Politis eh e 9k u ndschau
Gießen- Die Dorfzeitung schreibt: Wenn ein Besitz kritisch wird, dann läßt man gern seinen Rechtstitel auffrischen. So hat es Napoleon III. gemacht. In einem Schriftchen: „Die Dynastie Napoleon" weist er nach, daß die Napoleons, d. h. sein Onkel und Er, zu verschiedenen Zeiten von 30 Millionen Stimmen auf den Thron berufen seien. Er findet, daß die Franzosen daran sehr wohl ge- than haben, unv daß die Stimme dieser Wähler die Stimme Gottes gewesen sei. Wenn der Zweck seines Büchleins ist, zu zeigen, daß eine nochmalige Abstimmung mittelst Spitzkugeln und Kugelspritzen unnöthig sei, so können auch wir Deutsche mit dem Schriftckcn zufrieden sein.
Gießen, 23. März. Die Vögel-Ausstellung in Frankfurt war am gestrigen Tage sehr fleißig von Einwohnern Frankfurts sowohl, als von Bewohnern der Umgegend besucht. Hauptsächlich waren Hühner und Tauben der verschiedensten Art, Kanarienvöger (Harzer und Holländer), ausländische Vögel unv inländische Singvögel stark vertreten. Auch ein hiesiger Einwohner, Herr L. Limpert, hatte 2 Paar ausgezeichnet schöne Holländer Kanarienvögel ausgestellt, wovon 1 Paar mit dem ersten Preis gekrönt wurde. Dasselbe wurde zum Preis von fl. 25 verkauft.
Berlin, 19. März. Ein Lehrer in der Provinz Sachsen theilt der „Volkszeitung" mit, daß er von dem ArchidiakonuS und dem Superintendenten bei der königl. Regierung wegen Tragens eines Schnurrbarts, unregelmäßigen Kirchenbesuchs rc. angezeigt worden. Es sei hierauf folgende Verfügung gegen ihn ergangen: 1) daß er wegen fortgesetzter Insubordination 3 Thaler Ordnungstrafe zu zahlen habe; 2) daß er seinen Schnurrbart sofort abzuschneiden habe, weil er sich dadurch vor den Kindern lächerlich mache und in der Gemeinde Anstoß gebe; 3) Soll er alle Sonntage einmal in die Kirche gehen ; werde er abgehallen, so solle er die Erlaub- ruß des Superintendenten einholen, um aus der Kirche bleiben zu dürfen; 4) werde vollständige Umwandlung seiner Gesinnung verlangt. Ein Verstoß gegen eine dieser Bestimmungen werde ernstliche Dis- ciplinarmaßregeln nach sich ziehen. Der Lehrer, ein unverheiratheter Mann von 24 Jahren, hat, da er sich der erlassenen Verfügung nicht unterwerfen will, seine Entlassung gefordert und sucht nunmehr eine anderweitige Stellung als Hauslehrer, Buchhalter oder dergleichen. Der Name des Lehrers, sowie nähere Auskunft ist in der Nedaction der Berliner „Volkszeitung" zu erfahren.
Berlin, 28. März. Soeben wurde der Reichstag des norddeutschen Bundes durch den König mit folgender Thronrede eröffnet:
Geehrte Herren vom Reichstage des norddeutschen Bundes! Zum dritten Male begrüße ich Sie im Namen der verbündeten Regierungen, um in Gemeinschaft mit Ihnen den Ausbau der Verfassung des norddeutschen Bundes festzusetzen. In Ihrer letzten Session haben Sie durch Herstellung organischer Einrichtungen die Grundlage geschaffen, auf welcher nunmehr die Gesetzgebung des Bundes diesen weiteren Ausbau seiner inneren Einrichtungen zu bewirken hat. Die Gesetzentwürfe, welche zu diesem Zwecke Ihrer verfassungsmäßigen Bcschlußnahme unterbreitet werden sollen, sind dem BunreSrathe vorgelegt und zum Theil schon von demselben berathen worden. Das in Ihrer letzten Session begründete Institut der Freizügigkeit soll durch eine auf dem Grundsätze der Gewerbefrciheit beruhende Gewerbe-Ordnung weiter entwickelt und durch Aufhebung der polizeilichen Beschränkungen der Eheschließung von einem, seine Verwirklichung störenden Hemmniß befreit werden. Ein Gesetz über die Quartierleistung im Frieden ist dazu bestimmt, die Militärgesetzgebung des Bundes nach einer, für die Interessen der Bevölkerung besonders wichtigen Seite zum Abschluß zu bringen. Die Regelung des Maaß- und Gewichtswesens, welches in der vorigen Session dringcnderen Aufgaben weichen mußte, wird in der gegenwärtigen zu Ihrer Berathung gelangen. Die Verhältnisse der Bundesbeamten bedürfen der gesetzlichen Regelung und werden den Gegenstand von Vorlagen bilden. Ein Gesetzentwurf über das Schuldenwesen des Bundes wird Ihnen wiederum vorgelegt werden. Ich vertraue, daß die Bereitwilligkeit, mit welcher die verbündeten Regierungen in diesem Entwürfe den von Ihnen bei der früherkn Berathung gefaßten Beschlüssen entgegengekommen sind, von Ihrer Seite ein gleiches Entgegenkommen finden werde. Neber die Lage der vormals schleswig-holsteinischen Offiziere, welche in der letzten Session Ihre Theilnahme in Anspruch nahmen, und über die Unterstützung hülfsbe-
dürftiger Familien der Ersatz-Reserve werden Ihnen Vorlagen zugehen. Die Besteuerung des Branntweins in den hohenzollernschen Landen und in dem zum Bunde gehörenden Theile Hessen bedarf der Regelung und mit dieser Regelung steht ein Vertrag in Verbindung, durch welchen der freie Verkehr mit Branntwein und Bier zwischen dem Bunde und dem übrigen Theile Hessens hergestellt werden soll. Der Haushaltsetat des Bundes für 1869 wird Ihnen vorgelegt werden. Die Schwierigkeiten, welche seiner Aufstellung in den ersten Monaten des Jahres entgegenstehen', haben dem Wunsche weichen müssen, Sie zu einer Zeit zu berufen, jwelcher Sie sich Jh. rer gewohnten Berufsthätigtheit mit den geringsten Opfern entziehen können. Die Regelung des internationalen Postverkehrcs auf Grundlage der in Ihrer letzten Session beschlossenen Gesetze ist weit vorgeschritten. Postverträge mit den süddeutschen Staaten, mit Oesterreich, mit Luxemburg, mit Norwegen und mit den vereinigten Staaten von Amerika sind abgeschlossen und werden Ihnen vorgelegt werden; mit anderen Staaten sind sie dem Abschlüsse nahe und werden, wie ich hoffe, noch zu Ihrer Berathung gelangen. Ein mit den vereinigten Staaten von Amerika abgeschlossener Vertrag ist dazu bestimmt, die Staatsangehörigkeit der gegenseitigen Einwanderer zu regeln und damit aus den Beziehungen zweier durch Verkehrsinteressen und Familienbande eng verbundener Nationen den Keim von Zwistigkeiten zu entfernen. Im Einverständniß mit meinen Verbündeten habe ich behufs Unterhandlung dieser Verträge und um die völkerrechtliche Stellung des norddeutschen Bundes zur Geltung zu bringen, die in der Verfassung vorgesehene Vertretung des Bundes im Auslande hergestellt, und ist dieser Schritt zu meiner lebhaften Genugthuung allseitig in dem Geiste auf- gefaßt und erwiedert worden, aus welchem er her- vorgcgangen war. Er hat die freundschaftlichen Beziehungen befördert und gefestigt, welche zwischen dem norddeutschen Bunde und den auswärtigen Mäch- ten bestehen, und deren Pflege und Erhaltung der Gegenstand meiner unausgesetzten Sorgfalt bleiben wird. Ich darf daher der Ueberzeugung Ausdruck geben, daß der Segen des Friedens auf den Anstrengungen ruhen werde, welche Sic der Förderung der nationalen Interessen widmen wollen, zu deren Pflege und deren Schutz das gesammtc deutsche Vaterland sich verbündet hat.
Frankfurt, 2 t. März. Die Bilder des Elends und der Entmenschlichung, welche in den Hungerregionen sich entrollen, gewinnen mehr unv mehr an Gräßlichkeit. Was aus den osteuropäischen und nordafrikanischeu NothstandSgegeüden gemeldet wird, ist allerdings angethan, die schauderhaften Berichte aus der Ostmark Deutschlands noch weit hinter sich zu lassen. Wie in Algerien der Kannibalismus der Menschenfresserei außer Zweifel steht, so werden aus den russi chen Hungerprovinzen Fälle von Menschenhandel gemeldet, indem Eltern ihre Kinder für ein Spottgeld verkaufen. Diese Industrie dürfte in dem benachbarten Siebenbürgen, wo der Hunger bekanntlich schon seit Monaten sein Lager aufgeschlagen hat, bald eifrige Nachfolge finden. Eine ergreifende Scene der Art hat sich dieser Tage in Klausenburg abge- spielt. Auf dem jüngsten Wochenmarkte bot dort eine arme Frau ein einjähriges Kind, das sie auf dem Rücken trug, zum Verkaufe aus — für Einen Gulden! Die arme Frau hatte seit drei Tagen keinen Bissen gegessen unv ihr Mutterherz griff zu diesem verzweifelten Mittel, um wenigstens das Kind vor dem Hungertove zu bewahren!
Karlsruhe, 19. März. Nachdem bereits im Märx vorigen Jahres, aus Veranlassung der groß- herzogl. badischen Regierung, mit der königl. preußischen Regierung eine Uebereinkunft abgeschlossen war, der zufolge badische Offiziere die königl. preußische Kriegsakademie, die vereinigte Artillerie- unv Ingenieurschule besuchen und dem großen Generalstab der preußischen Armee der Dienstleistung zugetheilt, sowie bavische Portepeefähnriche in königliche Kriegsschulen ausgenommen werden können, und nachdem bereits den Offizieren und Unteroffizieren der badischen Armeedivision die Benutzung der Militärdienstschule, der Artillerieschießschule in Berlin, des Militär-Reit-Instituts in Hannover und der Eentral- Turn - Anstalt in Berlin in verhältnißmäßig gleicher Zahl, wie den Contingenien des norddeutschen Bun- des gestattet war, ist nunmehr laut „Krlsr. Ztg." eine neue Uebereinkunft getroffen, wonach alljährlich soviel junge Badener dem königl. preußischen Ca- dettencorps überwiesen werden können, daß die in dem gedachten Corps befindlichen badischen Zöglinge in der Regel vorerst die Zahl 50 nicht übersteigen.
Eine Folge dieses Ergänzungsvertrags wird die Schließung des großhcrzogl. Cadetten-Jnstituts sein.
München, 22. März. Eine Geschichte aus der hiesigen Fr o h n v est e macht viel von sich reden. Ein Kaufmann, angeklagtßwegen trügerischem Banke- rots, wurde, auf Beschluß des Untersuchungsrichters, gefangen in die Frohnveste gebracht. Dort erhängte sich in der ersten Aufregung der an seiner Ehre ge- kränkte Kaufmann. Seine Familie, die sehr vermö- gend ist, soll nun gegen den Untersuchungsrichter klagbar aufgetreten sein und diesem den Vorwurf machen, daß keine zureichenden Gründe für eine Verhaftung Vorgelegen seien, daß kein Betrug möglich und er also die Ursache des Selbstmorde- gewesen sei. Es ist zur Feststellung des Sachverhalts von competenter Seite unverzüglich genaue Untersuchung eingeleitet worden.
Wien. Ein mächtiges Bollwerk des Concordates mit Rom ist das Herrenhaus in Wien, in ihm sitzen die Häupter der Kirche und des hohen Arels. Seit drei Tagen wird in diesem Hause um ein Ehegesetz gekämpft, welches die erste Bresche in Vas Con- cordat brechen soll; denn es befreit die bürgerliche Eheschließung von den Fesseln des Concorvats. Die Carvinäle Schwarzenberg und Rauscher, die frühern Minister Grafen Thun und Rechberg, der Gasteiner Diplomat Bloome sind die Vorkämpfer des Concor- dats unv haben hinter sich eine geschlossene Truppe. Für die neue Aera ist dieser Kampf eine Feuerprobe, der Kaiser wünscht die Annahme des Gesetzes, die Erzherzoge werden für dasselbe stimmen. Die Gegner wünschen Vertagung, um Zeit zu gewinnen.
Wien. In Oesterreich hebt mit dem 21. März eine neue Zeit an. Der Staat hat sich vom Cor- cordat mit Rom befreit, er gibt sich künftig selber seine Gesetze unbehindert vom Concorvat, er hat die Gesetzgebung über die Ehe unk die Gerichtsbarkeit über dieselbe dem Concordat abgenommen unv sich wieder zugelegt, unv er wird auch die Schule nach dem Bedürfnisse der Volksbildung einrichten, ohne sich von Rom vreinsprechen zu lassen. Nun erst kann die Verfassung Fleisch und Blut v. h. Leben annehmen. Das ist die Bedeutung ver Abstimmung im Herrenhaus über die Ehegesetzgebung am 21. März. Regierung, Abgeordnetenhaus und Herrenhaus sind einig in der grundsätzlichen Lossagung von Rom.
Der Jubel in Wien ist groß. Als die Abstim- mung im Herrenhaus Abends bekannt wurde, impro- visirten die Einwohner eine allgemeine Illumination, die Häuser schwammen in einem Lichtmecr, eine fröhliche Volksmenge, alles durcheinander, durchzog die Straßen und ließ die Minister und die Redner gegen das Concordat hoch leben. Nur die Paläste der Bischöfe und ihrer Pateigänger blieben finster.
Paris, 22. März. Gestern fand in Bordeaux eine neue Manifestation aus Veranlassung der Revision der Nationalgarde statt. Es bildeten sich Volkshaufen, welche eine rothe Fahne trugen. Die- selben waren mit Stöcken bewaffnet, von welchen sie beim Zusammentreffen mit den Polizcicommissären Gebrauch machten. Zuletzt mußte die Gensd'armerie interveniren. Ein Polizeiagent wurde verwundet. Unter der Bevölkerung ist die Ruhe wieder hergestellt.
Paris. Der „Etendarv" vernimmt, daß der preußische Finanzminister Hr. v. d. Heydt damit beschäftigt ist, eine Reform des norvdeutschen Münzsystems in der Richtung vorzubereiten, wie dieß in der im vorigen Jahre zu Paris von dem Prinzen Napoleon prästvirten Münzconserenz vorgeschlagen wurde.
Paris. In militärischen Kreisen, sagt das „Journal de Paris" soll von der Bildung eines Lagers in der Nähe von Toulouse die Reve fein.
Petersburg, 21. März. Ein Befehl des Kaisers vom 29. Februar ordnet die Aufhebung der im Königreich Polen bestehenden Regierungscommis, sion für innere Angelegenheiten und die Unterorb. nung Cer Verwaltung derselben unter die betreffenden Behörden des Kaiserreichs an. Es wird hierdurch eine vollständige Vereinigung des polnischen König. reichS mit den übrigen Theilen Rußlands hergestellt.
Washington, 23. März. Heute fand vor dem Stadtgerichtshof die Verhandlung der Anklage wider den Präsiventen Johnson statt. Der Vertheidiger bestritt die Richtigkeit aller Anklagepunktc und bat sich eine Frist von 30 Tagen zur Vorbereitung auf den Prozeß aus, was jedoch mit 41 gegen 12 Stirn- men abgeiehnt warb.
Rcdaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr- Chr. Pietsch) in Gießen.


