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Aeilage zu Ar. 76 des Kreiener Anzeigers.

Feuilleton.

Die Verschwörer von 1799.

Roman von de Saint-Felix.

(Fortsetzung)

Der Bürger Director ergriff das Blättchen und las mit gierigen Augen die nachstehenden Zeilen, deren unklarer, abgerissener Inhalt ihn sehr zu beschäf­tigen schien:

Von Alex . . . nach Tou ... 14 oder 15 Tage Ueberfahrt. Von Tou . . . nach Paris fünf Tage mit der Post. Ich habe Zeit nach X. zu gehen. Wird H... mich sehen wollen? Wenn nicht, so werde ich mich tottschießen. Personen, die ich vor meiner Abreise nach X- sprechen muß: Sieyös, Talleyrand, Rewbel, Recamir, Ouvrard, namentlich Lucian. Von X aus Nachrichten über Carnot einziehen."

Aha! sagte der Director, indem er das Papier in seine Tasche schob. Liebe und Politik! Der Narr wird zu Allem capable sein. Er will Nachrichten über Carnot einziehen, der noch proscribirt ist; namentlich Lucian sprechen, der... ei, ei! und Sieyös gar, der mich verabscheut! Aber wer, zum Teufel, ist diese H..., für die er sich todtschießen will? Henriette, Helvise, Hortensia, Hono- rine . . . Der Teufel hole mich, ich kenne nicht eine Einzige, für die ich nur einen Tag meines Lebens aufopfcrn möchte!

Dann fragte er mit lauter Stimme: Was that er nachher?

Sein bescheidenes Diner dauerte nichtSkestoweniger ziemlich lange. Ais er sortging es war beinahe fünf Uhr begab sich unser Offizier zu Lesage und St. Georges, den Kleiterkünstlern im Palais Royal. Dort blieb er zehn Minuten und versprach, um sieben Uhr wieder vorzusprechcn. Ein sehr schlecht gekleideter Quidam erwartete ihn an der Thür und gab ihm eine Rolle. Es war Silber, oder vielmehr Gold--

Da sieht man, wie hoch man das Papiergeld schätzt! Und dieser Qui­dam? und der Offizier?

Sie trennten sich.

Und Ihr seid ihnen nicht gefolgt?

Meiner Seel', ich kann mich doch nicht zweitheilen!

Schon gut! Weiter!

Um halb sechs Uhr trat der Offizier in das ehemalige Cafs de la Re- gence, wo er in reichlichem Maße, nicht Thee mit Rum, sondern Kaffee mit sehr viel Citronensaft trank.

Limonade! Damit richtet man in aller Welt nichts aus.

Dort schrieb er zwei Briefe.

Ihr habt sie gelesen?

Ich war draußen vor dem Casö, aber ich hatte einen Agenten ganz in seine Nähe gesandt. Als er herauskam, sagte mir der Agent, daß einer der Briefe an den Bürger Montfort, Juwelier in Marseille, und der andere an den Bürger Bonifacio in Genua adrcssirt sei.

Gut! Zwei Briefe, die per Gelegenheit nach Kairo geschickt werden sollen. Man wird sie auf der Poft anhalten. Nachher?

Um acht ein halb Uhr kehrte ter Offizier zum Klciderhändler im Palais Royal zurück. Dort macht er jetzt seine Toilette, um sich hierher zu begeben. Er hat einen Wagen bestellt. Das ist Alles, Bürger Director.

Schön! Bleibt im Luxembourg und fahrt fort, ihm zu folgen.

Der Agent machte eine tiefe Verbeugung und entfernte sich aus dem Cabinet.

Paul Franyois Jean Nicolas, Graf von Barras, aus der alten Familie dieses Namens, war in der Gegend von Bouc in der Provence am 21. Juni 1755 in einem Schlosse, nahe dem Meerbusen von Foy, geboren. Das Ge­schlecht dieser Familie war berühmt, man pflegte im Midi, wenn von den Barras die Rede war, sprüchwörtlich zu sagen:alt wie die Felsen der Provence." Der Graf hatte in der königlichen Familie seine ersten Dienstjahre verbracht; er hatte mit Auszeichnung auf dem Geschwader Suffrens gedient.

Später ging er zur Land - Armee über und die Revolution machte ihn zum Divisionsgeneral. Durch seinen vorzüglichen Geist, seine Bildung, seinen wag­halsigen und zugleich ausdauernden Charakter hatte sich Barras inmitten der politischen Aufregungen jener großen Epoche einen bedeutenden Einfluß verschafft. Er wurde bald der intime Freund jener Männer, denen nach der Despotie des Convents die Gewalt in Vie Hänve gefallen war. Er hatte ein beträchtliches Vermögen in Gesellschaft hervorragender Persönlichkeiten durchgebracht, welche naturgemäß seine Freunde und Widersacher, aber zugleich seine Collegen wurden. Sicherlich war er ein höchst geistvoller und fähiger Kopf, dessen Mission eine herrliche hätte sein müssen, wenn er sie besser verstanden, oder vielmehr, wenn nickt wiloc Leidenschaft seine Gedanken und Pläne durchkreuzt hätte. Als Bar­ras in den Besitz der Direktorial - Gewalt gelangte, verröchelte zu seinen Füßen Die schreckliche Macht der Diktatoren des Convents. Frankreich, das nach dem 9. Tberm dor endlich freier aniathmcte, hatte mit Enthusiasmus die Erhebung eines Mannes zum Staatslenker begrüßt, von dessen Mäßigung es sich eben so sehr, wie von seiner Fähigkeit überzeugt hielt. Man weiß, wie der neue Perckles die Schmeichler hatten ihn so getauft vor den Augen einer Republik, welche durch so viele Blutlachen gewandelt war, anfangs eine höchst geschickte Stellung einzunehmen verstand. Allein man weiß nicht minder, wie sich die Staatsgewalt unter den Händen des obersten Direktors corrump rte, wie er die­selbe am 18. Fructidor mißbrauchte und mit welcher beklagenswerthen Geschick­lichkeit er bis zu dem Zeitpunkte, von welchem hier die Rede ist, nicht abließ, sie mehr und mehr zu entwürdigen.

Jetzt, im Alter von vierundvierzig Jahren, war Barras noch immer ein Mann, dessen Gewohnheiten und Neigungen täglich von der Gluth der Leiden­schaft zehrten. Barras brauchte zu seinem Leben Gold in reichstem Maße und Gold um jeden Preis. Er hatte demnach für seinen Theil nicht wenig dazu beigetragen, den finanziellen und sittlichen Zustand des Landes in jene lebensge­fährliche und entsetzliche Verwirrung zu stürzen, aus welcher einzig ein unerbittliches militairisches und gesellschaftliches Universalgenie Frankreich erretten konnte.

Aber kehren wir zu unserer Erzählung zurück. Wir gedenken hier ja nicht, t philosophische Geschichte des Directoriums zu schreiben.

An dem Abend, von welchem wir reden, hatte sich der Bürger Barras sehr ernsten Betrachtungen hingegeben Seine Instinkt und seine Polizei jeder Mann von Gewicht hatte damals seine eigene hatten ihn aufmerksam gemacht, daß ein dem Dircctorium feindseliger Einfluß die öffentliche Meinung für sich zu gewinn!« anfange. Eine neue Macht schien sich wie ein junges Gestirn zu er­heben, dessen Aufgang am politischen Horizont das Land erwartete. Dies Ge­stirn von glücklicher Vorbedeutung war der Siern des jungen Besiegers von Italien und Eroberers von Egypten. Bonaparte, welcher die Beys der Mame- luden gezüchtigt und zum Schaden Englands Frankreich seinen Einfluß in der Levante zurückgcgeben hatte; Bonaparte, schon so groß mit dreißig Jahren, schon so populär, so bewundert war er nicht der gefährlichste Mann für das Di- rectorium, vielleicht gar für die Republik und die Freiheit? Und dachte nicht dieser junge General inmitten seiner Triumphe, dieserSultan des Feuers ', wie ihn die Araber und Türken selbst benannten, dachte er nicht heimlich daran, Kairo zu verlassen, um plötzlich unvermuthrt in Paris zu erscheinen und sich in einem Augenblicke allgemeiner Begeisterung der Obergewalt zu bemächtigen, um sich für immer mit derselben zu bekleiden?

Für einen ehrgeizigen und herrschsüchtigen Mann wie Barras gab es hier in der That Stoff zum Nachdenken genug.

Soeben hatte die Polizei verschiedene geheime Manöver entdeckt; sie hatte mancherlei Fäden von Lauipulver zu entdecken geglaubt eine Mine konnte explodiren.

Schon waren mehrere Offiziere der egyptischen Armee unter dem offiziellen Deckmantel von allerlei Missionen nach Paris zurückgckehrt. Alle verricthen eine elektrische Begeisterung für den General en Chef der lcvantisch.n Armee. Aber der zuletzt Angekommene, der Hauptmann Rcymond, erschien in einem kritischeren Momente, als je zuvor. Auch hatte sich das Auge von Barras nickst getauscht; dieser junge Mann, der nur das Aeußere eines glücklichen Soldaten zur Schau trug, besaß insgeheim verdächtige Eigenschaften, einen ausgezeichneten Geist, viel­leicht gar eine vornehme gesellschaftliche Stellung. Reymonv war ohne Zweifel ein sehr demokratischer Name; aber diente derselbe nicht als Futteral für einen weit vornehmeren von erlauchtester Abkunft ? Wer gewährleistete Barras dem Grafen Barras, der sich recht gut auf aristokratische Vorzüge verstand daß nicht dieser Offizier der beglaubigte Unterhändler des großen Heerführers mit der reaktionären, immer noch mächtigen Partei, der Partei des französischen Adels, war?

Daher hatte der Bürger Direktor nach reiflicher Ueberlegung beschlossen, das unbekannte Geheimniß, dessen Existenz er argwöhnte, zu erforschen, unc hatte zu diesem Ende ein Mittel in's Auge gefaßt, von welchem er sich einen unfehl­baren Erfolg versprach.

Allein in dem geräumigen Cabinet, wo er geblieben war, seitdem er seine Höflinge unter dem Vorwande ernstlichen Unwohlseins verabschiedet hatte, schrieb Barras an seinem Arbeitstische. Seine Toilette war heute Abend, wie immer, sehr geschmackvoll, d. h. von einer edlen Einfachheit. Er trug einen weiten blauen Rock, mit vergoldeten Knöpfen über der Brust so weit zugeknöpft, daß weder sein gesticktes und gefaltetes Spitzenjabot, noch die hohe weiße, gestreifte Halsbinde, welche seine runden Wangen und sein Kinn umrahmte, dadurch be­hindert ward. Englische Mauschelten fielen über seine Hände herab, wahrend seine schmalen und wohlgebildeten Füße mit Krämpenstiefeln bekleidet waren, deren glänzende Politur gefällig von dem mattgelben Tuche seiner Beinkleider abstach. Was das Haar des Herrn Grafen von Barras betraf, so wies dasselbe keine Veränderung; er trug dasselbe, wie immer, frei von Der Stirn gestrichen und weiß gepudert, hinten kunstvoll gebunden und mit einem schwarzen Moir6e- bande zu einem spiralförmigen Knoten nach echt aristokratischem Muster ver­schlungen.

Mittlerweile öffnete sich die Thür des Cabinet« und ein dienstthuender Portier in seidenen Strümpfen und mit einer Kette um den Hals erschien auf der Schwelle.

Ist sie da? fragte der Director.

Der Portier nickte bejahend.

Laß sie kommen! Nachher führst Du nur die Person zu mir, deren Name Dir bekannt ist.

Der Portier zog sich zurück. Gleich darauf trat ein großes und schönes Mädchen in das Zimmer des Präsidenten des Directoriums. Barras stand auf und sagte lächelnd, indem er ihre Hand ergriff:

Komm, schöne Aspasia, nimm auf diesem Sopha Platz! Wir haben mit einander zu reden. Aber, ihr Götter, wie bimmlisch schön Du heute Abend bist! Dies Kostüm spielst Du heute Abend?

Ich denke nicht daran, antwortete die Schönheit. Ich habe mich nach der letzten Mode gekleidet, das ist Alles. Ich dachte allerdings heute Abend in der Oper zu erscheinen, aber in meiner Loge.

Und mir opferst Du Deinen Abend, reizende Aspasia?

Ja, großer Perikles, antwortete das junge Mädchen und enthüllte durch ein berauschendes Lächeln zwei Reihen Der prachtvollsten Zähne.

Ja wohl, Perikles ! fügte Barras hinzu. Warum auch nicht k

Die Person, welche auf Dem Sopha Platz genommen hatte, war freilich nicht die Athenerin Aspasia; allein in der That mochte sie dieser heute Abend sehr ähnlich sein durch ihr griechisches Profil, die dunkle Gluth ihrer -öltde, den Kranz von natürlichen Verbenen, welcher ihr reiches und schwarzes^ Haar umschloß, und kureb ihr antiques Gewand, das mittelst eiuer Lamee au; ihrer Schulter befestigt war; ein Gewand mit üppigen Falten, das bis zu den Fußen herabfitl, aber auf Der linken Seite bis zum Knie geschlitzt war und aus so durchsichtigem Stoffe bestand, daß das Auge die Schnee- und Rosenfarbe und die Conturen der schönen Gestalt durckschimmern sah! Dies Wnb war eine Französin und nannte sich Coraly. Sie trug statt der Schuhe kormthische San­dalen, wie wir sie an den Füßen verschiedener Marmor-Statuen des Museum» erblicken. Ihre bis zu Den Schultern entblößten Arme waren an Den Gelenken mit dicken Armbändern aus Rubinen und Cameen von Achat und Onyx ge­schmückt. (Forts, folgt.)