Politische R u rr d s ch s rr
Berlin, 16. Juni. Bei der Berathung der Reform des ZollvereinStorifS im Zollverein wurden heute alle vorgeschlagenen Ermatzigungen angenommen, auch die auf Reis, nebst einem Amendement, welches den zur Stärkefabrikation bestimmten Reis von jedem Einfuhrzoll befreit. Hierauf beginnt eine sehr umfangreiche Debatte über die vorgeschlagene Steuer auf Petroleum, welche mit Ablehnung derselben — 155 gegen 93 Stimmen — endigt. Nach Verwerfung der Petroleumsteuer wurden die übrigen Positionen des Vereinstarifs genehmigt. Es folgt die Berathung der Zuckersteuervorlagen; die Debatte darüber wird auf morgen vertagt. — Die „Prov.- Corresp." schreibt: Die Entscheidung des Zollparlaments über die Petroleumsteuer werde zugleich darüber entscheiden, ob die Tarifreform im Ganzen überhaupt zur V.rwirklichung gelange.
Bremen, 16. Juni. Bei dem gestern im Rathhause stattgefundenen Diner, welches 2]/2 Stunden dauerte, sagte der König, in Erwiederung des von dem Bürgermeister Duckwitz auSgebrachten Toastes: „Er danke für die ergreifenden Worte, welche ihn eitel machen könnten, wenn er sie nicht im Gefühle ihrer wahren Bedeutung ausgenommen hatte. Wenn durch die Fügung der Vorsehung durch ihn ein großes ungeahntes Werk zu Stande gekommen, so habe er es nicht allein, sondern mit Hülfe von Mitstreitern, seinen Bundesgenossen, vollbracht. Es sei noch nicht Alles erfüllt, was die Sehnsucht der Lebenden wünsche, aber die spätere Generation werte die Früchte erndten und den Ausbau des Hauses sehen, wozu wir den Grund gelegt. Der König dankte hlcrauf mit freundlichen Worten für die Aufnahme, welche er in Bremen cefunden, und brachte ein Hoch auf die Stadt aus. Die Illumination verlief des Abencs in schönster Weise.
Heppens, 17. Juni. Soeben 1 Uhr Mittags fand die Einweihung des Mar-enhafcns in Gegenwart des Königs von Preußen, der Großherzöge von Oldenburg und Mecklenburg-Schwerin statt. Ma- rineminlster v. Roon verlas den historischen Bericht. Der König richtete Dankesworte an den Großherzog von Oldenburg und den Prinzen-Admiral Adalbert für deren Förderung des großen deutschen Werkes und umarmte den Prinzen. Hierauf wurde der Bau besichtigt. Später fand die Grundsteinlegung zur neuen Kirche statt.
Stuttgart, 17. Juni. Bei der heute in Rottenburg statlgefundcnen BtschofSwahl wurde Professor Häfele in Tübingen von dem Rottenburger Domkapitel einstimmig zum Bischof erwählt.
Wien, 15. Juni. Die von fast allen öfter- reichischcn Blättern verbreitete Nachricht, daß der regierende Chef o-.s Hauses Habsburg-Lothringen endlich seinen harten Sinn erweicht und mit dem Erzherzog Heinrich Frieden geschloffen habe, wird von der hochofficiösen „Oesterr. Corresp." entschieden dementirt. Obgleich in Oesterreich „alle Staatsbürger vor dem Gesetze gleich" sind, scheint es dem Kaiser Joseph Franz doch nicht leicht zu werden, seinem Vetter zu verzeihen, daß er eine „bürgerliche Person" zu seiner Gattin erwählt hat. Wenn sich übrigens der Erzherzog Heinrich die Verbannung aus Oesterreich gefallen laßt, so ist nichts weiter darüber zu sagen. Ist er aber der Meinung, daß das HauSgesetz der Habsburg-Lothringer nicht über der Verfassung stehe, so kann er sich als Staatsbürger an den Reichsrath oder das Reichsgericht wenden, um in seinen staatsgruntgesttzlichen Rechten geschützt zu werden. — Die Ueb.rreste des deutschen Reichsverwesers von 1848, des Erzherzogs Johann, sollen am 21. d. M. von Graz nach Schöna in Tyrol gebracht werden. Dort werden sie in der Gruft einer Capelle beigesetzt, welche die Nachkommen des Erzherzogs haben errichten lassen. Die Capelle kostete 400,000 fl. — Die amtliche „Wiener Zeitung" veröffentlicht heute den zwischen Oesterreich und Preußen abgeschlossenen Vertrag über die Regulireng der beiderseitigen Gränzen. Seelen werden in Folge desselben nicht ausgctauscht, sondern nur Wiesen - und Waldstücke.
Paris, 16. Der Kaiser hat an den Deputir- ten Mackau folgendes Schreiben gerichtet: „Ich habe das Schreiben empfangen, durch welches Sie im Namen Ihrer Wähler den Wunsch ausdrücken, daß meine Regierung stark genug sei, um den Angriffei! der Parteien zu widerstehen und für die Frci- beit Garantien der Dauer zu geben, indem sie sich auf t ne starke und wachsame Macht stütze. Sie fügen mit Recht hinzu, daß Concessionen von Princi- pien oder persönliche Opfer Volköbew-gungen gegenüber stets fruchtlos bleiben und eine Regierung, welche sich achtet, weder einem Druck, noch einer vorüberge
henden Stimmung oder einer Erneute nachgeben soll. Dieß ist meine Anschauungsweise, und es freut mich, daß sie von Ihren Committenten, sowie nach meiner Ueberzeugung auch von der großen Majorität der Kammer, getheilt wird.
Paris, 17. Juni. Das „Officielle Journal" meldet, daß in der Nähe der Minen von St. Etienne ein Zusammenstoß zwischen Truppen und Arbeitern stattgefunden habe. Ein Hauptmann mit drei Compagnien Soldaten begegnete einem Trupp Bergleute, welche am Morgen versucht hatten, die Fortsetzung der Arbeiten zu verhindern, und machte sie zu Gefangenen. Beim Einzug in St. Etienne wurden die Truppen von der Menge, welche die Gefangenen befreien wollten, mit Steinen geworfen und Pistolen auf sie abgefeuert. Die Angreifer wurden inveß in die Flucht geschlagen und 33 Gefangene nach dem Gefängniß abgeführt. Sechs bis sieben der Meuterer sind todt, mehrere Soldaten verwundet.
Madrid, 14. Juni. Die „Madrider Zeitung" vom 13. d. theilt üb.r die Sitzung der Cortes vom 12. Folgendes mit: Der Marschall Prim antwortet auf eine Rcdx des Abgeordntten Cantero: „Hr. Cantero richtet an mich die ganz sonderbare Frage, warum wir keinen König haben. Aber wissen Sie das n'd)t so gut wie ich? Wir habrn keinen König, weil die Fürsten, die man als Candidaten zum spanischen Thron ansehen konnte, die Krone nicht haben annehmen wollen. Dom Ferd-nanv von Coburg hätte die Lösung dieses Problems sein können; er weigerte sich dessen, und es wird mir erlaubt sein, auszusprechen, daß ich feine Weigerung nicht sehr vernünftig gefunden habe. Ich begreife vollkommen, daß dieser Fürst, welcher sich eine Existenz ganz nach seinem Geschmack cingerichtet hat, daran Anstoß nehmen kann, eine andere anzunehmen, um so mehr, als diese Aenverung der portugiesischen Regierung vielleicht nicht angenehm war. Wenn indeß dieser Fürst etwas weniger seine persönlichen Neigungen zu Rathe gezogen hätte, so würde er die Hand zu einer Combination geboten haben, durch welche die Bedeutung und der Wohlstand beider Völker in hohem Grate vermehrt worden wäre. Es ist gut, daß Vas portugiesische Volk es erfahre: Wir haben nie den Gedanken gehabt, die portugiesische Nationalität durch eine Fusion mit der spanischen zu gefährden; wir wünschten nur zwei binachbarte Brudervölker derselben Race, fast derselben Sprache mit einander zu vereinigen. Die Granzen wären gefallen, die Beziehungen hätten sich vermehrt, und doch würde jedes Volk seine Autonomie bewahrt haben. Ich habe mich kategorisch in diesem Sinne ausgesprochen, als ich als Flüchtling nach Portugal kam; es war bei Gelegenheit eines Bankers, welches den exilirten Spaniern von meinem ausgezeichneten Freunde, dem Marquis de Veza, gegeben wurde. Meine offenen Erklärungen wurden damals sehr gut ausgenommen, auch wiederhole ich sie heute, damit die Portugiesen dieselben wohl beherzigen mögen. Wir haben also keinen König, weil der Throncandidat Dom Ferdinand unser Anerbieten nicht angenommen hat, aber wir werden svrtfahren, einen zu suchen, und wir werden einen finden, oder besser gesagt, wir haben schon einen gefunden. Wissen die Herren Deputlr- ten, warum wir ihn nicht schon präsentirt haben? Weil es bei dem wenig ruhigen Zustande, in dem wir uns befinden, schwer ist, daß Jemand Spanien zu regieren sich entschließt. Allein dieser Zustand der Dinge wird unter der schützenden Aegide der Regentschaft vorübergehen, und wenn das Land seine Ruhe wieder erlangt haben wird, so bin ich sicher, baß nicht blos ein Candidat, sondern mehrere nach der Ehre streben werden, die Krone Spaniens zu tiagen. Dann ist der Augenblick gekommen, wo die Frage ihre natürliche Lösung erhalten wird."
Madrid, 16. Juni. Die Cortes votirten die RegtNischost Serrano's mit 193 gegen 45 Stimmen.
Vermischtes.
Darmstadt, IO. Juni. Dieser Tage ereignete sich vor dem Bezirk-ftrafgericht eine Scene, welche wer unfern Lesern nicht vorenthalten wollen. Der Vorsitzende rief eine Sache auf, befragte den Beschuldigten nach seinen Personalien und bedeutete ihn, daß er sich auf die Anklagebank setzen solle. „Wenn Sie cs erlauben, so bin ich so frei," erwiederte der Angeklagte.
Nom NogclSbcrg. tiin Gräflich Stolberg'scher Forst- aufsiher aus Gedern wurde am 7. d. auf dem Purschgange in Folge eines in seiner nächsten Nähe gefallenen Schusses eines Mannes ansichtig, welcher eben im Begriff war, ein vor ihm liegendes qeschvffeneü Reh aufzunehmen. Der Aufforderung des Forstbeamten, zur Feststellung seiner Persönlichkeit mit nach Gedern zu gehen, leistete der hiernach des Jagdfrevels dringend Verdächtige gutwillig keine Folge, sondern suchte sich des Gewehres des ForstauffeherS zu bemächtigen, worauf dieser den ersteren nach kurzem Ringe,, zu Boden warf. Als
nun der Forstaufseher den vor ihm liegenden Frevler wieder, holt zum Mitgehen aufforderte und ihn durch Anfaffen am Rückfragen zum Aufstehen zwingen wollte, fiel aus dem nahen Wald ein Schuß, welcher den Forftaufseher durch fünf Schrote in den Schenkel und zwei in die Achsel derartig verwundete, daß derselbe genöthigt war, den Frevler, welcher durch Weherufen kund gab, daß er ebenfalls geschossen sein mußte, lo-zu- laffen und den Heimweg anzutreten. Nach alsbald erfolgter Anzeige des Vorfalles m Gedern und nach den von dem Verwundeten gemachten Personalbeschreibungen des Frevlers fiel Verdacht auf ein in Wingershausen, Kreis Scholten, wohnendes Jnvididuum, Heinrich Horst, zu dessen Habhaftwerdung die GenSd'armerie in Bewegung gesetzt wurde. Schon am anderen Morgen wurde Horst, der sehr verdächtigerweise mit einer durch ein Schrot verursachten Schußwunde an der Nase br haftet war, an das Landgericht Ortenberg abgelieferr. Bei der vorgenommenen lLonfrontation erkannte der Forstaufseher auf das Bestimmteste den am Abend vorher ergriffenen Forstfrevler, und auch dieser läuguete hieraus nicht, daß der zu Bette liebende Forstmann derjenige sei, welcher ihn gestern verfolgte, ergriffen und zum Mitgehen nach Gedern aufgeforbert habe. Zu weiteren Geständnissen war der Arrestant nicht zu bewegen. Auf den Begleiter Horst'S, durch dessen Schuß der Forftaufseher verwundet wurde, wird eifrigst gefahndet.
Vom Rhein, lieber den Mord im Stationsgebäude zu Horchheim enthält die „Rhein.-Ztg." nachfolgende Cinzelnhei- ten: Während die Familie Igel gewöhnlich erst um 8 Uhr früh im Hause sichtbar ward, ging an dem verhängnisvollen Morgen Lieutenant Igel mit seinem jüngeren Bruder bereits gegen 6 Uhr in dem an dem Hause gelegenen Garten spazieren, ersterer ui Uniform, den Degen an der Seite, letzterer mit einem sogenannten Todtschläger »ersehen. Nach Verlauf einer Viertelstunde begaben sich Beide in daS Haus zurück, in welches bald darauf auch der im Garten beschäftigt gewesene Bahnmeister Weichet eintrat, um sich anzukleiden. Einige Minuten darauf vernahm dieser vom Innern des Hauses her Hülferufe und fand, als er vor die Zimmerthure des Schwangen gekommen war, daselbst den Bruder des Lieutenants Igel, den Todtschläger in der Hand, postirt. Derselbe brach, nach einem vergeblichen Versuche deS ersteren, die Thüre zu öffnen, in lautes Hohngelächter aus, denn die Thüre war von innen verriegelt. Weichet lief nun sofort in den Garten und sah durch daS offen stehende Feuster deS Schwangen'schen Zimmers, wie Schwangen und Lieutenant Igel sich rangen, wobei ersterer fortwährend um Hülfe rief letzterer hoch den Degen schwang. Nun begann auch Weichet um Hülfe zu rufen, worauf ein Ginwohner aus Horchheim, Namens Nonninger, welcher des WegcS kam, herbeieilte und an das besagte Fenster trat, wo er Schwangen am Boden liegen, den Lieutenant Igel aber den Degen nach dessen Brust zücken sah. Während er vom Fenster aus mittelst eines Knüppels vic noch immer Ringenden zu trennen suchte, erschien der Bruder des Lieutenants und drohte, indem er dem Nonninger einen derben Hieb auf die Hand versetzte, mit welcher er sich an der ziemlich hoch gelegenen Fensterbrüstung festhielt, Jeden todtzuschlagen, der eS wage, in's Zimmer einzusteigen. Bahnmeister Weiche! brachte nun feine Frau, welche gleichfalls herbeige'aufen war, ins Haus zuruck, und als darauf Nonninger die im Hause befindliche Wittwe Igel auffvrderte, ihren Sohn von Töbtung deS Schwangen abzuhalten, rief sse ihm zu: „Kummern Sie sich nicht darum, es geschieht dem Fr.chhänschen recht!" Bald darauf ward es still am Orte des Kampfes. Lieutenant Igel sprang zum Fenster hinaus mit blutigem Degen in den Garten, von wo er, gleich seinem Bruder, in'S Haus eilte. Wittwe Igel, welche an der HauSthüre gestanden, schloß diese sofort. Als Bahnmeister Weichet bald nachher durchs Fenster in das Schwangen'sche Zimmer stieg, fand er dort den Leichnam des Unglücklichen, und unter der Leiche die Mütze des Lieutenant- Igel liegen. Zur Charakteristik deS Vorfalles bemerken noch, daß die Dienstmagd der Familie Igel einige Tage vorher im Orte Horchheim sich geäußert hatte: „Wenn der Herr Lieutenant in unser Haus kommt, so gibt'S ein Unglück!" — Au- Koblenz wird noch gemeldet, daß Premierlleutenant Igel aus dem Offizierstaiide auSgestoßen und dem Kreiügerichte zu Neuwied zur Aburtheilung übergeben werden soll. Die Leiche des Crmordeten wurde feierlich unter zahlreicher Theilnahme zur Erde bestattet.
DaS Bezirksgericht der inneren Stadt Wien zeigt im AmtSblalte der „Wiener Zeitung" vom 13. d. M. an, daß Gustav Graf ChorinSky wegen „gerichtlich erhobenen Wahnsinn-" unter Curatel gesetzt und dessen Vater, der Geheimerath Gustav Graf ChorinSky, zum Curalor bestellt wurde. Die bezügliche Kundmachung des Bezirksgerichte- ist vom 10. dieses Monats datirt.
Aus Hcrricdcn, 14. Juni, wird der „Fränk. Ztg." geschrieben : In voriger Woche nahm das europäische Lustmeer eine abnorme Lage an. Die Luftwellenthäler mit den tiefe.. Barometerständen und gemischter Witterung zogen in der Richtung von Lappland nach dem mittelländischen Meere, während im Nordosten ein Luftwellenberg mit hohem Barometerstand und heiterem Himmel fast stationär blieb. Doch ändert fick seit vorgestern diese Situation insoferne, als der Barometer in Nordwesten stark fallt und sich auch hier schlechtes Wetter einfindet. Ueberhaupt find noch keine Anzeichen auf dauernd schöne Tage vorhanden.
* Gustav Nasch erzählt im „11. - Lloyd" unter Anderem folgende Geschichte: In Malaga wohnte vor vielen Jahren em armer deutscher Spielwaarenhändler, der eine sehr schöne Tochter hatte. Der dritte Sohn des alten, in Andalusien reich begüterten Grafen Monti jo fing mit der schönen Tochter de- . rrntn deutschen SpielwaarenhändlerS eine Liebschaft an. Aber daS Mädchen war klug, wie so und so viel Jahre später ihre Tochter Cugenie, als sie in Paris dir Bekanntschaft LouiS Bonaparte'ö, deö damaligen Präsidenten der Republik, machte; beim fie sagte: „Ohne Herrath feine Liebe." Der Sohn des alten Grafen Dtonlijo war aber liebestoll, er mußte die Tochter de- armen deutschen SpielwaarenhändlerS besitzen und heira thcte fie wider den Willen seine- Vater- und der ganzen Familie. Der alte Graf wurde wüthend und entzog seinem Sohne jedes Cinkommen; eS ging daher den jungen Cheleuien lange Zeit miserabel. Aber die junge Gräfin hatte Gluck. Dir beiden älteren Biüder ihres Manne- starben, und Letzterer wurde der Erbe her Titel und Besitzungen seines reichen Vater-. Die Tochter dieses arnun deutschen Pfädchens ist die Kaiserin der ’ Franzosen, LouiS Bonaparte ö Frau. (?)
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr- Chr. Pietsch) in Gießen.


