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erwachsen? Glaubst Du, meine hochfahrende Frau würde stch je zu einer solch demüthigenden Maßregel bequemen? . .

Wenn man sie darüber befragt, allerdings nicht," erwiederte der Buchhal­ter.So wie ich die Tante kenne, würde sie sich lieber unter den Trümmern ihres Vermögens begraben lassen, als einen vernünftigen Schritt eingehen, der ihre vermeintlichen Rechte unv Ansprüche an das Leben auch nur vorübergehend herunterstimmte. Unv doch, lieber Oheim, müssen Sie sich selbst gestehen, daß Ihnen nichts anders übrig ^leibt, als den unvernünftigen Luxus der Tante zu beschränken, und Sie müssen einmal den moralischen unv animalischen Muth dazu haben. Sie müssen es um Ihrer Kinder, um Ihrer Zukunft willen thun, wenn nicht alles verloren sein soll! "

Ja, alles, alles verloren!" murmelte der Commerzienrath, und sein Haupt sank in den verhüllenden Händen verzweifelnd und matt auf das Hauptbuch herab, vor welchem er saß.Barmherziger Gott, wie soll vieß enden, und wie soll ich es durchführen?"

Nur Muth, Oheim, nur ein klein wenig Muth als Mann!" sagte der Buchhalter eindringlich.Sie müssen handeln, starr, unerbittlich, rücksichtslos, denn auf Ihnen allein beruht die Verantwortlichkeit vor Gott und der Welt. Sie müssen sich zu einem kühnen Entschlüsse aufraffen. Und pfui doch, lieber Onkel ! einem Mann der Hunderten von Menschen Brod gibt, von dessen Wohl oder Wehe Hunderte von Familien abhängen, einem Mann von Ihrer geistigen Kraft sollte vor dem Keifen und den Thränen einer Frau bange sein?"

Ja, mir bangt davor, Rudolph," sagte der Commerzienrath: ich gestehe es. Du weißst nicht, welch eine Pein ein solch verwöhntes herrschsüchtiges Weib ist, zumal wenn man sich ihx gegenüber des Vorwurfs nicht entfchlagen kann, daß man sie verwöhnt habe. Der Ehestand birgt Scenen, von welchen der Un­eingeweihte keinen Begriff hat."

Mag sein, aber Sie sind Vater, sind Kaufmann, Oheim! Um Ihrer Kinder willen und Ihrer Gläubiger wegen müssen Sie sich zu einem kühnen Entschluß und männlichen Auftreten emporraffen. Was für Scenen in der eng­sten Häuslichkeit würden Sie erst erwarten, wenn Ihre Frau und Kinder im Falle eines Ruins aus der Beschränkung heruntersteigen müßten in die Armuth, den Mangel, die Schande?...."

Halt, ein, Rudolph! halt ein!" fiel der Commerzienrath in's Wort;ich will alles ich bin geneigt, auf Deinen Plan einzugehen, aber Du mußst für mich handeln, Du mußst ihn zu Papier bringen, dem Robert mittheilen, ein Be­gleitschreiben beilegen, und mir keine andere Wahl übrig lassen, als die Unter­schrift zu vollziehen, wenn die Bedingungen mit Robert vereinbart sind.

Topp! es gilt, Onkel! Schlagen Sie ein!" rief der Buchhalter lebhaft und bot seine Hand über den Pult herüber.

Nein, halt! noch nicht! ich habe noch ein Bedenken . . . ." stammelte der Commerzienrath schwankend.

Ich weiß, was sie meinen, Onkclchen! ich will alles auf mich nehmen gegenüber der Tante. Sie soll ihre Wuth an mir auslaffen und mir allein fluchen, bis ihr Zeit und Umstände zu einem klaren Blick verhalfen!"

Das nehme ich an; ich werde Dich als Urheber dieses rettenden Planes nennen, aber nicht aus memmenhafter Entschuldigung, sondern um den Frauens­leuten täglich hören zu lassen, wie sehr sie Dir einst noch danken werden- Aber dieß war'S nicht, Rudolph, was mich erschreckte. Nein, ich kann dieses Abkom­men mit einem Neffen Robert nicht treffen, vorausgesetzt daß er auch darauf eingchen wollte, was mir immer problematischer wird, je mehr ich es überlege, ich kann nicht einmal eine derartige Aufforderung an ihn ergehen lassen, ohne mit meiner Frau und Tochter gesprochen zu haben, denn Henriettens Zu­kunft steht auf dem Spiele. Sie und ihre Mutter haben sich in den Kopf ge­setzt, daß der Vetter Henrietten heirathen soll. Erfährt er nun meine eigentlichen Verhältnisse, so wird aus der Parthic nichts!"

Und die Tante und Väschen Henriette jammerten Ihnen die Ohren voll und überschütteten Sie mit Vorwürfen! Nicht wahr, Onkel, dahin zielen Ihre Befürchtungen? Allein sein Sie hierüber ruhig, denn soweit ich meinen Vetter kenne, so liebt er Henriette wirklich und trägt kein Bedenken, sie selbst dann zu heirathen, wenn Sie den einzigen Schritt zur Rettung gethan haben!"

Er liebt sie?" Ist das gewiß?"

Gewiß und wahrhaftig!" sagte ver Buchhalter;und der Vetter sucht nur Henriettens Besitz, nicht ein glänzendes Vermögen; er wird ich verbürge mich dafür nicht zurücktreten, wenn Ihre äußeren Verhältnisse vorübergehend auf einen rationelleren und bescheidenern Fuß heruntergestimmt werden! Er brennt vor Begierde, Ihr Mitarbeiter zu werden."

Der Commerzienrath athmete etwas leichter auf, aber er konnte noch nicht so frei und zuversichtlich glauben und hoffen.Wenn dieß wahr wäre!" mur­melte er;Robert sollte dieß wollen?"

O, Sie dürfen mir glauben, Oheim, daß Robert Ihre Verhältnisse bereits auf das Genaueste kennt, und zwar durch dieses hier," erwiederte der Buchhalter und nahm ein Paquet Papiere aus seinem Pult, die er dem Oheim hinüberbot; seit acht Tagen habe ich eingesehen, daß Ihnen keine andere Wahl mehr übrig bleibt, als dieser Verkauf an Robert. Ich habe die Jnventarien, die Schätzun­gen, kurz alles zusammengctragen und zusammengeftcllt, den Tilgungsplan und die Bilanzen gemacht, ich habe einen Kaufsvertrag entworfen unv mit den schla­gendsten Motiven versehen, und alle diese Papaiere und ihren Inhalt kennt Ro­bert nicht nur, sondern hat auch bereits seinen Namen und Unterschrift unter die Verträge gesetzt so daß sie gültig sind, sobald Sie die Ihrige noch beisctzen, Oheim! Unv so liegt jetzt Wohl oder Wehe nur noch in Ihrer eigenen Hand!" Rudolph, Junge, oas hast Du gethan? . .

Ja, Oheim, ich klage mich dieser Eigenmächtigkeit an, aber Sie sollen mir deßhalb nicht zürnen, mein lieber, guter Onkel! die Ereignisse schreiten so schnell! das Instrument mußte zur Hand sein , um im kritischen Augenblick be­nützt zu werden, ehe es zu spät war . . . ."

Ich danke Dir, Rudolph! ich danke Dir . . ." stammelte der Commer­zienrath.Ich sehe, Du bist mir in allen Stücken überlegen, ein umsichtigerer, thatkräftigerer Geschäftsmann als ich ein Mann, der mit der Kraft und Frische ver Jugend ungewöhnliche Mäßigung, Erfahrung und Scharfblick vet- binvet . . . ."

Kein Wort mehr hierüber, bester Onkel! lesen Sie, lesen Sie das In­strument, erwägen Sie alles, und dann unterschreiben Sie! Robert erlaubt Ihnen noch jeden Zusatz. Aber eilen Sie mit der Entscheidung! Damit verließ er des Oheims Privatcomptoir, und der alte Herr war nun allein. Mit zitternder Hand und feuchten Augen nahm er die Papiere und durchlas sie bedächtig und aufmerksam. Es war in der That ein großmülhigcr Vertrag, welcher ihm hier

vorlag; er sollte seine Jahresrente und seine Sustentation für die zu leistende Mitarbeit selber bestimmen; er sollte jeden Augenblick im Stande sein, nach dreimonatlicher vorgängiger Anzeige sein ganzes Etablissement oder die einzelnen Liegenschaften zurückkaufen zu können. Er fand als Beilagen sogar Uebersichten, worin der Effectivwerth der Liegenschaften und Maschinen gesetzlich taxirt war, und worin angegeben wurde, um wie viel unter diesem wahren Werth sie jetzt in Vieser kritischen Zeit verkauft werben würden, und welch' muthmaßlich höherer Erlös daraus in günstigeren Jahren erzielt werden müßte, und die Differenz zwischen diesen beiden Preisen betrug allein schon ein nicht unbedeutendes Ver­mögen !

Herr Balder konnte sich nicht verhehlen, daß dieses Auskunftsmittel das einzige war, ihm seine Fabriken und den Grundstock seines Vermögen« zu erhal­ten, denn er sah ein, daß er mit seinem erschütterten Credit und unter den stünd­lich auf ihn eindringenden weiteren Verlusten nicht auf die Dauer im Stande gewesen wäre, sich auf den Füßen zu erhalten. Und dennoch zögerte er, dieses Instrument zu unterschreiben, seine Hand sträubte sich lange, so gleichsam mit eigener Hand sein Tovesurtheil zu vollziehen. Sein Haupt sank schlaff und matt auf seinen Pult nieder in die gefalteten Hände, seine Lippen bebten in einem stillen inneren Kampfe, die Brust hob sich keuchend unter den Wallungen einer mächtigen Gemüthsbewegung unv die glühenden Augen schlossen sich; dann aber brachen endlich Thränen aus seinen Augen, die gepreßte Brust ward leichter, das pochende Hirn freier, und seine Lippen flüsterten ein leises Gebet. Und al« er nach einer Weile sich aufrichtete, waren seine Züge gefaßt und mild, und er er­griff mit fester Hand die Feder und setzte mit einem inbrünstigenIn Gottes Namen!" seine doppelte Unterschrift unter die beiden Exemplare der Verträge.

Der Würfel liegt; nun segne Gott alles wa< daraus entspringt!" sagte er, rief vann den Neffen Buchhalter herein, und bat ihn um seine Begleitung zum Notar und vor die Behörden, denen die Kenntnißnahme und Sanktion von solchen Verträgen und Verkäufen oblag.

Und nun rufen wir den Vetter sogleich durch Telegramm herbei," sagte der Buchhalter;die Hochzeit muß sobald als möglich diesem Schritte folgen, um dqs Aufsehen zu beschwichtigen, welches dem Verkauf Ihres ganzen Etablis­sements folgen wird. Wir wollen den Kleinstädtern gar nicht Zeit zu Glossen lassen, sondern sie von einer Ucberraschung zur andern fortreißen. Aber was seh' ich, Onkel? Warum haben Sie die Jahresrente und die Sustentation so niedrig angesetzt? Sic sollen nicht Mangel leiden, Sie sollen einen heitern, sor­genfreien Lebensabend haben!"

Er wird desto heiterer sein, je schneller ich allen meinen Verbindlichkeiten gerecht werde," sagte Herr Balder.Es ist die einzige günstige Gelegenheit, wo ich die in meinem Hauswesen cingerissenen Mißbräuche mit Stumpf und Stiel ausrotten kann- Und doch ist es ja um meiner Kinder willen rathsam, und meine Pflicht, daß ich mich bald wieder in den Besitz meines Etablissements setze, denn es wäre mir ein erschütternver Gedanke, wenn die Leute wähnten, ich lebe gleichsam nur von der Gnade meines künftigen Schwiegersohnes."

O, über diesen Punkt mögen Sie ganz ruhig sein, bester Oheim! Dieser Fall wird niemals eintreten," erwiederte der Buchhalter mit einem eigenthüm- lichen Lächeln.Robert ist froh, daß er eine Gelegenheit gefunden hat, von den reichen Mitteln, in deren Besitz ihn vie Vorsehung durch seines Vaters ge­segneten Fleiß gesetzt hat, einen würvigcn Gebrauch machen zu können!" Und der Buchhalter lächelte dabei so seelenvergnügt und glücklich, als ob er selber dieses genugthuende Bewußtsein in sich trüge.

14.

Die Kunde von dem Verkauf des Balder'schen Etablissements sammt der Villa unv den übrigen Liegenschaften machte mit Blitzesschnelle die Runde durch ganz Stockshcim und erregte großes Aussehen. Viele hatten im Stillen schon schadenfroh auf des Commcrzienraths Ruin gelauert, den sie für unvermeidlich gehalten und prophezeit hatten; viele beneideten, andere bedauerten ihn, und der Eindruck, welchen das Ereigniß bei dem Publikum hervorrief, war ein sehr ge­mischter. Doch überwog in kaufmännischen Kreisen eigentlich die Freude oder wenigstens eine gewisse Gcnugthuung über dieses Auskunftsmittel, welches einem Bankerutt oder wenigstens einer zeitweiligen Geschäftsstörung vorbeugte, denn eine solche würde den allgemeinen Credit der Handelsherren unv Fabrikanten in Vieser Manufakturstadt nothgedrungen bedeutend erschüttert und sicher noch den Zusammensturz auch anderer wankenden commerziellen Häuser nach sich gezogen haben.

Den erschütterndsten Eindruck aber batte die Kunde davon auf der Villa Balder selbst gemacht, wohin sie dem Besitzer vorangeeilt war. Einige müssige Damen der Stadt, aus dem Bekanntenkreise der Commerzienräthin, hatten die beinahe unglaubliche Nachricht kaum erfahren, so eilten sie schon nach der Villa, um stch von Seiten der Commerzienräthin die authentische Bestätigung ober Widerlegung zu verschaffen. Diese erschrack bis auf den Tov, als sie die betref­fende Frage zuerst, wenn auch mit Umwegen und Umschweifen, sich vorgelegt sah; sie leugnete die Möglichkeit dieser Nachricht und ihre Mitwissenschaft um den Verkauf; sie nannte das Gerücht albern und gänzlich grundlos; aber als die zweite unv die dritte geschäftige Neugierige kam, um ihr die betreffende Frage vorzulegen, als jede Fragerin Vie gleiche Summe und doch wieder eine andere Quelle nannte, da ward die Seele der Commerzienräthin von einer vagen Be­fürchtung und Angst erfüllt, die gar keine Grenzen kannte, und sie konnte sich des Gedankens nicht entfchlagen, hinter dieser Nachricht berge sich eigentlich noch etwas weit Entsetzlicheres. Sie schickte nach ihrem Gatten, allein dieser war schon nicht mehr auf der Fabrik und nirgend mehr zu finden, denn er hatte alle möglichen Gänge zu den Behörden u. s. w. zu machen, um die vorschriftsmäßige gesetzlicbe Bestätigung des Verkaufs zu erlangen, die der Buchhalter als angeb­licher Anwalt des Holländer Vetters auf das eifrigste betrieb. Henriette schickte nach dem Buchhalter, aber auch dieser war nicht aufzutreiben, und rannte in Geschäften in der Stadt herum oder schrieb noch eilends Briefe unv Telegramme.

So war -es später Abend geworden, ehe Oheim und Neffe sich wieder auf der Fabrik zusammcnsanden und mit einander nach der Villa gingen, wo die Mahlzeit schon Stunden-lange ihrer wartete. Der Commerzienrath war, wie neugeboren, seine Stirne heiter, sein Schritt wieder elastisch und lebhaft, wie er so am Arme seines Neffen hinschritt und seine Freude über diese Wendung seines Schicksals und die plötzliche Beseitigung ver ihm drohenden Gefahren aussprach.

(Fortsetzung folgt.)