Anlage zu Ar. 114 des Kreiener Anzeigers.
Gedichte
von H. A.
12.
Es ritt ein Reiter querfeldein Auf seinem Rößlcin roth, Er diente treu dem Wallenstein, Und Wallenstein war todt.
Da zäumte er sein Rößlein auf, Da sah wie er so trüb, Und sagt' Ade, und schwang sich d'rauf, Ritt heim zu seinem Lieb.
Und als er kam in tiefen Wald, Sang er ein herzig Lied, Die alten Tannen nickten kalt, Das Rößlein trabte müd.
Und als er kam dem Dorfe nah, Ward's ihm im Herzen schwer, ’ Wohl fand er noch die Hütte da, Sein Lieb fand er nicht mehr.
Ihr hat der Graf es angethan, Zog mit ihr in die Fern, Daß todt der junge Reitersmann, Das glaubte sie gar gern.
Da wandte der sein Rößlein stumm Gen Nördlingen der Stadt, Und kam allda im Treffen um Als tapferer Soldat.
13.
Thürmers Rachtlied. Wächter bin ich auf dem Thurme, Mir zu Füßen liegt das Meer; Graue Wolken zieh'n im Sturme Mondzerrissen drüber her. Doch Vie Nordsee treibt die Wellen Langsam durch die Mitternacht Und es schimmern rings die Hellen Lichter stiller Hafenwacht.
In demsWesten viele Meilen Ragt gespensterisch ein Kiel, Scheint im Dufte bald zu eilen, Näher, ferner, ohne Ziel.
Schlaff die Segel niederhängen, Und das Steuer führt kein Mann, Und als ob sie Hände rängen, Starren mich Gestalten an-
Horch, der Nachtwind treibt mir leise Schwere Klageseufzer zu, Und ein Lied, wie Heimathweise, Klingt durch tiefe Meeresruh.
Ach, die Töne zittern bange, Drängen sich zum Strande hin, Flattern irrend lange, lange — Winde, Winde, sagt wohin?
Sagt, wohin die Seufzer dringen, Diese Seufzer arger Noth, Wem.sie letzte Grüße bringen, Thränen wem, Verrath und Tod? — Und das Segel steht noch immer Dem Gestade zugewandt, Langt zum Hafen nimmer, nimmer Je zurück zum Vaterland!
Wächter bin ich auf dem Thurme, Mir zu Füßen liegt daS Meer, Graue Wolken zieh'n im Sturme Mondzerrissen drüber her.
Und die Nordsee treibt die Wellen Langsam durch die Mitternacht, Und es schimmern rings die Hellen Lichter stiller Hafenwacht.
14.
O armes Herz!
Wenn du im tiefen Elend bist, Und Welt und Freund gewichen ist, Von Noth und Hunger bist bewacht, Und ringsum droht die dunkle Nacht, Nach rechts nicht und nach links nicht schau, Auf unfern ew'gen Gott vertrau, Und wandle einsam deine Bahn, Langst du auch spät, du langst doch an.
Die Verschwörer von 1799.
Roman von de Saint-Felix.
(Fortsetzung.)
Nach diesen lebhaft gesprochenen Worten gingen Beide den Hügel hinab und befanden sich bald am Saume der Wiese. Dort mußte jeder seinen Ent- schluß fassen. Herr Chateauneuf besann sich nicht einen Augenblick. Er wandte sich an seinen Begleiter.
— Ihr habt die Absicht, mir zu folgen? fragte er. Ich sage Euch vor- her, das wird für Euch nicht ohne Gefahr sein.
— Meine Absicht ist, mein Herr, antwortete der Agent, die bewaffnete Macht, welche ich requirirt habe, zu erwarten und dann die Insel gründlich zu durchsuchen. Ich werde damit beginnen, das Haus cerniren zu lassen.
— Mir gefällt Eure Offenheit, versetzte der MuScadin. Es ist eine toll- kühne Frechheit, aber sie gefällt mir. Nach geschehener Kriegserklärung werden jetzt also die Feindseligkeiten beginnen.
Unter solchem Gespräch erreichten sie die Hütte. Vier Fischer waren von einer Fahrt auf dem Strome zurückgekehrt. Herr Chateauneuf flüsterte ihnen einige Worte zu. Die Wackern Burschen eilten zur alten Mühle und kamen gleich darauf zurück, jeder mit einem großen Karabiner bewaffnet. FranyoiS, welcher gleichfalls seine Befehle erhalten hatte, führte die beiden Rosse gesattelt und gezäumt herbei. Herr Chateauneuf schwang sich behende auf's Pferd und sein Diener folgte seinem Beishiel. Dann sagte er zu seinem kleinen Bataillon gewandt:
— Meine Freunde, Ihr habt geschworen, Euren braven Gefährten zu ver- theldigen. Der Feldzug soll beginnen. Folgt mir!
_ , ~ ®ncn Augenblick! rief der Polizeiagent, welcher Zeit zu gewinnen suchte. Habt Ihr wohl über die Folgen nachgedacht? . . . Wißt Ihr, daß man noch zwölf Gensd'armen und einen Brigadier erwartet?
— Vorläufig, mein guter Freund, werdet Ihr zu Eurem Zeitvertreib die Eseorte dieser vier Männer annehmen und mich in den Wald begleiten.
— Ihr wollt mich arretiren, Bürger Chateauneuf!
— Da Ihr Andere zu arretiren denkt, werdet Ihr uns schon. daS Gleiche verstatten müssen. Nachher möget Ihr Eure Revanche nehmen.
~ Mein Herr, schrie der Agent, zwei Pistolen hervorlangcnd, ich mache Euch für die Folgen verantwortlich. Dort sind die Gensd'armen, welche just in die Fähre steigen. 1
. ~ wird ihnen schwer werden, herüber zu kommen, antwortete ruhig
der Museadin. Seht Ihr nicht da eine Rolle, welche im Wasser schwimmt!
— Der Strick ist zerschnitten! schrie der Agent außer sich.
-- Wie Ihr bemerkt, Bürger — Dank der Geschicklichkeit und dem Messer eines Fischerbuben, den ich beauftragt habe, diese Kleinigkeit zu besorgen.
, Der Muecavin sagte die Wahrheit. Das Fährseil schwamm zerschnitten <vuf der Loire und der Nachen schwamm zum Entsetzen der hineingesprungenen wensd armen den Strom hinunter. Lautes Gelächter von Seiten der Fischer beschloß diese dramatische Scene.
er ^c*ne F^cherbube kehrte, ganz stolz auf seine Heldenthat, zurück und Pflug aus der Hand des Commandanten Chateauneuf einen großen Sechs- sranken-Thaler.
— Es scheint, sagte der verblüffte Agent, daß der Herr General seinen Truppen auf dem Schlachtfelde ihren Sold zahlt. Eine gute Methode!
— 3a wohl, Bürger, lautete die Antwort. Geld ist der Nerv des Krieges und die Seele des Friedens. Es hängt nur von Euch ab, das gleichfalls zu erfahren. Aber beeilen wir uns! Im Walde hier in der Nähe werden wir über unfern Friedensschluß oder unfern Waffenstillstand verhandeln. — Meine Freunde, fuhr er zu den Fischern gewendet fort, nehmt dem Gefangenen feine Pistolen ab, und dann vorwärts, marsch!
Der Agent lieferte gutwillig seine Waffen aus und folgte der Truppe, welcher Herr Chateauneuf und sein Adjutant FranyoiS vorausritten.
18.
Ein Friedensvertrag.
Nach einem viertelstündigen Marsche kam Herr Chateauneuf mit seiner kleinen Truppe an einen Kreuzweg, wo riesige Erlen, Fichten und Pappeln ein den Strahlen der Sonne fast undurchdringliches Waldesdickicht bildeten. Mehrere natürliche Lichtungen gewährten, gleich eben so vielen Park-Alleen, einen Durchblick auf dm Strom.
Diese Aussichten waren reizend. Das Wasser der Loire blinkte am Ende der Wiesen; fern im Hintergründe verschwommen die vom Abendlichte vergoldeten Hügelspitzen oder die purpurbestrahlten Wolken.
Der Kreuzweg befand sich fast in der Mitte der Insel; es war ein vortrefflicher Punkt, um einen Spaziergänger zu erwarten.
Die Vegetation war dort außerordentlich üppig und reich. Jeder Holzschlag glich einem mit Waldbeeren und herrlichen Düften gefüllten Korbe; der Rasen war dicht und grün und um die Stämme der Bäume rankten sich wilde Reben und Gewinde von Epheu. Ginster und Farrenkraut wucherten auf den langgestreckten Lichtungen und erhöhte» den Reiz dieses allein von der Natur selbst angelegten, phantastischen Parkes.
Nachdem Herr Chateauneuf abgestiegen war, schickte er den jungen Fischerbuben auf eine Entdeckungsreise aus und spornte dessen Eifer durch ein neues blankes Sechsfrankenstück
Der junge Fischerbube kehrte auch bald mit dem Hauptmanne zurück, welchen er herbeigerufen hatte und zum Hauptquartier führte. Sultan machte die fröhlichsten Sprünge und ward noch vergnügter, als er die beiden anderen Pferde, seine neue Kameraden erblickte.
Da jedoch Hauptmann Reymond sah, daß es sich um eine ernste Sache handle, sprach er eine eigenthümliche Sprache zu seinem Araber, welche Sultan sofort zu verstehen schien. Die drei Pferde, welche der Sorge Franyois' anvertraut wurden, machten sich behaglich über das Futter her, welches der Wald ihnen so reichlich darbot.
Der Hauptmann drückte Herrn Chateauneuf die Hand und folgte ihm.
Die kleine Truppe lagerte am Fuße eines riesigen Baumstammes auf dem Rasen, der Gefangene in ihrer Mitte. Herr Chateauneuf forderte ihn auf, sich zu erheben und stellte ihn dem Hauptmann Repmond vor, welcher erstaunt rwei Schritte zurücktrat.
Ah! sagte der Museadin, die Herren sind also schon mit einander bekannt ? Ein rührendes Wiedersehen!
Der Hauptmann erkannte in der That das seltsame Individuum, welches ihn auf der Landstraße von Sevres nach Versailles in ein Gespräch verlockt, ihm sein Unglück geklagt und ihm unter andern erzählt hatte, daß er der Er-Graf Reymond de Vitry sei.
— Wahrhastig, Bürger, sagte Reymond, es freut mich, Euch wiederzusehen, wäre es auch nur, um etwas von dem normännischen Gaul zu erfahren, den Ihr meinem Araber nachsetzen ließet, und vor allem, um etwas Neues von Eurem Vetter, dem General Desaix, und von Euren Gütern zu hören, die als Eigenthum der Nation verkauft werden sollten. Hat die Familie de Vitry, deren Erbe Ihr seid, endlich ihr Recht erlangt? Nun, Herr Graf?
Der Pslizeiagent senkte fein Haupt und bemühte sich nicht einmal, feine Verlegenheit zu verbergen.
Die Zeit drängt, sagte Herr Chateauneuf. Wir haben mit einander zu reden. Dort ist eine Felsbank; kommt, Hauptmann — kommt Bürger Gefangener !
Alle Drei nahmen in einiger Entfernung von den Uebrigen Platz, so daß kein indiskretes Ohr sie belauschen konnte.
Herr Chateauneuf erzählte mit kurzen Worten dem Hauptmann, wie der Polizeiagent in seine Hände gefallen und wie derselbe mit dcr doppelten Mission einer Ueberwachung und einer Verhaftung, beauftragt fei.
— Ihr seht also, Hauptmann, schloß der Museadin, während das Auge dieses Herrn über meine Tugend zu wachen hat, sollten Euch seine Hände beim Schopf packen. Nach allem Voraufgegangenen und nach dem Kriegsrecht können wir folglich den auf frischer That ertappten Spion sofort erschießen lassen.
Der Polizeiagenl fuhr zusammen. Er sprang auf und blieb mit verwirrtem Blick, aber noch ziemlich festerund aufrechter Haltung vor feinen Richtern stehen.
— Beruhigt Euch, fuhr Herr Chateauneuf fort, Euer Tod würde unserer Sache nichts nützen. Hört, um was es sich handelt. Erwägt wohl meine Worte und faßt dann schnell Euren Entschluß. Ihr seid einer der ergebensten Agenten der Polizei des Direktoriums und besonders des Präsidenten Barras. Ihr lebt von dem Sold Eurer Dienste. Durch eben diese Dienstleistungen seid Ihr im Fall eines Sturzes der bestehenden Regierung in hohem Grade gefährdet und blosgestellt. Aber wenn selbst die jetzige Regierung bestehen und ihre Herrschaft sich befestigen sollte, ist Eure Lage nicht günstiger. Das nimmt Euch Wunder? Hört also, weßhalb. Es ist mein Einfluß bet eben dieser Regierung, den Ihr nicht zu zerstören vermögt, und der Euch ohne Brod und Existenzmittel vor die Thür setzen kann. So droht Euch von der einen Seite Gefahr und von der andere» nicht minder. Entscheidet Euch jetzt; wollt Ihr eine Bahn de- treten, welche Euch größere Sicherheit Eurer Interessen gewährt? Denn da Ihr zur Polizei gehört, werdet Ihr vermuthlich vor allem, die Nothwendigkeit, zu essen, begreifen. Man wählt diesen Stand nicht aus Liebhaberei. Wollt Ihr ein sicheres Einkommen? Ja oder nein? (Fortsetzung folgt.)


