stimmen.
2. April.
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Druckerei (Fr. CHr. Pietsch) in Gießen.
Frankreich. Paris, 29. Marz. Der Prinz Peter Bonaparte ist gestern Morgen um 6V2 Uhr in Paris eingetroffen. Der Befehl, sofort TourS zu verlassen, wurde ihm vom Marschall Daraguay d'HillierS selbst überbracht. Der Prinz fügte sich demselben auch. Um 1 Uhr Nachts kam er mit seiner Familie und Dienerschaft auf dem Bahnhofe an. Namilino (sein Vetter) und de la Bruyöre, sein Intimus, befanden sich ebenfalls in seinem Gefolge. Ein besonderer Waggon war ihm zur Verfügung gestellt. In Paris angekommen, holte der Prinz einige Wagen herbei und fuhr mit seiner ganzen Gesellschaft nach Auteuil. Dort wurde er nicht erwartet und fand Alles in Unordnung. Der Prinz schloß sich sofort in sein Zimmer (in und gab Befehl, Niemanden vorzulaffen. Er empfing aber doch den Prinzen Murat, der kam, um ihn zu beglückwünschen. DaS HauS des Prinzen ist polizeilich bewacht. Im Innern sowie vor demselben befinden fich eine große Anzahl Polizei-Agenten. DaS Gerücht ging nämlich gestern um , daß die FaubourgS nach Auteuil ziehen wollten, um das prinzliche Haus in Brand zu stecken. Dieselben bestätigten fich aber in keinerlei Weise, wie denn in den FaubourgS gestern Abend auch keine besondere Aufregung herrschte, obgleich die Freisprechung dort, wie übrigens überall den alleinigen Gegenstand der Unterhaltungen bildeten. Er hat bereits Befehl erhalten, Frankreich zu verlassen. Es heißt, er werde nach Amerika gehen.
Paris, 31. März Der „Agence HavaS" aus Rom zugegangene Nachrichten melden, daß in den Kreisen der Ultramontanen und in der Umgebung des Papstes fich eine besondere Bewegung bemerklich mache; man glaubt die Ideen einer versöhnlichen Haltung als aufgegeben betrachten zu können. Auch scheint die Rückkehr deS französischen Botschafters Marquis de Banneville nicht sobald bevorzustehen.
Italien. Rom, 21. März. Neun Bischöfe erhielten von den Judices excusationum die Erlaubniß, auf kurze Zeit in ihre Diöcesen zurückzukehren. Diejenigen Bischöfe, welche fich bis jetzt noch nicht beim Concil einfanden, wurden aufgefordert, ungesäumt die Reise dahin anzutreteo oder die Gründe anzugeben, welche fie davon abhalten. 3m Ganzen fehlen noch 150 Prälaten. — Gin Decret deS heil. Vaters zerstörte die Hoffnung oder Befürchtung der Vertagung deS ConcilS; Niemand denkt weniger hieran als Pius IX.
Vermischtes.
— (Verbrechen und NemefiS.) Man schreibt der „Drau" aus Darda vom 12. d. M.: 3n wahrhaft erschreckender Weise mehren fich in unserer Umgebung Mord und Todtschlaq. Bet einem dieser Fälle spielte „die Hand deS Verhängnisses" eine beinahe romantische Rolle, indem sie schon während der That daS Amt der Rächerin übernahm und den tödtlichen Streich auf einen der Mörder selbst zurückfallen ließ. Ein Weib auS Derzanica hat in irgend einer Ortschaft der Baranya eine Erbschaft von 250 fl. behoben und sah fich auf dem Heimwege, vom Einbrüche der Nacht überrascht, gezwungen, im Dorfe Daroc; Unterstand zu suchen. Bald wurde fie auch von einem Bauer, der mit seinem Weihe allein daö HauS bewohnte, ausgenommen und gastfrei bewirlhet. Während deS Nachtmahls beging die glückliche Erbin die Unvorsichtigkeit, die Ursache ihrer Reise zu nennen und daS „viele Geld" vorzuzeigen. Durch den Anblick dieses Schatzes gereizt, trat sofort der Versucher an den Bauer; er begab sich in den Hof und berief sein Weib zu sich, wo fie nun den gemeinsamen Beschluß faßten» di« Reisende zu tödten, um sie ihres Geldes berauben zu könne». Der Plan war bald festgestellt. DaS Weib des Bauers sollte wieder zurück in die Stube gehen und die Fremde auffordern, sich mit ihr in ein Bett zu legen, da ihr Mann in der Kammer schlafen werde. Dabei sollte sie jedoch die Vorsicht gebrauchen und sich selbst an die Wand legen, so daß die Fremde, am Rande deS Bettes liegend, sofort vom Manne erkannt werden könne. So geschah eS auch: doch das lange Ausbleiben der Eheleute kam der Reisenden verdächtig vor und fie beschloß daher, nicht zu schlafen und Alles zu beobachten, was um fie her vorging. Nachdem sich die beiden Weiber zu Bette gelegt hatten, ging der Mann in den Garten und grub hier daS Grab für sein Opfer.
Nach einiger Zeit stellte sich die Fremde, als wäre fie fest eingeschlafen, da erhob fich die HauSwirthin und ging ebenfalls hinaus, um nachzusehen, ob ihr Mann noch nicht bald komme. Diesen Augenblick benützte die Fremde, der eS ausgefallen war, daß ihre Wirthin durchaus an der Wand liegen wolle, um sich diesen Platz eigen zu machen, und als nun jene zurückkam, fand sie ihren Platz besetzt. Die Fremde aufzuwecken getraute fie sich nicht, da fie fürchtete, daß ihr Opfer dann nicht wieder so fest einschlafen würde, fie legte fich deßhalb an den Rand deS Bettes und beschloß, fich wach zu erhalten, biS ihr Mann käme, um ihn dann auf die Platzverwechselunq aufmerksam zu machen. Doch er kam lange nicht, seine grausige Beschäftigung im Garten hielt ihn zurück und da griff denn „die Hand deS Verhängnisses" strafend und rächend ein und legte sich als bleiernes Gewicht auf die Augenlider der Bäuerin. Sie war fest eingeschlafen, ihr Mann kam, hatte natürlich keine Ahnung von dem Platzwechsel und schnitt nun mit einem einzigen Ruck seinem eigenen Weibe die Kehle durch; rasch packte er sie auf seine Schultern, schleppte sie in den Garten und verscharrte hier die Leiche in dem vorbereiteten Grabe. Entsetzt über daS Gesehene, erhob sich die Fremde, eilte auf die Straße und suchte im nächstbesten Hause, wo sie noch Licht sah, Schutz und Aufnahme. Als ihr geöffnet wurde, erzählte sie in Kürze das Vorgefallcne, man eilte zum Richter und dieser begab sich nun mit anderen Ortsbewohnern und mit der Fremden selbst auf den Thatort. Der Bauer war unterdessen ins Zimmer zurückgekehrt und hatte sein Weib vermißt, allein noch hatte er keine Ahnung von der Verwechslung und glaubte, seine würdige Gesponsin habe bloS Furcht bekommen und sei für die Nacht zu ihren Anverwandten gegangen, um deS Morgens wieder zurückzukehren. Doch da trat auch schon der OrtS- richter mit den anderen Leuten ein und als der Bauer unter diesen die Fremde erblickte, taumelte er zurück und stürzte mit dem Ausrufe: -Jesus, Maria! ich habe mein Weib erschlagen!" zu Boden. Selbstverständlich wurde er sofort der Gerechtigkeit übergeben, als deren wirksamster Anwalt fich diesmal „die Hand des Verhängnisses" erwies.
Hessen- Darmstadt, 29. März. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben am 22. d. M. Allerhöchst geruht:
den Obersten und Commandeur deS 2. Reiterregiments Freiherrn von Duchenröber auf sein Nachsuchen in den Ruhestand zu versetzen und denselben in Anerkennung seiner langjährigen treu geleisteten Dienste zur Suite der Reiterei zu versetzen und ihm daS Comthur-Kreuz II. Elaste des Verdienstordens Philipp deS Großmüthigen zu verleihen;
den bisher mit der Führung deS 1. Bataillons 4. Landwehr-Regiments beauftragten Major von Wachter — unter Stellung zur Allerhöchsten Disposition mit der gesetzlichen Pension — zum Bezirks-Commandeur des genannten Landwehr- Bataillons zu ernennen.
Württemberg. Stuttgart, 29. März. Herr v. Suckow hat bet Uebernahme des KrtegSministeriumS folgende Ansprache an daS „K. Truppencorps" erlaffen: Der Berufung Folge leistend, welche durch die Gnade und daS Vertrauen Sr. Majestät deS Königs an mich ergangen ist, habe ich am heutigen Tage die Führung deS Kriegsdepartements übernommen, um der Armee unter schwierigen Verhältnissen die Bedingungen ihres Daseins zu bewahren, die Thätigkeit und den Fortschritt in der Armee zu erhalten und vorwärts zu fuhren. — In dieser meiner Amtsführung werde ich der von meinem Vorgänger eingeschlagenen Richtung in allen Stücken unverrückt treu bleiben; ich rechne dabei auf das richtige Verständniß und auf die thätige Unterstützung Aller und ich verspreche meinerseits eine ebenso gewissenhafte als feste Führung der Geschäfte, die Unterstützung und Anerkennung dem Talent und jedem Streben, und die Fürsorge für Alle nach meinen Kräften.
Ungarn. Pesth, 29. März. Die theologische Facul- tät der hiesigen Universität beschäftigt sich mit der Abfassung einer HuldigungSadresse an das Concil, welche eine vollständige Unterwerfung unter die Bestimmungen desselben enthält.
Pesth, 30, März. Neuesten Bestimmungen zufolge wird der Hof schon in kommender Woche nach Wien übersiedeln und dürfte der Kaiser Montag, die Kaiserin Mittwoch Pesth ver- verlassen. — Die rumänische Negierung bewilligt den Anschluß der rumänischen Bahnen bei Kronstadt und Turnseverin, wünscht aber noch einen dritten Anschluß im Zilthale und hat hierüber eine Note an die ungarische Negierung gerichtet, die bis jetzt zwar noch nicht geantwortet hat, wahrscheinlich aber zustimmen wird.
Bigamie, Concubinat oder Ehebruch Niemand als Geschworener sitzen dürfe, der selbst solche Verbrechen für erlaubt halte, fie in Schutz nehme oder gar ausübe. Die Strafe auf Doppel- oder Vielweiberei setzt der 14. Abschnitt auf 1000 Dollars Geldbuße und Zwangsarbeit bis zu fünf Jahren fest. Auch wird das Gesetz aufgehoben, daß nur auf die Klage des Mannes oder der Frau eine Verfolgung wegen Bigamie zulässig sei. Der 20. Abschnitt ist von besonderer Wichtigkeit: jeder in Bigamie, Polygamie oder im Concubinate lebende Bewohner des Territoriums wird von dem Bürgerrechte der Vereinigten Staaten, von dem Stimmrechte, von öffentlichen Aemtern und von den Wohlthaten des Heimstätten- gesetzes ausgeschlossen. Dem Amtseide wird überdies das Gelübde hinzugefügt, daß der Schwörende die Gesetze gegen die Bigamie weder übertrete noch übertreten werde.
3. April.
Die Wiener „Presse" erfährt nachträglich über den Austritt der Slaven aus dem Reichörathe noch Folgendes: In der Sitzung des polnischen Clubs, die erst spät Abends zusammenberufen wurde, waren 31 Abgeordnete anwesend. Der Beschluß des Austritts wurde einstimmig gefaßt; von den Polen bleibt nur Dr. Landsberger im Reichsrathe, ein Abgeordneter, der fich den Clubbeschlüssen niemals fügte. Der Beschluß kam überraschend und scheint durch ganz außerordentliche Umstände provocirt worden zu sein. Viel trug auch das Nothwahlgesetz, das heute zur Be- rathung gelangt, bei, wesentlich aber die Ablehnung der Resolution im Ausschüsse und das Verhalten Schindlers, der gestern die Polen mit dem Verspre- chen hinzuhalten suchte, daß er das Ausschußreferat über die Ablehnung der Resolution modificiren wolle in einem Sinne, der für die Polen noch Hoffnungen offen ließe. Die Gewißheit, daß die Resolution verworfen wird, und das Bestreben, an dem Zustandekommen des Nothwahlgesetzes auch nicht durch die bloße Anwesenheit beigetragen zu haben, veranlaßte den schwerwiegenden Schritt, dcm sich die Südslaven und Italiener mit großer Freude anschlossen. Vice- Präsident Hopfen verlas die Erklärungen der Polen und Slovenen, denen sich Petrino und die Südländer anschloffen, unter lautloser Stille. Die deutschen Abgeordneten nahmen die Kunde von dem Austritt schweigend und ohne Zeichen des Mißfallens auf. Gleich nach der Verlesung dieser Erklärungen erhob sich Klun zur Abgabe einer Gegenerklärung Namens der Minorität der Krainer und Guszalewicz Namens der Minorität des galizischen Landtags. Im Ganzen sind gegen 50 Abgeordnete ausgetreten. In den Corridoren des Hauses gab es vor der Sitzung sehr unliebsame Auseinandersetzungen zwischen den AuStretern und den Deutschen.
Die „Köln. Ztg." schreibt: In dem Augenblicke der Freisprechung Peter Bonaparte's von einer schwe- rcn Anklage möchte es von Interesse sein, aus die Ansichten dieses Napoleoniden über einen dereinstigcn Rheinfeldzug und zunächst die Luxemburger Frage hinzuweisen. Die militärischen Blätter entnehmen dieselben einem vor Kurzem bei Marquard in Brüssel erschienenen, in der deutschen Militärliteratur „vielleicht nicht mit Unrecht" ganz unberücksichtigt gebliebenen Werke des Prinzen. (Der Titel lautet: „Hypothese (Time Campagne outre-Rhin, dtude militaire, par le Princc Pierre Napoleon Bonaparte.“) Folgende Stelle möchte bezeichnend sein: „Wofern man nicht das erhabene Gefühl, welches den Erwählten des 2. December stets beseelt hat, verkennt, so muß man einräumen, daß seine gebieterische Pflicht die ist, die Sicherheit Der großen Nation, die ihm ihre Geschicke anvertraut hat, zu verbürgen. Die bürgerlichen Zwistigkeiten und außergewöhnlich schwierigen Umstände haben die Kundgebung dieses Gefühls verhindert; aber es wird sich in naher Zukunft Bahn brechen, und wehe Demjenigen der es versuchen würde, die gallische Flut bei ihrem Eintritte in ihr ursprüngliches Bett einzudämmen, welches der Vcrrath und die Feindseligkeit der alten Feudalwelt verändert haben. Frankreich hat gesagt: Luxemburg gehört mir! Zwölfhunderttausend Soldaten bilden das Echo vom Ka- nal bis zur Meerenge von Bonifacio . . . Die Besieger Oesterreichs, wir haben es ausgesprochen, schulden uns Revanche für Waterloo; und sie schulden sie uns um so mehr, als ihr neuer Triumph unsere Empfindlichkeit berührt hat. Wir sprechen damit die Überzeugung tüchtiger und patriotischer Männer aus, die bereit sind, wenn es gilt, mit ihren Leibern ihren Ideen Bahn zu brechen." u. s. w.
Aus Der Wüste bet Bengazi ist ein Schwarm von 10- bis 12,000 Beduinen wegen HungerSnoth nach Egypten gekommen. Der Khedive hat ihnen Lebensrnittel geschickt und wird ihnen Ländereien anweisen.
Aus Washington melDete dieser Tage das transatlantische. Kabel: „DaS Repräsentantenhaus hat mit 94 gegen 32 Stimmen eine Gesetzvorlage angenommen, welche sich gegen die Mormonen in Utah richtet und auf Die Vielweiberei Den Verlust des Bürgerrechtes, sowie Geld- und Gefängnißstrafe setzt. Die Bestimmung, daß der Präsident ermächtigt wer- Den solle, Truppen nach Utah zu schicken und 40,000 Freiwillige auszuwählen, um das Gesetz, wo nölhig, mit Gewalt durchzuführen, wurde jedoch gestrichen. Die Vorlage geht an den Senat." Aus Den Andeutungen des Telegramms, geht mit vollkommener Gewißheit hervor, daß von der Vorlage des Herrn Cullom aus Illinois die Rede ist. Da fie von eben so großer culturgeschichtlicher wie politischer Tragweite zu sein verspricht, lohnt es sich wohl der Mühe, ihren Inhalt etwas näher anzusehen. Als Vorsitzender des vom Repräsentantcnhause eingesetzten Ausschusses für die Angelegenheiten Der Territorien hatte Cullom Die natürliche Aufgabe, das ©einige zu thun, um die thatfächlichen Einrichtungen des Territoriums Utha in Einklang nicht minder mit Der Verfassung als mit Der öffentlichen Meinung Der Vernnigten Staaten zu bringen. Die wesentlichen Bestimmungen des von ihm zu diesem Zwecke aus- gearbeiteten Gesetzentwurfes beginnen mit dem elften Abschnitte. Derselbe schreibt vor, daß in Fällen von
1. April.
Heber den neuesten Stand der türkisch-egyptischen Beziehungen — wird Der Wiener „Presse" aus Alexandrien geschrieben — bemüht man sich, Nachrichten zu Unctren, die nichts weniger als genau sind. Die letzten Eröffnungen aus Konstantinopel tragen einen ziemlich versöhnlichen Charakter, insbesondere zeigte man sich dort entgegenkommend in Betreff des vom Vicekönig in Anspruch genommenen Rechtes, Staatsanlehen zu contrahiren. Dagegen soll man den Wunsch zu erkennen gegeben haben, den Hauptträger des Der Pforte mißliebigen Systems, Nubar Pascha, von seiner einflußreichen Stellung zu entfernen. Ein momentanes Schwanken machte sich in Folge dieses Wunsches bemerklich; Da traten aber Die fremden Consuln für Den Vertreter Der europäischen Ideen in Kairo mit solchem Nachdruck auf, daß von dessen Rücktritt bald keine Rede mehr war. Ob die Reise Nubar Paschas nach Konstan- tinopel, Wien und Paris mit dieser Krisis in Der- bindung stehe, läßt sich gerade nicht behaupten, jeden- falls hat sie aber den Zweck, diese Mächte für die Regelung der Consular-Jurisdiction günstig zu


