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Anlage zu Ar. 22 des Gießener Anzeigers.

Feuilleton.

ausstellen.

Ich verbleibe, mein werthes Fräulein, Ihr

welches sie beute trug.

Ganz allein.

24. November 1862.

brachte. Hier ist es."

Das Billet lautete wie folgt:

Ach, ich stehe so ganz allein, so ganz allein und verlassen in der Welt da," murmelte sie. .

Ihnen aber, Madame Thalheim, würde ich aus eigenem, freiem Antriebe, aus reinem Drang meines Herzens mein volles Zutrauen entgegen bringen, selbst wenn mich jetzt nicht Angst und Noth dazu zwängen."

Sie richtete sich hoher empor, hefte ihre Augen fest auf die meinigen und sprach nun mit erzwungener Fassung weiter:

Wir bekommen diese Abenvzeitung regelmäßig, doch las ich sie gestern Abend nicht mehr.

Heute Morgen, als ich zum Frühstück herabkam, lag sie aus dem Tische und außerdem ein Brief."

Sie wurde, während sie sprach, bleicher und bleicher, und da sie sich bet den letzten Worten leicht die Hanv auf die Brust legte, so wußte ich sogleich nicht nur, wer jenen Brief geschrieben hatte, sondern auch, wo das kostbare Pa­pier aufbewahrt wurde.

Ich hatte die Zeitung noch gar nicht einmal vom Tische ausgenommen, war jedoch eben im Begriffe, jenen Brief zu erbrechen," fuhr sie fort,als ich eine Droschke vor die Thür rollen hörte, und da ich im Augenblicke eben nicht daran dachte, daß es noch sygar früh am Morgen war, so glaubte ich, e- wäre es wäre Theobald, Capitän Theobald wollte ich sagen. Doch es war rin Herr aus dem Bankgeschäfte, der mir ein Billet von Herrn Palmer über-

ausrichtig ergebener

August Palmer."

Ich hatte dies Billet kaum gelesen, »ls die entsetzliche Gefahr, welche es für Schwester sowohl wie Bruder herausbeschworen hatte, mir in ihrer ganzen Größe vor Augen stand.

Und lieferten Sie denn jenem Herrn die Schlussel aus, Adeline <

,Jch that es," erwiederte sie.Und, o mein Gott, wie durste ich es tyun. rief sie dann emporspringend und mich an beiden Händen fassend plötzlich laut aus.

Ich sehe ja, Sie theilen meinen Schrecken darüber! Ich sehe, daß ich e- bin, dir ihn in'S Unglück gestürzt hat! O Gott, Madame Thalheim, helfen Sie mir! Giebt es denn gar keine Rettung, gar keine Hoffnung mehr r

Es war erschütternd, den furchtbar aufgeregten Zustand zu sehen, in wel­chem sie sich jetzt befand, ihn zu beschreiben wäre völlig unmöglich.

O, still, still, Adeline. Schon um seinetwillen müssen Ste bestrebt sein, sich die Ruhe zu bewahren. ....

Es ist doch vielleicht noch Rettung möglich, nur darf fein Augenblick Zeit v"^Was geschehen soll, muß im Lause weniger Minuten geschehen, und eS wird für uns überhaupt zu handeln unmöglich, wenn wir nicht ruhig und gefaßt bleiben und uns ganz genau mit einander verständigen.

Trinken Sie ein wenig hiervon und verhatten Sie sich einen Augenblick lang stbwttgend.^ Wafin an die Lippen und sie ließ sich in einen

Lehnstuhl niedersinken. , -

Wir haben jetzt keine Zeit dazu, uns unserem Schmerze zu überlassen, Adeline," sagte ich nach kurzer Pause.

Ihr Bruder ist in Gefahr? Woher wissen Sie dies, Kind 4 Beantworten Sie meine Frage, doch vermeiden Sie jedes überflüssige Wort.

Woher ich es weiß, vermag ich nicht zu sagen. Nachdem ich aber die Schlüssel abgelieferrt, erinnerte ich mich, daß Gustav gestutzt hatte und in augen­scheinliche Verwirrung gerathen war, als Herr Palmer ihm an jenem Abende mittheilte, daß er Herrn Heyoen's Zustand für gefährlich halte und daß dieser einen starken Schlaganfall gehabt habe, obgleich er selbst behaupte, es sei ledig­lich eine Ohnmacht gewesen. ...

Ebenso erinnerte ich mich, daß Gustav gesagt hatte, er werde bald aufhoren, Commis zu sein. ~ .

Und dann, dann fiel mir noch Ihre Frage em, was mein Spitzen­schleier koste.

O Gustav, o mein theurer, theurer Bruder!

Und jetzt habe ich jenen Menschen die Schlüssel ausgeliefert, so daß er sich ganz in ihren Händen befindet!"

Ihre Sprache, Ihre Gesten hatten nichts Aufgeregtes mehr an sich.

Sie saß da wie ein Bild stiller Verzweiflung.

Die Gefahr, in welcher Ihr Bruder sich befindet, vermag ich nicht naher zu beurtheilen, Adeline," sagte ich.Wenn unsere Befürchtungen richtig sind und ich möchte hieran kaum noch zweifeln, so ist entweder das Vergehen zetzt bereits entdeckt oder die Entdeckung ist wenigstens unvermeidlich.

(Fortsetzung folgt.)

Mein werthes Fräulein!

Der plötzliche Tod meines CompagnonS, des Herrn Heyden, um ein Uhr in letzt vergangener Nacht, hat hier große Verwirrung verursacht.

Es ist schlechterdings nothwendig, daß {eint Papiere unverzüglich einer genauen Durchsicht unterworfen werden, und diese befinden sich in Verwahrsam Ihres Herrn Bruders.

Wollen Sie also die Güte haben, dem Herrn, welcher Ihnen diese Zeilen überbringen wird, die Schlüssel zu der Eisenkiste und dem Pulte Ihres Herrn Bruders, welche sich, wie ich weiß, in Ihrem Besitze be­finden, zu übergeben. ...

Der Ueberbringer dieses, Herr Werner, wird Ihnen Quittung darüber

Sind Sie allein, - ganz allein?" fragte ste, scheu umherblickend.

Ganz allein. Sie wissen ja, ich bin fast immer allem, liebe« Kind , entgegnete ich.Daß ich t« heute bin, müssen Sie za auch schon von Martha wissen, da ich diese beauftragte, bei ihnen vorzusprecheii und Sie zu mir ein»

,UUCCM, ja wohl, ich hatte da« ganz vergessen", sagte ste zerstreut.

Da« schone bleiche Antlitz sprach heute liefen, herben Kummer au«.

O wie e« mich, mich, die nie die Freuden und Leiden einer Mutter kennen ,ü lernen Gelegenheit gehabt, - wie e« mich drängte, sie zu buten, mich al« ihre Mutter zu betrachten, - sie, der e« nie beschieden gewesen war, die Liede einer Mutter kennen zu lernen. , m

Ich wußte indessen nur zu wohl, daß ich mich m jenem Augenblicke Ge­fühlen solcher Art nicht hingcben, ihnen wenigstens kerne Worte leihen durftt, wenn ich Adelinens Gemüthsbewegung nicht noch mehr nähren, mich selbst nicht des ruhigen Urtheils berauben wollte, welches mir, wie ich suhlte, gerade heute nothwendig genug werden würde.

Adeline mußte sich auf mein Sopha setzen, ich nahm auf einem Stuhle dicht an ihrer Seite Platz und bat sie nun noch einmal, nur zu erzählen, wa« »orgesallen sei, um sie so außerordentlich aufzuregen und zu bekümmern.

,,Haben Sie dies gelesen?" fragte sie mit matter Stimme, indem sie mir ein Zeitangsblatt vorhielt und mit dem Finger auf einen Abschnitt zeigte, wel­cher die Ueberschrist:Plötzlicher Todesfall" trug.

Ich »ahm das Blatt und las in den gewöhnlichen Ausdrucken die Anzeige, daß Herr Heyden, von der angesehenen Firma Palmer & Heyden, in der »er- hergegangenen Nacht um ein Uhr ganz plötzlich mit Tode abgegangen sei.

Und kannten Sie diesen Mann persönlich, Adeline, dajz sem Tob Sie so außerordentlich erschüttert hat? Erfuhren Sie das traurige Ereigmß erst letzt tbtn °Ach Gott, Gustav! Gustav!" rief sie, mich mit ungeduldiger Geberde unterbrechend. bie Stellung Ihre« Bruder« wird dieser To-

de-fall allerdings wohl nicht ohne Einfluß bleiben. Dod), liebe« Ätnb, in 3b- rem ganzen Gesichte spiegelt sich ja Schrecken wieder und Sie schemm sich wirk- lick in entsetzlich aufgeregter Stimmung zu befinden.

Suchen Sie Ihre Nerven doch wenigstens in etwas zu beruhigen und er­zählen Sie mir, was es denn eigentlich ist, wovor Sie sich so ängstigen.

Jetzt war die Zeit gekommen, wo ich Alles daran setzen mußte, mir i^r unbedingtes Vertrauen zu gewinnen, wenn es mir gelingen sollte, sic aus dem ** ÄÄÄÄ, herzlichsten Worten, daß sie fest darauf rechnen könne, mich in Noth und Tod an ihrer Seite zu pnben, M '*« 1B>< e* auch immer fein möchte, da« sie jetzt so ängstigte und quälte, entsch ossrn sei, die äußerste Energie meinet Natur, jede« mir nur irgend zu Gebote tthende Mittel aufzubieten, um ihr Beistand zu leisten, und bat sie dah-r, mir nunmehr unbedingte- Zutrauen zu schenken.

Unter dem Schicksal.

Eine Geschichte aus dem Leben von Edmund Frank-

Fortsetzung.) ,

Nein, nein, Madame Thalheim, ich lasse mich sicherlich von meiner Liebe 1U Gustav oder dem Glauben an seine Unwiderstehlichkeit blenden, aber ich möchte die Behauptung ausstellen, daß Fräulein Palmer ihn leibenschaftlich hebt"

Und wann erwarten Sie Ihren Bruder von seiner Reife zuruck, Aoelme?" "Er sagte, er würde am Donnerstage wieder hier sein. Ach, ich wollte, Ick» hätte ihn nur erst wieder bei mir, denn er sah angegrissen und krank au«, 'u er abreiste. Ich sagte ihm, ich wünschte, seine Stellung sei eine weniger engreifenbe, wie die eine« ersten Eommi«, weil ich befürchte, die Lasten seine« jetzigen Posten« würden ihn aufreiben."

Und welche Antwort gab er Ihnen?"

Anfana« gar keine, dann aber küßte er mich mit den Worten:

Nun beruhige Dich nur, Linchen, die Sache wird sich bald genug andern. Ich werte überhaupt nicht lange mehr Eommi« spielen, sondern demnächst mein eigener Herr sein. Dann wollen wir die Blumenstraße verlassen und da« Leben 6i^r Siebter denn da« Verhältniß zwischen Ihnen und dem LapltLn Theobald gar nicht, daß er nur von sich selbst und von Ihnen spricht?" fragte ich »er- ""^Nein, jch glaube nicht, daß er schon etwa« davon bemerkt hat. Man sagt ja, Brüder seien.in solcher Beziehung stet« länger blind wie andere Leute, unt bann" - hier leuchtete ihr feelensoUer Blick noch höher unb fünfter auf _ und bann muß e« unter allen Verhältnissen doch stet«Gustav unb ich' bleiben. Theobald würde un« niemals trennen, und selbst, wenn er e« zu thun verbuchte, würde e« ihm niemals gelingen."

Sy oft ich noch jetzt der armen, verwaisten Adeline gedenke, sehe ich sie, wie sie iu jener Stande vor mir stand, den schönen Kopf leicht zuruckgewvrfen, da« austrucksvolle Antlitz hoch erhoben unb vor tiefem Gefühl verklart, bie über bem schweren blauen Seidenkleids nur noch Weißer erscheinenden Hande, mit den

Wenig" Mmuttn,"'nachdem sie so gesprochen, verließ sie mich mit bem Ver- sprechen, am folgenden Morgen frühzeitig wieder zu kommen.

Martha »erließ am nächsten Morgen das Hau« bereit« gegen ach Uhr, um verschiedene nothwenvige Einkäufe zu machen, unb gleich darauf sah ich Abeline quer über bie Straße auf mein Hau« zukommen.

Sobald sie zu mir in« Zimmer trat, bemerkte ich sogleich, daß sie todk- lich bleich war unb schneller Wie sonst athmete.

.Wa« ist geschehen? War setzt Sie so sehr in Aufregung ?" fragte i» ängstlich, währenb ich mit jitternber Hanb bie Bänder des Nebelkappchenr loste,