."

Und wie mag es am Hofe selbst aussehen? Gewiß, gnädiger Herr, werden Sie es nicht tröstlicher finden, als zur Zeit, da Sie Versailles ver­ließen," entgegnete der Stallmeister und entfernte sich. Der Graf aber blieb, in ernstes Nachdenken versunken, in seinem Zimmer zurück.

Die aufgehende Sonne des anderen Tages fand den Gesandten nicht mehr in Dourgoin, und die Thurmuhr des Schlosses Vcrpilliere, welches drei Stunden von diesem Städtchen entfernt liegt, verkündete eben tie achte Mor­genstunde, als ter Reisewagen durch ein kleines Gehölz fuhr, hinter welchem die ärmlichen, zerstreut liegenden Hauser eines Dorfes sichtbar wurden.

Der Graf hatte seine Tochter von ter Gefahr nichts ahnen lassen, welcher die Reisenden unter den oben angedeutcten Verhältnissen in dieser Gegend aus­gesetzt waren, und sorglos plauderte diese mit ihrer seit Jahren schon zur inni­gen Freundin gewordenen Gesellschafterin von alle den Ueberraschungen, welche ihrer in Versailles unb Paris warteten; oder theilte ihr flüsternd mit, wie sie noch weit mehr sich, nach jahrelanger Trennung, nach der lieblichen Heimath sehne, dort, wo in den lachenden Gefilden'der Provence, das Schloß Daubonne, von einem schönen, herrlichen Park umgeben, so lange schon der Rückkehr seines Besitzers, des Grafen de Croissy, warte, während dieser, von Atme unbemerkt, ein Kästchen hervorzog und in seine Nahe brachte, in welchem sich zwei scharf geladene Pistolen befanden, und von Zeit zu Zeit die Fenster des Wagens aufzog, um einen Blick auf die Gegend zu richten, durch welche sie fuhren, das bewaffnete Gefolge aber, eben wie in feindlichen Landen, in Vor- und Nach­hut eingetheilt, den Wagen begleitete, und Etienne, bald vor bald hinter demsel­ben sich zeigend, den Zug führte.

Die Straße, welche bisher menschenleer gewesen, wurde jetzt belebter; Landleute, welche zur Feldarbeit gingen, grüßten die Reisenden und gafften neugierig dem Wagen und dessen Bedeckung nach, und schon hoffte der alte Stallmeister, daß bis hierher, nur wenige Meilen von Lyon entfernt, die Rau- berschaaren sich nicht wagen, und die aufgebotene Maröchauffee dieselben ver­jagt haben würden, als plötzlich ein starker Haufe bewaffneter Männer von wildem, verwegenem Aussehen aus einem Hohlwege herabstürzte und ein Theil derselben ihre Gewehre auf die den Wagen umgebenden Bewaffneten abfeuerte.

Ein Schrei des Entsetzens ertönte aus dem Innern des Fuhrwerks, welcher von dem Hohngelächter zweier Räuber beantwortet wurde, von denen der Eine, mit dem Pistol in der Hand, den Wagenschlag aufzusprengen versuchte, indeß der Andere auf den Kutscher anlegte. Beide aber sanken unter Wuthgebrüll zu Boden, da in demselben Augenblick der herbeisprengende Etienne den einen der Räuber niederhieb, dessen Kugel dicht an des Stallmeisters Ohr vorbeisauste, während der Gras, das Fenster aufreißend, dem andern Räuber die Achsel zer- schmetterke, und der Schwerthieb eines der Bewaffneten, welche nun dichter sich um den Wagen schaarten, ihn zu Boden streckte. Obgleich die Räuber doppelt so zahlreich als die Bedeckung, so war die Dertheidigung doch eine so wirksame, daß bald fünf der Räuber schwer verwundet am Boden lagen, während Ton des Grafen Gefolge noch keiner gefährlich verletzt worden war, und da dem Ueber- fall ein umsichtiger Anführer zu fehlen schien, so zeigte sich bald, daß das Raub­gesindel sich diesmal in ihren Feinden getäuscht, und nun zu spät empfand, wie es hier mit tüchtigen Kriegsleuten zu thun habe. Die auf der Straße be­findlichen Landleute flohen entsetzt dem Dorfe zu, in dessen Nähe dieser Ueberfall stattfand, und bald ertönte von dorther das Läuten der Sturmglocke. Schon zogen die Räuber sich kämpfend nach dem Hohlwege zurück, als aus demselben ein kavaliermäßig gekleideter Mann in mittleren Jahren, mit stark gebräuntem Antlitz, hervorsprengte, bei dessen Anblick die Räuber laut aufjubelnv brüllten: Mandrin ist da! Ergebt Euch!" und von Neuem wieder auf die Bewaffneten eindrangen, deren wohlgczieltcn Kugeln uud Schwerthieben sie zu entfliehen im Begriff gewesen waren.

Der damals schon berüchtigte und gefürchtete Räuberhauptmann, welcher erst zwölf Jahre später zu Valence unter den Händen des Henkers endete, warf mit Blitzesschnelle einen prüfenden Blick auf die kämpfenden Gruppen und den Wagen, hinter dessen Fenster der Graf, mit Pistolen bewaffnet, zur Vertheidi- gung bereit stand, und sprengte dann auf Etienne zu, welcher neben dem Gra­fen hielt, während die übrigen Bewaffneten mit Vortheil gegen die nur noch zur Hälfte kampffähigen Räuber sich vertheidigten.

Mandrin drückte sein Pistol auf seinen Gegner ab, dessen Kugel des Stallmeisters Hut von dessen Haupte riß, und drang mit gezücktem Schwert auf ihn ein.

(Fortsetzung folgt.)