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Feuilleton.

Vetter und Base.

Eine Familiengeschichte.

(Fortsetzung.)

Ist'« möglich?" rief Rudolph Balder halb erstaunt, halb entrüstet.Und doch stimmt Deine Erklärung meiner unerwartet freundlichen Aufnahme nur allzu sehr mit dem zusammen, was mir mein Vater von der Tante sagte! . . - Aber das ist ja abscheulich!" , .

O, ja, und demüthigend genug für uns beide, denn ich bilde mir ein, ich fei' doch noch etwas mehr als nur der Besitzer einiger hunderttausend Gulden, die mir mein Vater hinterlassen hat, und in Dir sehe ich nicht den ungeschlach. ten linkischen Junker vom Dorfe, welchen die Tante in dem 'neuen Vetter' er> erwartet, sondern einen ganzen fixen gewandten Mann, an dem sich keine Tante der Welt zu schämen braucht, denn Du scheinst mir Kopf und Herz an der rech­ten Stelle und genug Eisen im Blute zu haben, um noch Deinen Weg in der Welt zu machen!"

Das ist empörend, Vetter!" rief Rudolph und seine dunklen Augen flamm­ten, seine Wangen glühten.Meiner Treu, wenn cS mir nicht um den wackern Onkel Gottfried wäre, so kehrte ich stehenden Fußes um und suchte mir ein Unterkommen im Gasthofe . . . ."

Nein, dich würde meinen Plan verderben," sagte Robert.Die Erfah­rung, welche wir im vorliegenden Falle machen, besagt im Grunde nicht viel nur etwa die alte Lehre, daß leider das Gold in unseren Tagen der Götze der halben Welt ist; daß Handel und Spekulation und Genußsucht und Schwindel da« goldene Kalb mit Erfolg auf den höchsten Gipfel unseres gesellschaftlichen Altars erhoben haben. Geld gibt Adel, Talent, Geburt, Bildung; Geld schafft Ehre, Ansehen, Männlichkeit, Tugenden aller Art; Geld verwandelt den Dumm­kopf in einen hoffnungsvollen gesuchten Jüngling, dem sich alle Thüren öffnen, und macht aus der albernsten Puppe oder Schlumpe eine 'elegante, klassische, statuenhafte Schönheit'! Nimm den gediegensten Kerl mit leerer Tasche und einem abgeschabten Rocke und stelle neben ihn einen Einfaltspinsel mit dem leer« sten Hirn aber schönen modischen Kleibern, schwerer goldenen Kette, einen Stutzer, Dessen ganzes Leben nur in einer einzigen langen Hingebung an die Schleife seiner Cravatte und den Wurf feiner gebrannten Locken besteht, und bringe beide in einen Salon voll der gebildetsten und schönsten Mädchen, und alle werden um des hohlen Stutzers willen den einfachen bescheidenen gediegenen Mann über- sehen. Ach, mich widert dieser MolochSVienst vor eitlem Schein und schnödem Geld unsäglich an!"

Mich ebenfalls, Vetter Robert!" rief Rudolph,und wenn ich nicht wußte, daß Onkel Gottfried der Kränkung ganz fremd ist, welche uns beiden angethan wurde, so rnöcht ich mich irgendwie dafür an der Tante rächen!"

Willst Du das, Herzensvetter?" rief Robert;willst Du das wirklich, nun denn, so schlag' ein und ich theile Dir ein Plänchen mit, wodurch wir unserer geldstolzen Tante und den beiden Cousinen eine heilsame Lection ertheilen können! Siehst Du, mein Anschlag geht dahin: jeder von uns spielt hinfort den Charakter, den ihm Zufall oder Schickung heute angewiesen hat! Du bist der reiche bevorzugte Vetter Robert, auf welchen Tante und dre Cousinen so große Erwartungen setzen- Du hast eine feine Garderobe und Weltgewandtheit genug, um den weitgereisten reichen Vetter spielen zu können, während ich au einige Tage Deine Stelle auf dem Comptoir einnehme, bis ich des Spasses überdrüssig bin. Willst Du?

Ich möchte wohl, aber ich fürchte den Oheim dadurch zu beleidigen!" versetzte Rudolph.

Sei ohne Sorgen, ich nehme alle Verantwortung auf mich!" sagte Robert lachend-So wie ich den Onkel kenne, gönnt er den Damen die Lehre, die wir ihnen geben wollen, von Herzen. Und dann ist Deine Rolle ja keine unan­genehme. Die Tante und die Cousinen werden Dich auf den Händen tragen, vergöttern. Du brauchst nur ebenso zuvorkommend gegen beide zu fein, und Henrietten Deine beeifertjlen Huldigungen zu Füßen zu legen- , Ich sage Dir, die Sache ist federleicht! Spiele nur den Blasirten, verachte weidlich alles, was deutsch und einfach und natürlich ist, und gib Dich als einen unleidlichen Gecken und Zierbengel, der nur für Ausländisches schwärmt! . .

Das ist mir nicht so leicht, als Du glauben magst, Vetter!" versetzte Rudolph.Ich bin ein offener gerader Bursche, schlicht und recht; ich kann mein Naturell nicht so leicht verleugnen, und es widerstrebt mir völlig, Komödie zu spielen!"

Gib mir Deine Hand, Herzensjunge! nun gefällst Du mir noch etnma so gut! rief Robert.Ehre dem Mann, der nie sein eigenstes innerstes Ich verleugnet! Nun denn, so gib Dich ganz so wie Du bist, als ein biederer, herzlicher, gerader Junge, der sich auch in der Fremde fein ehrliches deutsches Herz bewahrt hat. Du wirst dadurch selbst in den Augen jener verkehrten Damen um kein Jota weniger achtbar erscheinen, denn die Wahrheit schlägt ja am Ende doch überall durch! Ich aber will Deine Rolle spielen und auf Deinen Namen sündigen und mich den Damen ganz in demjenigen Lichte zeigen, welches ihre vorgefaßte Meinung gegen den armen Vetter vom Lande zu rechtfertigen schei­nen wird!"

Wohlan, lieber Vetter! sündige Du auf meinen Namen; ich werde mich schon "so benehmen, daß die künftige Entdeckung unseres Betrugs Dir und mir keine Unehre bereiten kann!"

In diesem Augenblick trat der Lakai ein und brachte auf einem Prasentir- brett einige ausgesuchte kleine Gerichte und eine Flasche Bordeaux und Cham­pagner. Jean war nicht wenig überrascht, den Vetter vom Lande so cordial bei dem reichen holländischen Vetter zu sehen, und sagte:He, Herr Balder von Wetterselv, Ihr Kaffee ist oben!" .

So bring ihn herunter, Bursche, und leg mir hier em Couvert hm! sagte Robert;mein Vetter hier theilt mit mir seine Mahlzeit und ich hernach mit ihm den Kaffee, nicht wahr, Vetter? so ist uns beiden geholfen!" setzte er mit einem vergnügten pfiffigen Gesicht und einem wiehernden Lachen hinzu.

Jean zögerte, aber ein ernster Wink von Rudolph machte ihn fügsam- Legen Sie ihm ein Couvert auf, ich bin gewöhnt, in Gesellschaft zu speisen," sagte er zu Jean.Und nun holen Sie den Kaffee und lassen Sie uns allem!"

Nicht wahr, Bursche! ich hab' Dich überlistet?" rief Robert mit feinem kynischen Lachen und drohte Jean mit dem Finger.Du siehst, Vetter, ich bin schon mitten in meiner Rolle," wandte er sich dann an Rudolph, als sie allein waren.Aber nun laß uns tüchtig zugreiscn und rasch essen, daß die Komödie beginnen kann. Ich brenne vor Begierde, die zärtliche Tante in Ver­

legenheit zu bringen und die stolzen Cousinen über mich erröthen zu sehen. Und dann müssen wir noch einige Notizen über unsere individuellen Verhältnisse au»« tauschen, damit wir unsere Rolle besser spielen können und nicht zu schnell ent­laßt werden. Also auf gut Glück, Vetter!" rief er und stieß mit ihm im purpurnen köstlichen Wein an;laß uns essen und trinken, denn nach einer guten reichlich befeuchteten Mahlzeit hat der Mensch noch einmal so viel Zuver«

cht und muthwilligen Witz!"

5.

Ein Quadrille war gerade vorüber, und die Commerzienräthin, welche mit Ungeduld der Ankunft ihres Neffen Robert im Salon entgegensah, von dessen Eintreffen sie ihre Töchter längst benachrichtigt hatte, die Commerzienräthin kehrte so eben in den Empfangsaal zurück, als der Lakai die Flügelthüren aus­einander schlug und nach einer im Bäuerischen Hause eingeführten Neuerung den Namen eines neuen Gastes in den Saal hereinrief, und zwar:Herr Robert Balder!" ,

Ein freudiger Schreck durchbebte die Commerzienräthin und ihre Blicke wandten sich, wie die ihrer Umgebung, mit gespannter Erwartung der Thüre zu, durch welche jetzt bescheiden und beinahe zögernd ein großer schöngewachsener unger Mann in einem eleganten aber einfachen GesellschastS« Anzuge trat und mit einem leichten Erröthen auf dem blühenden Gesichte sich der Frau vom Hause näherte, die ihm entgegentrat.

Ich bin so frei, mich Ihnen vorzustellen, beste Tante, und Ihnen meinen herzlichsten Dank zu sagen für den auszeichnenden Empfang, den Sie mir be­reitet haben," Hub er an und küßte ihr achtungsvoll die Hand, was sie mit großer Ostentation durch eine zärtliche Umarmung erwiederte.Wie freue ich mich, Ihr gastliches Haus in einem solch festlichen Augenblicke zu betreten unb mich im Schooß Ihrer Familie zu sehen!"

Mein lieber, lieber Neffe! es ist ja Deine alte Heimath, in welcher wir Dich wieder herzlich willkommen heißen," erwiederte die stattliche Frau mit ihrem gnädigsten Lächeln.Und wie groß und schön Du geworden bist! Fast hätt ich Dich nicht wieder erkannt, ohne Den Familienzug den Du nicht verleugnen kannst." Und nun stellte sie ihn den Umgebenden mit einer unbeschreiblichen Selbstgenugthuung als ihren Neffen Robert vor, welcher so eben aus Ostindien und Südamerika zurückgekehrt sei.

Der Neffe verbeugte sich im Kreise, und als er sich wieder zur Tante wandte, sah er neben dieser ein junges Mädchen mit glänzenden Augen und glühenden Wangen stehen, dessen Blicke mit fieberischer Ungeduld an ihm hingen.Das ist Henriette!" rief er herzlich, von seiner Ahnung richtig geleitet und ergriff ihre Hand, die sie ihm schon halb entgegengereicht, und drückte sie mit aufrich­tiger WärmeWillkommen, Gott-willkommen, meine liebe, liebe Cousine! Wie reizend Du geworden bist."

Vetter, lieber Robert!" stammelte Henriette bebend und erglühend und schien ihre sonstige Selbstbeherrschung ganz eingebüßt zu haben.Wir haben Sie mit solcher Spannung erwartet . . . ."

Sie? Ei, ei, Henriette! wir sind ja leidliche Verwandte wie fremd und förmlich klingt Da Das 'Sie', zumal Da wir als KmDer uns schon gekannt! Weßhalb also Diesen frostigen Mißklang Der Etikette in Diese herzliche FrepDe Des Willkomms hereintragen?"

Verzeih, Robert! aber in Deinen Briefen

Ah, in Briefen, Die man sich von ferne schreibt, Da mag Das formelle (®ie erlaubt fein; aber wenn man sich erst wieder frei in's Auge blickt und Hand in Hand des Wiedersehens freut, wie kann man Da anDerS, als Dem Her­zen ganz Den Zügel schießen lassen?" ,

Nun Denn, Rodert," erwiederte sie mit einem raschen seelenvollen Bucke, Der wirklich aus irgenD einem fernen Winkel ihres Herzens, wohin Der Stolz unD Weltsinn noch nicht gekommen war, emporzuglühen schien,Du hast recht, wie Du es von jeher hattest! Ich strecke Die Waffen. Ader hier ist auch Ida!" setzte sie hinzu unv Deutete auf Das schlanke Mädchen im blauen Kleide, das am Arm des Grasen Damiani herankam.

Ach, fürwahr!" rief Ida enthusiastisch,es ist Vetter Robert! man sieht ihm an dem dunklen Teint an, daß er aus den TropenlänDern kommt. UnD wie männlich unD kräftig er aussieht! Er hat vollkommen un air distingud, nicht wahr, Graf? Kommen Sic, ich will Sie ihm vorstellen!"

JDa fanD bei Robert einen nicht minDer herzlichen EmpfangEalS Henriette, aber Der fremDe Graf schien nicht geneigt, seine Tänzerin lange Dem so enthusia­stisch gelobten Vetter gegenüber zu lassen, und entführte sie bald wieder, worauf Henriette Robert's Arm ergriff und ihn in den anstoßenden Saal führte, um ihn anderen Gästen vorzustellen. Unter Anderen stellte sie ihn auch ihrer Freun­din Julie Fink vor, Die er als eine alte Bekannte begrüßen sollte; es kostete Den Vetter Mühe, Dem forschenDen Blicke Juliens gegenüber feine volle Fassung zu behalten, Denn sie war hübsch unD hatte ein Paar reijenDer kluger Augen, Die ihn Durch unD durch zu schauen versuchten; aber einige artige Phrasen Der FreuDe über Dieses WicDersehen unD Der Hoffnung auf Erneuerung Der alten Vertraulichkeit halfen ihm über feine leichte Verlegenheit hinweg, unD neue Ge­stalten Drängten sich zwischen Julien unD ihn. Julie aber eilte zu ihrer älteren Schwester.Hast Du ihn gesehen?" fragte sie.Ich erkenne keine Spur mehr von Dem muthwilligen ausgelassenen tollen Jungen Robert in Diesem ernsten ge­setzten Manne."

Ich auch nicht, meine Liede," erwiederte Frau Loßmann;aber ich ge­stehe , daß er mir nur Dadurch gewonnen zu haben scheint Wie männlich und besonnen und schön er ist! Man sieht ihm an, daß er viel gereist ist und in Der großen Welt gelebt hat; er ist so ruhig unD gefaßt, so maßvoll und zuver­sichtlich , unD Doch bescheidener als man bei einem Mann von feinem Verwogen erwarten durfte."

Und sieh nur, wie Henriette an feinem Arme hängt, mit welch leuchten­den Augen sie zu ihm emporblickt!" flüsterte Julie;wie sie sich auf den Zehen­spitzen streckt, um neben ihm nicht allzu klein zu erscheinen! Wie sie Du Ver­liebte spielt, um diesen Goldkäfer zu umgarnen."

Frau Loßmann sah dem Paare begierig nach. Dann sagte sie kopfschüttelnd zu Der Schwester:Dießmal, Julie, treibt Henriette BalDer kein Spiel. Duß- mal hat Der Liebesgott auch ihr stolzes Herz berührt. Sieh nur, wie sie Du Farbe wechselt, wie Purpur und Blässe sich auf ihren Wangen jagen, wie ihr Busen wogt und ihre Hand zittert, und wie ihr Auge unverwanDt an ihres Vetters Munde hängt! Sie hat zu lange ihr Herz verschlossen und mit Dem Feuer AnDerer gespielt; jetzt loDert es in ihrem Herzen wie von Flammen. Ader er ist zu gut für sie!" (Forts, folgt.)