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Feuil

D i e Namenlose.

Novelle von Theodor König.

(Fortsetzung.)

Richten Sie Alles so ein, mein bester Herr Doctor, wie Sie es für mich am Besten finden," antwortete Hyacintha dem Familien-Advocaten dankbar.

Ich kann mich wohl nur glücklich schätzen, überhaupt schon so bald eine neue Heimath gesunden zu haben."

Doctor Wilder Hub nun an, unserer jungen Freundin den Wortlaut des Testamentes vorzulesen und sich in einigen näheren Mittheilungen über ihr neues Eigenthum zu ergehen, während Lucas von Bergen fortwährend mit einem Interesse auf sie blickte, wie er es seit dem Verluste Mathilden's noch niemals auf ein anderes Frauenzimmer gethan.

Als Hyacintha, nachdem ihre beiden neuen Beschützer sie verlassen, in ihr- rigenes Zimmer zurückkehrte, traf sie Felicie dort weinend an.

Auf ihre theilnehmende Frage nach der Ursache dieser Thränen erfuhr sie von der guten Französin, daß Herr Lucas von Bergen ein kurzes Gespräch über das Heimgegangene Fräulein Mathilde mit ihr gehabt und ihr in Anerkennung der der Heimgegangenen Dame geleisteten Dienste eine für ihren Unterhalt ge- nügende lebenslängliche Pension zugesagt hatte.

Und es ist doch in der Thal fast, als hätte der liebe Gott selbst uns diese Zulage zu unserem Einkommen zugesandt, denn ich fürchte, wir werden sie drin­gend nothig haben."

O nein, das werden wir nicht, Felicie, obgleich es mich innig freut, zu hören, daß Deine so vieljährige Treue gegen unsere Heimgegangene Wohlthäterin und ihr Andenken einen verdienten Lohn gefunden hat.

Sage einmal, hast Du noch nicht von dem Testamente meines Adoptiv­bruders Carl gehört?"

Felicie war mit der Existenz jenes Dokuments noch gänzlich unbekannt und fast außer sich vor Ueberraschung und Freude, als Hyacintha ihr jetzt den Inhalt desselben mittheilte.

Der gute, gute, junge Herr Carl, wie ähnlich ihm das aber doch steht!" rief sie gerührt aus.

Wenn die Sachen denn so stehen, Fräulein, so werden wir natürlich gar nicht nach der Landstadt übersiedeln, nicht wahr?"

Nein, Felicie, das werden wir jetzt nicht. Sei so gut und bezahle die einmonatliche Miethe für mich und theile den WirthSleuten dabei zugleich mit, daß wir die Zimmer nicht gebrauchen werben.

Du kannst ja mit dem Wagen fahren, den wir auf Morgen für uns be» stellt haben.

Schon übermorgen, meint Doctor Wilder, können wir unsere neue Wohnung im Pachthause beziehen."

Und weiß Herr Willert bereits von dem Testamente?" fragte Felicie.

Das kann er wegen seiner Abwesenheit ja schwerlich," antwortete Hyacintha, Doctor Wilder wird aber sogleich an ihn schreiben, um ihn von demselben in Kenntniß zu setzen."

Werden der Holzvogt und seine Frau auf der Pachtung bleiben?" fragte Felicie nach augenblicklicher Pause.

Ja," war Hyacintha's Antwort.Doctor Wilder ist der Meinung, daß es gut sein werde, wenn diese Leute bleiben."

Aber Sie wissen ja doch, liebes Kind, wie außerordentlich uns jene Frau zuwider ist," warf Felicie ein.

Ich muß gestehen, ich mag sie nicht," sagte Hyacintha,aber mein Wider­wille gegen sie hat doch so recht eigentlich gar keinen Grund. Es würde also ungerecht und unchristlich sein, ihm nachzuhängen.

Und der Mann? Ich vermag ihm gegenüber nie ein anderes Gefühl zu empfinden, wie das des tiefsten Mißtrauens", entgegnete Felicie.

Folgen Sie mir, Fräulein, und lassen Sie jene Leute das Haus verlassen, bevor wir einziehen."

Das geht in der That nicht an, Felicie," war Hyacintha's Antwort.

Mein verstorbener Adoptivvater dachte stets sehr Vortheilhaft von diesem Manne, pflegte zu sagen, er sei ein ganz vorzüglicher Holzvogt und das kleine Gewese gedeihe unter seiner Bewirthschaftung vortrefflich.

Ich darf also, nur um unseren Vorurtheilen Rechnung zu tragen, feinen» falls so handeln, wie Du es vorschlägst."

Felicie war zwar zum Schweigen gebracht, vermochte jedoch nur mit Wider­willen daran zu denken, daß sie mit jenem Eduard Rusch und seiner Frau unter einem und demselben Dache wohnen sollte, und wäre sie im Stande gewesen, eine oder zwei Stunden später, als der Holzvogt, nachdem er die beiden Herren über das Gewese geführt, zu seiner Frau zurückkehrte, einen Blick in jenes Haus zu werfen, so hätte sich ihr Widerwille gegen die beiden Leute wohl gar in ein Gefühl des Schreckens verwandelt.

Frau Rusch, ein großes, kraftvoll gebautes Frauenzimmer, mit dichten, fast zusammenstoßenden Augenbrauen und dünnen, fest geschlossenen Lippen, stand beim Eintritt ihres Mannes mit einer Axt in der Hand am Küchentisch.

Da haben wir nun eine saubere Bescheerung" redete sie ihn an.

Der Mann schleuderte seine Mütze auf den Tisch und warf sich selbst mit finsterer Miene in einen Stuhl.

Was aber ist zu thun, Eduard?" fragte sie.

Das weiß ich nicht", antwortete Rusch.Wie sollte ich'S wissen. Jeden­falls muß ich sogleich zu Herrn Willert, um diesem mitzutheilen, wie die Sachen hier stehen."

Der Informator ist auch viel zu schlau für uns," warf bas Weib mürrisch hin.

Er wird mit seinen ewigen Ränken und Pfiffen endlich noch sich selbst und uns obendrein in's Verderben bringen. Sage ihm, daß er herunterkommen und den bloßen Schein zur Wirklichkeit machen solle."

Einem Manne gleich ihm Vorschriften machen zu wollen, kann mir wohl niemals in den Sinn kommen. Der Informator versteht einmal Alles am Besten und er wird auch diese Sache sicherlich in Ordnung zu bringen wissen. Fürchte Dich also nur nicht weiter!"

Fürchten? Mich zu fürchten verstehe ich gar nicht," antwortete die Frau verächtlich.Willert wird jederzeit finden, daß ich ihm gewachsen bin."

Die Sache mag sich ja vielleicht auch gar nicht gefährlich für uns an-

l e t o n.

lassen," bemerkte Rusch,denn dieses alberne junge Mädchen wird sich wohl schwerlich viel darum kümmern, was hier im Pachthause bei uns vorgeht."

Aber jener Doctor Wilder und dieser alte Lucas von Bergen werden der Gans sicherlich zur Seite bleiben, um ihr Interesse wahrzunehmen," warf das Weib ein.

Welch' einen unauslöschlichen Haß ich gegen dieses einfältige Fräulein Hyacintha und ihre papistische, französische Mamsell hege!"

Run, nun, wir müssen uns jedenfalls mit Höflichkeit gegen sie benehmen," sagte der Mann.

Wer weiß denn auch noch, auf wie lange sie überhaupt ihren Aufenthalt hier nehmen werden."

* *

Es war ein dunkler Decembertag, als Hyacintha und Felicie im Pachthause eintrafen.

Der Weg vom herrschaftlichen Hause dahin war so kurz, daß Beide ihn zu Fuße zurückgelegt hatten und sich ihr Gepäck auf einem Karren nachkommen ließen.

Frau Rusch öffnete ihnen die HauSthür und führte sie über den Flur in ein Wohnzimmer, in welchem ein großes, Helles Feuer brannte.

Dies Gemach, Fräulein," sagte sie,führt den Namen das Damenzimmer, ich glaubte, Sie würden cs dem Vorderzimmer vorziehen, welches gegen Norden liegt und sehr dunkel und kalt ist."

Ich bin Ihnen für diese Rücksicht verbunden, Frau Rusch," antwortete Hyacintha freundlich.

Dies ist ja auch ein ganz gemüthliches Zimmer. Und nun, Frau Rusch, bitte, lassen Sie mich auch mein Schlafzimmer sehen und seien Sie mir beim Ablegen von Mantel und Kappe ein wenig behülflich."

Frau Rusch führte sie nun die Treppe hinan, die sich im Halbzirkel herum- zog und am unteren Ende durch eine Thür vom Flur abgesperrt war.

Es herrschte im Hause ein sehr häßlicher Geruch, der unserer Cynthia so» gleich sehr unangenehm auffiel.

Das hier sind die Schlafzimmer," sagte die Frau des Holzvogtes.

Ich habe für den Augenblick das wärmste für Sie hergerichtet, doch wer­den Sie sich natürlich dasjenige ausfuchen, welches Ihnen am besten gefällt."

Das Schlafgemach lag gerade über dem Damenzimmer und, gleich diesem, mit der Aussicht auf eine große, von den Blumen des Parkes eingeschlos» fene Wiese.

Wiewohl dort ebenfalls ein großes Feuer brannte, nahm sich dies Gemach dennoch sehr düster aus.

Das gewaltige, vierpfostige Himmelbett war mit schweren grünen, außer­ordentlich verblichenen Damastgardinen verhangen, das Mobiliar von vor Alter fast schon ganz schwarzem Mahagoniholz.

An jeder Seite des Camins befand sich, ein großer, leerer Wandschrank.

Das Fenster war hoch und mit eisernen Querstangen versehen, eine Son­derbarkeit, die der Französin sogleich auffiel und sie zur Frage nach der Ursache veranlaßte.

Dies Zimmer wurde, während das Haus vermiethet war, einmal als Kinderstube benutzt/' war die Antwort der Frau Rusch.Die Eisenstangen haben die Kleinen vielleicht am Hinausstürzen verhindern sollen, kann daß sie angebracht sind, um das Zimmer sicherer zu machen."

Weshalb sollte es denn aber unsicher sein?" fragte Hyacintha ängstlich.

Na, Fräulein ich sage ja nicht gerade, daß es unsicher ist," entgegnete die Frau des Vogts,aber es giebt hier in der Gegend desperate Charaktere und wir werden nur einen einzigen Mann bei uns im Hause haben."

Das ist wahr," sagte Hyncintha,dennoch aber widersteht mir der Ge« danke, hinter Eisenstäben zu schlafen, und ich werde mir also wohl ein anderes Gemach aussuchen."

Sie besah die Zimmer alle, fand aber dann, daß Frau Rusch jedenfalls das beste für sie ausgesucht hatte.

Nachdem sie Mantel und Hut abgelegt, verfügte sich Hyacintha wieder in den unteren Theil des Hauses hinab, indem sie es Felicie überließ, ihre Gar­derobe auszupacken und zu ordnen.

Von dem Fenster des alten Wohnzimmers aus blickte sie mit einem Gefühle von Niedergeschlagenheit und sogar Entsetzen vorn dunklen Firrnamente auf die große kahle Wiese herab, das sie vergebens zu unterdrücken suchte.

An das in einem großen Hauswesen herrschende rege Leben, an alle die kleinen und großen kostbaren Bequemlichkeiten einer luxuriösen Häuslichkeit ge­wöhnt, war es ihr, als fühlte sie sich in diesem alten, düsteren Gebäude mit der feierlichen Stille, welche sie hier umgab, von einer eisigen Kälte angeweht.

Als cs dann zu regnen begann und die schweren Tropfen gegen ihr Fenster klapperten, wurde ihr nur noch unheimlicher zu Sinne.

Sie zog die Glocke und Frau Rusch trat zu ihr ein.

Was beliebt dem Fräulein?" fragte die Frau des Vogtes in schneiden­dem, rauhem Tone.

Ich wünschte eine Tasse Thee," antwortete Hyacintha.Haben Sie die Güte, mir sie durch Felicie zu schicken."

Nun, setze Dich zu mir, Felicie,"H sagte das junge Mädchen, nachdem die Französin die Tassen gefüllt,setze Dich zu mir und sage mir, wie Dir unsere neue Heimath gefällt."

Ich finde sie sehr, sehr düster," war die Antwort,doch sie wird wohl freundlicher fein, wenn wir erst wieder Sonnenschein bekommen."

Es ist undankbar gegen unseren armen Carl gedacht," sagte Hyacintha, aber ich wohnte lieber in der bescheidensten Miethswohnung in der Stadt wie hier. Diese Umgebung hat für mich so etwas außerordentlich Niederdrückendes und außerdem ist es mir so ungewohnt, so ganz allein zu fein."

Wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, liebes Kind," entgegnete Felicie, so komme ich heute Abend mit meiner Arbeit hierher zu Ihnen."

Hyacintha stimmte diesem Vorschläge dankend zu und der Abend verging ihr gemüthlicher wie sie erwartet hatte, indem die Französin sich in Erzählungen von den Herrlichkeiten des Pariser Lebens vor der Revolutionszeit erging, wäh» rend das Feuer im Camine hell und lustig knisterte und brannte und draußen der Wind wild um die Mauern des Hauses heulte, ohne irgendwo Eingang in dasselbe finden zu können. (Forts, folgt.)