Einzelbild herunterladen

F e

o

n.

Unschuldig und doch nicht schuldlos.

Criminalnovelle von Julie Düngern.

(Fortsetzung.)

Da Flora in'S Haus gerufen wurde, weil Freundinnen aus der Stadt an­genommen, endigte die Unterredung, nachdem sich noch die Verbündeten versprochen, recht aufmerksam über die unglückliche Frau zu wachen, welche Beide so liebten und verehrten; denn auch auf den Doktor hatte die demüthige Duldung der ge­prüften Frau einen tiefen Eindruck gemacht. Er hatte bis jetzt das warme In­teresse, welches er für sie fühlte, oft an sich getadelt und gefürchtet, es möge ein zu inniges werden und sich nicht mit seiner Pflicht vereinen; jetzt aber nahm er den Unterschied wahr zwischen dem erbarmenden tiefen Mitleid, was er für Frau Waller fühlte, für deren Glück er gerne sein eigenes geopfert haben würde, und dem feurigen Interesse , was der Tochter fertiger Charakter ihm einflößte, deren Wesen und Fühlen zu erforschen ihm die Aufgabe seines Lebens dünkte. Bon' Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, je öfter der Doktor auf das Gut kam i und dies geschah bei der Nähe desselben oft ein Paar Mal des Tags lernte er Flora's Eigenschaften besser kennen und würdigen. Die Liebenswürdigkeit, welche ihr ganzes Wesen durchdrang, war keineswegs eine blos gesellige, obgleich sie sich auch dort zu Hause fühlte; es war vielmehr ein Ausströmen ihres ei­gensten Wesens und die reine Natürlichkeit ihrer Reden und Handlungen, was ihr diesen Reiz verlieh; sie besaß in hohem Grave, was die Franzosenle doux vivre bezeichnen, und war nachgiebig, ohne willenlos zu sein, denn "in den betreffenden Momenten wußte sie wieder recht gut ihren Willen durchzusetzen, wenn sie denselben für passend oder nöthig hielt!

Selbst Herrn Waller's rohe Heftigkeit erhielt eine für seine Umgebung wohlthuende Dämpfung durch Flora's Gegenwart; er fühlte sich gerade in den letzten Tagen recht leidend und anstatt, wie sonst in solchen Stunden, seine Um­gebung tüchtig zu quälen, war er weich und freundlich, und der Doktor war wohl der Einzige, welcher, durch seine Klagen und die beständige Bitte um Ab­hülfe und schnelle Besserung von ihm zu leiden hatte.

Eines Nachmittags, als der Doktor wieder hinauskam, empfing ihn Flora im Garten und theilte ihm mit, daß die Mutter jetzt bei dem Patienten sei und ihr ausdrücklich befohlen habe, ru den Garten zu gehen und die frische Luft zu genießen; vor einer Stunde dürfe sie nicht mehr hinaufkommen, und auch den Doktor möge sie so lange zurückhalten, indem Herr Waller schlafe. Wie willig ließ sich Doktor Dollus diesem Ausspruch gegenüber finden! Er setzte sich neben Flora auf die eiserne Gartenbank und ein Gefühl der seligsten Freude überrie­selte ihn, als sie ihre Arbeit ergriff und so lieb und vertrauensvoll zu plaudern begann, von ihren vergnügten Tagen im Institute und von den Freundinnen erzählte, die sie dort gewonnen hatte. Ein davon hatte schon geheirathet; sie war ein Vierteljahr vor Flora aus der Anstalt genommen worden und hatte rasch ihren Vetter zum Manne erwählt, den sie schon als Kind geliebt hatte. Ich war die Vertraute gewesen," sagte Flora halb lachend, halb erröthend, wie oft habe ich nicht all' die kleinen Episoden aus ihrem Leben mitangehört! Sie waren freilich nur für geweihte Ohren interessant, aber mir war's immer zu Muthe, als ginge ich auf einer frischen grünen Wiese spazieren, der zur Seite ein lustiges Bächlein rinnt, wenn Marie erzählte, wie sie sich als kleines Mäd­chen mit dem Vetter stets besser wie mit den Brüdern vertragen hatte, wie er für sie die höchsten Bäume erklettert, um ein Eichhörnchen zu fangen oder Nester aufzufinden, wie aber, als beide größer geworden, diese liebevollen Empfindun­gen sich zu gegenseitigen Streitereien und Wort - Geplänkel umgewandelt hätten. Meine Freundin erzählte mir," fuhr Flora eifrig fort,daß sie oft eine Art

Haß gegen den Vetter gefühlt, weil er stets so für seine jungen Freunde schwärmte

und eine solche Verachtung für dasFrauengezicht", wie er sich in seiner re-

nommistischen knabenhaften Weise ausdrückte, an den Tag legte. Sie war end­

lich froh, auch in ein Institut zu kommen, um des Sonntags, wenn er die Pen­sion verlassen Durfte, nicht mit ihm zusammenzutreffen. Da sie aber nach längerer Zeit in den Ferien nach Hause kommt, findet sie auch den Vetter dort; aber wie zu seinem Vortheil verändert! Aus dem etwas flegelhaften Gymnasiasten war ein höchst liebenswerther Student geworden, mit einem allerliebsten Schnurr­bärtchen und hohen Kanonenstiefeln, ein flotter Tänzer und sehr aufrichtiger Be­wunderer seiner schönen Cousine. Und Der ist er auch geblieben," schloß die hübsche Berichterstatterin»Denn er hat sie nun geheirathet und meine Freundin ist namenlos glücklich!"

Der j-oftor lächelte.Im ersten Jahre unglücklich zu sein, wäre auch eine Aufgabe. Da haben die Eheleute so zu sagen noch ihr geistiges Festge­wand an und zeigen sich von der besten Seite, später wird's schon anders!"

Ich glaube dieß-nicht," entgegnete Flora.Wohl kann ich mir denken, daß man sich in einem Charakter täuschen kann, aber ich meine, dies müsse eher zu Tage kommen, und wenn man Jemanden so recht von Herzen liebt, dann liebt man ihn auch mit sammt seinen Fehlern. Aber freilich lieben muß man, und eine lieblose Ehe denke ich mir als die größte Folter auf Erden; ich we­nigstens," setzte sie heiß erröthend hinzu,würde niemals ohne Liebe heirathen."

Es ist unmöglich, daß Der Mann, welchen Sie wählen, Sie nicht liebt, Fräulein Flora," sagte Der Arzt,aber um von Ihnen geliebt zu werden, be­darf es wohl der seltensten Eigenschaften."

Gewiß, wenigstens einer sehr seltenen," entgegnete das Mädchen;es muß ein edler Mann sein und mich ausschließend über Alles in der Welt lieben."

Dollus faßte ihre Hand, fein überströmendes Herz lag in seinen Blicken; die bep jungen Mädchens antworteten ihm sauft und zärtlich. Da tönte ein schriller Ruf durch den Garten, die alte Dienerin hatte nach Flora gerufen. Beide erhoben sich rasch und eilten dem Hause zu. Schon in der Flur kam ihnen Die alte Anna entgegen.

Welch' ein Glück, daß Sie da sind, Herr Doktor; unser Patient ist sehr schlimm geworden." Mehr hörten Beide nicht, sie eilten an der Frau vorüber, dem Krankenzimmer zu, welches Die Alte im Schrecken offen gelassen hatte.

Herr Waller lag im Bette, einzelne Schmerzenstöne ausstoßenD; er sah auffallend eckausfirt aus, öffnete nur mit Mühe die Augen, streckte aber, als er ben Arzt erkannte, hülsesuchend die Hand nackt ihm aus. Dieser war auf'S Höchste erstaunt und erschreckt. Noch am Morgen hatte er Den Kranken nur leidend gesunden, jetzt sah er einen Sterbenden vor sich. Flora war mit an's Bett ge­

treten und heftete ihre angstvollen Blicke auf den Vater und dann auf den Freund. Die alte Dienerin war im Hintergründe geblieben und ordnete das Gemach. Prüfend sah der Arzt umher, ob der Kranke, welcher starke geistige Getränke liebte, vielleicht etwas Dergleichen zu sich genommen habe.

Wo ist meine Mutter, Aenneli?" war Flora's erste Frage.

Sie klagte über Müdigkeit, Kind, und ging vor einigen Minuten aus dem Zimmer; ich war gerade beschäftigt, die Wäsche herauf zu tragen, da rief sie mich vom Gange herein und befahl mir, hier zu bleiben, sie wolle sich ein wenig auf's Sopha legen. Auch der Herr schien zu schlafen; plötzlich schrie er so entsetzlich auf, daß ich es noch in meinen Ohren höre; er rief:Hülse, Hülfe, holt den Doktor!" unD darauf sprang ich in den Flur und rief Euch aus dem Garten!"

3n Der Zwischenzeit hatte Dollus den Puls des Kranken untersucht und ein kleines Kelchglas in Augenschein genommen, welches diesen Morgen mit Wein gefüllt an dem Bette des Kranken stand unD nun geleert war. Eine wcinartige Flüssigkeit war noch darin vorhanven, freilich trübe, aber scheinbar doch ohne andere Beimischung. Der Doktor erinnerte sich, noch diesen Morgen halb ta­delnd, halb scherzend zu dem Kranken gesagt zu haben, ob er Denn das Wein- trinfen nicht lassen könne, auch wenn er sich krank fühle und es ihm offenbar Schäden bringe. Und Waller hatte gesagt, es fei alter Teres, welchen er sich habe geben lassen, der aber ein Rest gewesen sei und ihm verdorben scheine. Nun mußte der Patient doch Lust zu Dem Weine bekommen unD ihn getrunken haben. Jedenfalls aber konnte dieser nicht Die Ursache Der so heftigen Erkran­kung fein. Da Herr Waller durch Geberden zeigte, daß er an Der ganzen Unken Seite Schmerzen leide, so befahl Der Doktor, Tücher zu wärmen unD ihn Damit zu frottiren. Die alte Anna verließ das Zimmer, um dieß zu besorgen und Frau Waller herbeizurufen. Flora, welche schnell auf der Nachtlampe etwas Milch gewärmt hatte, um sie dem Vater zum Trinken zu reichen, trat nun an das Bett; mit einer Hand faßte sie unter das Kopfkissen, um das Haupt des Kranken in eine bessere Lage zu bringen, mit Cer andern brachte sie die Tasse an seine Lippen, jedoch gelang es ihr nur, ihm einzelne Tropen einzuflößen. Waller öffnete Die Augen unD blickte seine Tochter mit liebevollen Blicken an, dann Deutete er mühsam auf Die festgeschlossenen Zähne, welche ihm unmöglich machten, Die Ladung anDerS als tropfenweise zu genießen, und Die Augen sanken ihm wieder zu.

Ein lethargischer Anfall", murmelte Doktor DolluS,und mir ganz un­begreiflich."

Flora sah ihn ängstlich an.Was ist zu thun, lieber Doktor, das ist ja entsetzlich!"

In demselben Augenblick öffnete der Kranke die Augen und sah sich seine Umgebung mit stieren Blicken an; die Augäpfel waren herausgetreten, das Ge- ficht blauroth unterlaufen. Flora flüsterte:Ist cs vielleicht ein Schlaganfall und wollen Sie nicht eine Ader öffnen?"

Es würde die Sache noch ärger machen," gab der Arzt in leisem Tone zur Antwort.Hier ist etwas Unbegreifliches geschehen, Flora, was ich nicht auszuiprechen wage! Ihr Vater" er stockte.

Flora war todtenblaß geworden, sie zog ihre Hand unter dem Kissen zurück, Der Kops der Kranken fiel auf die Polster; im HerauSziehen streifte Flora's Hand ein Papier, welches halb zusammengekault auf dem Rand Des Bettes lag. Sie erfaßte es mechanisch und faltete es auseinander. Nur ein Wort stand Darauf; wie ihre Augen Darauf fielen, wollte sie entsetzt anfschreien, aber kein Ton Drang aus der Kehle, stumm, mit gläsernen Lücken reichte sie dem Arzte das Papier hinüber, er warf nur einen Blick darauf, Dann ließ er es fallen unD seine Hände, Die Dicke etwas zurückschlagenv, legten sich auf das Herz des Kranken, es stand stille!

Entsetzenvolles Schweigen herrschte einige Minuten im Todtenzimmer. Flora, ihrer selbst nicht mehr mächtig, war auf Die Kniee gesunken und streckte ihre Hände wie hülfeflehend zu dem Freunde aus. Der Doktor trat zu ihr und wollte sie aufheben.Armes, armes Kind," sagte er,gehen Sie zu ihrer Mutter, dies ist kein Anblick für Sie und auch nicht für Frau Waller. Mein Gott, was kann Ihren Vater veranlaßt haben, Gift zu nehmen! hier auf die­sem Papiere, er hob es nochmals auf stehtStrychnin" geschrieben. Noch vor einer Sekunde konnte ich mir nicht erklären, welcher Zufall Vergiftungs­symptome bei Ihrem Vater erscheinen läßt, nun sehe ich, daß er eines der stärk­sten Gifte einnahm. Recht gut erinnere ich mich jetzt auch, daß er mir früher von dessen Besitze erzählte, und als ich ihn frag, wie er dazu gekommen, sagte er, er habe es mit Thee unD anderen Waaren aus B. kommen lassen, man könne doch nie wissen, ob man dergleichen brauche, es seien so viele Ratten und Mäuse vorhanden!

Flora seufzte angstvoll auf, wiederholt küßte sie des Vaters Hand und streichelte sie leise, als ob er diese zärtliche Bewegung noch fühlen könnte. Plötz­lich schreckte sie zusammen, sie hätte Schritte auf dem Gange gehört; es waren die ihrer Mutter!

Frau Waller trat ein, gefolgt von der Dienerin, welche eine Wärmflasche trug; sie selbst hatte mehrere gewärmte Tücher auf dem Arme, um sic dem Kranken aufzulegen. Gerade wollte sie an das Bett treten, als Flora ihr mit raschem Entschluß entgegenkam und ihre Hände faßte.Meine liebe Maman, gehe jetzt nicht zum Vater, er ist sehr krank und muß Ruhe haben," sagte sie zu Der entsetzten grau, welche mit einem raschen Aufblick in Den Zügen der Tochter gelesen hatte, daß etwas Außerordentliches geschehen sei. Mit schneller Bewegung die Hand des Mäbchens abstreifend, stürzte sie an das Bett und brach, als sie das verzogene Gesicht des Tobten erblickte, mit einem Schmerzens 'chrei ohnmächtig zusammen! *

Die alte Anna rang die Hände, als sie ihren Brodherrn tobt daliegen 'ah, und Thränen liefen über ihre gefurchten Wangen.Er ist immer gut mit nir gewesen," war ihre einfache Grabrede, aber jammern und verzweifeln konnte te nicht über Den Tod dessen, der zwar nicht aus Bosheit, aber doch aus Cha­rakterschwäche ihr armes liebes Kind,die süße stille Sidy," wie Frau Waller immer im Elternhause genannt worden war, so unglücklich gemacht hatte?

Der Doktor und Flora waren um Frau Waller beschäftigt, welche sie auf das Sopha gelegt hatten unD Die eben wieDer zu sich kam. Ihr erster Impuls war, BeiDen Die Hand zu reichen; Dann fragte sie mit matter Stimme, wann das Unglück geschehen fei und warum man sie nicht gerufen habe? Dollus er» Ikläre, wie betäubend rasch Alles gekommen. (Forts, folgt.)