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Feuilleton.

Späte Vergeltung.

Criminalnooelle von Fr. Wilibald Wulff.

(Fortsetzung.)

Auch war es sein Werk gewesen, daß die Eindeichung des sogenannten Elisabeth-Sophien-Kooges, vormals Christians-Koog genannt, in dessen Nähe seine Wohnung lag, so verstärkt worden, daß auf dieser Seite die Insel gegen jeden Einbruch der Nordsee geschützt war.

Einige kurze statistische und geographische Notizen über Norostranv, welches eine Meile westlich von der schleswigschen Küste liegt, dürften vielleicht unseren Lesern an dieser Stelle nicht unwillkommen sein.

Die Insel gehörte vormals zum alten NordfricSland und ward durch meh- rere starke Wafferfluthen vom festen Lande getrennt.

Sie enthielt damals die Kirchspiele Pellworm, Ballung, Osterwolvt, Bu° phever, Bupsee, Konningsbüll, Stintebüll, Gakenbüll, Ovenbüll, Evesbüll, Eines- büll, HerSbüll, Ilgruf, Westerwoldt Trindermarsch, Lith, Ham und Morsum.

Kurz vor der Sturmfluth 1634 betrug die Einwohnerzahl der Insel fast 8000.

Durch die erwähnte Fluth, welche durch 44 Deichbrüche in'S Land drang, wurden über tausend Häuser, darunter alle Kirchen, bis auf die Odenbüller, zerstört und 6000 Menschen verloren das Leben.

Wie wir früher erzählten, zersplitterte die See Nordstrand in mehrere In­seln, welche man gegenwärtig mit dem Namen Nordstrandische Landschaft umfaßt.

Nach der Zerstörung war Nordstrand, welche nur noch aus dem Kirchspiele Ovenbüll und einem Theile der Kirchspiele Gaikenbüll, Trindermarsch und EmS- büll bestand, fast 20 Jahre ohne Bedeichung und wurde einigen Brabanter Fa­milien eingeräumt, die 1652 von dem Herzog Friedrich sehr vortheilhafte Pri­vilegien erhielten.

Es entstanden nun nach und nach fünf Kooge, im Jahre 1654 der Friev- richS-Koog, 1656 der Marien-ElisabethS-Koog (Osterkoog), 1663 der Trindel- marfch-Koog, 1691 der Neue Koog und 1779 der Christians-Koog.

Nordstrand ist eine Melle lang und dreiviertel Meile breit.

Längst der Ostsee der Insel erstreckt sich ein ziemlich großes Vorland, wel­ches an den Neuen Koog und an den Elisabeth-Sophien-Koog grenzt.

Wie in allen Marschen liegen auch hier die Bauernhöfe zerstreut auf der ganzen Insel, auf eigens dazu erbauten Werften.

Die Wohnungen der Handwerker, Taglöhner rc. liegen auf dem Mittel- Deiche.

Landwirthschaft, Schifffahrt und Fischfang bilden die HaupterwerbSquellen der Inselbewohner.

Nordstrand bildet eine Commüne und wird von sieben Hauptparticipaten verwaltet, bei deren Versammlungen und Berathungen der Staller als Proto- collführer fungirt.

Das Collegium des Participaten leitet die ökonomischen Verhältnisse der Landschaft, mit einem Deichgrafen und drei Deichaufsehern gemeinschaftlich das Deichwesen und in Verbindung mit drei Armenpflegern und einem Armenrech- nungSführer das Armwesen.

Die Justiz wird nach den Bestimmungen des Norvstrander Landrechts von dem Hardes« oder Laudvogt und fünf Rathsmänner geübt.

Außerdem fungirt der Staller als Steuerbeamter.

Nordstrand hatte zu derselben Zeit, in welcher unsere Erzählung spielt, also in der Mitte der vierziger Jahre unseres Jahrhunderts, circa 2500 Einwohner, darunter ungefähr 300 Katholiken und Iansenisten.

Die Lutheraner haben die alte Odenbüller-Kirche inne, die Iansenisten die Theresienkirche, eine Capelle, welche auf dem Oster-Mitteldeiche liegt, und die Katholiken die römisch-katholische Capelle auf dem im Marien-Elisabeths-Kooge gelegenen Oratorium oder Herrenhause.

Diese Capelle ist 1661 erbaut und eine Privatstiftung der Congregation der Oratoriumsbrüder, welche ihren Hauptsitz in Brüssel haben und unter dem Erzbischof von Köln stehen.

Die Sacra besorgt ein von den Oratoriumsbrüdern gesendeter Geistlicher, der von ihnen salarirt wird und die Predigten in deutscher Sprache hält.

Der Gottesdienst in der Jansenistischen Capelle wird in holländischer Sprache und in der Odenbüller-Kirche in deutscher Sprache gehalten.

Norbstrand hat zwei Häfen, welche jedoch nur für kleinere Schiffe ausrei­chende Tiefe haben.

Zur Ebbezeit können Wagen von der Insel nach dem beinahe eine halbe Meile entfernten Hallig Südfall, nach der Insel Nordstrandisch-Moor und sogar nach der schleswigschen Küste gelangen.

Spuren des von der See hinweggcschwemmten Theiles der Insel sind nicht mehr vorhanden und nur hier und da einzelne Gräben der vormals beackerten Ländereien bemerkbar.

Wir wollen nach dieser Abschweifung den Faden unserer Novelle damit aufnehmen, zu erzählen, daß gerade zu der Zeit, als Harms vom Krankenbette erstand, Else einen Brief ihres Verlobten erhielt, worin ihr Rolf mittheilte, daß jetzt, nach dreizehn Jahren, sich eine Spur seines damals so plötzlich verschwun­denen Vaters gezeigt habe.

Bei einem Lootsen in Cappeln sei nämlich die Uhr, welche sein Vater aus der Hinterlassenschaft des Bruders seiner Mutter geerbt und auf seiner letzten Fahrt bei sich getragen habe, entdeckt worden.

Ein Hausfreund seines Vaters, ein Flensburger Uhrmacher, der bei Leb» Zeiten des Capitäns die Uhr mehrfach in den Händen gehabt, hatte sie sogleich wieder erkannt, als sie ihm zufällig vor wenigen Tagen zu Gesicht gekommen war.

Es war ein altes Genfer Werk und mit solch' ausgezeichneter Sorgfalt und Solidität gearbeitet, wie wenige Werke der neueren Fabrikation.

Der Lootse, welcher die Uhr schon seit circa 12 Jahren zu besitzen behaup­tete, wollte sic von einem Trödler in Altona gekauft haben.

Die Flensburger Polizeibehörde, der er selbst die Anzeige davon gemacht, schrieb Rolf weiter, habe sich sogleich mit der Altonaer in Verbindung gesetzt.

Bis jetzt sei jedoch noch kein weiterer Ausweis erfolgt, jedoch hoffe er, bald varthun zu können, daß sein Vater, trotz allen seiner Meinung entgegenlaufenden Ansichten, wie er es immer behauptet habe, ermordet worden sein.

Als Else ihrem Vater mittheilte, was Rolf geschrieben hatte, erblaßte der Greis, und als er seiner Tochter gebot, in ihrem Antwortschreiben Rolf zu ver­

anlassen, ihr über die näheren Einzelheiten der Entdeckung der Uhr zu berichten, zeigte sich eine tiefe Erschütterung in seinem ganzen Wesen.

Der Verdacht, daß Rolf der Sohn des Ertrunkenen sei, den er auf der Watte beraubt, kehrte mit erneuter Stärke in seine Brust zurück.

Obschon die Leiche stark in Verwesung übergegangen war, so wollte es Harms jetzt plötzlich scheinen, als wären ihre Gesichtszüge dem Antlitz des Bräu- tigams seiner Tochter ähnlich gewesen.

Er befand sich in einem erbarmungswürdigen Zustande; der Gedanke, daß sein Argwohn sich erfüllen und jetzt, wo er nahe daran war, das Glück seiner Tochter den besten, sichersten Händen anzuvertrauen, die Folgen seiner That über ihn hereinbrechen würden, verließ ihn nicht mehr und mit fieberhafter Unruhe erwartete er Rolf's Brief, der ihm die Entscheidung bringen sollte.

Vergebens war das Bemühen seiner beiden Kinder, welche in seinem scheuen, verstörten Wesen ein neues Anzeichen der wiederkehrenden Krankheit sahen, ihn aufzuheitern und zu zerstreuen.

Sie vermehrten nur seine Qualen, welche seine letzten Kräfte aufzureiben drohten.

Er dachte häufig, ob es nicht besser sei, sich ihnen anzuvertrauen, als län­ger die Pein zu tragen, den Fragen und Bitten ihrer Besorgniß Stand zu halten.

Nicht selten schwebte das Geständniß auf seinen Lippen, aber die Furcht, das Einzige zu verlieren, was er noch besaß, ihre Liebe, bannte ihm das Wort auf die Zunge.

Außerdem klammerte er sich, wie der Ertrinkende an einen Strohhalm, trotz seines Verdachtes zuweilen doch noch an die Hoffnung, daß der Zufall eine selt­same Aehnlichkeit herbeigeführt habe.

Harme rechnete ferner fast mit Zuversicht darauf, daß Rolf's Brief seinen Argwohn zerstreuen möge.

Aber dieser Augenblicke gab es nur sehr wenige und daß Rolf nicht schrieb, steigerte seine Unruhe.

Inzwischen war die Kunde auf der Insel verbreitet worden, daß Harms Leben sich seinem Ende zuneige und sein blasses, geisterhaftes Aussehen bestärkte Alle, die vermöge ihrer Bekanntschaft mit ihm oder seinen Kindern die Rechte der Gastfreundschaft seines Hauses genossen, im Glauben, daß es mit ihm zu Ende gehen werde.

Der Landvogt, ein wenngleich strenger, so doch freundlicher und leutseliger Mann, der Harms Verdienst um das Armen- und Deichwesen genau zu würdi­gen verstand, erachtete es für seine Pflicht, der allgemeinen Verehrung und Liebe Ausdruck zu geben, und dadurch die letzten Lebenstage des so wohlthätigen und verdienstvollen Mannes zu verschönern.

Er verband sich zu diesem Zwecke mit den angesehensten und reichsten Be­wohnern der Insel und in einer Versammlung derselben ward beschlossen, dem Greise ein Ehrengeschenk zu überreichen, an welchem sich sämmtliche Bewohner von Nortstrand betheiligen sollten.

Keiner schloß sich aus.

Protestanten, Katholiken und Iansenisten wetteiferten, die zur Beschaffung des Geschenkes, eines großen Bechers von gediegenem Silber, nöthigen Mittel zusammen zu bringen.

Der Aermste gab willig sein Scherflein.

Zu gleicher Zeit verwendete sich der Landvogt bei der Regierung in Ko­penhagen für die öffentliche Auszeichnung des ehemaligen Schlickläufers, dem seine heimathliche Insel so viel zu danken habe.

Seit Rolf's letztem Schreiben waren fast drei Wochen verflossen.

Else hatte auf zwei Briefe keine Antwort erhalten.

Jetzt begann auch sie unruhig zu werden und ihre verstohlen fließenden Thränen fielen wie glühende Tropfen auf das Herz ihres Vaters.

Die Zurüstungen zu der auf den ersten Januar festgesetzten Hochzeit waren bereits vollendet.

Diesen Tag hatte auch der Landvogt dazu bestimmt, Harms im Namen aller Bewohner von Nordstrand das silberne Ehrengeschenk überreichen zu lassen.

Bis dahm hatten nur noch vierzehn Tage zu verstreichen und täglich er­wartete der Landvogt die Anzeige aus Kopenhagen, daß die Regierung seinem Gesuche willfahren würde.

Die erhoffte günstige Entscheidung erfolgte nicht, sondern statt ihrer traf eine Weisung des Flensburger Polizei-Amtes ein, Dirk Harms sofort zu ver­haften wegen Verdacht des Mordes, begangen an dem Capitän Albrecht Jsenbrand.

Anfänglich war der Landvogt sehr geneigt, diese Weisung für eine Irrung zu halten, aber die Acten belehrten ihn, daß eben von Niemand Anderem die Rede sein könne, als von dem ehemaligen Schlickläufer.

Der Cappler Lootse, in dessen Besitz die Uhr des Capitäns Jsenbrand ge­funden worden, hatte diese, wie wir wissen, von einem Trödler in Altona gekauft.

Anfangs wollte der Trödler nicht mit der Sprache heraus, wo und von wem er die Uhr erhalten, aber in scharfes Verhör genommen, räumte er bald ein, die Uhr von seinem Bruder, welcher in Bremen ansässig war und mit Gold- und Silberwaaren handelte, zum Geschenk bekommen zu haben.

Sogleich wurden in Bremen Recherchen angestellt.

Der Bremer Handelsmann, welcher damals von Harms Ring nnd Uhr des Ertrunkenen gekauft hatte, erinnerte sich noch mit Deutlichkeit des Namens und der Person des Käufers.

Harms war nämlich zu jener Zeit längs der schleswigschen Küste eine all­bekannte Persönlichkeit und auch dem Bremer Händler, welcher früher längere Zeit auf Nordstrand gelebt hatte, nicht unbekannt.

Er nahm keinen Anstand, zu erzählen, was er wußte, und erkannte auch sofort die Uhr als dieselbe, welche Harms ihm damals verkauft hatte.

Durch ihn erfuhr die Behörde, daß Harms auch im Besitze eines Brillant- rings gewesen sei, den er gleichfalls verkauft habe. Wer ihm diesen Ning wie­der abgekauft, wußte er nicht mehr zu sagen, da inzwischen zehn Jahre darüber verflossen seien.

Die Aussage des Bremer Händlers war hinreichend, einen schweren Ver­dacht auf Harms zu werfen.

Rasch und energisch angestellte Nachforschungen ergaben, daß er vor drei­zehn Jahren noch blutarm gewesen sei und kaum so viel verdient habe, um sein Weib und seine Kinder vor Mangel zu bewahren.

(Fortsetzung folgt).