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Feuil

Unschuldig und doch nicht schuldlos.

Lriminalnovelle von Julie Düngern-

«Fortsetzung-)

Es ist mir unerklärlich," stammelte die fassungslose Gattin, wie das so furchtbar schnell geschehen sein kann. Vor einer halben Stunde noch, wie ich ihm sein Pulver gab, war er beinahe heiter und behauptete, heute Abend auf- zustehen"

Der Doktor unterbrach stürmisch die RednerinPulver, was für Pul­ver ?" fragte er,ich habe nichts dergleichen verschrieben

Ein Schlafpulver, das Waller von Zeit zu Zeit einnahm, wenn er an Schlaflosigkeit litt," war die Antwort,er hatte es in seinem Sekretär."

Der Arzt fuhr entsetzt in die Hohe:War das Pulver in diesem Papier?" wollte er fragen, doch er konnte seine Rede nicht vollenden, eine kalte Hand um­klammerte die seine, und als er sich umwanvte, sah er in Flora's todtenblasses Antlitz.

Wollen Sie meine Mutter tobten ?" frug sie in einem Tone, dem auch ein kälteres Herz nicht widerstanden haben würde. Dann fuhr sie leiser fort: Freund, mein Freund darf ich wohl sagen, bedenken Sie, was Sie zu thun im Begriffe sind; der schwache, angegriffene Zustand meiner Mutter könnte einer solchen entsetzlichen Eröffnung nicht widerstehen; fragen Sie vorsichtig irgend ein unglückseliger Zufall"

Der Arzt hatte sich gefaßt, er trat zu Frau Waller, welche noch hülflos schluchzend auf dem Sopha lag die alte Dienerin war hinausgegangen, um die Hausgenossen von dem Ereignisse zu benachrichtigenAlso Herr Waller war noch munter, als Sie ihm das Pulver gaben, und was sagte er dabei?" Er sagte, in der kleinen Schublade rechts ist ein Pulver, welches mir gut thun wird. Es lagen mehrere darin, ich holte das eine, welches oben lag und fragte: ist es das? Er schüttelte ärgerlich den Kopf, nannte mich ungeschickt und befahl mir, sie alle zu bringen. Es waren ungefähr fünf bis sechs, ich reichte sie ihm auf der flachen Hand zur Auswahl; einige waren beschrieben. Waller ergriff eines davon und hieß mich die anderen wieder hinlegen; dann wollte ich ihm Wasser in ein Glas schütten, um es einzunehmen, er gestattete es nicht und öffnete das Papier selbst. Da ich sah, daß seine Hand zitterte so schwach war er so wollte ich es ihm nochmals abnehmen, er aber leerte es in den Wein, welcher im Glase auf seinem Nachttische stand, unv trank es schnell aus, dann sagte er:Jetzt will ich schlafen, schick' mir das Aenneli und ruhe auch." Ich befolgte seinen Wunsch, und da die Alte gerade herein kam, ging ich sogleich auf mein Zimmer."

Draußen ließen sich wehklagende Stimmen vernehmen. Der Arzt fand nur noch so viel Zeit, in unbefangenem Tone zu .fragen:Und das Papier, wo haben Sie es hingethan?"

Frau Waller sah ihn erstaunt an; als sie aber in seine ruhigen, fast gleich­gültigen Züge sah, entgegnete sie eben so:Es muß noch im Bette stecken, ich sah, wie mein Mann es mit der Hand zusammenorückte und unter das Kissen verbarg."

Eben ging die Thüre auf und die Diener sowie ein entfernter Verwandter der Kaufherrn, welcher im Comptoir angestellt war, traten ein, und Flora fand einen Moment, wo sie zu dem Doktor treten unv ihm unbemerkt zuflüstern konnte: Ich vergehe vor Todesangst unv muß Sie einen Augenblick ungestört sprechen, kommen Sic in ein Paar Minuten mir nach, ich gehe in Papa's Arbeitszimmer."

Es ist jetzt nicht möglich," entgegnete der Doktor eben so leise;lassen Sie den ersten Sturm vorübergehen unv behalten >sie um Gotteswillen Ihre Fassung; vas Leben Ihrer Mutter steht auf dem Spiele; später, in der Nacht wirv sich wohl eine Gelegenheit finden, wo ich mit Ihnen reden kann, vorher aber muß ich selbst über Manches noch Aufschluß erlangen!"

Dann, nachdem der Doktor Frau Waller gebeten, das Todtenzimmer zu verlassen, was sie erst auf Flora's inständige Bitten that, kam er nochmals an's Bett, um mit dem jungen Berwanvten Rücksprache zu halten unv der Diener­schaft anzuweisen, was vor Allem zu thun sei. Er befahl, den Chirurgen, wel­cher oft im Hause war, rufen zu lassen. Freilich mußte zu diesem Zweck erst der Wagen angespannt unv nach Bern gesandt werden. Umsichtig leitete der Doktor alle bei dieser Lage vorkommenden traurigen Geschäfte ein, während Flora beschäftigt war, die Mutter zur Ruhe zu bringen.

So verging der größte Theil der Nacht. Außer der Hausfrau war Nie- mand fähig, in dieser Bestürzung und Schrecken zu Beite zu gehen, und es ge­lang Flora unv dem Arzte erst gegen Morgen, eine Viertelstunde ruhiger Be­sprechung zu finden. Die Mutter war endlich ein Bischen eingeschlummert, ihre Tochter hatte die alte treue Anna an das Bett beordert, war dann in des Va­ters Arbeitszimmer gegangen und hatte den Doktor zu sich bitten lassen. Als der junge Mann eintrat, sah er Flora's Auge mit so angstvollem Ausdruck auf sich geheftet, daß er Sie vor Allem beschwor, ruhig zu bleiben und sich nicht noch mehr zu martern, als es schon dieser entsetzliche Fall mit sich brachte. Jedenfalls darf Ihre Mutter nie erfahren, theure Flora, daß sie entweder au« Unachtsamkeit oder durch Ihres Vaters Willen das unschuldige Werkzeug seines Todes wurde; dieses Versprechen wollen wir uns gegenseitig feierlich geloben."

Gerührt und ihrer Bewegung kaum mehr mächtig, legte das Mädchen ihre Hand in die seine.

Es wäre entsetzlich, wenn mein Vater sich auf diese Weise vom Leben be­freit hätte," stammelte sie entsetzt,und doch fällt es mir jetzt wie Schuppen von den Augen, wie oft er in den letzten Tagen im Zorne ober Unmuth einer ähnlichen That erwähnte; allein ich nahm es für einen Ausbruch feiner üblen Laune, wenn er vom Todtschießen sprach ober sich, wie er gestern noch that, im Besitze eines Mittels wünschte, welches ihn ohne Schmerzen aus ber Welt schaffen könnte."

Auch mir hat er öfters Aehnliches erwähnt," sagte der Arzt,aber ba tr eine sehr aufbrausenbe Natur war unb wenig Energie besaß, legte ich keinen Werth darauf. Er sagte mir vor einigen Tagen noch, seine Geschäfte stünden schlecht, unb er sinne Tag unb Nacht, wie er sich verbessern könne. Doch da er in allen Klagen zu Uebertreibungen geneigt war, und der üble Stand seiner Angelegenheiten von Niemand geglaubt wurde, so hoffte ich, diese trüben Ge- danken würden mit der sich bessernden Gesundheit vorübergehen! Ach, ich werbe es mir nie verzeihen, so läßig gewesen zu fein I"

l e t o n.

Flora rang in stummem Schmerz die Hände.Wenn es nur nicht heraus kommt, Doktor, meine arme, arme Mutter würde sterben."

Dollus fuhr fort:Wenn ich mir Alles überlege, so fand, wenn Ihre Mutter nicht in dein träumerischen, zerstreuten Zustand, worin sie sich oft befin­det, die Pulver verwechselt hat, Ihr Vater nicht den Muth, selbst über seinen Tod zu entscheiden und überließ eS nach der fatalistischen Weise, die ihn be- herrschte, dem Zufall, welches Pulver ihre Mutter ihm bringen würde. Da sie mehrere brachte, griff er blindlings hinein und hat so das unselige erwählt."

Ein leises Klopfen an der Thüre benachrichtigte die jungen Leute, daß man des Doktors bedürfe. Flora ergriff hülfesuchend seinen Arm.Ich würde sterben, wenn die Gerichte davon erführen," stammelte sie, noch unter dem Drucke des furchtbaren Entsetzens.

So lange ich lebe, Flora, wird Niemand etwas davon erfahren," war des Doktors feste Entgegnung, dann öffnete er die Thüre und schritt rasch hinaus.

Den Chirurgen, welcher ihm bei der Sektion half, konnte der D oktor sehr leicht zu der Ansicht bekehren, daß ein schlagähnlicher Anfall Herrn Waller ge- tobtet habe. Zn biefem Bchufe nahm er auch nur eine Untersuchung des Ge­hirns vor, welches allerdings apoplektische Symptome zeigte, welche jede Strych- nin-Vergistnng mit sich führt, unb da auf Veranlassung bes Arztes auch ein schnelleres Begräbniß angeorbnet war, so wurde Waller am Morgen des zwei- ten Tages begraben und Dollus athmete erleichtert auf, als die ersten Schollen Erde Dumpf auf den Sarg fielen und ber Geistliche den Segen über das Grab des Selbstmörders gesprochen hatte!

Gerade in diesem Momente überschritt eine Gerichtsperson die Schwelle der KirchhofSthure. Der Doktor erblickte sie zuerst und trotz der Unsicherheit der Vermuthung, indem die Erscheinung einer solchen ja den allergewöhnlichsten Grund haben konnte, überschlich eine tödtliche Furcht sein Herz; er erblaßte und ver­mochte nicht die Augen von dem Manne abzuweuden, welcher jetzt rascheren Sau­fe» sich der Gruppe am Grabe näherte unb schon auf Sprechweite ein bedeut­samesHalt" zurief.

Zwei Gerichtsdiener zeigten sich in ber Ferne der Amtmann aber, Denn ein solcher war's, trat näher und befahl, den Sarg wieder herauszuholen, da sich in dem Nachlasse des Verstorbenen Etwas gefunden habe, was gegen so rasche Beerdigung spreche. Der Geistliche zögerte einen Moment, allein nachdem der Beamte ihm ein Wort in'S Ohr geflüstert hatte, gab er dem Todtengräber und den Arbeitern selbst den Befehl, den Sarg wieder heraus zu holen und nach Hause transportiren zu lassen- Allgemeine Bestürzung herrschte unter den Anwesenden. Dich war ein Fall, welcher seit Menschengedenken noch nicht vor­gekommen war, unv die merkwürdigsten Conjunkturen wurden gebildet. Nur vor dem geistigen Auge veS Doktors stand die Gewißheit mit feurigen Lettern geschrieben, daß das Gericht den Sekretär des Verstorbenen geöffnet und noch mehrere Giftpulser gefunden habe! Einen kurzen Augenblick wankte ber geisteS- starke Mann vor ver Wucht der hereinbrechenden Ereignisse, dann aber kam die frühere ruhige Entschlossenheit wieder über ihn unb er schloß sich dem Zuge an, welcher die Leiche zurück nach Waller's Hause brachte!

Der Gattin des Verstorbenen wurde glücklicherweise der erste Schrecken über diese gewaltsame Handlung des Gerichts erspart, denn sie lag in Fieberphauta- fielt darnieder; Flora aber, welche am Bette ber kranken Mutter gesessen hatte, war burch den jungen Verwanbten bes Hauses, welcher dem Zuge vorangeeilt war, bavon benachrichtigt und hatte im ersten furchtbaren Entsetzen über das unerwartete, geheimnißvoll drohende Ereigniß, welches die nächste Zukunft bringen konnte, momentan alle Fassungskraft verloren. Sie stürzte hinaus und nur als ihr der Doktor gegenüber stand und in wenigen leise geflüsterten Worten seine Befürchtungen mitiheilte und ihr begreiflich machte, wie viel auf dem Spiele stand, wenn sie die Herrschaft über sich selbst verlöre, gelang es ihr, sich zu fassen unv dem Untersuchungsrichter mit ruhigem Blicke entgegen zu treten.

Oie arme Flora hatte furchtbare Tage zu verleben. Die Experten, aus zwei, Doktor Dollus nicht gut gesinnten Aerzten gewählt, hatten die Ein­geweide des Verstorbenen untersucht und darin eine ziemlich große Portion Strychnin gefunden. In ihren Aussagen waren nun mehrere Punkte sehr gra- streut» für seine Umgebung in Den letzten Stunden, da ihrem Gutachten auch die Fragen vorgelegt wurden, ob ber Vergiftungsfall des Hrn. Waller zufällig, durch eigene ober fremde Schuld erfolgt fein könne. Freilich erkannte Jeder­mann, daß die Gerichtsärzte mit Beantwortung dieser Frage über die Sphäre ihrer Wissenschaft hinanSgehen mußten, da dieses Gebiet mehr der richterlichen Beurtheilnng zuftand. Aber dennoch konnten unb wollten sie es nicht ablehnen, und das Resultat ihrer Forschungen war Folgendes:

Nein, Herr Waller hat sich nicht selbst getobt«, in seinem Charakter ist kein erklärendes Motiv für solche Handlung zu finden; auch war sein Benehmen in den letzten Tagen nicht so, wie es einem Selbstmorde vorauszugehen pflegt."

Auf die Einwendung eines Dritten, daß der Todte früher doch mehrmals vom Erschießen gesprochen habe, ward die Antwort, daß damit noch lange nicht dargethan sei, er habe sich selbst vergiftet.

Das im Fache des Sekretärs noch aufgefundene Gift sei von fremder Hand hineingelegt worden, indem cs in eine Zeitung, welche das Datum des TodtestageS trage, eingewickelt fei!"

Wirklich hatte Frau Waller, als sie ihrem Gatten damals das Pulver ge­reicht, mechanisch ein Stück der auf dem Tische liegenden Zeitung ergriffen, die übrigen hineingewickelt und wieder in den Sekretär gelegt.

Daß Doktor Dollus die Leiche nur örtlich (am Kopfe) und nur im Bei­sein eines untergeordneten Chirurgen fecirt unb mit ber Beerdigung geeilt habe, wurde auch als ein für den Arzt gravirender Fall angesehen.

Das End-Resultat aller dieser Forschungen war endlich folgendes:

1) War an eine zufällige Vergiftung nicht zu denken und zu einer Selbst­vergiftung waren nicht zureichende Gründe da.

2) Können wir uns die bei dem Todesfälle angeblich vorgefundenen Symp­tome nur auf glaubwürdige Weise erklären, wenn wir eine Vergiftung durch fremde Hand annehmen.

So nach Ehre und Gewissen.

Folgen die Unterschriften.

(Fortsetzung folgt.)