Darmstadt, 22. Sept. Der in der Mitzenius'- schen Sache zur Ueberrcichung der Adresse an den Großherzog gewählten Deputation ist auf ihr Gesuch um Bewilligung einer Audienz durch den Ministerpräsidenten v. Dalwigk heute abschlägiger Bescheid geworden, welcher damit motivirt ist, der Großherzog hätte bereits durch die Zeitungen von der Adresse Kenntniß und genüge dcßhalb deren Einhändigung auf gewöhnlichem Wege.
Berlin, 23. Sept. Die „Prov.-Corr." meldet, der preußische Landtag wird wahrscheinlich auf den 8. November einberufen werden. — Der König wird am Montag Abend zum Geburtstag der Königin nach Baden-Baden abreisen und 14 Tage daselbst verweilen. — Die kommunal-Landtage von Hessen und Nassau werden in der zweiten Hälfte des October zusammentreten. — Die Nachrichten aus Spanien, so unbestimmt sie bis jetzt noch sind, erregen hier eine begreifliche Sensation. Eine siegreiche Revolution in Spanien wäre in diesem Augenblick fast 'gleichbedeutend mit einer Garantie des europäischen Friedens für den Winter, und, es ist schon oft bemerkt worden, je länger der Kampf zwischen Frankreich und Deutschland hinausgeschoben wird, desto mehr wachsen die Aussichten, ihn zu vermeiden. Die Rückwirkung einer spanischen Revolution auf Frankreich würde nicht so weit gehen, die napoleoni- sche Herrschaft sofort zu gefährden, aber sie würde derselben große Behutsamkeit nach außen auflegen; von einem Ersatz der französischen Occupationstrup- pen in Rom durch spanische wäre nicht mehr die Rede.
München, 21. Sept. Da das neue Wehrverfassungsgesetz eine elfjährige Militärdienstzeit bestimmt, so hat das Kriegsministerium verordnet, daß die Verpflichtung der noch unter der Herrschaft des Heer-Ergänzungs,,esetzes vom 15. August 1828 in die Armee eingereihten und bloß für eine sechsjährige Dienstzeit in Pflichten genommene Mannschaft des stehenden Heeres nunmehr sofort zu erfolgen hat, sofern es nicht schon geschehen ist. Bezüglich der gegenwärtig bei den Herbstwaffenübungen dtenstprä- senten Mannschaft werden deßhalb hierfür bereits Vie geeigneten Vorkehrungen getroffen; bezüglich der beurlaubten zu dieser Kategorie zählenden Leute wurden die Landwehr-Bezirks-Commando's beauftragt, den Verpflichtungsact mit denselben bei der nächsten Controlversammlung vorzunehmen.
Wien, 22. Sept. Die Wiener „Abendpost" enthält ein officielles Telegramm aus Madrid: Von den Insurgenten sind der Königin Bedingungen vorgelegt worden. Dieselben gehen auf Abdankung der Königin zu Gunsten des Kronprinzen und Einberufung der Cortes zu einer nationalen constituirendcn Versammlung.
Wien, 23. Sept. Die heutige Abendnummer der „Presse" meldet: Das den in Pesth zusammentretenden Delegationen vorzulegende Rothbuch berühre vornehmlich: Die Verhandlungen mit Rom in der Concordatsangelcgenheit, die Korrespondenz über die Note Uscdom's und über cie Verhandlungen betreffs des Handelsvertrags mit England.
Paris, 22. Sept. Die Hamburger Rede des Königs von Preußen wird von der Regierungspresse mit unverhohlener Genugthuung ausgenommen. Wie uns von einer beachtenswerthen Seite mitgetheilt wird, steht aber diesseits eine noch wichtigere Kundgebung im Sinne des Friedens bevor. In den französischen Kriegsministerien werden ernstliche Vorkehrungen getroffen, um nach Aufhebung der Lager von Chalons und Lannemczan umfassende Beurlaubungen, im Ganzen in Höhe von etwa 80,000 Mann, anzuprdnen. Es soll dicß im Wege der s. g. conges de volontaires ausgeführt werden, d. h. diejenigen Soldaten, welche ein besonderes Interesse haben, früher in ihre Heimath zurückzukehren, werden aufgefordert, sich zu melden: ihre Motive werden dann von dem Chef des Regiments geprüft, und auf dieser Grundlage die Urlaube für den Winter er- theilt. Die Maßregel wäre von unläugbarer Wichtigkeit, obgleich Kenner der hiesigen Armeeverhältnisse nicht zugeben wollen, daß man auf diesem Wege das Effectiv um eine so beträchtliche Ziffer, wie die genannte, werde erleichtern können. Gewiß ist, daß der Kaiser sich auch in Biarritz mit der Armee-Administration beschäftigt. — „Patrie", „Temps" und andere Blätter registriren das Gerücht, daß die'Königin Isabella auf französisches Gebiet übergetreten und in St. Jean-de»Luz, nach Andern in Bayonne eingetroffen sei. Der Belagerungszustand in Madrid wird, wie der „Temps" hört, in sehr laxer Weise gehandhabt. Man verkauft beinahe öffentlich eine satyrische Romanze des Herrn Federico de la Vega,
welche den Titel führt: „Testament Jsabellens von Bourbon". Das Revolutions-Comitö fährt fort, die Bevölkerung zur Ruhe und Geduld zu ermahnen. Die Geister scheinen vorwiegend eine demokratische Richtung zu nehmen.
Paris, 22. Sept. Die „France" sagt: „Ein Circulär Concha's drücke die Zuversicht aus, die Insurrection zu unterdrücken." Der „Gaulois" versichert, daß die Bewegung fortschreite. Cadix, Sc- Villa, Malaga, Carthagena, Ferrol und die ganze Küste zwischen Malaga und Carthagena hätten sich erhoben, in Sevilla bestände eine provisorische Regierung, ganz Galizien "stehe unter Waffen. Nach der „Patrie" hätte Prim London nicht verlassen. Ob die Königin heute von San Sebastian nach Madrid abgereist, sei ungewiß. Die „Patrie" versichert, daß die französische Regierung entschlossen sei, die strengste Neutralität gegenüber Spanien zu beobachten. Der „Figaro" sagt: Die Insurgenten seien Herren der Pnerta del Sol (Sonncnthor) in Madrid und Concha unterhandle mit dem revolutionären Comitö, um dasselbe zur Gutheißung der Einsetzung einer Regentschaft bis zur Volljährigkeit des Prinzen von Asturien zu bestimmen. — Die „Patrie" dementirt das Gerücht von der Einsetzung einer provisorischen Regierung in Madrid, bestätigt aber, daß die Königin Isabella San Sebastian nicht verlassen habe, indem das Blatt gleichzeitig des Gerüchts erwähnt, die Königin werde sich auf französisches Gebiet begeben. Depeschen aus San Sebastian vom heutigen Tag geben zu, daß Santander, Santona und Ferrol sich dem Aufstande angeschlossen. Marschall Serrano marschirt auf Cordova und sucht einen Kampf mit den Truppen der Regierung. — Die Stadt Alcoy (Provinz Valencia) hat sich der Insurrection angeschlossen. — In Madrid wächst der Gedanke an den Erfolg der Insurrection. — Die Insurgenten haben sich gegen die Compromiß- vorschläge erklärt. — Die Schiffe der Insurgenten suchen die Küstenstädte zum Aufruhr zu ermuthigen.
Rom, 23. Sept. Das „Giornale di Roma" veröffentlicht ein Sendschreiben des Papstes an Die Bischöfe griechisch-katholischen Glaubensbekenntnisses, welche mit dem päpstlichen Stuhle in keiner Verbindung stehen. Indem der Papst die zwischen den beiden katholischen Bekenntnissen bestehende Spaltung beklagt, ladet er die Bischöfe zum Besuch der nächstes Jähr stattstndenden öcumenischen Synode ein, damit eine Wiedervereinigung derselben mit dem apostolischen Stuhl ermöglicht werde.
Petersburg, 14. Sept. Charakteristisch für unsere socialen Verhältnisse ist das. Auftreten Der Frauen, und nicht bloß in (toer Hauptstadt, sondern auch in den Gouvernements. Daß hier vor einigen Monaten dem Unterrichtsminister eine von mehreren hundert Frauen unterzeichnete Bittschrift um Einrichtung von Vorlesungen für Frauen auf der hiesigen Universität überreicht wurde, haben wir seiner Zeit berichtet. Jetzt haben nun auch mit Bezug aus diesen Vorgang die Damen des Smolensker Gouvernements eine Bittschrift an den Rector der hiesigen Universität gerichtet und nicht bloß um Einrichtung von Vorlesungen für Frauen gebeten, sondern wo möglich um die Herstellung einer Universität für Frauen. Das Publikum ist auf den Erfolg dieser Schritte sehr gespannt.
Vermischtes.
Gieße«, 25. Sept. In das Haus eines hiesigen braven Bürgers wurden schon einigemal zur Nachtzeit schwere Steine geschleudert, die leicht großes Unglück hätten anrichten können. Glücklicherweise wurden keine Menschen getroffen, sondern nur Fensterscheiben zertrümmert und Wände beschädigt. Der Thäter ist in der Person eines fremden Gesellen ermittel) und verhaftet worden. Rache gegen einen im Hause wohnenden Advokaten soll das Motiv zu dieser frechen That gewesen sein.
Nachdem die Blumen in der neuen Anlage wiederholt beschädigt worden sind, haben letzten Sonntag Abend einige Polizei-Officianten, die im Gesträuch versteckt waren, einen Schuhmachergesellen und eine fremde Dienstmagd über der Entwendung von Blumen und Blüthen ertappt. Sie sehen nun ihrer Bestrafung entgegen.
Eine fremde Dienstmagd wurde mit 2 ft. bestraft, weil sie einen Korbvoll zerbrochener Flaschen in den Bach geschüttet hatte und ein Schmiedgeselle, der Steinkohlen-Asche in den Bach geworfen hatte, wurde mit 3 st. bestraft. Mögen sich das diejenigen am und über dem Bach wohnenden Haushaltungen, die fortfahren, es eben so zu machen, merken!
Darmstadt, 18. Sept. Das heute erschienene Regierungsblatt Nr. 50 enthält:
(Schluß.)
XV. Dienstnachrichten. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 30. April den bisher provisorisch als Hofmusikdiener verwendeten Carl Burkhard zum Hofmusikdiener, — die bisher provisorisch als Hoftheater- diener verwendeten Wilhelm Burkhard und Ludwig Weisse zu Hoftheaterdienern zu ernennen; — am 14. August dem Expedienten auf der Station Gießen der Main-Weser-Eisenbahn, Raab, die Stelle eines Erpeditionsgehüifen bei der Station Darmstadt der Main-Neckar-Eisenbahn mit dem Charakter als
Erpeditor zu verleihen; — am 21. Aug. dem Schullehrer an der evangelischen Schule zu HebloS, May, die sechste evangel. Schulstelle zu Lich zu übertragen; — am 26. Aug. den Professor Dr. Leuckart zu Gießen zum Rector der Landes-Universität für die Zeit von Michaelis 1868 bit dahin 1869 zu ernennen; — am 28. Aug. dem Schulamts-Aspiranten Schmidt aus Neunkirchen die evangel. Schulstelle zu Hüttenfeld zu übertragen; — an demselben Tage den Brückenwärter bei der Schiffbrücke zu Mainz, Philipp Tuch, zum Brückenmeister bei der fliegenden Brücke zu Gernsheim zu ernennen; — am 2. Sept, den ordentlichen Professor an der Universität Zürich, Dr. Negelsberger, zuzn ordentlichen Professor in der juristischen Facultät der Landes-Universität zu ernennen und in der gedachten Eigenschaft zu berufen, — dem Schullehrer an der evangelischen Schule zu Marienhagen, Rückert, die evangelische Schulstelle zu Dirlammen — und dem Schulamts-Aspiranten Hahn aus Weckesheim die evangelische Schulstellc zu Effolderbach zu übertragen; — an demselben Tage den Ober- Stcuer-Secretär bei der Ober-Steuer-Direction, Weil, zum Obereinnehmer der Obernehmerei und des Rentamts Oppenheim, am 3. Sept, den Kanzlisten bei dem Katasteramte, Georg Amendt, zum Kanzleiinspector — und den Oberstabs- fourier Sebastian Blum aus Gernsheim zum Kanzlisten bei der Kanzlei der Ober-Steuer.Directivn zu ernennen; — am 5. Sept, dem Revisor bei dem Controle-Büreau der Main-Neckar- Eisenbahn, Siebert, die vertragsmäßig zu besetzende Stelle eines Bahncassiers bei der Bahnverwaltung Heidelberg dieser Eisenbahn zu übertragen.
XVI. CharakterertHeilungen. Seine Königliche Hoheit der Grußherzog haben allergnädigst geruht: am 26. Aug. den Wcißbindermeistern Friedrich Best II. zu Darmstadt und Georg Meirich zu Bensheim den Charaktep als Hofweißbinder zu verleihen.
XVII. D ienstentla ssung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 2. Sept, den Schullehrer an der vierten evangelischen Schule zu Pfeddersheim, Bähr, auf sein Nachsuchen von seinem Schuldienste zu entlassen.
XVIII. Versetzungen in den Ruhestand: Se. Königliche Hoheit der Großherzvg haben allergnädigst geruht: am 1. Juni den Kammermusiker Harbordt, — die Hofmusiker Pfeil, Ackermann und Frank — und am 2. Sept, den Secretär bei der »orhinigen Direction der Main-Weser-Eisen- bahn zu Gießen, Mo hat, auf sein Nachsuchen temporär in in den Ruhestand zu versetzen.
XIX. Concurrenz für: die evangelische Pfarrstelle zu Haitersbausen mit einem Gehalte von 1469 fl. 25 ft., wovon jedoch eine temporäre jährliche Abgabe von 125 fl. zu' entrichten ist; dem Herrn Glasen von Schlitz, /genannt von Görtz, steht das Präsentationsrecht zu dieser Stelle zu; — die evangelische Schulstelle zu Ober-Lais mit einem Gehalte von 300 fl., nebst einer Heizungsvergütung von 11 ff. 5 fr.; — die evangelische Schulstelle zu Wallbach mit einem Gehalte von 300 fl. 36 fr.; für die Heizung des Schullocals wird durch die Gemeinde gesorgt; das Präsentationsrecht zu dieser Stelle steht dem Herrn Fürsten zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg und dem Herrn Grafen zu Erbach-Schönberg zu.
XX. .Gestorben find: am 30. Juli der penfionirte Schullehrer Schneider zu Otterbach; —- am 12. Aug. der katholische Schullehrer Stamm zu WormS; — am 28. Aug. der Kreisbaumeister Amelung zu Nidda; — am 6. Sept, der Oberrnedicinalrath Dr. Win ckler; — am 7. Sept, der Kanzleidiener Weigandt zu Darmstadt.
Baiern. Kürzlich meldete ein baierischeS jBlatt: „Se. Königl. Hoheit der Knorprinz habe fich von München nach X. begeben." Am andern Tage brachte das Blatt die Berichtigung : im gestrigen Blatte müsse es statt „Sc. Königl. Hoheit der Knorprinz" heißen: Se. Königl. Hoheit der Kornprinz. Der dritte Tag brachte die endliche Richtigstellung des Wortes von Knor- und Kornprinz in Kronprinz, aber die Berichtigung führte die Ueberschrift: „Drecksehler."
Darmstadt, 18. Sept. Die Unterzeichnung der Adresse an den Grvßherzog in der MitzeniuS'schen Sache ist heute geschloffen worden. Die Zahl der Unterschriften beträgt ungefähr 2500. Die in der Versammlung vom 7. d. M. ge- - wählten Dcputirten haben um eine Audienz zum Zweck der
Ueberreichung der Adresse bet dem Großherzog nachgesucht.
Berlin. Die „Norddeutsche Schulzeitung" bringt Folgendes : Ein Schulrath revidirte eine Landschule und fragte nach beendeter Revision den Lehrer: ob er noch einen besonderen Wunsch habe. Der Lehrer, dessen Einkommen auch gerade nicht so bedeutend ist, wagt in unterthänigster Devotion die Bitte um eine Unterstützung von Seiten der Regierung, wird jedoch mit der Bemerkung abgcwiesen: „Sie hätten lieber um den heiligen Geist bitten sollen!" Als ob man den von dem Schulrath auf Bestellung erhalten könnte! — Nach einiger Zeit findet die Revifion einer anderen Schule durch denselben Revisor statt. Es erfolgt auch hier die Frage nach einem besonderen Wunsch, und der Lehrer, durch die ihm bekannt gewordene Erfahrung klug gemacht, erklärt daß er nur den einen Wunsch habe, der heilige Geist möge mehr und mehr bei ihm einkehren. Acht Tage darauf kam — eine Gra- tification von 10 Thalern.
London, 14. Sept. „Die Eroberung von Magdala" ist jetzt in unfern Vorstadt-Theatern das Sensationsstück, in welchem die Kunstleistungen von Schauspielern und Circusreitern mit einander verflochten sind. Pferde, Esel und ganze Compagnien Soldaten erscheinen auf der Bühne und werden gewiß nicht verfehlen, mehr Zuschauer anzulocken und zu ergötzen, als Disracli's „Graf Marcos-, der sich nur drei Wochen hielt.
Amerika» Eine neue Art Schwindel wurde kürzlich in Philadelphia versucht. Ein fein gekleideter Herr kommt in daS beste Hotel, läßt fich's an der Table d’höte vortrefflich schmecken, vergißt nicht, tüchtig Champagner zu trinken, und schenkt, als er satt ist, einigen hximlich mitgebrachten lebende» Ratten die Freiheit. Darauf selbstverständlich Erschrecken, Gekreisch und Aufspringen der Gäste, welches so überhand nimmt, daß auch der Fremde nervös wird, weggeht und — zu zahle» vergißt. — Gin Chicagoer Blatt enthält folgende Anzeige wörtlich: „Meine Frau, Barbara Rikschen, geborne Rößler, ist entweder durchgebrannt oder gestohlen worden. Ich werde Demjenigen, der sie mir zurückbringt, den Hirnkasten einschlagen. Da ich meine eigenen Schulden nicht bezahle, bezahle ich selbstverständlich auch die ihrigen nicht. LouiS Rikschen."
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'fchen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


