lich fünf menschliche Körper zusammen, die angebrannt waren; der Rücken war von Fleisch entblößt und die Knochen am Verkohlen. Die Menschen hatten sich wahrscheinlich in die Keller versteckt, um Schutz zu finden, wurden aber durch das Feuer herausgetrieben und fanden so einen entsetzlichen Tod. — Nachdem wir nun des Morgens unseren Kaffee getrunken und einen Mund voll Brod genommen hatten, ging es wieder vorwärts. Nach einem heillosen Marsche kamen wir am 21. gegen Chartres. Es hieß, diese Stadt sei auch besetzt. Unser einziger Trost war nur die verstärkte Artillerie. Ein Parlamentär wurde obgesendet, um zur Uebergabe aufzuforbern. Es vergingen einige schwere Stunden, denn es ist keine Kleinigkeit, Tag und Nacht im Feuer zu stehen. Wenn die« so fort geht, dann werden wenige 32 ihre ersehnte Heimath Wiedersehen. Wir verlieren immer sehr viel, bei der Erstürmung von Chateaudun z. B. 80 Mann. Um 3 Uhr kam endlich die ersehnte freudige Nachricht, die Stadt sei übergeben und dies gab frisches Leben in uns. Mit gehobenem Blick marschirten wir durch Chartres, dankbar gegen Gott, daß weiteres Blutvergießen verhütet worden." — So weit dieser Brief. Beim Durchlesen überkommt uns ein Gefühl, das man nicht zu beschreiben vermag und man kann sich leicht eine Vorstellung von der Bedeutung des Wortes „Krieg" machen. Schrecklich für den Soldaten — bejammernswerth für die armen Bewohner eines so unglücklichen Landes.
Hauptquartier Corny vor Metz, 27. October. Aus Anlaß der Capitu- lation von Metz hat Se. Königliche Hoheit Prinz Friedrich Carl an sein Heer folgenden Armee-Befebl erlassen:
Soldaten der I. und II. Armee! Ihr habt Schlachten geschlagen und den von Euch besiegten Feind in Metz 70 Tage umschlossen, 70 lange Tage, von denen aber die meisten Eure Regimenter an Ruhm und Ehren reicher, keiner sie daran ärmer machte! Keinen Ausweg ließet Ihr dem tapferen Fein.de, bis er die Waffen strecken würde. Es ist so weit.
Heute endlich hat diese Armee von noch voll 173,000 Mann, die beste Frankreichs, über 5 ganze Armee-Corps, darunter die Kaiser-Garde, mit 3 Marschällen von Frankreich, mit über 50 Generalen und 6000 Officieren capitulirt, und mit ihr Metz, das niemals zuvor genommen!
Mit diesem Bollwerk, das wir Deutschland zurückgebcn, sind unermeßliche Borräthe an Kanonen, Waffen und Kriegsgeräth dem Sieger zugefallen. Diesen blutigen Lorbeer, Ihr habt ihn gebrochen durch Eure Tapferkeit in der zweitägigen Schlacht bei Noisseville und in den Gefechten um Metz, die zahlreicher sind als die es rings umgebenden Oertlichkeiten, nach denen Ihr diese Kämpfe benennt!
Ich erkenne gern und dankbar Eure Tapferkeit an, aber nicht sie allein. Beinahe höher stelle ich Euren Gehorsam und den Gleichmuth, die Freudigkeit, die Hingebung im Ertragen von Beschwerden vielerlei Art. Das kennzeichnet den guten Soldaten.
Vorbereitet wurde der heutige, große und denkwürdige Erfolg durch die Schlachten, die wir schlugen, ehe wir Metz einschlossen, und — erinnern wir uns dessen in Dankbarkeit — durch den König selbst, durch die mit Ihm darnach abmarschirten Corps und durch alle diejenigen theuren Kameraden, die den Tod am Schlachtfelde starben oder ihn sich durch hier geholte Leiden zuzogen. Dies ermöglichte erst das große Werk, das Ihr heute mit Gott vollendet sehet, nämlich daß Frankreichs Macht gebrochen ist!
Die Tragweite des heutigen Ereiguisses ist unberechenbar.
Ihr aber, Soldaten, die zu diesem Ende unter meinen Befehlen vor Metz vereinigt wart, Ihr geht nächstens verschiedenen Bestimmungen entgegen.
Mein Lebewohl also den Generalen, Officieren und Soldaten der ersten Armee und der Division von Kummer und ein „Glück auf" zu ferneren Erfolgen 1
Der General der Cavallerie: gez. Friedrich Carl
Wie wir vernehmen, wäre die hessische Division zum Vorgehen in südlicher Richtung, nach Dijon zu, bestimmt, und habe dieselbe ihren Marsch bereits an- getreten. (D. Z.)
Ein Telegramm der „N. fr. Pr." aus Berlin, 27. Oct., meldet: „Die Waffenstreckung der in Metz eingeschlossenen 120,000 Mann geht unter Manteuffel und Kummer ungestört vor sich. Die Uebergabe dürfte noch morgen oder übermorgen wegen Ueberfülle des Kriegsmaterials andauern. Unter der Kriegsbeute sind 4000 Geschütze größten Kalibers, viele gezogene Kanonen, Mitrailleusen, 100,000 Chassepots. In den Lazarethen befinden sich 30,000 Mann. Unter den Gefangenen sind Leboeuf, Bazaine, Frossard, Boyer, Coffi- nieres und dreißig andere Generale. Telegraphisch ist von überall die Zufuhr von Lebensmittel nach Metz angeordnet, wo das Elend unbeschreiblich ist."
Aus Nancy, 23. Oct., schreibt man dem Staats-Anzeiger für Würtem- berg: „Der Gesundheitszustand der Truppen im Lager vor Metz ist leider nichts weniger als befriedigend. Die Ruhr und neuerdings der Typhus grassirten unter denselben in höchst bedauerlicher Weise. Aus den überfüllten Lazarethen in Corny, Novsant, Ars für Moselle, Gorze werden täglich 600—800—1000 Kranke evacuirt. Nur solche, deren Weitertransport ernste Gefahren befürchten läßt, bleiben hier in Nancy, alle übrigen werden nach längerem oder kürzerem Aufent- halt in einem zum Theil sehr bedauernswürdigen Zustande über Weißenburg nach Deutschland geschickt. Es wäre eine unendliche Wohlthat, wenn zu diesen Transporten statt einfacher Packwagen, in welchen die Kranken auf einem dürftigen Strohlager liegen, gut eingerichtete Sanitätszüge verwendet würden. — In Nancy selbst sind vorzügliche Lazarethe. Das Grand-Ssminaire, eine Bildungs- anstatt für Studenten der Theologie, die Ecole Normale, ein Lehrer-Seminar, das Hüpital militaire, das Hüpital des Jeunes-Aveugles, das College de Mal- grauge, eine neuerbaute, bisher noch nicht benutzte große Tabak-Manufactur, so wie ein großes Baracken-Lazareth in Bonsecours enthalten große, gut ventilirte Räume; alles, was zur Behandlung und Pflege der Kranken dienen kann, wird entweder aus den Depots der freiwilligen Krankenpflege bereitwilligst dargeboten oder von der Mairie rücksichtslos requirirt. Nur an Eis und Medikamenten stellt sich einiger Mangel heraus. Die hiesigen Lazarethe, an denen zum Theil auch französische Aerzte, sowie schweizer und russische Aerzte fungiren, stehen sämmtlich unter der Oberleitung von preußischen und baierischen Aerzten, von denen die meisten nur für die Dauer des Krieges in Militärdienst getreten sind."
Versailles, 25. Oct. General v. d. Tann ist vorläufig noch in Orleans geblieben. Er scheint ein weiteres Vorrücken nicht zunächst für angemessen ge- halten zu haben. Mittlerweile hat die seinem bayerischen Armeecorps beigegeben gewesene 22. preußische Division unter General Wittich und die Cavallerieabthei- *8 ®rafcn Stosch nach längerem Kampfe die nordöstlich von Orleans auf dem Wege nach Chartres belegene Stadt Chateautun, wie gemeldet, eingenom
men. In Chateaudun waren es 4000 Mobilgarden, welche den hartnäckigsten Widerstand leisteten. Es ist dies jedenfalls bemerkenSwerth, da bisher die Mobilgarden mit der Linie gewissermaßen im Nichtstandhalten gewetteifert. Neuerdings aber waren es, wie bei Artenay und Orleans, gerade die Linientruppen, welche nach übereinstimmenden Angaben sachverständiger Augenzeugen sich als die unzuverlässigsten Theile der französischen Loire-Armee erwiesin haben. Der Kampf, welcher der Einnahme von Chateaudun, einer eigentlich nicht regelmäßig befestigten Stabt, vorherging, war ein so heftiger, daß die Artillerie gezwungen war, die Stadt selbst zu bombardiren. Ein Theil derselben ging auch deshalb in Feuer auf. Von Chateaudun aus ging General Wittich nordwestlich weiter nach Chartres, wo vielfachen Nachrichten zufolge ein Mobilgarden- und Freischützencorps von 7000 Mann sich befinden sollte. Vor der Annäherung an die Stadt sandte der General einen Parlamentär zum Municipalrath, welcher dem Letzteren das sofortige Bombardement ankündigte, wenn nicht binnen zwei Stunden die Stadt von der Besatzung geräumt und ohne Schwertstreich übergeben würde. Der Maire, welcher einsah, daß Widerstand in der offenen Stadt eine That des Wahnsinnsein würde, bewog die Mobilgarden zu schleunigem Abzüge in der Richtung auf Alenyon und Le Mans hin, worauf den vor der Stadt harrenden Preußen die Schlüssel von Chartres entgegengetragen und dieser wichtige Punkt von den Unfrigen ohne Schwertstreich besetzt wurde. — Beim Oberkommando der Armee des Kronprinzen ist ein Bericht des Chefs des 2. bayerischen Armeecorps, des Generals v. Hartmann, eingelaufen, welcher bekanntlich bei Bagneux und Cha- tillon, unterhalb der Forts Montrouge und Bicütte, commondirt. Nach diesem Rapport seien urplötzlich gestern mehrere hundert Weiber und Kinder bei unseren Vorposten in Bagneux erschienen, die sich, aus Paris kommend, gleichsam wie verhungert auf ein Kartoffelfeld stürzten, um die Erdäpfel herauszugraben. Auf die Weisung des Vorposten - Commandanten, sofort in die Stadt zurückzukehren, widrigenfalls aus sie geschossen werden würde, erscholl die Antwort: „Schlimmer, als es uns in Paris ging, kann es uns nicht ergehen, selbst wenn man auf uns schießt; wir kämen dadurch nur schneller von dem elenden Leben los, das wir zu führen gezwungen sind!" Es ist selbstverständlich, daß auf die armen Leute nicht geschossen wurde. Sie passirten landeinwärts die bayerischen Linien; aber der Vorfall ist bedeutsam genug und wirft ein grelles Licht auf die Pariser Zu- stände.
Eine Depesche aus Dole, dem Hauptquartier Garibaldi*-, vom 23. Oct. lautet, wie die „Corr, de TourS" mittheilt, folgendermaßen: „Die Verwaltung des Jura-Departement- an den Maire und Unterpräfecten von Lons-le- Saunier. General Cambriels an General Garibaldi. Wir haben uns gestern von 9 Uhr bis in die Nacht geschlagen. Heute scheint uns der Feind von allen Seiten zu bedrohen und besonders an den beiden Flanken meiner Linie. Er hat bei Plouzet, vor Pouilly-leS-DigneS, Batterien errichtet. Könnten Sie vermittelst Requisitionszügen einige Bataillone in seinen Rücken oder in die rechte Flanke führen? Das wäre sehr viel werth. — General Garibaldi hat Marschbefehle gegeben. Sein Sohn Menotti bei den Vorposten berichtet, daß die Lage am Ognom bei Pesmes dieselbe bleibt." (F. I.)
TourS, 29. Oct. Ein Rundschreiben Gambetta'S an die Präfecten meldet: „Ich erhalte von mehreren Seiten wichtige Nachrichten, über deren Ursprung und Wahrhaftigkeit ich trotz meiner eifrigen Nachforschungen keine officielle Auskunft habe. Gerüchte über die Capitulation von Metz sind im Umlauf.... Bleiben Sie überzeugt, daß, was auch kommen mag, wir un- nicht durch die fürchterlichsten Mißgeschicke entmutigen lassen werden. In dieser Zeit der Kapitulationen und Niederträchtigkeiten gibt es noch Eines, das weder capituliren kann noch darf: dies ist die französische Republik!"
Tours, 30. Oct. Die Proklamation Gambetta'S, welche die Capitulation von Metz ankündigt, saät: „Der General, auf welchen Frankreich selbst nach Mexico noch zählte, hcll^.oeben dem Vaterlande mehr als hunderttausend Vertheidiger entzogen. Bazaine uns verrathen, er hat sich zum Werkzeug des Mannes von Sedan gemacht, öum Mitschuldigen des Eroberers. Er hat die Ehre der Armee, die er zu hüten hatte, mißachtet. Er hat dem Feind ohne den Versuch der äußersten Anstrengung hunderttausend Kämpfer, 20,000 Verwundete, Gewehre, Kanonen, die stärkste Festung Frankreichs überliefert. Ein solches Verbrechen kam: durch keine Jnstizstrafen gesühnt werden. Es ist Zeit, daß wir uns wiederfinden unter der Aegide der Republik, welche wir entschlossen sind, nirgends capituliren zu lassen. Es ist Zeit, daß wir ans dem äußersten Unglück die Verjüngung unserer Moralität und politischen Kraft schöpfen. Seien wir zu den letzten Opfern bereit. Angesichts des Feindes, den Alles begünstigt, schwören wir, uns niemals zu ergeben, so lange noch ein Zoll unseres geheiligten Bodens unter seinen Sohlen. Halten wir das ruhmreiche Banner der Revolution fest. Unsere Sache ist die der Gerechtigkeit und des Rechts. Lassen wir uns weder entkräften noch entnerven. Beweisen wir durch Thaten, daß wir uns allein die Ehre, die Unabhängigleit und Unverletzlichkeit alles dessen, was das Vaterland frei und stolz macht, erhalten können und wollen. Es lebe Frankreich! Es lebe die eine und untheilbare Republik I
Tours, 31. Oct. Die „Agence Havas" meldet aus Marseille, d. d. 30. v-, daß daselbst anläßlich der Uebergabe von Meß patriotische Kundgebungen statt» gefunden haben und allgemeine Bestürzung und Trauer herrsche.
Aus Amiens meldet man unter dem 28. Oct.: „Zu Formerie (Oise), auf der Landstraße nach Rouen, haben die Mobilgarben 500 preußische Foura- geurö zurückgeworfen und ihnen ernsthafte Verluste beigebracht. Sie wurden in der Stadt mit Begeisterung aufgenommen. Die Nachricht von der Capitulation von Metz hat große Begeisterung erregt."
Die Weiber von Elboeuf wollen das Beispiel von Paris befolgen und jetzt ebenfalls ein Amazonencorps bilden. Ein Theil derselben hat an das Localblatt dieser Stadt folgendes Schreiben gerichtet:
Elboeuf, 17. Oct. 1870.
Herr Nedacteur! Sie haben gesagt: „Alle Welt muß sich in Masse erheben, selbst die Frauen." Ihr Aufruf wird kein vergeblicher gewesen sein; wir bilden eine Compagnie Freiwilliger. Wir hoffen, daß der Herr Präfect uns dazu ermächtigen und jeder von u.iS eine Flinte geben wird. Wir werden beweisen, daß die Frauen von Elboeuf keine Feiglinge sind. Genehmigen Sie rc. Verehelichte Bruyöre. Verehelichte Masselin. Verehelichte Delam and.
Jungfer C. Paizol. Jungfer I. Carbonnier. Jungfer Aidgane.
Brüssel, 30. Oct. Nach Marseiller Berichten hat der dortige Club „Alhambra" den General Cambriels und Gambetta als Vaterlandsvcrräther znm Tode verurtbeilt. Der Club beschloß ferner, Marseille von Frankreich zu trennen und als selbstständige Republik, unter dem Namen „Vallee du Nhüne",


