Politische Rundschau
Darmstadt, 22. Jan. In der zweiten Kammer erklärte das Ministerium, daß für den Ban der Eisenbahnen in Obcrhejsen annehmbare Offerten Vorlagen und zwar wegen einer Bahn von Gießen über Grünberg, Alsfeld, Lauterbach und Fulda, sowie von Gießen über Büdingen nach Gelnhausen. — In der Abgeordnetenkammer zeigte sich große Verstimmung.
Dresden, 21. Jan. Anläßlich zahlreicher Petitionen beschloß die Abgeordnetenkammer, die Staats- regierunz zu ersuchen, bei den competenten Organen des norddeuischen Bundes dahin zu wirken, daß Vas preußische Militärleigungsgcsetz vom 11. Mai 1851 abgeändert und für alle zu Militärzwecken zu leistenden Dienste eine Entschädigung gezahlt werde.
Karlsruhe. Während Vie daierische Reichskammer, Vie im ihr vorgelegten Wehrgesetzentwurfe beantragte längere Drenstvauer angenommen, hat, wie wir schon voraussetzten, vicselbe in ver badischen unv württembergischen Kammer Widerstand gefunden und giebt dieser Widerstand vielleicht Veranlassung, daß auch im Norddeutschen Bund der Ansicht endlich Rechnung getragen wird, die Dienstvauer auf eine zweijährige herabzusetzen. Zwar ist diese unsere Hoffnung eine sehr schwache, obschon wir meinen sollten, daß Vas, was nach Ansicht Ves würt- tembergischen Kriegsministers bei Ben „schwerfälligen" Württembergern zu erreichen, ven „intelligenten" Preußen resp. Norvdeutschen eine Kleinigkeit sein müsse. Dieser Wivcrstanv der Bavenser unv Württemberger ist für uns aber ein Grunv mehr, warum wir viese Kräfte auch im Norvdeutschen Reichsrath vertreten, resp. die Kompetenz des Zollparlam-uts erweitert wissen wollen, denn nur vurch den Hinzu- tritt der ravicalcren Elemente Südveutschland ist in der Zukunft auf eine erfolgreiche Bekämpfung der starr conservativen preußischen Bestanvrheile des Reichstags zu rechnen.
Stuttgart, 22. Jan. (Abgeordnetenkammer.) Die beantragten Eontrolversammlungen der Landwehr wurden, trotz des Widerspruches ver Regierung, verworfen. Das von Seiten der demokratischen Partei bekämpfte Institut ver einjährigen Freiwilligen wurve mit 78 gegen 4 Stimmen im Principe angenommen. Es herrscht in regierungsfreundlichen Kreisen bie Befürchtung, daß Vas Kriegsviensigesetz in verstümmelter Gestalt auch regierungsseitig für unannehmbar erklärt, sowie, daß außervem Vie vemokra- tische Partei bei Ver Schlußabstimmung sich dagegen aussprechen werde. Die Erbitterung unter den Parteien ist groß.
München, 22. Jan. Die daierische Regierung hat in Berlin und Florenz mitgetheilt, daß sie dem italienisch-norddeutschen Schifffahrtsvertrag vom 14. Oktober 1867 beizutreten beabsichtige.
München, 22. Jan. Ein ofsiciöser Artikel der „Süvdeutschen Presse" mahnt, sich an ven Zollparlamentswahlen lebhaft zu betheiligen. Die daierische Regierung wolle nicht den Eintritt in den Norvbund, noch eine Erweiterung der ParlamentS-Competenz, welche vertragsmäßig begründet, auch nur vertragsmäßig geändert wcrven könne. — Der Gewerbsaus- schuß der Abgeordnetenkammer beharrt auf der Nicht- eoncessionirung des Buchhandels und empfiehlt als Folge eingetretener Bestrafung eine dreijährige Entziehung ves betreffenden Gewerbes.
München, 22. Jan. Ein officiöser Artikel der „Südv. Presse" tritt ver nationalen Agitation bezüglich des Zollparlaments entgegen, indem sie es für unangemessen hält, schon jetzt, bevor noch das Zollparlament seine Probe bestanden, dessen Grundlagen umzugestalten, und indem sie weiter hervorhebt, daß die Zollvereinsverträge die Rechte VeS Zollpar- lamenkS ebensowohl begrenzen, wie sie dieselben begründen; das Blatt betont, daß eine Erweiterung ver Kompetenz des Zollparlaments nur auf dem Wege freier Vereinbarung der Regierungen herbeigeführt werden könne. Die daierische Regierung hält das nationale Ziel fest im Auge, sie werve sich aber die nur ihr selbst zustehenvc Initiative zur Corn- petenzerweiterung nicht nehmen lassen.
Prag, 20. Jan. Gestern Abend gegen 7 Uhr rottete sich eine große Menschenmasse in der Casino- gasse zusammen. Die unter Anstimmung einer Katzenmusik und Schimpfworten gegen Beust, Steine gegen Die Castnofenster warf Die Communalmannschaft, Gendarmerie und Staatspolizeiorgane erschienen und forderten die Rotten auf, auseinander zu gehen. Des neuen Bürgermeisters Klaudy's Rede, sowie dessen Stellvertreter Hulesch's Bemühungen, zu besänftigen, blieben anfangs fruchtlos ; endlich aber zog Die Menge unter Slsvarufen und Hej Slovane singend vor die czechische Beseva am Graben. Dr. Klaudy suchte die „Kein Fackelzug"-Rufer abermals zu beruhigen, aber vergebens. Der Massenzug ging nun auf den Roßmarkt zur WenzelSstatue, wo das „Svaty Vac
lave“ und „Hospodinp pomiluj“ gesungen wurde. Auf die Worte: „Zweck erreicht, auseinanvergehcn", erfolgte sodann die Auflösung der Menge. Einzelne Arretirte wurden durch den Proletariatsandrang befreit. Um 10 Uhr herrschte wieder Ruhe. Die cze- chischen Techniker hatten durch gedruckte Placate eine Aufforderung zur DcmonstrationS-Theilnahme erhalten.
Prag, 21. Jan. Heute hat die feierliche Installation ves Bürgermeisters stattgefunden. Es waren militärische Vorsichtsmaßregeln getroffen. In der dritten Gasse, wo das deutsche Kasino sich befindet, halten sich Volksmassen angesammelt, dieselben wurden jedoch vom Militär und der Polizei zurück- gcvrängt; Die Breitegasse war abgesperrt, sonst war in Der Stadt alles ruhig.
Florenz, 19. Jan. Die „Opinione" dementirt die namentlich von französischen Blättern verbreitete Nachricht, Preußen habe ein angeblich von Italien gestelltes Anerbieten auf Abschluß eines Allianz- Vertrages abgelehnt, und bemerkt, Italien habe ein solches Anerbieten überhaupt nicht gestellt. Das offieiöse Blait fügt hinzu, daß Italien durch seine schwierige finanzielle Lage verhindert sei, ein ernstlicher Alliirter zu fein. Italien müsse im Einverständnisse mit Frankreich bleiben. Uebrigens erlaube Das freundschaftliche Verhältniß zu Frankreich die Aufrechthaltung Der gegenwärtigen Beziehungen zu Preußen. Die Zeit Der politischen Wendungen fei vorüber. — Die Deputirten treffen zahlreich aus den Provinzen ein, um Der morgen erwarteten Einbringung Dcs Finanzexpose's beizuwohnen.
Florenz, 20. Jan. Abends. Nach dem Der Kammer erstatteten Finanzbericht beträgt das Deficit im Staatshaushalt pro 1866 Die Summe von 168 Millionen, pro 1867 stellt sich das Deficit, inet. Der Durch Die Octoberereigniffe veranlaßten Ausgaben, auf 223 Millionen, mithin betrug Dasselbe EnDe des ab- gelaufenen Jahres 391 Millionen. Im Jahre 1868 wild ein Deficit von 183 Millionen und außerdem noch ein Betrag von 56 Millionen zu decken sein, so daß das Deficit Dur drei Jahre 1866/68 sich auf 630 Millionen belaufen wird, welches aber durch Schatzbons und andere disponible Mittel auf 236 Millionen rebucirt werden kann. Behufs Deckung dieses Ausfalls von 236 Millionen schlägt der Minister folgende Hülfsquellcu vor: Mahlsteuer 70 Millionen, Einregistrirungs- und Stempelsteuer 79 Millionen, Ersparnisse 14 Millionen, mithin im Ganzen 153 Millionen, wodurch das Deficit auf 83 Millionen herabgemindert werden kann, welche Summe durch die succcssive Ertragserhöhung der proponirten Steuern gedeckt werden und innerhalb zwölf Jahren gänzlich schwinden wird.
Florenz, 20. Jan. Die „Opinione" versichert gegenüber Den Meldungen Der „France", Daß Die italienische Regierung allerdings in einer nach Ma- DriD gesandten Note gegen Die in Der vielbesprochenen königlichen Rede über Die italienischen Angelegenheiten ausgesprochenen Ansichten protestirt und gleichzeitig erklärt habe, daß, wenn anläßlich Der letzten römischen Ereignisse Frankreich in Der Septembercon- vention einen Grund zur Rechtfertigung feiner Juter- oenticn zu haben glaubte, Die italienische Regierung Doch niemals DulDen werde, daß irgend eine anDere Machk das Pnucip Der Nichtintervention verletze.
Florenz, 20. Jan. Wie Die „Italienische Korrespondenz" meldet, ließ Der Kaiser von Oesterreich Dem König von Italien Den AuSDruck seines Dankgefühls für den Beweis Der Freundschaft und Sympathie übermitteln, welchen Der König Durch Absendung eines Vertreters zu Den Trauerfeierlichkeiten in Triest unD Wien Dem Kaiser gegeben. — Wegen Ernennung eines italienischen Gesandten am österreichischen Hose ist, Derselben CorresponDenz zufolge, noch nichts entschieDen.
Paris, 21. Jan. Der „Constitutionnel" theilt mit, Daß Die Commission für Die Besitzer mexikanischer Obligationen gestern vom Finanzminister empfangen worben unD Die Ueberzeugung zurückgebracht habe, Daß Die Regierung geneigt fei, Den gesetzlichen An- prüchcn Der Besitzer gerecht zu werDen.
Madrid, 22. Jan. Narvaez erklärte in seiner Antwort auf Menabrea'S Depesche, daß Spanien eventuell bereit sei, für die Vertheidigung des päpstlichen Stuhles mit einzutreten.
Kopenhagen, 19. Jan. Die während des Krieges von 1864 verschwundenen Flensburgischen Alterthümer wurden zu Korsör wieder gefunden und sind hier eingetroffen.
London, 19. Jan. Der „Observer" meldet: Gestern Abend feuerten mehrere Fenier auf zwei Beamten der Sicherheitspolizei. Am Mansion-House (Wohnung ves Lord-Mayor) wurde eine fenische Proklamation gefunden. Barral, einer der Mithelfer der Clerkenweller Explosion ist verhaftet worden; auch
auf dem in Queenstown angekommenen New-Iorker Postvampfer wurden drei Fenier verhaftet, darunter ein gewisser Train.
m q. H i e s.
Gießen. Herr William Lncz wird morgen Abend im Saale zum „Prinzen Carl" König Richard III. lesen. Der Netto-Ertrag ist für die Nothleidenden in Ostpreußen bestimmt. Das kunstsinnige Publikum wird somit Gelegenheit finden, Den in ganz DeutschlanD durch seine Vorle- fungen Shakespeare'scher Dramen berühmten Vorleser kennen zu lernen und sich selbst zu überzeugen, daß diese Fülle von stimmlicher Kraft, Diese Modulation, Diese Ausdauer, vereint mit einem tiefen Verständniß des großen Briten Shakespeare nur ihm allein eigen sind unv Herr Lusz unbedingt der erste jetzt lebende Vorleser klassischer Dramen ist. Derselbe gebietet mit gleicher Souverainetät über Humor und Tragik unv ist so recht ver Mann, uns Die herrlichen Ge- bilDe Shakespeare's zu interpretiren. Von allen großen Städten Deutschlands liegen uns Die glän- zendsten Berichte über Diesen Künstler vor; möchte auch Das hiesige kunstsinnige Publikum in gleicher Weise von Dessen Leistungen erbaut werben.
Biedenkopf, 18. Jan. Gestern fanb man auf ber benad)barten Karlshütte, Den mit Nachfüllen Des Hochofens über Nacht beschäftigten sog. Ausgeber tobt im Hochofen. Wahrscheinlich hatte ber Unglückliche sich ber Wärme wegen auf ben Raub ber Oeffuung gesetzt, war eingeschlafen unD von Den Gasen betäubt in Die Oeffnung gefallen, wo er so- fort ersticken mußte. Die Leiche war, als sic am an» Dern Morgen gefunden wurDe, bereits förmlich gebraten.
Darmstadt, 21. Jan. Gestern ereignete sich auf Der Station Heppenheim em großes Unglück. Beim Auslaben cxplobirte eine als „Glas" becla» rerte Kiste mit einem großen Knall, bie Wirkung war entsetzlich, ber Waggon würbe total zerschmettert, einem Convucteur bie Augen auSgerissen unD noch zwei anbere an bem Wagen beschäftigte Personen berart verletzt, baß man an ihrem Auskommen stark zweifelt. Die Untersuchung ist im Gang, man glaubt, baß jene Kiste Nitroglycerinöl enthalten habe.
Darmstadt, 22. Jan. Der großherzogliche Vorsteher ber Stellvertretungs - Anstalten, Major Kuhlmann, macht bekannt, daß in Gemäßheit des §. 1 der Allerhöchsten Verordnung vom 16. Juli 1851 über Vollziehung des Stellvertretungsgesetzes, Die für Den Militärpflichtigen nunmehr 7 00 fl. betragende Vertretungssumme erst dann zur Einstandskasse bezahlt werden kann, wenn die Jahresmusterung in allen Bc- zirken des Landes beendigt und von GroßherzoglichemKricgSMinisterium der Tag, von welchem an Die Zahlung ge» schehen kann, bekannt gemacht worben ist.
ES wirb zugleich barauf hingewiesen, baß nach §. 7 ver erwähnten Allerhöchsten Verorbnung, bem Dienstpflichtigen ober bemjenigen, welcher bie Zahlung leistet, es überlassen bleibt, bie erforbcrliche Vibirung ber von Der EinstanbSkasse über Die bezahlte Veitretuiigssumme ausgestellten Quittung auf Dem Sekretariat Großherzoglichen Kriegsministeriums selbst zu erwirken. Demgemäß ist cs nicht statthaft, Daß VrrtretungSsummen Durch Die Post ber Ein- stanbskasse übermittelt werben.
Nheinberg am Niederrhein, 15. Januar. Der Königlich Preußische rc. rc. Hoflieferant Herr H. U n- der berg-Albrecht, der Erfinder und alleinige Destillateur des Boonekamp of Maag-Bitter ist, nach heute eingegangener Nachricht, nunmehr auch als Hoflieferant Seiner Majestät des Königs von Portugal und des Königlichen Hofes ernannt.
Neunkirchen, 11. Jan. Die „Saar- und Blies-Zeitung" berichtet: „Gestern Abend gegen halb 6 Uhr, zu welcher Zeit ein Kohlenzug von hier nach Der Pfalz abgeht, fuhren zwei Pulverwagen, Der eine mit 60, der anbere mit 40 Ctr. Pulver belaben, über ben Bahnübergang bei Wellesweller und kam Der erste glücklich hinüber, währenb bas eine Pferd des zweiten Wagens an einer Schiene hängen blieb und stürzte und ber Pulverwagen auf der Bahn stand. Der gerade in den dortigen Einschnitt fahrenDe Koh- lenzug konnte nicht mehr angehalten werden und fuhr derselbe auf ben Pulverwagen, worauf eine furchtbare Explosion erfolgte. Der Lokomotivführer unb der Heizer erhielten leichte Verbrennungen, die Pferde tourt»m stark beschädigt und viele Fensterscheiben der umliegenden Häuser zertrümmert.
Wien, 14. Jan. Nach den Wiener Blättern hat . Graf Chorinsky in München ein umfassendes Geständniß abgelegt und seine Geliebte, die Eber- genyi, als die unmittelbare Mörderin bezeichnet. In Folge dessen hat auch letztere gestanden und sich weit- läufig ausgelassen.
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


